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Vielleicht mein Vater

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Vielleicht mein Vater

Bellas POV:

Als Jasper Jr. an diesem Nachmittag nach Hause kam, merkte ich sofort, dass etwas anders war.

Nicht schlecht.

Nur anders.

Er schloss die Tür hinter sich, blieb einen Moment stehen und sah mich an.

Ich saß auf dem Sofa und blätterte in einem Buch, obwohl ich seit einer halben Stunde dieselbe Seite las.

„Du bist spät.“

„Alice hat mir noch etwas gezeigt.“

Er zog seine Jacke aus und legte sie über einen Stuhl.

„Die Schule?“

„Ja.“

Er setzte sich mir gegenüber.

Ich wartete darauf, dass er weitererzählte.

In den letzten Tagen war die Schule ohnehin das Hauptthema gewesen.

Alice.

Die Cullens.

Seine Tarnung.

Die ganzen Kleinigkeiten, die ihm dort auffielen.

Er sah kurz zu mir.

„Da ist übrigens noch ein Jasper.“

Meine Finger hielten mitten in der Bewegung inne.

Ich zwang mich, die Seite umzublättern.

„Ein Jasper?“

„Ja.“

Seine Stimme war völlig beiläufig.

„Auch ein Vampir.“

Mein Herz begann zu rasen.

„Ach.“

Mehr brachte ich nicht heraus.

Jasper Jr. bemerkte es offenbar nicht sofort.

„Er gehört zu dem Clan von Carlistle.“

Ich legte das Buch langsam auf meinen Schoß.

„Wie heißt er?“

Jasper Jr. sah mich an.

„Jasper.“

„Das weiß ich.“

Er runzelte die Stirn.

„Was?“

„Wie heißt er mit Nachnamen?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Hale.“

Natürlich.

Ich kannte den Namen bereits.

Aber er bedeutete nichts.

Nicht für mich.

Nicht für ihn.

Ein Name, den Jasper irgendwann angenommen hatte.

Ein Deckname.

Ein anderes Leben.

Ich versuchte, ruhig zu bleiben.

„Wie ist er?“

Jasper Jr. dachte kurz nach.

„Keine Ahnung.“

Er lächelte leicht.

„Eigentlich ziemlich ruhig. Er beobachtet viel.“

Ich sagte nichts.

„Und er ist groß.“

Mein Blick hob sich zu ihm.

Jasper Jr. bemerkte es diesmal.

„Sehr groß.“

„Wie groß?“

„Keine Ahnung. So groß wie ich vielleicht.“

Er hielt inne.

„Vielleicht ein bisschen kleiner.“

Ich konnte nicht mehr so tun, als wäre das ein gewöhnliches Gespräch.

„Was noch?“

Er sah mich irritiert an.

„Mama, warum fragst du so viel?“

Ich öffnete den Mund.

Schloss ihn wieder.

Ich wusste nicht, wie ich anfangen sollte.

Jasper Jr. beobachtete mich jetzt aufmerksam.

„Du kennst ihn.“

Es war keine Frage.

Ich sah auf meine Hände.

Auf den Ring.

„Ich glaube.“

Er setzte sich gerader hin.

„Was glaubst du?“

Ich konnte ihn nicht länger ansehen.

„Ich glaube, dass ich ihn kenne.“

Stille.

„Den Jasper?“

Ich nickte.

„Woher?“

Meine Finger schlossen sich um den Ring.

„Aus meinem früheren Leben.“

Jasper Jr. schwieg.

Dann fragte er vorsichtig:

„Wie früher?“

Ich hob den Blick.

Sein Gesicht hatte sich verändert.

Die beiläufige Neugier war verschwunden.

„Sehr früh.“

„Wie früh?“

Ich schluckte.

„Bevor du geboren wurdest.“

Er sah mich an.

Lange.

„Was meinst du damit?“

Ich konnte es nicht mehr zurückhalten.

Vielleicht hatte ich zu lange darauf gewartet.

Vielleicht war es längst falsch gewesen, ihn im Unwissen zu lassen.

„Ich glaube, dass Jasper Hale dein Vater sein könnte.“

Er bewegte sich nicht.

Gar nicht.

Für einen Moment dachte ich, er hätte mich nicht verstanden.

Dann sah ich, wie sich seine Augen weiteten.

„Was?“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Du glaubst, dass mein Vater lebt?“

Ich erhob mich ebenfalls.

„Ich glaube, dass der Mann, den ich gestern gesehen habe, Jasper ist.“

„Mein Vater?“

Ich nickte langsam.

Er wandte sich ab.

Seine Hände ballten sich.

„Aber du hast immer gesagt—“

Er brach ab.

„Du hast immer gesagt, dass du nicht weißt, was mit ihm passiert ist.“

„Das stimmt.“

„Dass er verschwunden ist.“

„Ja.“

„Dass niemand wusste, ob er tot ist.“

„Ja.“

Er drehte sich wieder zu mir.

„Und jetzt stehst du hier und sagst mir, dass er die ganze Zeit gelebt hat?“

Seine Stimme brach.

Ich ging einen Schritt auf ihn zu.

„Ich weiß nicht, ob er die ganze Zeit gelebt hat.“

„Aber du glaubst, dass er es ist.“

Ich nickte.

Seine Augen wurden feucht.

Er wandte den Kopf ab.

„Ich habe mein ganzes Leben gedacht, dass er tot ist.“

„Ich weiß.“

„Ich kenne ihn nicht einmal.“

Diese Worte taten mehr weh als alles andere.

„Ich kenne ihn nur aus deinen Geschichten.“

Ich ging langsam näher.

„Ich weiß.“

„Du hast mir erzählt, wie er war.“

Er lachte kurz auf.

Es klang überhaupt nicht fröhlich.

„Wie er gelacht hat. Wie er dich angesehen hat. Dass er ein Haus wollte. Einen Garten. Dass er—“

Er brach ab.

„Dass er mich wollte.“

Meine Augen brannten.

„Ja.“

„Und jetzt ist er irgendwo hier.“

Ich nickte.

„Ja.“

Er sah mich an.

„Und er weiß nicht, wer ich bin?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Und er weiß nicht, wer du bist.“

Ich brachte die Worte kaum heraus.

„Nein.“

Jasper Jr. setzte sich wieder.

Er starrte auf den Boden.

„Das ist nicht fair.“

Ich setzte mich neben ihn.

„Nein.“

Er wischte sich mit einer schnellen Bewegung über die Augen.

„Warum erinnert er sich nicht?“

„Ich weiß es nicht.“

„Hat er dich gesehen?“

Ich nickte.

„Ja.“

Er sah sofort zu mir.

„Und?“

„Er wusste nicht, wer ich bin.“

Jasper schloss die Augen.

Ein paar Sekunden sagte er nichts.

Dann fragte er:

„Hat er wenigstens etwas gespürt?“

Ich dachte an den Wald zurück.

An Jaspers Blick.

An seine Verwirrung.

„Ich glaube schon.“

Jasper Jr. sah mich an.

„Was heißt das?“

„Ich weiß es nicht.“

Er schwieg.

Dann fragte er:

„Wie sah er aus?“

Ich musste trotz allem lächeln.

„So, wie ich ihn in Erinnerung habe.“

„Alt?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein. Nicht älter.“

„Und seine Stimme?“

Ich sah ihn an.

„Dieselbe.“

Jasper schluckte.

„Hat er meinen Namen gehört?“

„Nein.“

„Hat er nach mir gefragt?“

Ich zögerte.

„Noch nicht.“

Das schien ihn zu treffen.

Er sah zur Seite.

„Natürlich nicht.“

„Jasper—“

„Nein.“

Er stand wieder auf.

„Es ist okay.“

Es war offensichtlich nicht okay.

„Ich wusste immer, dass ich ihn vielleicht nie kennenlernen würde.“

Er ging ein paar Schritte durch den Raum.

„Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre.“

Er lachte leise.

„Als Kind dachte ich, er würde irgendwann einfach durch die Tür kommen.“

Ich sagte nichts.

„Später wusste ich, dass das nicht passieren würde.“

Er blieb stehen.

„Und jetzt ist er wirklich hier.“

Ich sah ihn an.

„Ja.“

„Und ich darf nicht zu ihm.“

Ich schwieg.

Sein Blick traf meinen.

„Warum?“

„Weil er dich nicht kennt.“

„Das ist kein Grund.“

„Doch.“

„Für dich vielleicht.“

Seine Stimme wurde schärfer.

„Für mich ist er mein Vater.“

Ich stand auf.

„Und für ihn bist du im Moment ein fremder Vampir.“

Er sah mich an.

Die Wut in seinem Gesicht verschwand langsam.

„Er könnte mich zurückweisen.“

„Ich weiß.“

„Oder er könnte glauben, dass wir ihn belügen.“

„Ich weiß.“

„Oder er könnte sich erinnern.“

Ich hielt den Atem an.

„Ja.“

Er sah mich lange an.

„Was würdest du tun?“

Ich wusste sofort, was er meinte.

„Wenn du er wärst?“

Ich nickte.

„Ich würde wissen wollen, wer ich war.“

Jasper Jr. senkte den Blick.

„Und du?“

„Ich weiß es nicht.“

„Du willst es ihm nicht sagen.“

Ich schwieg.

Das war Antwort genug.

„Warum?“

Meine Augen füllten sich mit Tränen.

„Weil ich nicht weiß, ob ich ihm damit etwas zurückgebe oder etwas wegnehme.“

Er sah mich verständnislos an.

„Er hat ein Leben.“

Ich setzte mich wieder.

„Eine Familie. Freunde. Alice. Carlisle. Die anderen.“

„Und du?“

Ich sah auf den Ring.

„Ich bin seine Vergangenheit.“

Jasper Jr. schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Seine Stimme war plötzlich ganz ruhig.

„Du bist seine Vergangenheit und seine Zukunft, wenn er dich wieder lieben kann.“

Ich schloss die Augen.

„Das kannst du nicht wissen.“

„Nein.“

Er setzte sich neben mich.

„Aber vielleicht kann er es.“

Wir saßen eine Weile schweigend nebeneinander.

Dann fragte er:

„Darf ich ihn sehen?“

Ich sah ihn an.

Mein Herz zog sich zusammen.

„Nicht heute.“

Er wollte widersprechen.

Ich hob die Hand.

„Bitte.“

Er schwieg.

„Lass mich zuerst herausfinden, was er weiß. Was er fühlt. Was er überhaupt über sein menschliches Leben erinnert.“

Jasper nickte langsam.

„Und wenn er nach mir fragt?“

Ich sah ihn an.

„Dann werde ich ihm nicht mehr ausweichen.“

Er hielt meinen Blick.

„Versprochen?“

Ich legte meine Hand auf seine.

„Versprochen.“

Er drückte meine Finger.

Dann lehnte er den Kopf gegen meine Schulter.

Wie damals, als er noch ein Kind gewesen war.

Nur dass er längst kein Kind mehr war.

Und trotzdem war er in diesem Moment wieder mein kleiner Junge.

Mein Sohn.

Der Junge, der sein ganzes Leben auf einen Vater gewartet hatte, von dem er nur Geschichten kannte.

Und irgendwo in Forks lebte dieser Vater.

Nur wenige Kilometer entfernt.

Unwissend.

Unwissend darüber, dass sein Sohn existierte.

Unwissend darüber, dass die Frau, die er im Wald getroffen hatte, ihn seit fast hundert Jahren liebte.

Und vielleicht war genau das das Grausamste daran.

Wir waren endlich alle am selben Ort.

Aber noch immer wusste keiner von uns, wie wir wieder eine Familie werden sollten.