Was ich nicht weiß
Was ich nicht weiß
Jaspers POV:
Ich hatte geglaubt, Vampire könnten nichts mehr überraschen.
Nach all den Jahrzehnten, die ich gelebt hatte, nach Maria, nach den Schlachten, nach den Neugeborenenarmeen und all den Jahren mit den Cullens hatte ich gelernt, dass es für beinahe alles eine Erklärung gab.
Menschen waren vorhersehbar.
Vampire waren es meistens ebenfalls.
Und Erinnerungen waren zuverlässig.
Zumindest die, die ich besaß.
Doch seit ich Bella im Wald getroffen hatte, schien sich etwas in mir gegen jede Erklärung zu wehren.
Ich saß im Wohnzimmer des Cullen-Hauses, obwohl ich mich kaum daran erinnern konnte, wann ich mich überhaupt hingesetzt hatte.
Alice saß auf dem Sofa gegenüber und blätterte scheinbar gedankenlos in einer Zeitschrift.
Ich wusste, dass sie mich beobachtete.
„Du denkst wieder an sie.“
Ich hob den Blick.
„Ich denke an vieles.“
Sie lächelte leicht.
„Nein.“
Natürlich nicht.
Alice legte die Zeitschrift beiseite.
„Du kannst mir sagen, was passiert ist.“
„Ich habe dir bereits gesagt, was passiert ist.“
„Du hast mir erzählt, dass du eine Frau im Wald getroffen hast.“
Ich schwieg.
„Du hast mir nicht erzählt, warum du seitdem aussiehst, als würdest du versuchen, einen Geist zu finden.“
Ich sah zum Fenster.
Draußen bewegten sich die Bäume kaum. Der Himmel war grau, das Licht gedämpft. Forks war genau so, wie Carlisle es beschrieben hatte, bevor wir hierhergezogen waren.
Regen.
Wald.
Nebel.
Und jetzt Erinnerungen, die keine Erinnerungen waren.
„Sie kannte meinen Namen.“
Alice wurde still.
„Bevor du dich vorgestellt hast?“
Ich nickte.
„Sie sagte Jasper.“
Ich strich mit dem Daumen über meine Handfläche.
„Und sie hatte keine Angst.“
„Das hast du schon erzählt.“
„Sie sah mich an, Alice.“
Ich wusste selbst nicht, warum dieser Satz schwerer wog als alles andere.
„Nicht wie einen Fremden.“
Alice sagte nichts.
„Sie sah mich an, als hätte sie mich verloren.“
Die Worte waren heraus, bevor ich sie zurückhalten konnte.
Ich hatte oft erlebt, dass Menschen mich mit Angst ansahen. Manchmal mit Bewunderung. Manchmal mit Abscheu.
Aber Bella hatte mich angesehen, als wäre mein Auftauchen eine Antwort auf eine Frage gewesen, die sie seit sehr langer Zeit stellte.
Und ich hatte keine Ahnung, welche Frage das war.
„Vielleicht kennt sie dich aus deiner Vergangenheit“, sagte Alice vorsichtig.
„Das ist es ja.“
Ich lehnte mich zurück.
„Welche Vergangenheit?“
Mein Leben begann für mich nicht mit einem Geburtstag.
Es begann mit Maria.
Mit Blut.
Mit dem Krieg.
Mit Neugeborenen.
Mit dem Wissen, dass ich Jasper Whitlock gewesen war, bevor ich Jasper Hale wurde.
Ich erinnerte mich an vieles.
Aber nicht an alles.
Zwischen dem Mann, der ich gewesen war, und dem Vampir, der ich geworden war, lag eine Lücke, die ich nie hatte schließen können.
Eine Zeit vor Maria.
Vor dem ersten Biss.
Vor dem Krieg, den ich später in anderer Form weiterführte.
Ich wusste nicht, wer mich vor Maria geliebt hatte.
Ich wusste nicht, wen ich geliebt hatte.
Und ich wusste nicht, ob ich überhaupt jemanden zurückgelassen hatte.
Vielleicht war genau das der Grund, warum Bellas Blick etwas in mir so tief erschütterte.
Vielleicht hatte ich etwas verloren, an das ich mich nicht erinnern konnte.
Am nächsten Morgen sah ich Jasper Jr. in der Schule.
Ich bemerkte ihn sofort.
Das tat ich inzwischen immer.
Es war schwer, ihn nicht zu bemerken.
Er stand mit einigen Schülern im Flur und sprach mit ihnen, scheinbar völlig entspannt. Sein Verhalten war zurückhaltend, aber nicht unsicher. Er beobachtete seine Umgebung ständig, ohne dass es auffiel.
Und wieder war da dieses Gefühl.
Nicht Angst.
Nicht Gefahr.
Etwas anderes.
Vertrautheit.
Ich hatte es schon bei unserer ersten Begegnung gespürt.
Damals hatte ich versucht, es mir als Zufall zu erklären.
Jetzt fiel es mir schwerer.
Sein Gesicht hatte etwas von meinem.
Nicht nur die Größe oder die Haarfarbe.
Die Art, wie er den Kopf hielt.
Die Art, wie er seine Hände bewegte.
Selbst die Art, wie er den Raum betrachtete.
Manchmal hatte ich das Gefühl, einen jüngeren Teil meiner selbst vor mir zu sehen.
Ein Gedanke, der mir nicht gefiel.
Ich ging an ihm vorbei.
Unsere Blicke trafen sich.
Für einen kurzen Moment blieb etwas in seinem Gesicht stehen.
Nur ganz kurz.
Dann war es wieder verschwunden.
Er wusste etwas.
Das war mein erster Gedanke.
Ich blieb stehen.
Er tat es ebenfalls.
„Jasper.“
Seine Stimme war ruhig.
Ich nickte.
„Jasper.“
Seltsam.
Wir trugen denselben Namen.
Zumindest den Namen, unter dem wir hier bekannt waren.
„Wie geht es dir?“, fragte er.
Eine gewöhnliche Frage.
Und trotzdem hatte ich plötzlich das Gefühl, dass sie etwas anderes bedeutete.
„Gut.“
Er musterte mich.
Ich konnte seine Gefühle nicht vollständig greifen.
Nicht so, wie ich es bei anderen konnte.
Da war etwas, das sich meiner Wahrnehmung entzog.
„Du hast gestern gefehlt“, sagte er.
Ich sah ihn an.
„Woher weißt du das?“
„Ich habe dich nicht gesehen.“
Eine einfache Antwort.
Aber ich glaubte ihm nicht, dass es nur das war.
„Hast du etwas vor?“, fragte er.
„Nein.“
Ich wusste nicht, warum ich das sagte.
Vielleicht, weil ich eigentlich wollte, dass er noch blieb.
Vielleicht, weil ich wissen wollte, ob er etwas über Bella wusste.
„Dann sehen wir uns später.“
Er ging.
Ich sah ihm nach.
Und zum ersten Mal fragte ich mich ernsthaft, ob die Ähnlichkeit zwischen uns mehr sein konnte als ein Zufall.
Nicht, weil ich eine Antwort hatte.
Sondern weil ich plötzlich eine Frage hatte.
Am Nachmittag fuhr ich allein in Richtung Krankenhaus.
Ich parkte nicht direkt davor.
Ich blieb einige Straßen entfernt stehen und sah durch die Windschutzscheibe auf den grauen Himmel.
Was wollte ich hier?
Bella arbeitete hier.
Ich wusste das.
Carlisle hatte sie erwähnt.
Eine Ärztin.
Eine Frau, die nicht ganz menschlich war.
Eine Frau, deren Gedanken Edward nicht vollständig lesen konnte.
Eine Frau, die meinen Namen kannte.
Ich stieg aus.
Doch bevor ich das Krankenhaus erreichte, blieb ich stehen.
Ich konnte ihren Geruch wahrnehmen.
Nicht stark.
Nur schwach.
Aber genug.
Ich folgte ihm nicht.
Zumindest nicht sofort.
Stattdessen ging ich in den Wald.
Dort war es stiller.
Und ich wusste, dass ich dort besser denken konnte.
Ich setzte mich auf einen umgestürzten Baum.
Meine Finger berührten unbewusst den Stoff meiner Jackentasche.
Ich hatte dort nichts Besonderes.
Trotzdem fühlte es sich an, als würde mir etwas fehlen.
Ein Bild.
Ein Name.
Eine Stimme.
Bella.
Ich schloss die Augen.
Und plötzlich sah ich sie wieder.
Nicht so, wie sie im Wald vor mir gestanden hatte.
Sondern so, wie sie mich angesehen hatte.
Mit Tränen in den Augen.
Mit einem Lächeln, das gleichzeitig wehgetan hatte.
Und mit diesem Ring an ihrem Finger.
Ich hatte ihn gesehen.
Alt.
Schlicht.
Gold.
Ich hatte schon unzählige Ringe gesehen.
Aber dieser hatte sich falsch angefühlt.
Nicht der Ring selbst.
Die Tatsache, dass ich ihn bemerkt hatte.
Als hätte ein Teil von mir ihn erkannt, während mein Verstand es nicht konnte.
Ich öffnete die Augen.
Vielleicht hatte ich Bella gekannt.
Vielleicht hatte ich sie geliebt.
Der Gedanke fühlte sich nicht unmöglich an.
Im Gegenteil.
Er fühlte sich gefährlich richtig an.
Aber dann kam eine andere Frage.
Wenn sie mich gekannt hatte – warum hatte sie nie gesagt, wer sie war?
Warum hatte sie nur gesagt, es sei kompliziert?
Warum hatte sie mich angesehen, als wäre ich von den Toten zurückgekehrt?
Und warum hatte sie diesen Ring getragen?
Ich stand auf.
Ich würde sie fragen.
Nicht heute.
Nicht, solange ich selbst nicht wusste, welche Antwort ich überhaupt hören wollte.
Aber ich würde wieder mit ihr sprechen.
Als ich am Abend nach Hause kam, war Carlisle in seinem Arbeitszimmer.
Er sah von einem Buch auf.
„Du hast sie nicht gefunden.“
Ich blieb in der Tür stehen.
„Woher weißt du, dass ich sie gesucht habe?“
Er lächelte.
„Du bist seit hundert Jahren schlecht darin, Dinge zu verbergen, die dich beschäftigen.“
Ich setzte mich ihm gegenüber.
„Carlisle.“
„Ja?“
„Glaubst du, man kann jemanden lieben, ohne sich daran zu erinnern?“
Er antwortete nicht sofort.
„Ich glaube, dass Gefühle manchmal tiefer reichen als bewusste Erinnerungen.“
Ich sah auf meine Hände.
„Und wenn man nicht einmal weiß, ob man diese Person jemals geliebt hat?“
„Dann musst du herausfinden, was zwischen euch war.“
Ich nickte langsam.
„Und wenn die Wahrheit etwas verändert?“
Carlisle legte sein Buch zur Seite.
„Die Wahrheit verändert meistens etwas.“
Das wusste ich.
Ich stand auf.
Auf dem Weg nach draußen blieb ich noch einmal stehen.
„Carlisle?“
„Ja?“
„Glaubst du, ich hatte eine Familie? Bevor ich verwandelt wurde?“
Sein Blick wurde ernst.
„Das weißt nur du.“
Ich lachte leise.
Ohne Freude.
„Genau das ist das Problem.“
Ich verließ den Raum.
Draußen blieb ich einen Moment stehen.
Vor meinem inneren Auge erschien wieder das Gesicht des jungen Jasper.
Die Ähnlichkeit.
Bellas Blick.
Der Ring.
Mein Name.
Drei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben sollten.
Und doch fühlte es sich immer weniger nach Zufall an.
Ich wusste nicht, was Bella vor mir verbarg.
Ich wusste nicht, warum dieser junge Vampir mir so vertraut vorkam.
Und ich wusste nicht, wer ich gewesen war, bevor Maria mich fand.
Aber zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wollte ich es wirklich wissen.
Nicht wegen meiner Vergangenheit.
Sondern weil ich plötzlich das Gefühl hatte, dass sie noch irgendwo auf mich wartete.
Vielleicht in einem Wald.
Vielleicht in den Augen einer Frau.
Oder vielleicht in dem Gesicht eines Jungen, dessen Namen ich erst seit wenigen Tagen kannte.
Jasper.
Ich hatte keine Ahnung, warum dieser Name sich plötzlich wie eine Frage anfühlte.
Aber ich würde die Antwort finden.