Zwischen Pflicht und Mitgefühl
Zwischen Pflicht und Mitgefühl
In den darauffolgenden Tagen sah ich ständig zur Straße.
Nicht bewusst.
Zumindest redete ich mir das ein.
Wenn ich Wasser aus dem Brunnen holte, wanderte mein Blick wie von selbst den Feldweg entlang.
Wenn ich die Wäsche aufhing, lauschte ich bei jedem Hufschlag.
Und jedes Mal war ich erleichtert...
und gleichzeitig enttäuscht.
Jasper kam nicht.
Vielleicht hatte er die Drohung meines Vaters ernst genommen.
Vielleicht hatte er längst verstanden, dass ich den Ärger nicht wert war.
Vielleicht war er schon wieder an der Front.
Der letzte Gedanke ließ ein unangenehmes Ziehen in meiner Brust zurück.
Ich kannte ihn kaum.
Warum machte mir das überhaupt etwas aus?
Der Samstag brachte wieder Markttag.
Ich stellte den neuen Stand auf und strich unwillkürlich über das kleine Sternchen auf der Innenseite.
Niemand außer mir wusste, dass es dort war.
Es fühlte sich an wie ein kleines Geheimnis.
„Der neue Stand ist aber schön geworden.“
Mrs. Callahan, die älteste Bäuerin des Ortes, blieb lächelnd davor stehen.
„Hat dein Vater ihn gebaut?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Dann hast du einen guten Zimmermann gefunden.“
„So könnte man es sagen.“
Sie kaufte ein Dutzend Eier und zwei Brote.
„Du solltest mehr verlangen, Bella.“
Ich lächelte.
„Dann kauft sie niemand.“
„Unsinn.“
Die ältere Dame tätschelte meine Hand.
„Du verkaufst die besten Backwaren im ganzen County.“
Ich wurde rot.
Lob war ich nicht gewohnt.
Der Vormittag verlief ruhig.
Fast friedlich.
Bis plötzlich mehrere Reiter den Marktplatz erreichten.
Graue Uniformen.
Konföderierte.
Die Gespräche verstummten augenblicklich.
Kinder liefen zu ihren Müttern.
Die Händler richteten sich auf.
Ein Offizier sprang vom Pferd und sprach mit dem Bürgermeister.
Ich konnte nicht verstehen, worum es ging.
Doch wenige Augenblicke später verbreitete sich das Gerücht über den gesamten Platz.
Neue Freiwillige wurden gesucht.
Weitere Regimenter sollten aufgestellt werden.
Der Krieg fraß immer mehr Männer.
Ich bemerkte gar nicht, dass ich nach den Uniformen suchte.
Bis ich ihn entdeckte.
Jasper.
Er stand etwas abseits und unterhielt sich mit zwei Offizieren.
Er wirkte vollkommen konzentriert.
Ganz anders als auf unserem Hof.
Strenger.
Kühler.
Ein Major.
Nicht der Mann, der einen Marktstand gebaut hatte.
Als hätte er gespürt, dass ich ihn ansah, hob er den Kopf.
Unsere Blicke trafen sich.
Nur für einen Augenblick.
Er nickte kaum merklich.
Ich erwiderte das Nicken.
Mehr nicht.
Mehr durfte es nicht sein.
Doch genau in diesem Moment trat der Bürgermeister auf ein Fass.
„Meine Damen und Herren!“
Die Gespräche verstummten.
„Die Armee benötigt Unterstützung! Nicht nur Soldaten, sondern auch Menschen, die kochen, nähen oder Verwundete versorgen können.“
Ein Murmeln ging durch die Menge.
„Im Lazarett fehlt es an allem. An Händen, an Verbandsmaterial, an Menschen mit Mut.“
Ich schluckte.
Lazarett.
Meine Mutter hatte Hebamme werden wollen.
Zumindest hatte mir das einmal unsere Nachbarin erzählt.
Sie hatte mir sogar beigebracht, Wunden zu reinigen und Fieber zu senken.
Ich wusste nicht warum...
aber plötzlich hörte ich jedes einzelne Wort.
„Jeder Freiwillige erhält einen Lohn sowie Unterkunft.“
Ein Lohn.
Unterkunft.
Nicht zu Hause sein.
Der Gedanke war so überwältigend, dass ich ihn sofort wieder verdrängte.
Unmöglich.
Mein Vater würde niemals zustimmen.
„Miss Swan?“
Ich erschrak.
Jasper war an meinen Stand getreten.
Unbemerkt.
„Major.“
„Darf ich?“
Er deutete auf ein Brot.
Ich musste lächeln.
„Sie müssen dafür bezahlen.“
„Natürlich.“
Er legte einige Münzen auf den Tisch.
„Ich möchte außerdem Marmelade.“
„Nur deshalb?“
„Nein.“
Ein Hauch eines Lächelns erschien auf seinen Lippen.
„Die Marmelade schmeckt tatsächlich hervorragend.“
„Sie haben sie probiert?“
„Der gesamte Offiziersbereich hat sie probiert.“
Ich starrte ihn überrascht an.
„Wie bitte?“
„Ich habe eines der Gläser mitgenommen.“
Er räusperte sich.
„Es... wurde schneller leer, als ich erwartet hatte.“
Ich musste lachen.
Richtig lachen.
Nicht nur höflich.
Seine Mundwinkel hoben sich ebenfalls.
„Das ist schön.“
„Was?“
„Dass Sie lachen.“
Seine Worte trafen mich unvorbereitet.
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.
Zum Glück kam in diesem Moment ein kleiner Junge an den Stand und fragte nach einem Honigbrötchen.
Ich nutzte die Gelegenheit, um mich abzuwenden.
Als ich mich wieder zu Jasper umdrehte, war sein Lächeln verschwunden.
Nicht weil er schlechte Laune hatte.
Er war wieder Major Whitlock.
„Der Bürgermeister hat recht.“
Ich runzelte die Stirn.
„Womit?“
„Im Lazarett.“
Er sprach leise.
„Es fehlt an allem.“
Ich nickte.
„Das habe ich gehört.“
„Sie hätten Talent dafür.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Sie kümmern sich.“
„Um Hühner.“
„Und um fremde Kinder.“
Ich blinzelte.
„Woher...“
„Der Junge vorhin.“
Er nickte in die Richtung, in der das Kind gerade sein Brötchen glücklich verspeiste.
„Sie hätten ihm das Gebäck schenken können, ohne ihm über den Kopf zu streichen oder zu fragen, ob seine Schwester wieder gesund ist.“
Ich erinnerte mich kaum an diese Worte.
„Sie beobachten Menschen sehr genau.“
„Das muss ich.“
Zum ersten Mal klang seine Stimme müde.
„Es ist Teil meines Berufes.“
Ich betrachtete ihn einen Moment.
Unter seinen Augen lagen feine Schatten.
Er sah erschöpft aus.
Nicht körperlich.
Als würde er seit Monaten nicht mehr wirklich schlafen.
„Major!“
Ein Soldat rief nach ihm.
„Colonel Davis wartet.“
Jasper nickte.
Dann sah er mich noch einmal an.
„Denken Sie über das Lazarett nach.“
„Mein Vater würde niemals—“
„Ich weiß.“
Er unterbrach mich ungewöhnlich sanft.
„Trotzdem.“
Er zog den Hut.
„Auf Wiedersehen, Miss Swan.“
„Auf Wiedersehen... Major.“
Ich sah ihm nach, bis er in der Menge verschwand.
Seine Worte ließen mich nicht los.
Denken Sie über das Lazarett nach.
Zum ersten Mal seit Jahren wagte ich einen Gedanken, den ich mir bisher verboten hatte.
Wie würde sich Freiheit wohl anfühlen?