Seine eigenen Worte
Seine eigenen Worte
Ich hatte das Tagebuch fast hundert Jahre lang nicht aus der Hand gegeben.
Nicht wirklich.
Es lag in der alten Holzschachtel, zusammen mit den Briefen, den Zeichnungen und den wenigen Dingen, die von einem Leben übrig geblieben waren, das eigentlich längst vorbei sein sollte.
Ich hatte es immer wieder herausgenommen.
Manchmal hatte ich darin gelesen.
Meistens hatte ich es nur angesehen.
Seine Handschrift war etwas, das ich nie vergessen konnte.
Die leicht nach rechts geneigten Buchstaben.
Die Art, wie er manche Wörter durchstrich und darüber ein anderes schrieb.
Kleine Randnotizen.
Gedanken, die er nie laut ausgesprochen hatte.
Es war Jasper.
Nicht die Erinnerung an Jasper.
Nicht der Mann, den ich heute im Wald sah.
Nicht Jasper Hale.
Jasper Whitlock.
Der Mann, der vor fast hundert Jahren geglaubt hatte, sein größtes Problem sei ein Krieg, aus dem er vielleicht nicht zurückkehren würde.
Ich saß auf dem Boden meines Schlafzimmers und hielt das Buch in beiden Händen.
Der Einband war dunkel geworden.
An einer Ecke war das Leder eingerissen.
Ich strich mit dem Daumen darüber.
„Du solltest es bekommen.“
Ich wusste nicht, ob ich das laut gesagt hatte oder nur gedacht.
Vielleicht beides.
Ich hatte Jasper in den vergangenen Tagen immer wieder angesehen.
Er suchte nach Antworten.
Nicht nur wegen mir.
Wegen sich selbst.
Er wusste, dass ihm etwas fehlte.
Er wusste nur nicht, was.
Und ich konnte ihm nicht länger erzählen, wer er gewesen war, während er selbst danebenstand und versuchte, mir zu glauben.
Das war nicht fair.
Er sollte seine eigene Stimme hören.
Seine eigenen Gedanken.
Seine eigenen Worte.
Ich schlug das Tagebuch noch einmal auf.
Die erste Seite war leer.
Auf der zweiten stand nur ein Datum.
14. April 1862
Darunter:
Ich weiß nicht, warum ich überhaupt angefangen habe, dieses Buch zu führen.
Ich musste lächeln.
Natürlich.
Das war Jasper.
Schon damals hatte er sich für Dinge rechtfertigen müssen, die er eigentlich einfach tun wollte.
Ich blätterte weiter.
Die ersten Seiten handelten vom Krieg.
Von Männern.
Von Befehlen.
Von der Müdigkeit.
Von der Angst, die er nie vor seinen Soldaten zeigen wollte.
Ich kannte vieles davon.
Er hatte mir manches erzählt.
Aber längst nicht alles.
Denn das Tagebuch hatte etwas, das seine Erzählungen nie gehabt hatten.
Ehrlichkeit.
Hier musste er niemandem stark erscheinen.
Hier durfte er Angst haben.
Ich las eine Stelle, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr angesehen hatte.
Man sagt uns, ein Soldat müsse seinen Tod akzeptieren. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Vielleicht lernt man nur, nicht darüber zu sprechen.
Meine Finger zitterten.
Ich blätterte weiter.
Einige Seiten später tauchte zum ersten Mal mein Name auf.
Bella.
Nur dieses eine Wort.
Ich musste die Augen schließen.
Ich erinnerte mich noch genau an den Tag.
An den Markt.
An die Eier.
An die Gläser mit Honig.
An meinen Korb.
An den Mann, der plötzlich vor mir gestanden hatte.
Damals hatte ich nicht gewusst, dass dieser kurze Augenblick mein gesamtes Leben verändern würde.
Jasper hatte es offenbar ebenfalls nicht gewusst.
Unter meinem Namen stand:
Heute habe ich eine junge Frau getroffen, die mich viel länger beschäftigt, als sie sollte.
Ich lächelte unter Tränen.
„Natürlich.“
Ich blätterte weiter.
Ich kenne sie kaum.
Darunter, einige Zeilen später:
Das macht es vermutlich schlimmer.
Ich lachte leise.
Es war ein kleines, trauriges Lachen.
„Du warst wirklich schlecht darin.“
Ich strich über die Seite.
Jasper hatte sich damals vorgenommen, sich nicht zu verlieben.
Das wusste ich.
Er hatte mir später davon erzählt.
Aber das Tagebuch zeigte, wie sehr er sich dagegen gewehrt hatte.
Ich blätterte.
Die Einträge wurden persönlicher.
Darüber, dass ich ihn anders ansah als andere Menschen.
Darüber, dass ich ihn nicht wie einen Soldaten behandelte.
Und irgendwann schrieb er:
Ich glaube, ich freue mich auf Markttage.
Ich hielt inne.
Das war der Mann, den ich geliebt hatte.
Nicht der große Soldat.
Nicht der spätere Major.
Nicht der Vampir.
Ein junger Mann, der sich darüber freute, einen bestimmten Tag der Woche zu erleben, weil er wusste, dass er mich dann sehen konnte.
Ich schloss das Buch.
Ich konnte nicht weiterlesen.
Nicht jetzt.
Ich saß noch eine Weile auf dem Boden.
Dann dachte ich an Jasper.
An den Mann, der heute vor mir stand und wissen wollte, wer er einmal gewesen war.
Er hatte ein Recht darauf.
Am Nachmittag fuhr ich nicht nach Hause.
Ich ging stattdessen in den Wald.
Dorthin, wo wir uns inzwischen zweimal begegnet waren.
Ich wusste, dass Jasper kommen würde.
Nicht weil ich ihn gerufen hatte.
Sondern weil ich inzwischen verstand, dass er Antworten suchte.
Ich wartete.
Nicht lange.
Dann hörte ich ihn.
Er kam zwischen den Bäumen hervor.
Als er mich sah, blieb er stehen.
Sein Blick fiel sofort auf meine Hände.
Auf das Buch.
Er erkannte, dass es etwas Besonderes war.
„Was ist das?“
Ich hielt es etwas fester.
„Etwas, das dir gehört.“
Er runzelte die Stirn.
„Mir?“
Ich nickte.
„Dir.“
Er kam langsam näher.
„Was ist es?“
Ich sah auf den Einband.
„Dein Tagebuch.“
Er blieb stehen.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Mein …?“
„Dein menschliches Tagebuch.“
Lange sagte er nichts.
Ich konnte beinahe sehen, wie sein Verstand versuchte, diesen Gedanken einzuordnen.
„Woher hast du es?“
„Es wurde mir gegeben, nachdem du verschwunden bist.“
Er sah mich an.
Sein Blick wurde intensiver.
„Du hast es all die Jahre behalten?“
Ich nickte.
„Ja.“
Er sah auf das Buch.
„Warum gibst du es mir jetzt?“
Ich antwortete nicht sofort.
Weil die ehrliche Antwort schwierig war.
„Weil du Antworten suchst.“
Er nickte.
„Und du kennst sie.“
„Einige.“
„Mehr als ich.“
„Ja.“
Ich trat einen kleinen Schritt auf ihn zu.
„Aber ich möchte nicht, dass du mir einfach glaubst.“
Er sah mich fragend an.
Ich hielt ihm das Tagebuch entgegen.
„Lies selbst, wer du warst.“
Seine Augen lagen auf dem Buch.
Er bewegte sich nicht.
„Was steht darin?“
Ich lächelte traurig.
„Du.“
„Was genau?“
„Deine Gedanken.“
Ich schluckte.
„Über den Krieg. Über dein Leben. Über mich.“
Sein Blick hob sich.
„Über dich?“
Ich nickte.
„Du hast über unsere erste Begegnung geschrieben.“
Er sah wieder auf das Tagebuch.
Er nahm das Buch nicht sofort.
Seine Hand blieb wenige Zentimeter davon entfernt.
„Bella.“
„Hm?“
„Warum wurde dir das gegeben?“
Die Frage traf mich.
Ich sah ihn an.
„Weil du mir vertraut hast.“
Er schloss kurz die Augen.
Als hätte ihn dieser Satz stärker getroffen, als er erwartet hatte.
„Ich vertraute dir.“
„Ja.“
„Und ich wusste nicht, dass ich dich eines Tages vergessen würde.“
Ich spürte einen Schmerz in meiner Brust, obwohl mein Herz nicht schlagen musste.
„Nein.“
„Aber du hast mich nicht vergessen.“
„Niemals.“
Er sah mich lange an.
Dann nahm er das Tagebuch.
Sehr vorsichtig.
Fast so, als wäre es zerbrechlich.
Ich ließ es los.
Seine Finger schlossen sich um den Einband.
Für einen Moment sagte keiner von uns etwas.
Dann fragte er:
„Soll ich es jetzt lesen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nicht hier.“
Er verstand.
Das war nichts für einen Wald.
Nicht für einen Ort, an dem wir uns bisher nur mit Fragen und halben Antworten begegnet waren.
„Lies es allein.“
„Warum?“
Ich sah ihn an.
„Weil es deine Gedanken sind.“
Er senkte den Blick.
„Und du?“
„Ich warte.“
„Worauf?“
Ich lächelte schwach.
„Darauf, dass du mich danach noch einmal ansiehst.“
Er hob den Kopf.
„Warum sollte ich das nicht tun?“
Ich dachte an alles, was in diesem Buch stand.
An seine Angst.
Seine Liebe.
Seine Hoffnungen.
An die Seiten, die ich selbst kaum noch lesen konnte.
„Weil du vielleicht feststellen wirst, dass der Mann, den ich geliebt habe, nicht der Mann ist, den du heute erkennst.“
Jasper sah mich lange an.
Dann sagte er leise:
„Vielleicht erkenne ich ihn trotzdem.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.
Also nickte ich nur.
Er drehte sich um.
Nach wenigen Schritten blieb er stehen.
„Bella?“
„Ja?“
Er sah über seine Schulter zurück.
„Danke.“
Ich lächelte.
„Lies es.“
Dann verschwand er zwischen den Bäumen.
Ich blieb zurück.
Zum ersten Mal seit fast hundert Jahren war Jaspers Vergangenheit nicht mehr allein in meinen Händen.
Sie gehörte wieder ihm.
Und jetzt würde er selbst erfahren, warum er sich damals nicht in mich verlieben wollte.
Warum er es trotzdem tat.
Und vielleicht würde er irgendwann auch die letzte Wahrheit finden.
Die, die nicht in seinem Tagebuch stand.
Die Wahrheit über einen Sohn, von dessen Existenz er nie erfahren hatte.