Jaspers Tagebuch Part 2
Jaspers Tagebuch Part 2
Drei Tage später
Sie ist noch da.
Mehr muss ich eigentlich nicht schreiben.
Bella hat heute einem jungen Soldaten beim Essen geholfen. Seine Hände haben so stark gezittert, dass er den Löffel nicht halten konnte.
Sie hat ihn nicht bemitleidet.
Das gefällt mir.
Sie hat mit ihm gesprochen, als wäre er kein verletzter Soldat, sondern einfach ein Mensch.
Vielleicht ist genau das ihre Stärke.
Sie sieht nicht zuerst die Uniform.
Sie sieht den Menschen darin.
Ich las die letzte Zeile noch einmal.
Dann weiter.
Eine Woche später
Colonel Davis hat Bella heute offiziell im Lazarett aufgenommen.
Sie war glücklich.
Ich glaube, sie hat zum ersten Mal verstanden, dass sie etwas kann, das gebraucht wird.
Margaret ist sehr zufrieden mit ihr.
Die Männer ebenfalls.
Nathan hat sie heute bereits um Kekse gebeten.
Sie hat ihm einen gegeben.
Ich werde mit ihr über mangelnde Disziplin sprechen müssen.
Ich musste leise lachen.
Das war tatsächlich ich.
Dann folgte ein kleiner Nachsatz.
Vielleicht sollte ich selbst einen nehmen.
Die Kekse sind tatsächlich gut.
Später
Bella lernt schnell.
Sehr schnell.
Sie kennt inzwischen die Namen der Verwundeten.
Sie weiß, wer seine Schmerzen verschweigt und wer nur behauptet, keine Hilfe zu benötigen.
Heute hat sie einen Verband gewechselt, ohne dass Margaret ihr etwas sagen musste.
Ich habe sie dabei beobachtet.
Sie war konzentriert.
Ruhig.
Und danach hat sie gelächelt.
Ich glaube, sie merkt noch gar nicht, wie gut sie ist.
Ich lehnte mich zurück.
Ich konnte sie vor mir sehen.
Nicht die Bella, die ich heute kannte.
Die junge Frau aus dem Lazarett.
Diejenige, die selbst noch nicht wusste, was sie konnte.
Ich blätterte weiter.
Einige Wochen später
Ich hatte Unrecht.
Bella braucht das Lazarett nicht nur, um einen Platz zu haben.
Das Lazarett braucht inzwischen Bella.
Ich blieb an diesem Satz hängen.
Darunter ging es weiter.
Heute kam ein verwundeter Soldat herein und fragte als Erstes nach ihr.
Nicht nach dem Arzt.
Nicht nach Margaret.
Nach Bella.
Sie hat ihm die Hand gehalten, bis der Arzt kam.
Er hatte Angst.
Sie auch.
Das wusste niemand außer mir.
Sie hat trotzdem nicht losgelassen.
Die nächste Zeile war deutlich dunkler geschrieben.
Ich glaube, darin liegt ihr Mut.
Ich blätterte weiter.
Die Einträge wurden persönlicher.
Nicht plötzlich.
Fast unmerklich.
Als hätte ich selbst nicht bemerkt, wann er begonnen hatte, seine Gedanken nicht mehr nur aufzuschreiben, sondern zu erklären.
Ein Abend
Heute habe ich einen Fehler gemacht.
Ich habe Bella zu lange angesehen.
Sie hat es bemerkt.
Natürlich hat sie es bemerkt.
Sie bemerkt alles.
Ich habe mich hinter meinem Rang versteckt und sie wieder „Miss Swan“ genannt.
Sie hat nichts gesagt.
Aber ich glaube, sie war enttäuscht.
Ich las weiter.
Das ist lächerlich.
Ich bin ihr Vorgesetzter.
Sie ist eine junge Frau, die erst seit wenigen Wochen hier ist.
Ich habe keinen Grund, sie so anzusehen.
Sie braucht einen sicheren Ort.
Keinen weiteren Mann, der ihr das Leben schwer macht.
Also werde ich Abstand halten.
Darunter stand nachträglich:
Das war der Plan.
Ich musste lächeln.
Wenige Tage später
Der Plan funktioniert nicht.
Ich sehe sie trotzdem.
Wenn ich morgens über den Platz gehe, suche ich sie.
Wenn ich das Lazarett betrete, weiß ich meistens schon, wo sie sein wird.
Wenn sie lacht, höre ich es selbst dann, wenn ich eigentlich auf etwas anderes achten sollte.
Heute hat sie Nathan einen Keks gegeben.
Ich habe Nathan dafür hinausgeschickt.
Das war vermutlich ungerecht.
Er hat sich trotzdem bedankt.
Eine Pause.
Dann:
Ich mag ihr Lachen.
Das wusste ich bereits.
Ich wünschte, ich hätte es nicht bemerkt.
Ich blätterte um.
Die nächste Seite begann ungewöhnlich spät am Abend.
Heute musste ich einem Soldaten sagen, dass er mit seiner Einheit ausrücken muss.
Seine Frau erwartet ein Kind.
Bella hat mich später gefragt, warum ich ihn nicht nach Hause geschickt habe.
Ich konnte ihr die Antwort nicht geben, ohne dass sie mich für herzlos hält.
Ich hätte ihn nach Hause schicken können.
Dann hätte jemand anderes an seiner Stelle gehen müssen.
Ein anderer Mann hätte vielleicht nicht zurückkommen können.
Das ist die Seite des Krieges, die niemand sehen will.
Ich habe versucht, Bella zu erklären, dass ein Offizier manchmal Entscheidungen treffen muss, die er selbst hasst.
Sie hat mir gesagt, ich dürfe dem Krieg nicht auch noch den Menschen Jasper Whitlock geben.
Ich hielt inne.
Meine Finger lagen auf dem Papier.
Jasper Whitlock.
Der Name fühlte sich seltsam vertraut an.
Nicht wie eine Erinnerung.
Eher wie ein Echo.
Ich las weiter.
Ich habe seit langer Zeit niemanden mehr getroffen, der mich daran erinnert, dass ich nicht nur Major Whitlock bin.
Vielleicht ist genau das mein Problem.
Die folgenden Einträge wurden unregelmäßiger.
Manchmal lagen Tage dazwischen.
Dann wieder schrieb ich mehrere Seiten am selben Abend.
Bella macht mich wahnsinnig.
Sie fragt zu viel.
Sie widerspricht.
Sie sieht mich an, wenn ich versuche, mich herauszureden.
Heute hat sie mir Essen gebracht, weil ich seit dem Morgen nichts gegessen hatte.
Ich habe ihr gesagt, dass sie das nicht tun muss.
Sie hat geantwortet: „Das weiß ich.“
Ich hatte keine Antwort darauf.
Darunter:
Sie macht Dinge nicht, weil sie muss.
Sie tut sie, weil sie will.
Ich strich mit dem Daumen über die Zeile.
Das war wichtig.
Vielleicht hatte ich damals schon verstanden, dass Bella nicht gerettet werden wollte.
Sie wollte selbst entscheiden.
Ich blätterte weiter.
Einige Tage später
Ich habe heute einen Satz geschrieben, den ich niemals jemandem zeigen werde.
Ich habe Angst.
Nicht vor dem Krieg.
Nicht vor dem Tod.
Davor, Bella etwas zu versprechen, das ich vielleicht nicht halten kann.
Ich könnte ihr sagen, dass ich zurückkomme.
Aber ich weiß es nicht.
Kein Soldat weiß es.
Ich könnte ihr sagen, dass ich sie liebe.
Aber was gibt ihr dieses Wissen, wenn ich morgen sterbe?
Die nächste Zeile war durchgestrichen.
Darunter stand:
Vielleicht ist Liebe manchmal grausam, weil sie einem etwas gibt, das man verlieren kann.
Ich las die Stelle zweimal.
Dann weiter.
Später
Ich habe heute versucht, Abstand zu halten.
Bella hat mich trotzdem gefunden.
Sie hatte einen Verband in der Hand und wollte wissen, ob ich genug gegessen hätte.
Ich habe gefragt, warum sie sich ständig um mich kümmert.
Sie sagte: „Weil Sie sich um alle anderen kümmern.“
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
Vielleicht gibt es Menschen, die einen daran erinnern, dass man selbst ebenfalls ein Mensch ist.
Bella ist so ein Mensch.
Ich blätterte um.
Am nächsten Morgen
Ich habe gestern Nacht kaum geschlafen.
Ich habe versucht, mir einzureden, dass der Gedanke an ein gemeinsames Leben nur deshalb so verlockend ist, weil der Krieg uns ständig daran erinnert, wie wenig Zeit wir haben.
Vielleicht verwechselt man Hoffnung mit Liebe, wenn man zu lange in einem Krieg lebt.
Das wäre eine vernünftige Erklärung.
Ich sollte mich daran halten.
Darunter stand:
Leider glaube ich selbst nicht daran.
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Einige Tage später
Bella hat heute gelacht, weil ich behauptet habe, ich könne nicht tanzen.
Ich kann tatsächlich nicht besonders gut tanzen.
Aber das war nicht der Grund, warum ich nicht mit ihr tanzen wollte.
Ich wollte es zu sehr.
Ich weiß nicht, wann das passiert ist.
Irgendwann zwischen dem ersten Markttag und heute ist aus Sorge etwas anderes geworden.
Etwas, das ich nicht mehr mit Pflicht erklären kann.
Ich hielt inne.
Die nächste Zeile war nur ein einziger Satz.
Ich liebe sie.
Darunter, nach einem langen Abstand:
Das hätte ich nicht schreiben sollen.
Und darunter noch einmal:
Aber es ist wahr.
Ich ließ das Buch einen Moment sinken.
Zum ersten Mal fühlte sich der Mann auf diesen Seiten nicht mehr fremd an.
Nicht vollständig.
Aber näher.
Sehr viel näher.
Ich las weiter.
Später
Ich habe Bella heute geküsst.
Ich habe danach eine Weile geglaubt, ich hätte damit alles zerstört.
Stattdessen hat sie mich angesehen, als wäre es das Natürlichste auf der Welt.
Ich weiß nicht, was ich mit diesem Gefühl anfangen soll.
Ich bin Major.
Ich bin Soldat.
Ich weiß, wie man Männer führt.
Ich weiß, wie man einen Rückzug plant.
Ich weiß, wie man einen Angriff vorbereitet.
Ich weiß nicht, wie man eine Zukunft mit einem Menschen plant, den man liebt.
Ich lächelte traurig.
Weiter.
Einige Tage später
Es ist seltsam, wie schnell sich ein Mensch an Hoffnung gewöhnen kann.
Vor wenigen Monaten hätte ich nicht gedacht, dass ich mich auf einen Markttag freuen könnte.
Heute freue ich mich darauf, nach dem Dienst Bella zu sehen.
Ich freue mich auf ihre Stimme.
Auf ihr Lachen.
Auf die Art, wie sie mir widerspricht.
Auf die Tatsache, dass sie mir ständig sagt, wann ich zu wenig esse.
Ich glaube, ich könnte mich an dieses Leben gewöhnen.
Das macht mir mehr Angst als der Krieg.
Ich blätterte weiter.
Die Einträge wurden immer seltener.
Aber dafür länger.
Ich habe heute wieder mit Bella am Fluss gesessen.
Der kleine Hund lag zwischen uns und schlief, als hätte er nie etwas anderes getan.
Nathan hat ihn tatsächlich „Major“ genannt.
Ich habe protestiert.
Offenbar ohne Erfolg.
Der ganze Platz hat gelacht.
Ich ebenfalls.
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so unbeschwert gelacht habe.
Vielleicht ist genau das das Problem.
Ich beginne mich zu erinnern, wie sich ein Leben außerhalb dieses Krieges anfühlen könnte.
Und Bella ist immer darin.
Ich sollte das nicht zulassen.
Ich darf mich nicht verlieben.
Ich habe diesen Satz heute Morgen bereits dreimal geschrieben.
Er wird dadurch nicht wahrer.
Ich hielt inne.
Mein Daumen glitt über die Zeile.
Ich darf mich nicht verlieben.
Es war beinahe derselbe Satz, den Bella mir damals genannt hatte.
Damals hatte ich geglaubt, sie hätte vielleicht nur geraten.
Jetzt wusste ich, dass sie meine Gedanken gekannt hatte, bevor ich selbst den Mut besessen hatte, sie auszusprechen.
Ich blätterte weiter.