Gefühle
Gefühle
Ich hatte geglaubt, irgendwann würde ich das Buch einfach schließen.
Ich hatte geglaubt, es würde einen Punkt geben, an dem ich genug gelesen hatte. An dem ich die letzten Seiten umblättern, das Buch zuklappen und wieder der Jasper sein konnte, der ich heute war.
Jasper Hale.
Mit einer Familie, die mich liebte. Mit einem Leben, das ich mir aufgebaut hatte. Mit Erinnerungen, die bis zu Maria zurückreichten und danach weitergingen.
Aber nicht davor.
Nicht zu Bella.
Nicht zu dem Mann, der ich gewesen war.
Ich hatte mich geirrt.
Als ich die letzte Seite für diesen Abend gelesen hatte, blieb meine Hand noch lange auf dem Papier liegen.
Ich sah die Schrift an.
Meine Schrift.
Nicht die eines Fremden. Nicht die eines Mannes, dessen Leben ich aus irgendeinem alten Geschichtsbuch zusammensuchen musste.
Meine.
Und plötzlich war mir etwas klar geworden, das mir mehr Angst machte als die Tatsache, dass ich mich an nichts erinnerte.
Ich hatte Bella nicht einfach gekannt.
Ich hatte sie geliebt.
Nicht auf eine beiläufige Art. Nicht als eine Frau, die mir während des Krieges etwas bedeutet hatte.
Ich hatte mein ganzes Leben um sie herum gedacht.
Ein Haus.
Ein Garten.
Eine Veranda.
Ein Hund.
Eine Familie.
Und immer wieder sie.
Ich schloss die Augen.
Das Schlimmste daran war nicht einmal, dass ich nichts davon erinnerte.
Das Schlimmste war, dass ich es glaubte.
Jede einzelne Zeile.
Jedes Zögern. Jede Bemerkung, mit der ich versucht hatte, meine eigenen Gefühle herunterzuspielen. Jede Stelle, an der ich mir eingeredet hatte, ich dürfe mich nicht verlieben.
Und dann diese letzten Einträge.
Ich hatte aufgehört, mich selbst anzulügen.
Ich wollte sie heiraten.
Ich wollte zu ihr zurückkehren.
Ich wollte mit ihr alt werden.
Ich wollte ein Zuhause mit ihr.
Ein Leben.
Ich öffnete die Augen wieder.
Das Wort wollte fühlte sich plötzlich falsch an.
Denn der Mann, der das geschrieben hatte, war ich.
Oder zumindest war er einmal ein Teil von mir gewesen.
Ich nahm das Buch wieder in die Hand und blätterte zurück.
Nicht weit.
Nur ein paar Seiten.
Ich las eine Stelle erneut.
Dann noch einmal.
Ich darf mich nicht verlieben.
Ein leises, fast ungläubiges Lächeln zog über mein Gesicht.
Natürlich.
Ich erinnerte mich nicht daran, diese Worte geschrieben zu haben.
Aber ich erkannte den Gedanken.
Diese Art, Gefühle zu kontrollieren, sie in eine Schublade zu stecken und ihnen einen anderen Namen zu geben.
Pflicht.
Verantwortung.
Sorge.
Respekt.
Alles war einfacher, wenn man Gefühle benannte, ohne sie beim richtigen Namen zu nennen.
Bis das nicht mehr funktionierte.
Bis aus Sorge Liebe wurde.
Aus Hoffnung ein Plan.
Aus einem Plan ein Versprechen.
Ich strich mit dem Daumen über die Seite.
„Du warst ein verdammter Idiot“, murmelte ich.
Es war beinahe beruhigend, das zu sagen.
Bis mir auffiel, dass ich über mich selbst sprach.
Ich lehnte mich zurück.
Bella hatte mir das Buch nicht gegeben, um mich davon zu überzeugen, dass sie recht hatte.
Sie hatte mir auch nicht gesagt, was ich fühlen sollte.
Sie hatte mir nur gezeigt, wer ich gewesen war.
Und vielleicht war genau das der Grund, weshalb mich das Ganze so tief traf.
Wenn Bella mir erzählt hätte, dass ich sie geliebt hatte, hätte ich es als ihre Erinnerung an mich betrachten können.
Als ihre Wahrheit.
Aber diese Worte stammten von mir.
Ich hatte sie geschrieben, als niemand sie lesen sollte.
Ich hatte nicht gewusst, dass ich eines Tages neben meinem eigenen Leben sitzen und versuchen würde, daraus zu erfahren, wer ich gewesen war.
Ich stand auf und ging zum Fenster.
Draußen lag der Wald dunkel und still.
Forks war anders als die Orte, an denen ich als Mensch gelebt hatte.
Und doch hatte etwas in mir diese Gegend gesucht.
Monatelang.
Vielleicht länger.
Ich hatte den Drang nie richtig verstanden.
Diese Richtung.
Dieses Gefühl, dass irgendwo etwas war, das ich finden musste.
Ich hatte es für meinen Instinkt gehalten.
Für eine Eigenart meiner Gabe.
Vielleicht war es das auch.
Aber jetzt wusste ich nicht mehr, ob ich noch daran glauben konnte, dass all das Zufall war.
Ich dachte an Bella.
An die Frau, die ich heute kannte.
An die Art, wie sie mich ansah.
Nicht wie einen Fremden.
Nicht einmal wie jemanden, der ihr ähnlich sah.
Sondern wie jemanden, auf dessen Rückkehr sie fast hundert Jahre gewartet hatte.
Ich hatte mich oft gefragt, warum ihre Gefühle mir gegenüber so schwer zu verstehen waren.
Warum ihre Nähe etwas in mir auslöste, das ich nicht einordnen konnte.
Warum mein Instinkt bei ihr gleichzeitig Ruhe und Unruhe erzeugte.
Warum ich ihr vertraute, obwohl ich sie kaum kannte.
Jetzt wusste ich es zumindest ein Stück weit.
Mein Körper erinnerte sich nicht.
Mein Verstand erinnerte sich nicht.
Aber vielleicht war nicht alles verschwunden.
Vielleicht war irgendwo unter all den Jahren noch etwas übrig.
Etwas, das nicht aus Bildern bestand.
Nicht aus Namen.
Nicht aus einzelnen Erinnerungen.
Etwas Tieferes.
Ich dachte an die erste Begegnung mit ihr.
Nicht die aus meinem menschlichen Leben.
Die aus dem Wald.
Ihre Augen.
Die Anspannung in ihrem Gesicht.
Die Art, wie sie meinen Namen ausgesprochen hatte.
Und plötzlich musste ich mich hinsetzen.
Denn jetzt wusste ich, was ich vorher nicht gewusst hatte.
Für sie war dieser Moment nicht die Begegnung mit einem Fremden gewesen.
Für sie war es die Rückkehr eines Mannes, den sie für tot gehalten hatte.
Und ich hatte sie angesehen, ohne zu wissen, wer sie war.
Ich legte beide Hände auf mein Gesicht.
Es war schwer, den Schmerz meiner eigenen Vergangenheit zu spüren, obwohl ich mich nicht an sie erinnerte.
Aber ich konnte ihren Schmerz verstehen.
Zumindest jetzt.
Fast hundert Jahre.
Sie hatte mit dem Leben weitergemacht, weil sie musste.
Und trotzdem hatte sie dieses Buch behalten.
Den Ring.
Die Briefe.
Meine Zeichnungen.
Alles.
Ich sah wieder auf das Tagebuch.
Sie hätte es vernichten können.
Sie hätte all das wegwerfen können, nachdem sie geglaubt hatte, dass ich nicht zurückkommen würde.
Aber sie hatte es nicht getan.
Sie hatte es aufgehoben.
Für mich.
Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte.
Zum ersten Mal seit langer Zeit wünschte ich mir nicht einfach eine Erinnerung.
Ich wünschte mir Antworten.
Nicht nur darauf, wer ich gewesen war.
Sondern darauf, warum ich mich heute noch zu ihr hingezogen fühlte.
Warum sie mir vertraut hatte.
Warum mein eigener Name in ihrer Nähe plötzlich nicht mehr wie ein fremder Name klang.
Und vor allem wollte ich wissen, was zwischen uns geschehen war, nachdem das Tagebuch geendet hatte.
Ich blickte auf das geschlossene Buch.
Dann dachte ich an eine andere Frage.
Eine, die ich bisher vermieden hatte.
Wenn ich Bella geliebt hatte ...
Wenn ich mit ihr ein Haus bauen wollte ...
Wenn ich sie heiraten wollte ...
Wenn ich mir eine Familie mit ihr vorgestellt hatte ...
Dann musste es ein Leben gegeben haben, von dem ich nichts wusste.
Ein Leben, das irgendwo zwischen diesen Seiten und meiner Verwandlung lag.
Vielleicht hatte ich dort jemanden zurückgelassen.
Vielleicht eine Familie.
Vielleicht mehr, als ich überhaupt ahnte.
Ich dachte an den jungen Jasper, der geschrieben hatte, dass er glaubte, niemanden mehr zu haben.
Und an den Mann, der später geschrieben hatte, dass Bella ihm gezeigt hatte, was Zuhause bedeutete.
Ich schluckte.
Dann kam mir ein Gedanke, der mir unangenehm war.
Was, wenn ich damals nicht nur Bella zurückgelassen hatte?
Was, wenn es noch jemanden gegeben hatte?
Jemanden, von dem ich nichts wusste?
Ich zwang mich, den Gedanken nicht weiterzuführen.
Es waren nur Möglichkeiten.
Keine Erinnerungen.
Keine Fakten.
Ich würde Bella nicht mit Vermutungen konfrontieren.
Nicht nach allem, was sie bereits für mich getragen hatte.
Ich stand wieder auf und nahm das Tagebuch an mich.
Für einen Moment hielt ich es an meine Brust.
Eine seltsame Geste.
Fast menschlich.
Aber vielleicht war genau das der Punkt.
Ich hatte mein menschliches Leben verloren.
Nicht vollständig.
Nicht, solange dieses Buch existierte.
Ich konnte den Mann darin nicht zurückholen.
Ich konnte nicht plötzlich seine Erinnerungen fühlen.
Aber ich konnte ihn kennenlernen.
Seine Entscheidungen verstehen.
Seine Ängste.
Seine Hoffnungen.
Und vielleicht irgendwann auch seine Liebe.
Ich sah noch einmal auf die letzte Seite.
Dort stand kein Fremder.
Dort stand ich.
Ein Mann, der geglaubt hatte, er müsse sich selbst verbieten zu lieben.
Und der irgendwann erkannt hatte, dass es dafür längst zu spät war.
Ich schloss das Buch.
Diesmal fühlte es sich nicht wie ein Ende an.
Eher wie der erste Schritt.
Denn jetzt wusste ich zumindest eines mit Sicherheit:
Bella hatte nicht auf einen Mann gewartet, den es nie gegeben hatte.
Sie hatte auf mich gewartet.
Und ich wusste noch immer nicht, ob ich derselbe Mann sein konnte.
Aber zum ersten Mal wollte ich es herausfinden.