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Dein Sohn

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Dein Sohn

Bellas POV:

Jasper

Ich wusste, dass er kommen würde.

Nicht wann.

Nicht, was er sagen würde.

Aber ich wusste es.

Seit ich ihm das Tagebuch gegeben hatte, hatte ich versucht, mich mit allem Möglichen abzulenken. Ich hatte gearbeitet, Jasper Jr. beim Lernen geholfen, gekocht, aufgeräumt und sogar Dinge erledigt, die seit Wochen hätten erledigt werden können.

Nichts davon hatte funktioniert.

Meine Gedanken kehrten immer wieder zu demselben Bild zurück.

Jasper, mit meinem alten Tagebuch in den Händen.

Sein eigenes Leben auf diesen Seiten.

Seine eigenen Worte.

Und die Dinge, die ich ihm all die Jahre nie hatte sagen können.

Ich saß am Küchentisch, als ich seine Anwesenheit spürte.

Nicht mit den Ohren.

Ich wusste einfach, dass er da war.

Ein paar Sekunden später klopfte es.

Ich stand auf.

Als ich die Tür öffnete, sah ich ihn.

Er wirkte anders.

Nicht äußerlich.

Nicht auf eine Weise, die jemand anderes bemerkt hätte.

Aber ich kannte Jasper inzwischen gut genug, um die kleinen Veränderungen zu sehen.

Sein Blick war ruhiger.

Und gleichzeitig lag darin etwas Schweres.

Sein Blick fiel auf mich.

Für einen Moment sagte keiner von uns etwas.

Dann trat ich zur Seite.

„Komm rein.“

Er tat es.

Ich schloss die Tür hinter ihm.

Jasper blieb zunächst stehen.

Sein Blick wanderte durch den Raum, als würde er versuchen, etwas darin wiederzuerkennen.

Dann sah er mich an.

„Ich habe es gelesen.“

Meine Finger verkrampften sich leicht.

„Alles?“

Er nickte.

„Alles, was darin stand.“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.

Also sagte ich nur:

„Und?“

Ein beinahe trauriges Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Du hattest recht.“

Ich senkte den Blick.

„Womit?“

„Dass ich dich geliebt habe.“

Mein Atem stockte.

Obwohl ich es gewusst hatte.

Obwohl ich es selbst erlebt hatte.

Obwohl ich hundert Jahre lang mit dieser Wahrheit gelebt hatte.

Es war etwas völlig anderes, diese Worte von ihm zu hören.

Von diesem Jasper.

Nicht von dem Mann, den ich verloren hatte.

Nicht aus einer Erinnerung.

Von ihm.

Heute.

„Ich wollte nicht, dass du mir glaubst, nur weil ich es gesagt habe“, erwiderte ich leise.

„Das weiß ich.“

Er setzte sich mir gegenüber.

Das Tagebuch lag nicht in seinen Händen.

Er hatte es vermutlich bei sich zu Hause gelassen.

„Es war seltsam“, sagte er nach einer Weile.

Ich wartete.

„Ich habe deine Geschichte immer nur aus deiner Sicht gehört. Was du erlebt hast. Was du verloren hast. Was du geglaubt hast.“

Er sah auf seine Hände.

„Aber jetzt habe ich gelesen, was ich selbst gedacht habe.“

Ich nickte.

„Ja.“

„Und du hattest es all die Jahre.“

„Ja.“

„Warum hast du es aufgehoben?“

Die Frage traf mich unerwartet.

Ich sah ihn an.

„Weil es dir gehörte.“

Er schwieg.

„Und weil ich nicht vergessen wollte, wer du gewesen bist.“

Sein Blick hob sich zu meinem.

„Hast du jemals aufgehört, auf mich zu warten?“

Ich musste schlucken.

„Ich dachte irgendwann, ich müsste.“

Er sagte nichts.

„Nach einer Weile habe ich verstanden, dass Warten nicht bedeutet, jeden Tag an derselben Stelle zu stehen.“

Ich lächelte schwach.

„Ich habe weitergelebt.“

Sein Blick blieb auf mir.

„Aber du hast mich nie vergessen.“

„Nein.“

Die Antwort kam sofort.

Vielleicht zu schnell.

Aber es war die Wahrheit.

Jasper lehnte sich zurück.

„In dem Tagebuch gibt es etwas, das mich beschäftigt.“

Ich wusste sofort, was er meinte.

„Was?“

„Meine Zukunft.“

Ich sagte nichts.

„Ich habe immer wieder über ein Haus geschrieben. Einen Garten. Eine Familie.“

Seine Stimme war ruhig.

„Ich habe darüber geschrieben, dass ich mit dir alt werden wollte.“

Meine Augen brannten.

„Ja.“

„Aber ich habe nie geschrieben, dass ich bereits eine Familie hatte.“

Ich hielt den Atem an.

Er bemerkte es.

Natürlich bemerkte er es.

Sein Blick wurde schärfer.

„Bella.“

Ich schloss kurz die Augen.

Da war sie.

Die Frage, vor der ich mich gefürchtet hatte.

Nicht die nach seiner Vergangenheit.

Sondern nach dem, was danach gekommen war.

„Ich habe mich gefragt, was nach deinem letzten Eintrag passiert ist“, sagte er.

Ich sah ihn wieder an.

„Sehr viel.“

„Das dachte ich mir.“

Er beugte sich ein wenig nach vorn.

„Du hast mir gesagt, dass ich verschwunden bin.“

„Ja.“

„Dass du geglaubt hast, ich wäre tot.“

„Ja.“

Er zögerte.

„Und was hast du danach gemacht?“

Ich wusste, dass es jetzt keinen Weg mehr zurück gab.

Nicht, weil ich ihm alles erzählen musste.

Sondern weil er angefangen hatte, selbst zu fragen.

Ich legte meine Hände ineinander.

„Ich bin geblieben.“

Sein Gesicht veränderte sich kaum.

„Bei dem Lager?“

„Eine Weile.“

„Und danach?“

„Ich bin nach England gegangen.“

Er nickte langsam.

Das wusste er bereits.

„Warum?“

„Weil ich dort arbeiten konnte. In einem Krankenhaus.“

Sein Blick wurde weich.

„Du bist Ärztin geworden.“

„Nicht sofort.“

Ich lächelte.

„Aber irgendwann.“

Er betrachtete mich.

„Du hast weitergemacht.“

„Ich musste.“

Ein paar Sekunden vergingen.

Dann fragte er:

„Hast du dort jemanden kennengelernt?“

Ich wusste, dass er diese Frage nicht aus Eifersucht stellte.

Er hatte keinen Grund dazu.

Er versuchte lediglich, die Lücken zu verstehen.

„Nein.“

Er nickte.

„Hast du geheiratet?“

„Nein.“

Seine Augen blieben auf meinem Gesicht.

„Warum nicht?“

Ich sah kurz zur Seite.

„Weil ich nicht wollte.“

Das war nicht die ganze Wahrheit.

Aber es war auch keine Lüge.

Jasper schwieg.

Dann fiel sein Blick auf meine linke Hand.

Auf den Ring.

Er hatte ihn bereits gesehen.

Aber diesmal schien er ihn wirklich wahrzunehmen.

„Du trägst ihn noch.“

Ich strich mit dem Daumen über das Gold.

„Seit damals.“

„Du hast nie aufgehört?“

„Nein.“

Sein Blick blieb darauf.

„Warum?“

Ich lächelte traurig.

„Weil ich dir versprochen hatte, dass ich ihn aufbewahre.“

„Ich habe ihn dir nicht als Verlobungsring gegeben.“

„Ich weiß.“

„Ich wollte ihn dir erst geben, wenn ich zurückkomme.“

„Ich weiß.“

Sein Blick hob sich.

„Und trotzdem hast du ihn getragen.“

„Irgendwann war er das Einzige, was ich hatte, das noch eindeutig dir gehörte.“

Er sagte nichts mehr.

Ich konnte spüren, wie sich seine Gefühle veränderten.

Trauer.

Schuld.

Zärtlichkeit.

Und etwas, das ich nicht vollständig erreichen konnte.

Seine Gabe prallte an den Stellen meiner Gedanken ab, die ich nicht freigab.

Vielleicht war das gerade gut.

Denn es gab eine Wahrheit, die ich ihm nicht einfach zwischen zwei Sätzen sagen konnte.

Eine Wahrheit, die ich seit fast hundert Jahren mit mir trug.

Jasper bemerkte mein Schweigen.

„Es gibt noch etwas.“

Keine Frage.

Eine Feststellung.

Ich sah ihn an.

„Ja.“

„Ich weiß nicht, was es ist.“

Er lächelte kaum.

„Aber jedes Mal, wenn ich dich nach der Zeit nach meinem Verschwinden frage, veränderst du dich.“

Ich senkte den Blick.

„Ich wollte, dass du zuerst dein eigenes Leben kennenlernst.“

„Warum?“

„Weil ich nicht wollte, dass das Erste, was du über deine Vergangenheit erfährst, etwas ist, das du nur von mir hörst.“

Er dachte darüber nach.

Dann fragte er:

„Gibt es etwas, das du mir nicht erzählt hast?“

Mein Herz schlug schneller.

Ich sah ihn an.

So lange hatte ich mir vorgestellt, wie dieser Moment aussehen würde.

Hundert Jahre lang.

Und trotzdem war ich nicht vorbereitet.

„Ja.“

Nur dieses eine Wort.

Jasper blieb vollkommen still.

„Was?“

Ich öffnete den Mund.

Schloss ihn wieder.

Dann sah ich auf die Treppe.

Oben war es still.

Jasper folgte meinem Blick.

Und plötzlich verstand er, dass die Antwort nicht irgendwo in der Vergangenheit lag.

Sie war hier.

In diesem Haus.

Vielleicht nur wenige Meter von uns entfernt.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Bella.“

Ich stand auf.

Meine Hände zitterten.

„Es gibt jemanden, von dem du nichts weißt.“

Jasper sagte nichts.

Ich ging ein paar Schritte zur Treppe.

Dann blieb ich stehen.

„Und bevor ich dir erzähle, wer es ist, möchte ich, dass du eines weißt.“

Er sah mich an.

„Was?“

Ich drehte mich zu ihm um.

„Du hast ihn nie verlassen.“

Jasper erstarrte.

„Was meinst du damit?“

Meine Augen füllten sich mit Tränen.

„Du wusstest nichts von ihm.“

Stille.

Eine lange, schwere Stille.

Dann flüsterte Jasper:

„Von wem?“

Ich sah ihn an.

Und zum ersten Mal seit fast hundert Jahren würde ich den Namen aussprechen, den ich so lange nur in meinem Herzen getragen hatte.

„Von deinem Sohn.“