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Die Wahrheit

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Die Wahrheit

Ich hörte die Worte.

Und trotzdem brauchte mein Verstand einige Sekunden, um sie zu begreifen.

„Dein Sohn.“

Zwei Worte.

Mehr nicht.

Aber plötzlich war alles andere im Raum unwichtig.

Ich sah Bella an.

Sie stand noch immer an der Treppe.

Tränen in den Augen, aber sie weinte nicht.

Als würde sie auf etwas warten.

Auf meine Reaktion.

Auf eine Antwort.

Auf irgendetwas, das ihr zeigte, dass ich verstanden hatte.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Ein Sohn.

Ich hatte einen Sohn.

Der Gedanke passte nicht in meinen Kopf.

Nicht in das Leben, das ich kannte.

Nicht in die Erinnerungen, die ich besaß.

Ich hatte mich immer gefragt, ob ich vor meiner Verwandlung Familie gehabt hatte.

Eltern.

Geschwister.

Vielleicht eine Frau.

Aber ein Kind?

Erst als ich Bella traf, habe ich diesen Gedanken bekommen.

Ein Gefühl.

„Mein Sohn?“

Meine Stimme klang fremd.

Bella nickte.

Ganz langsam.

Ich sah zur Treppe.

„Wo ist er?“

„Oben.“

Natürlich.

So nah.

Mein Blick blieb auf der Treppe liegen.

Als könnte ich durch die Decke sehen.

Als könnte ich ihn allein dadurch erkennen, dass ich wusste, dass er existierte.

„Wie alt ist er?“

Bella schluckte.

„Zwanzig.“

Ich schloss die Augen.

Zwanzig.

Eine Zahl, die sich sofort mit etwas in mir verband.

Nicht mit einer Erinnerung.

Mit einer Rechnung.

Ich war verschwunden, bevor ich überhaupt wusste, dass Bella schwanger war.

Das bedeutete—

Ich öffnete die Augen.

„Er wurde nach meinem Verschwinden geboren.“

„Ja.“

Keine Sekunde Zögern.

Ich sah sie an.

„Du hast mir nie gesagt, dass du schwanger warst.“

„Ich wusste es selbst nicht, als du gegangen bist.“

Natürlich.

Ich hatte das Tagebuch gelesen.

Ich wusste, wann ich aufgebrochen war.

Ich wusste, was ich geglaubt hatte.

Ich hatte Bella verlassen, weil ich in den Krieg ziehen musste.

Aber ich hatte sie nicht mit dem Wissen zurückgelassen, dass ein Kind unterwegs war.

Ich hatte überhaupt nicht gewusst, dass es eines gab.

Zum ersten Mal seit ich dieses Buch gelesen hatte, war ich dankbar dafür, dass ich meine Vergangenheit nicht vollständig erinnern konnte.

Denn ich wusste nicht, wie ich mich damals gefühlt hätte, wenn ich davon gewusst hätte.

Ich wusste nur, wie ich mich jetzt fühlte.

„Warum hast du mir nichts gesagt?“

Bella sah mich lange an.

„Weil du ihn nicht kanntest.“

Ich verstand die Antwort nicht.

„Er ist mein Sohn.“

„Ich weiß.“

„Dann hätte ich das Recht gehabt, es zu wissen.“

Ihre Augen wurden noch trauriger.

„Wenn du ein Mensch geblieben wärst, ja.“

Ich schwieg.

Sie hatte recht.

Und gleichzeitig tat es weh.

Nicht, weil sie mir etwas genommen hatte.

Sondern weil ich plötzlich begriff, wie viel ich verloren hatte, ohne überhaupt zu wissen, dass es existiert hatte.

Ein Kind.

Mein Kind.

Jemand, dessen erste Schritte ich nicht gesehen hatte.

Seine erste Krankheit.

Sein erstes Wort.

Seinen ersten Geburtstag.

Keine einzige dieser Erinnerungen gehörte mir.

Sie gehörten Bella.

Und ihm.

„Hat er von mir gewusst?“

Bella nickte.

„Sein ganzes Leben.“

Ich musste mich setzen.

Meine Beine hätten mich zwar nicht wirklich im Stich gelassen.

Aber mein Körper reagierte auf eine Weise, die sich beinahe menschlich anfühlte.

„Was hast du ihm erzählt?“

„Die Wahrheit.“

Ich sah sie an.

„Welche Wahrheit?“

„Dass du ihn nicht verlassen hast.“

Etwas in meiner Brust zog sich zusammen.

„Dass du nichts von ihm wusstest. Dass ich geglaubt habe, du seist tot.“

Ich senkte den Blick.

„Und er?“

Bella setzte sich mir gegenüber.

„Er hat dich vermisst.“

Ich atmete tief ein.

Eine sinnlose Gewohnheit.

Aber ich brauchte den Moment.

„Hat er mich gehasst?“

„Nein.“

Die Antwort kam sofort.

„Er kannte dich nicht.“

Natürlich.

Wie sollte er jemanden hassen, den er nie getroffen hatte?

Und trotzdem hatte er mich vermisst.

Ich sah auf meine Hände.

„Wie sieht er aus?“

Bella lächelte.

Und zum ersten Mal seit Beginn unseres Gesprächs lag etwas anderes in ihrem Gesicht.

Stolz.

„Wie du.“

Ich sah sie an.

„Wie ich?“

„Sehr.“

Sie wischte sich eine Träne aus dem Gesicht.

„Es ist manchmal fast erschreckend.“

Ich wusste nicht, ob ich darüber lachen sollte.

Also tat ich es nicht.

„Und er weiß, dass ich hier bin?“

Bella zögerte.

Nur einen Augenblick.

Aber ich bemerkte es.

„Ja.“

Ich hob den Kopf.

„Seit wann?“

„Nicht lange.“

„Wie hat er reagiert?“

Bella sah zur Seite.

„Er hatte Angst.“

Das verstand ich.

„Vor mir?“

„Vor dem, was du sagen könntest.“

Ich schwieg.

Was hätte ich sagen können?

Dass ich ihn nicht kannte?

Dass ich keine Erinnerung an seine Mutter hatte?

Dass ich nicht einmal wusste, wie man damit umging, plötzlich einem erwachsenen Sohn gegenüberzustehen?

Dass ich ihn trotzdem sofort kennenlernen wollte?

Vielleicht alles davon.

Vielleicht nichts.

„Er glaubt, ich könnte ihn ablehnen.“

Ich sagte es mehr zu mir selbst als zu Bella.

„Ja.“

Ich schüttelte langsam den Kopf.

„Das würde ich niemals tun.“

Bella sah mich an.

„Du kennst ihn noch nicht.“

„Nein.“

Ich sah wieder zur Treppe.

„Aber ich weiß, dass er mein Sohn ist.“

Das war alles.

Mehr konnte ich im Moment nicht versprechen.

Und trotzdem fühlte es sich wie etwas an.

Etwas Sicheres.

Etwas, das nicht von Erinnerungen abhängig war.

Bella schwieg.

Dann fragte ich:

„Wie heißt er?“

Wieder diese kleine Pause.

Diesmal war sie länger.

Mein Blick blieb auf ihr.

„Bella.“

Sie atmete tief durch.

„Jasper.“

Ich erstarrte.

Mein eigener Name.

Nein.

Nicht mein eigener.

Seiner.

„Jasper?“

Sie nickte.

„Jasper Whitlock Junior.“

Ich hörte meinen Nachnamen.

Whitlock.

Ein Name, den ich aus meinem menschlichen Leben kannte.

Ein Name, der in meinem Kopf immer zu etwas Unvollständigem gehört hatte.

Ich hatte ihn gelesen.

Auf den Seiten meines Tagebuchs.

Ich hatte ihn ausgesprochen.

Als Jasper Whitlock.

Aber plötzlich war er wieder etwas anderes.

Ein Familienname.

„Du hast ihn nach mir benannt.“

„Natürlich.“

Ich sah Bella an.

„Warum?“

Sie wirkte beinahe überrascht über die Frage.

„Weil du sein Vater bist.“

Ich konnte nicht antworten.

Ich sah wieder zur Treppe.

Und dann kam mir ein Gedanke.

Ein schrecklich einfacher Gedanke.

Ich hatte ihn bereits gesehen.

Nicht einmal nur einmal.

Ich hatte mit ihm gesprochen.

In der Schule.

Jasper Whitlock.

Der junge Mann mit den goldenen Augen.

Der Schüler, bei dessen Nähe etwas in mir immer wieder seltsam reagierte.

Der Junge, bei dem ich mich gefragt hatte, warum mir sein Gesicht so vertraut vorkam.

Ich hatte seine Bewegungen beobachtet.

Seine Haltung.

Die Art, wie er mich manchmal angesehen hatte und dann wieder schnell wegsah.

Ich hatte mich gefragt, warum.

Ich hatte geglaubt, es wäre Zufall.

Eine Ähnlichkeit.

Vielleicht eine Laune der Natur.

Mein Blick ging zurück zu Bella.

„Ich kenne ihn.“

Sie sagte nichts.

Ich stand auf.

„Jasper Whitlock.“

Bella nickte.

„Er ist der Junge aus der Schule.“

Wieder ein Nicken.

Ich schloss die Augen.

Plötzlich ergaben so viele Kleinigkeiten einen Sinn.

Sein Blick.

Die Spannung zwischen uns.

Dieses merkwürdige Gefühl, dass ich ihn nicht einfach nur bemerkte.

Dass etwas in mir auf ihn reagierte.

Nicht wie bei einem Fremden.

Nicht wie bei einem Menschen.

Etwas anderes.

Etwas, das ich nicht benennen konnte.

„Warum hast du mir nicht gesagt, dass er mein Sohn ist?“

Bella sah mich an.

„Weil er selbst es nicht wusste.“

Ich öffnete die Augen.

„Was?“

„Er wusste nur, dass sein Vater Jasper Whitlock heißt.“

Mein Blick fiel auf den Boden.

„Aber er wusste nicht, dass du Jasper Hale bist.“

„Nein.“

„Und du hast es ihm gesagt?“

„Er hat dich selbst erkannt.“

Ich runzelte die Stirn.

„Wie?“

„Er hat dich gesehen.“

Eine einfache Antwort.

Aber sie sagte mehr, als Bella wahrscheinlich beabsichtigt hatte.

Er hatte mich angesehen.

Und vielleicht hatte er dasselbe gespürt wie ich.

Dieses unerklärliche Ziehen.

Diese Verbindung, die ich nicht verstehen konnte.

Ich setzte mich wieder.

„Wie lange weiß er es?“

„Seit einigen Tagen.“

Ich ließ den Kopf sinken.

Einige Tage.

Und in diesen Tagen hatte ich mit meinem eigenen Sohn gesprochen, ohne zu wissen, wer er war.

Ich hatte ihn nach seinem Vater gefragt.

Und er hatte mir gesagt, dass sein Vater tot sei.

Ich erinnerte mich genau an diesen Moment.

An den Blick des Jungen.

An die Veränderung seiner Gefühle.

Damals hatte ich geglaubt, ich hätte nur Trauer gespürt.

Jetzt wusste ich es besser.

Er hatte um einen Vater getrauert, der direkt vor ihm stand.

Und ich hatte nichts davon verstanden.

„Er hat mir gesagt, sein Vater sei tot.“

Bella nickte.

„Ja.“

„Und dass er ihn nie kennengelernt hat.“

„Auch das stimmt.“

Ich starrte ins Leere.

„Er hat mich angelogen.“

„Er wollte dich nicht anlügen.“

Bella sagte es ruhig.

„Er hatte Angst.“

Ich nickte langsam.

„Das verstehe ich.“

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich keine Angst davor, etwas nicht zu verstehen.

Ich hatte nur Angst davor, wie viel ich bereits verpasst hatte.

Ich stand auf.

Wieder sah ich zur Treppe.

Diesmal fühlte sie sich nicht mehr wie eine Treppe an.

Sie war eine Grenze.

Auf der anderen Seite stand jemand, der mein Blut trug.

Mein Name.

Vielleicht mein Gesicht.

Und eine Geschichte, die ich nicht erlebt hatte.

Ich wusste nicht, ob ich bereit war.

Aber ich wusste, dass ich nicht noch einmal davonlaufen würde.

„Ist er oben?“

Bella nickte.

Ich ging einen Schritt auf die Treppe zu.

Dann blieb ich stehen.

„Bella?“

„Ja?“

Ich drehte mich zu ihr um.

„Was soll ich ihm sagen?“

Sie lächelte unter Tränen.

„Sag ihm die Wahrheit.“

Ich dachte darüber nach.

Dann nickte ich.

Ich würde ihm nicht versprechen, dass ich mich an seine Kindheit erinnern konnte.

Ich würde nicht so tun, als wäre ich der Vater, den er all diese Jahre vermisst hatte.

Das wäre eine Lüge.

Aber ich konnte ihm etwas anderes geben.

Die Wahrheit.

Dass ich nichts von ihm gewusst hatte.

Dass ich ihn nicht verlassen hatte.

Dass ich jetzt wusste, dass er existierte.

Und dass ich ihn kennenlernen wollte.

Ich setzte den Fuß auf die erste Stufe.

Zum ersten Mal ging ich auf meinen Sohn zu.