Die Entscheidung
Die Entscheidung
In den nächsten Tagen ließ mich der Gedanke an das Lazarett nicht mehr los.
Während ich den Brotteig knetete.
Während ich die Hühner fütterte.
Während ich am Abend das Hemd meines Vaters flickte.
Immer wieder hörte ich Jaspers Stimme.
"Denken Sie darüber nach."
Es war das erste Mal, dass mich jemand fragte, was ich wollte.
Nicht, was ich tun musste.
Nicht, was von mir erwartet wurde.
Was ich wollte.
Und ich wusste nicht einmal mehr, wie sich dieser Gedanke anfühlte.
„Du bist unkonzentriert.“
Ich zuckte zusammen.
Mein Vater legte die Gabel auf den Tisch.
„Das Brot ist zu trocken.“
„Es tut mir leid.“
„Die Kartoffeln sind verkocht.“
„Es tut mir leid.“
„Und die Hühner haben heute weniger Eier gelegt.“
Ich hob langsam den Blick.
„Dafür kann ich nichts.“
Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, bereute ich sie.
Er stand auf.
Langsam.
„Wofür kannst du überhaupt etwas?“
Ich schwieg.
„Rede!“
„Ich...“
Die Ohrfeige traf mich diesmal nicht überraschend.
Fast hatte ich darauf gewartet.
Mein Kopf drehte sich zur Seite.
Ich presste die Lippen aufeinander.
Nicht weinen.
Bloß nicht weinen.
Das machte ihn nur wütender.
„Du wirst immer mehr wie deine Mutter.“
Ich blinzelte verwirrt.
Noch nie hatte er sie erwähnt, ohne mir die Schuld an ihrem Tod zu geben.
Für einen winzigen Moment glaubte ich, es könnte etwas Nettes folgen.
„Genauso schwach.“
Der Schmerz in meiner Brust war schlimmer als der in meiner Wange.
„Räum den Tisch ab.“
Ich nickte nur.
Später saß ich allein auf der kleinen Veranda.
Der Himmel war voller Sterne.
Meine Mutter hatte Sterne geliebt.
Das hatte mir zumindest Mrs. Callahan erzählt.
Sie sagte, meine Mutter habe immer behauptet, jeder Mensch hätte einen Stern, der nur für ihn leuchtete.
Damals hatte ich sie ausgelacht.
Heute wünschte ich, sie hätte recht.
Vielleicht gab es irgendwo einen Stern, der mir zeigte, wohin ich gehörte.
Nicht hier.
Das wusste ich inzwischen.
Am nächsten Morgen war ich gerade dabei, Wasser aus dem Brunnen zu ziehen, als Hufschläge näher kamen.
Ich musste nicht hinsehen.
Irgendwie wusste ich sofort, wer es war.
Jasper hielt einige Meter entfernt an.
Er stieg diesmal nicht einmal vom Pferd.
„Miss Swan.“
„Major.“
Ich sah mich unruhig zum Haus um.
„Sie sollten nicht hier sein.“
„Das weiß ich.“
Er wirkte ungewöhnlich ernst.
„Ich bleibe auch nicht lange.“
Er griff in seine Satteltasche und zog einen zusammengefalteten Bogen Papier hervor.
„Was ist das?“
„Eine Ausschreibung.“
Er reichte sie mir.
Ich faltete sie vorsichtig auseinander.
Freiwillige für das Feldlazarett gesucht. Unterkunft, Verpflegung und Lohn werden gestellt.
Meine Finger zitterten.
„Warum geben Sie mir das?“
„Weil ich glaube, dass Sie dort gebraucht werden.“
„Mein Vater wird niemals zustimmen.“
„Vielleicht muss er das nicht.“
Ich hob erschrocken den Kopf.
„Was?“
Jasper schwieg einen Moment.
Er schien jedes Wort sorgfältig abzuwägen.
„Bella...“
Zum ersten Mal nannte er mich nicht Miss Swan.
Nur Bella.
„Sie sind volljährig.“
Ich nickte langsam.
„Niemand kann Sie zwingen, hier zu bleiben.“
Ich lachte bitter.
„Sie kennen meinen Vater nicht.“
„Nein.“
„Er würde mich suchen.“
„Vielleicht.“
„Er würde mich finden.“
„Vielleicht auch nicht.“
„Sie verstehen das nicht.“
„Dann helfen Sie mir.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Erklären Sie es mir.“
Ich öffnete den Mund.
Schloss ihn wieder.
Wie erklärte man einem Menschen ein Leben voller Angst?
Dass man selbst beim Öffnen einer Tür überlegte, welche Stimmung dahinter wartete?
Dass man jedes Knarren der Dielen kannte, weil man wusste, ob die Schritte Wut oder Gleichgültigkeit bedeuteten?
Dass man sich manchmal wünschte, krank zu werden, nur um einen Tag nicht arbeiten zu müssen?
Ich konnte es nicht.
„Ich kann nicht.“
Er nickte langsam.
„In Ordnung.“
Er nahm mir das Papier nicht wieder weg.
„Dann erkläre ich Ihnen etwas.“
Ich sah ihn fragend an.
„Im Krieg sterben Männer.“
Seine Stimme war ruhig.
Fast zu ruhig.
„Jeden Tag.“
Sein Blick glitt in die Ferne.
„Viele von ihnen sind jünger als ich.“
Er machte eine Pause.
„Wissen Sie, was die meisten kurz vor ihrem Tod bereuen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nicht, dass sie sterben.“
Seine Augen fanden wieder meine.
„Sondern dass sie nie den Mut hatten zu leben.“
Mir stockte der Atem.
„Ich...“
„Ich verlange keine Antwort.“
Er deutete auf das Blatt.
„Lesen Sie es.“
Dann setzte er den Hut wieder auf.
„Und wenn Sie sich entscheiden sollten...“
Er ließ den Satz offen.
„...dann fragen Sie im Lager nach Major Jasper Whitlock.“
Bevor ich etwas erwidern konnte, drehte er sein Pferd.
„Warten Sie!“
Er hielt an.
„Warum?“
Er blickte über die Schulter.
„Warum helfen Sie mir?“
Einen langen Moment sagte er nichts.
Dann lächelte er traurig.
„Weil ich es bereuen würde, wenn ich es nicht täte.“
Er ritt davon.
Ich blieb mit dem Papier in der Hand zurück.
Erst als die Hufschläge verklungen waren, bemerkte ich die Tränen auf meinen Wangen.
Nicht weil ich traurig war.
Sondern weil zum ersten Mal jemand an mich glaubte.
Ich faltete das Schreiben sorgfältig zusammen und versteckte es unter meiner Schürze.
In diesem Augenblick wusste ich noch nicht, dass dieses Blatt Papier mein ganzes Leben verändern würde.
Und auch nicht, dass nur wenige Minuten später mein Vater genau dieses Papier in meinen Händen entdecken würde.