Verwandlung
Verwandlung
„Dad.“
Das Wort stand noch immer zwischen uns.
Ich hatte meinen Sohn gerade erst kennengelernt und wusste bereits, dass ich ihn nie wieder vergessen wollte.
Doch je länger ich ihn ansah, desto mehr Fragen entstanden.
Eine davon ließ sich nicht länger verdrängen.
„Du bist ein Vampir.“
Jasper nickte.
„Ja.“
Mein Blick wanderte zu Bella.
Auch sie war ein Vampir.
Zumindest äußerlich.
Doch ich wusste inzwischen, dass bei ihr nichts so einfach war, wie es auf den ersten Blick schien.
„Und du auch.“
Bella nickte.
„Ja.“
Ich sah zwischen den beiden hin und her.
„Wie ist das passiert?“
Jasper lehnte sich zurück.
„Bei mir ist es eine ziemlich einfache Geschichte.“
„Das bezweifle ich.“
Er lächelte kurz.
„Ich wurde gebissen.“
„Von wem?“
„Ich weiß es nicht.“
Das überraschte mich.
„Du weißt es nicht?“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich kann mich an ihn nicht erinnern. Ich weiß nur noch, dass ich schwer verletzt war. Ich war in einer Gasse.“
Bella übernahm leise.
„Ich habe ihn gefunden.“
Ich sah sie an.
„Du?“
„Ja.“
Sie erzählte nicht hastig.
Vielleicht hatte sie diese Geschichte schon zu oft in Gedanken durchlebt.
„Er war kaum noch bei Bewusstsein. Ich wusste, dass er verwandelt worden war, aber ich wusste nicht, wer es getan hatte.“
Jasper ergänzte:
„Ich wusste selbst nicht, was mit mir passierte.“
„Und dann?“
„Mama hat Adrian geholt.“
Ich sah Bella an.
„Adrian.“
Sie nickte.
„Er war bei uns.“
Ich kannte den Namen aus den Dingen, die Bella mir bereits erzählt hatte.
Ein Vampir, der sie über viele Jahrzehnte begleitet hatte.
Ein Freund.
Jemand, der ihr geholfen hatte.
„Er hat mir geholfen, Jasper zu versorgen“, sagte Bella.
„Im Wald“, fügte Jasper hinzu.
Ich stellte mir die Szene vor.
Ein junger Mann, gerade verwandelt.
Vermutlich voller Schmerzen und mit einem Durst, den er nicht kontrollieren konnte.
Und Bella daneben.
„Wie hast du ihn davon abgehalten, dich zu beißen?“
Jasper sah kurz zu ihr.
„Das war nicht einfach.“
Bella lächelte schwach.
„Überhaupt nicht.“
Ich spürte etwas in seiner Erinnerung, ohne dass ich sie wirklich sehen konnte.
Angst.
Verzweiflung.
Hunger.
Und etwas anderes.
Scham.
„Ich roch für ihn nach Blut“, sagte Bella.
Ich sah sie an.
„Obwohl du selbst ein Vampir warst?“
„Ja.“
Sie zögerte.
„Bei mir ist das anders.“
„Warum?“
Bella sah auf ihre Hände.
„Weil ich nicht vollständig verwandelt wurde.“
Ich wartete.
„Adrian hat mich verwandelt.“
Ich sah sie überrascht an.
„Er?“
Sie nickte.
„Aber er wollte es nicht.“
Jasper schwieg.
Bella fuhr fort.
„Als ich verwandelt wurde, hat er es bereut. Er wollte nicht, dass ich vollständig zum Vampir werde.“
„Was hat er getan?“
„Er hat versucht, das Gift wieder aus meinem Körper zu entfernen.“
Ich runzelte die Stirn.
„Das geht?“
„Offenbar.“
„Und deshalb bist du...“
„So.“
Sie deutete leicht auf sich.
„Zwischen beidem.“
Ich betrachtete sie genauer.
Plötzlich ergaben die Dinge, die mir an ihr aufgefallen waren, einen Sinn.
„Du kannst essen.“
„Ja.“
„Du schläfst.“
„Ja.“
„Dein Herz schlägt.“
Sie nickte.
„Und du alterst nicht.“
„Nicht mehr.“
„Du kannst Blut trinken.“
„Ja.“
„Aber du brauchst es nicht auf dieselbe Weise wie ein vollständiger Vampir?“
Bella überlegte kurz.
„Ich brauche es. Aber mein Körper funktioniert anders. Ich kann menschliche Nahrung ebenfalls zu mir nehmen.“
Ich nickte langsam.
„Deshalb habe ich dich nie richtig einordnen können.“
Sie lächelte.
„Das ging mir selbst lange genauso.“
Ich sah zu Jasper.
„Und du?“
„Bei mir war die Verwandlung vollständig.“
„Du kannst kein menschliches Essen mehr zu dir nehmen?“
„Nein.“
„Und du ernährst dich von Tierblut.“
„Ja.“
Ich sah ihn an.
„Seit wann?“
„Seit meiner Verwandlung.“
Er schwieg einige Sekunden, bevor er weitersprach.
„Die ersten Tage waren schlimm.“
„Wegen des Durstes.“
„Wegen allem.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Ich wusste nicht, was ich geworden war. Ich konnte mich kaum kontrollieren. Und dann war da Mama.“
Bella sah ihn an.
„Und ich roch für ihn immer noch nach Blut.“
Ich verstand.
„Das muss schwierig gewesen sein.“
„Es war furchtbar“, sagte Jasper.
Er sah Bella an.
„Ich wollte ihr nie etwas antun.“
„Ich weiß.“
„Aber ich konnte es nicht abstellen.“
Bella griff nach seiner Hand.
„Deshalb haben Adrian und ich einen Weg gesucht.“
„Tierblut.“
„Ja.“
Ich nickte.
„Und es hat funktioniert.“
„Mit der Zeit.“
Jasper lächelte schwach.
„Adrian hat mir geholfen, Tiere zu finden. Wir haben klein angefangen. Sehr klein.“
Bella lachte leise.
„Und wir mussten sehr viel Geduld haben.“
„Aber irgendwann wurde es normal.“
Ich lehnte mich zurück.
„Dann bist du also wie unser Clan.“
Jasper hob eine Augenbraue.
„Offensichtlich.“
Das beruhigte mich mehr, als ich erwartet hatte.
Ich hatte befürchtet, mein Sohn müsse sein ganzes Leben mit etwas Besonderem oder Gefährlichem kämpfen.
Aber er hatte gelernt, damit zu leben.
Und er hatte sich entschieden.
„Du hättest Menschenblut trinken können.“
„Ja.“
„Aber du wolltest es nicht.“
Jasper sah mich direkt an.
„Nein.“
In seiner Stimme lag keine Unsicherheit.
„Mama hat mir beigebracht, dass ich nicht von dem leben muss, was ich geworden bin.“
Bella senkte den Blick.
Ich sah sie an.
Für einen Moment verstand ich, was sie für ihn gewesen sein musste.
Nicht nur seine Mutter.
Seine Orientierung.
Seine Sicherheit.
Sein Zuhause.
Ich wandte mich wieder Jasper zu.
„Und deine Gabe?“
Er lächelte.
„Die kam später.“
„Was genau kannst du?“
„Ich kann Menschen finden.“
„Wie?“
„Ich weiß es nicht genau.“
Er zuckte leicht mit den Schultern.
„Am Anfang war es einfach eine Richtung.“
„Westen.“
Er sah mich überrascht an.
„Das weißt du?“
„Bella hat es mir erzählt.“
Jasper nickte.
„Es war immer Westen. Ich wusste nie warum.“
Ich schwieg.
Etwas daran berührte einen Teil von mir, den ich nicht erklären konnte.
Auch ich hatte mein ganzes Leben lang das Gefühl gehabt, etwas zu suchen.
Eine Richtung.
Einen Ort.
Etwas, das ich nicht benennen konnte.
„Und irgendwann wurde daraus mehr“, sagte Jasper.
„Wie meinst du das?“
„Irgendwann konnte ich nicht nur eine Richtung spüren. Ich konnte jemanden finden.“
„Eine bestimmte Person?“
„Ja.“
Sein Blick wanderte zu Bella.
„Oder etwas, das mit dieser Person verbunden ist.“
Ich sah die beiden an.
Dann verstand ich.
„Und das hat dich nach Forks geführt.“
Jasper nickte.
„Irgendwann war die Richtung nicht mehr einfach Westen.“
Er sah mich an.
„Sie wurde genauer.“
Ich sagte nichts.
Denn plötzlich war da wieder dieses Gefühl.
Diese merkwürdige Gewissheit, die ich selbst nicht erklären konnte.
Vielleicht war ich nicht zufällig nach Forks gekommen.
Vielleicht war mein Instinkt all die Jahre ebenfalls auf etwas zugelaufen.
Auf sie.
Auf ihn.
Auf meine Vergangenheit.
„Und Bella“, fragte ich schließlich, „war die ganze Zeit bei dir?“
„Ja.“
„Seit deiner Verwandlung?“
„Fast.“
Ich sah sie an.
„Du hast ihn großgezogen.“
Bella lächelte.
„Ich habe es versucht.“
„Und du hast ihm beigebracht, kein Menschenblut zu trinken.“
„Wir beide“, sagte Jasper.
Ich nickte.
Dann fiel mir etwas auf.
„Moment.“
Ich sah zwischen ihnen hin und her.
„Du warst bereits ein Vampir, als Jasper verwandelt wurde.“
Bella nickte.
„Ja.“
„Und trotzdem hat dein Blut für ihn noch nach Blut gerochen.“
„Ja.“
„Weil du nicht vollständig verwandelt bist.“
„Genau.“
Ich dachte darüber nach.
„Das muss für euch beide schwer gewesen sein.“
Bella sah Jasper an.
„War es.“
Jasper drückte kurz ihre Hand.
„Aber wir haben es geschafft.“
Ich sah meinen Sohn an.
Er sagte es so selbstverständlich.
Wir haben es geschafft.
Nicht ich.
Wir.
Ich verstand plötzlich, dass ihre Geschichte nicht nur aus Verlust bestand.
Sie hatten einander durch etwas hindurchgebracht, das sie beide hätten zerstören können.
Ich lehnte mich zurück.
„Und du bist heute gesund?“
Jasper grinste.
„So gesund, wie ein untoter Medizinstudent eben sein kann.“
Ich lachte.
Bella ebenfalls.
Es war ein seltsamer Moment.
Nach hundert Jahren.
Nach einem Tagebuch voller Krieg, Verlust und Liebe.
Nach der Erkenntnis, dass ich einen Sohn hatte.
Und nun saßen wir hier und sprachen über Tierblut, medizinische Ausbildung und die Tatsache, dass mein Sohn offensichtlich Humor geerbt hatte.
Ich sah Jasper an.
„Du bist also nicht das Ergebnis eines besonderen Experiments oder irgendeiner seltenen Art von Vampir.“
„Nein.“
„Du bist einfach ein Vampir.“
„Ja.“
Ich nickte.
„Und Bella ist diejenige, die anders ist.“
„Ja.“
Bella zog eine Augenbraue hoch.
„Danke.“
Ich lächelte.
„Ich meinte es nicht negativ.“
„Das hoffe ich.“
Dann wurde ich wieder ernst.
„Weißt du, was mich am meisten beschäftigt?“
Jasper sah mich an.
„Was?“
„Dass ich das alles nicht wusste.“
Sein Gesicht wurde still.
„Ich wusste nicht, dass du geboren wurdest.“
Ich sah ihn an.
„Ich wusste nicht, dass du aufgewachsen bist.“
Eine kurze Pause.
„Ich wusste nicht, dass du verwandelt wurdest.“
Ich sah Bella an.
„Ich wusste nicht, dass ihr beide fast ein Jahrhundert lang ein Leben miteinander geführt habt.“
Meine Stimme wurde leiser.
„Und ich habe nichts davon verloren, weil ich mich entschieden hätte zu gehen.“
Bella sah mich an.
„Nein.“
„Ich habe es verloren, weil ich nicht wusste, dass es existiert.“
Niemand sagte etwas.
Das war vielleicht der schwerste Teil.
Es gab niemanden, dem ich die Schuld geben konnte.
Nicht Bella.
Nicht Jasper.
Nicht einmal mir selbst.
Der Mensch, der ich gewesen war, hatte gekämpft, weil er glaubte, nach dem Krieg zu seiner Frau zurückzukehren.
Er hatte nicht gewusst, dass irgendwo bereits ein Kind auf ihn wartete.
Er hatte nicht gewusst, dass er niemals zurückkehren würde.
Und der Vampir, der daraus entstanden war, hatte Jahrzehnte damit verbracht, sich an ein Leben zu erinnern, das nicht mehr zugänglich war.
Bis heute.
Ich sah meinen Sohn an.
„Ich kann dir diese Jahre nicht zurückgeben.“
„Ich weiß.“
„Aber ich möchte nicht noch mehr verpassen.“
Jasper lächelte.
„Dann fang einfach heute an.“
Ich nickte.
Heute.
Nicht vor hundert Jahren.
Nicht irgendwann.
Heute.
Und vielleicht war das die einzige Zeit, die uns tatsächlich gehörte.