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Maria

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Maria

Jasper Jr. saß mir gegenüber und schwieg.

Sie hatten mir erzählt, was mit ihnen geschehen war.

Jetzt lag die Frage zwischen uns, die er bisher nicht gestellt hatte.

Ich konnte sie beinahe hören.

Was war mit mir passiert?

Was war aus dem Mann geworden, der in diesem Tagebuch von Bella geschrieben hatte?

Ich sah auf meine Hände.

„Du weißt, dass ich mich an die Zeit vor meiner Verwandlung kaum erinnere.“

Jasper nickte.

„Aber an alles danach erinnere ich mich.“

Ich atmete tief durch.

„Meine erste Erinnerung ist Schmerz.“

Bella sagte nichts.

Jasper ebenfalls nicht.

Ich schloss die Augen.

Und plötzlich war sie wieder da.

Hitze.

Feuer.

Schmerz.

Ein Körper, der sich anfühlte, als würde er von innen verbrennen.

„Ich weiß noch, dass ich dachte, ich würde sterben.“

Meine Stimme war ruhig.

Aber die Erinnerung war es nicht.

„Ich wusste nicht, wo ich war. Ich wusste nicht, was mit mir geschah. Ich wusste nur, dass alles brannte.“

Ich öffnete die Augen.

„Dann hörte ich ihre Stimme.“

„Maria.“

Ich nickte.

„Sie erklärte mir, was ich geworden war.“

Ich machte eine kurze Pause.

„Oder zumindest versuchte sie es.“

Jasper hörte aufmerksam zu.

„Sie sagte mir, dass ich jetzt stärker sei. Schneller. Dass ich Dinge konnte, die Menschen nicht konnten.“

„Und du hast ihr geglaubt?“

„Ich hatte keine andere Möglichkeit.“

Ich sah wieder zur Seite.

„Dann kam der Hunger.“

Jasper wurde still.

„Ich hatte noch nie etwas erlebt, das damit vergleichbar war.“

Ich erinnerte mich an das erste Mal.

An den Geruch.

An das Blut.

An das Gefühl, dass jeder Gedanke von einem einzigen Bedürfnis verdrängt wurde.

„Maria gab mir einen Menschen.“

Bella senkte den Blick.

„Ich habe ihn getötet.“

Die Worte waren nüchtern.

Vielleicht zu nüchtern.

„Und danach wusste ich, dass ich etwas geworden war, das ich niemals hatte sein wollen.“

Jasper fragte nicht, ob ich mich schuldig gefühlt hatte.

Er wusste die Antwort.

„Maria brauchte mich.“

Ich sah ihn an.

„Sie hatte eine Armee.“

„Neugeborene.“

„Ja.“

Ich erzählte ihm von der Armee.

Von Vampiren, die kaum wussten, was sie waren.

Von ihrem Hunger.

Von ihrer Gewalt.

Von Maria und den anderen Frauen, die um Macht kämpften.

Und davon, dass ich etwas konnte, das für sie wertvoll war.

„Ich konnte Gefühle spüren.“

Jasper nickte.

„Deine Gabe.“

„Ja.“

Ich erklärte ihm, wie ich zuerst nur einzelne Gefühle wahrgenommen hatte.

Angst.

Wut.

Gier.

Dann hatte ich gelernt, sie zu unterscheiden.

Zu verstärken.

Zu dämpfen.

„Maria erkannte sehr schnell, wie nützlich das war.“

Meine Stimme wurde bitter.

„Sie konnte eine Armee aus hundert Neugeborenen haben. Aber eine Armee aus hundert Neugeborenen, die von ihren eigenen Gefühlen kontrolliert wird, ist wertlos.“

„Also hast du sie kontrolliert.“

„Ich habe sie trainiert.“

Jasper sah mich an.

Ich wusste, was er dachte.

„Ja.“

Ich beantwortete die Frage, bevor er sie stellen konnte.

„Ich habe ihnen beigebracht zu kämpfen.“

Ich erzählte ihm von den Schlachten.

Von den Befehlen.

Von der Art, wie wir Gebiete eroberten.

Von den Neugeborenen, die zu Waffen gemacht wurden.

Und von mir, der dafür sorgte, dass sie funktionierten.

„Ich war gut darin.“

Ich hasste diesen Satz.

Aber er war wahr.

„Ich wusste, wie ich jemanden beruhigen konnte. Wie ich Angst verstärken konnte. Wie ich Wut gegen einen Gegner richten konnte.“

Ich sah Jasper an.

„Ich konnte eine ganze Gruppe dazu bringen, genau das zu fühlen, was ich wollte.“

Er schwieg.

„Und Maria liebte mich dafür.“

Ich machte eine kurze Pause.

„Zumindest solange ich nützlich war.“

Bella bewegte sich kaum.

Aber ich bemerkte ihren Blick.

Sie wusste, dass dieser Teil meiner Geschichte schwer für mich war.

„Ich dachte lange, das sei mein Leben.“

Ich sah aus dem Fenster.

„Kämpfen. Töten. Trainieren. Überleben.“

Es gab keine Gärten.

Keine Häuser.

Keine Briefe.

Keine Frau, die auf mich wartete.

Nur Blut.

Und Befehle.

„Aber irgendwann begann ich zu merken, dass etwas nicht stimmte.“

Jasper fragte:

„Was?“

„Die Neugeborenen starben.“

„Natürlich.“

„Aber Maria wollte immer mehr.“

Ich nickte.

„Und ich begann mich zu fragen, wie lange ich das noch machen konnte.“

Es war kein plötzlicher Moment.

Keine Erkenntnis.

Es war eher eine langsame Abnutzung.

Jahrzehnte, in denen ich immer wieder dasselbe tat.

Bis ich nicht mehr wusste, wofür.

„Peter war der Erste, der mir wirklich nahestand.“

Ich erzählte ihnen von Peter.

Von seiner Position in Marias Armee.

Von Charlotte.

Von dem Wunsch, ihnen zur Flucht zu verhelfen.

„Wir gingen.“

„Einfach so?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein. Nichts war bei Maria einfach.“

Aber wir hatten es geschafft.

Peter und Charlotte flohen.

Und ich blieb zunächst zurück.

„Ich wusste damals noch nicht, wie weit ich gehen würde.“

Meine Stimme wurde leiser.

„Aber irgendwann war mir klar, dass ich dort nicht bleiben konnte.“

Ich verließ Maria.

Und damit begann ein anderes Leben.

Nicht sofort ein gutes.

Aber zumindest eines, das mir gehörte.

„Ich bin mit Peter und Charlotte gereist.“

„Wie lange?“

„Jahrzehnte.“

Ich erzählte Jasper von den Jahren, in denen wir versuchten, mit unserer Existenz zurechtzukommen.

Von Menschenblut.

Von Schuld.

Von der Erkenntnis, dass ich mich selbst kaum noch ertragen konnte.

„Ich war nicht wie Carlisle.“

Jasper lächelte schwach.

„Das wusste ich.“

„Ich hatte seine Überzeugungen nicht.“

„Aber du wolltest anders werden.“

Ich sah ihn an.

„Ja.“

Zum ersten Mal konnte ich es so einfach sagen.

„Ich wollte nicht mehr töten.“

Es dauerte lange, bis ich es wirklich schaffte.

Dann kam Alice.

Bei ihrem Namen veränderte sich etwas in mir.

Nicht Schmerz.

Nicht Schuld.

Etwas Warmes.

„Und dann habe ich Alice getroffen.“

Jasper lächelte.

„Mama hat gesagt, dass Alice dich gefunden hat.“

„Das stimmt.“

„Wie?“

„Ich war unterwegs.“

Ich lehnte mich zurück.

„Ich wusste nicht, wer sie war. Sie wusste nicht, wer ich war.“

Ich erzählte ihm von dem Diner.

Von dem Moment, in dem ich sie sah.

Von ihrer Offenheit.

Von dieser merkwürdigen Gewissheit, dass ich ihr folgen sollte.

„Ich hatte mein ganzes Leben als Vampir damit verbracht, Menschen zu misstrauen.“

Ich lächelte.

„Alice war anders.“

„Natürlich.“

Ich musste lachen.

„Ja. Natürlich.“

Alice hatte keine Angst vor mir.

Sie sah mich an, als wäre meine Vergangenheit keine Last, die sie tragen musste.

Sie sah mich einfach an.

Und blieb.

„Wir fanden die Cullens.“

„Carlisle.“

„Ja.“

Ich erzählte Jasper von Carlisle.

Von seiner Entscheidung, Tierblut zu trinken.

Von Esme.

Von Emmett.

Von Rosalie.

Und davon, wie fremd es sich zunächst angefühlt hatte, Teil einer Familie zu sein.

„Ich hatte jahrzehntelang geglaubt, ich könnte nur existieren, wenn ich stark genug wäre.“

Ich sah meinen Sohn an.

„Carlisle zeigte mir, dass Stärke auch bedeuten konnte, nicht das zu tun, wozu man fähig war.“

Jasper nickte langsam.

„Deshalb bist du bei ihnen geblieben.“

„Ja.“

Ich dachte an Alice.

„Und weil ich Alice hatte.“

Bella lächelte.

„Sie war deine zweite Chance.“

Ich sah sie an.

„Ja.“

Das Wort kam leise.

Aber sicher.

Dann wurde ich still.

Denn plötzlich lag der Kontrast wieder vor mir.

Ich hatte zwei Leben.

Im ersten war ich Jasper Whitlock gewesen.

Major.

Soldat.

Mann.

Ich hatte Bella geliebt.

Ich hatte ein Haus gewollt.

Einen Garten.

Eine Familie.

Dann war ich Jasper gewesen.

Vampir.

Krieger.

Anführer einer Armee.

Mörder.

Und schließlich Jasper Hale.

Cullen.

Bruder.

Vampir, der versucht hatte, ein anderes Leben zu führen.

Drei Versionen von mir.

Und nur eine davon erinnerte sich an Bella.

Ich sah Jasper an.

„Das Seltsame ist...“

Er wartete.

„Von allem, was ich dir gerade erzählt habe, erinnere ich mich an jedes Detail.“

Ich deutete auf das Tagebuch.

„Aber das Leben davor ist fast vollständig verschwunden.“

Jasper sagte nichts.

„Ich erinnere mich an Maria, als wäre es gestern gewesen.“

Meine Stimme wurde leiser.

„Ich erinnere mich an die Schlachten. An die Menschen, die ich getötet habe. An die Armee. An Peter. Charlotte. An Alice. An Carlisle.“

Ich sah Bella an.

„Aber nicht daran, wie ich dich kennengelernt habe.“

Bella lächelte traurig.

„Das ist nicht deine Schuld.“

„Ich weiß.“

Ich sah wieder Jasper an.

„Aber jetzt weiß ich wenigstens, dass ich einmal ein anderer Mann war.“

Er nickte.

„Und dass dieser Mann dich geliebt hat.“

Ich sah Bella an.

Sie sagte nichts.

Dann wandte ich mich wieder meinem Sohn zu.

„Und irgendwo in diesem verlorenen Leben hast du begonnen.“

Jasper sah mich an.

„Ohne dass ich davon wusste.“

„Ja.“

Ich lächelte schwach.

„Das ist wahrscheinlich das Verrückteste an meiner Geschichte.“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich glaube, unsere Familie kann damit inzwischen ganz gut umgehen.“

Bella lachte leise.

Und ich musste ebenfalls lachen.

Es war kein glückliches Ende.

Dafür war zu viel verloren gegangen.

Aber vielleicht war es ein Anfang.

Denn zum ersten Mal hatte ich nicht nur meine Vergangenheit gelesen.

Ich hatte sie ausgesprochen.

Und jetzt saß mein Sohn vor mir.

Nicht als Erinnerung.

Nicht als Name in einem Tagebuch.

Sondern als Teil meines Lebens.

Jetzt.