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Ein Anfang, der sich vertraut anfühlt

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Ein Anfang, der sich vertraut anfühlt

Bellas POV:

Ich hatte beinahe ein Jahrhundert lang darauf gewartet, dass Jasper zurückkam.

Nicht darauf, dass er durch dieselbe Tür trat wie früher.

Nicht darauf, dass er genauso aussah.

Nicht einmal darauf, dass er sich an mich erinnerte.

Ich hatte einfach nur darauf gewartet, dass die Welt mir noch einmal die Möglichkeit gab, ihn zu sehen.

Und jetzt saß er wenige Meter von mir entfernt.

Lebendig.

Vampir.

Mein Jasper.

Und gleichzeitig ein Mann, den ich erst kennenlernen musste.

Das war vielleicht der grausamste Teil daran.

Denn ich wusste, wie er sich anhörte, wenn er morgens noch halb verschlafen war. Ich wusste, wie er die Stirn runzelte, wenn er über etwas nachdachte. Ich wusste, dass er beim Zeichnen manchmal die Spitze des Bleistifts gegen seine Unterlippe hielt und es selbst nicht bemerkte.

Ich wusste, wie er mich angesehen hatte, als er mir am Fluss den Ring gegeben hatte.

Ich wusste, wie sich seine Hand in meiner angefühlt hatte.

Ich wusste, wie er „Bella“ gesagt hatte.

Aber für ihn waren all diese Dinge nur Seiten in einem alten Buch.

Ein Buch, das zufällig sein eigenes Leben erzählte.

Ich stand in der Küche und starrte auf zwei Tassen, die vor mir auf der Arbeitsplatte standen.

Eine davon war vollkommen überflüssig.

Jasper trank nichts.

Trotzdem hatte ich sie hingestellt.

Eine alte Gewohnheit.

Ich nahm eine der Tassen und musste lächeln.

„Du machst das schon wieder.“

Ich drehte mich um.

Jasper lehnte im Türrahmen.

Seine Arme waren vor der Brust verschränkt. Sein Blick lag auf der Tasse in meiner Hand.

„Was?“

„Du stellst mir Dinge hin, die ich nicht brauche.“

Ich sah auf die Tasse.

„Ich weiß.“

„Warum?“

Die Frage war vollkommen ernst gemeint.

Ich stellte die Tasse zurück.

„Weil ich es fast hundert Jahre lang getan habe.“

Sein Gesicht veränderte sich kaum.

Aber ich spürte etwas.

Keine klare Emotion. Nur dieses kaum wahrnehmbare Ziehen, das ich inzwischen bei ihm erkennen konnte.

Neugier.

Vielleicht auch etwas anderes.

„Ich habe heute Morgen daran gedacht“, sagte er.

Ich hob den Blick.

„Woran?“

„An deine Küche.“

Ich blinzelte.

„Meine Küche?“

Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Nicht diese.“

Er deutete mit dem Kopf auf den Raum um uns.

„Die aus dem Tagebuch.“

Mein Herz machte einen schmerzhaften Satz.

Natürlich.

Die Küche, die er nie bekommen hatte.

Die Küche aus seinen Zeichnungen.

Die Küche, in der er sich mich vorgestellt hatte.

„Du hast viel über ein Haus geschrieben“, sagte ich leise.

„Ja.“

„Und über einen Garten.“

„Sehr viel über einen Garten.“

Ich lächelte.

„Du warst ziemlich besessen von Rosen.“

„Offenbar.“

„Und Lavendel.“

„Auch davon.“

Er schwieg einen Moment.

Dann sah er mich an.

„Und von dir.“

Ich konnte nichts darauf antworten.

Nicht sofort.

Es wäre so leicht gewesen, diesen Satz als Hoffnung zu nehmen.

Als Zeichen.

Als Beweis.

Aber ich durfte das nicht.

Nicht für mich.

Nicht für ihn.

„Das war der Jasper von damals“, sagte ich schließlich.

Er nickte langsam.

„Ich weiß.“

Seine Stimme war ruhig.

„Aber er war ich.“

Ich sah ihn an.

„Ja.“

„Das macht es kompliziert.“

Ein kleines, trauriges Lächeln zog über mein Gesicht.

„Sehr.“

Er kam näher.

Nur einen Schritt.

Trotzdem spannte sich alles in mir an.

Nicht aus Angst.

Aus Erinnerung.

Er blieb neben der Arbeitsplatte stehen und sah auf meine Hände.

„Darf ich dich etwas fragen?“

„Alles.“

„Wie war ich?“

Ich musste lächeln.

„Als Mensch?“

„Ja.“

Ich dachte darüber nach.

„Stur.“

Er hob eine Augenbraue.

„Das überrascht mich nicht.“

„Sehr pflichtbewusst.“

„Auch nicht.“

„Manchmal ziemlich schlecht darin, über seine Gefühle zu sprechen.“

Er sah mich an.

„Das klingt wiederum sehr vertraut.“

Ich lachte leise.

Und für einen Moment war da etwas.

Etwas so Vertrautes, dass mir beinahe die Luft wegblieb.

Nicht die Vergangenheit.

Nicht das Bild aus meinem Kopf.

Er.

Hier.

Jetzt.

Jasper lächelte ebenfalls.

Und ich erkannte den Mann, den ich vor so langer Zeit am Fluss gekannt hatte.

Nicht vollkommen.

Nur einen kleinen Teil.

Aber genug.

Er betrachtete mich weiter.

„Und was noch?“

Ich sah auf meine Hände.

„Du hast mich immer zum Lachen gebracht.“

„Ich?“

„Ja.“

„Ich dachte, ich wäre der grimmige Major gewesen.“

„Das warst du auch.“

„Und trotzdem habe ich dich zum Lachen gebracht?“

„Gerade deshalb.“

Er schmunzelte.

Dann wurde sein Gesicht wieder ernst.

„Hast du mich wirklich nie aufgehört zu lieben?“

Die Frage traf mich härter als jede andere.

Ich hätte ihm hundert Antworten geben können.

Aber eigentlich gab es nur eine.

„Nein.“

Er senkte den Blick.

Ich erwartete beinahe, dass er sich zurückziehen würde.

Stattdessen blieb er.

„Wie schafft man das?“

Meine Kehle wurde eng.

„Man schafft es nicht.“

Er sah wieder zu mir.

„Was meinst du?“

„Man entscheidet sich nicht jeden Morgen dafür, jemanden zu lieben. Irgendwann ist es einfach da.“

Ich atmete langsam ein.

„Und irgendwann ist so viel Zeit vergangen, dass man gar nicht mehr weiß, wie man ohne dieses Gefühl sein soll.“

Er sagte nichts.

Ich wollte ihn nicht mit meinen Erinnerungen belasten.

Nicht mit all den Jahren.

Nicht mit dem Kind, das ich allein großgezogen hatte.

Nicht mit den Nächten, in denen ich mich gefragt hatte, ob er irgendwo auf dieser Welt weiterlebte.

Er hatte genug erfahren.

Mehr als genug.

„Du musst mich nicht wieder lieben“, sagte ich leise.

Sein Blick wurde sofort scharf.

„Bella—“

„Nein.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich meine das ernst.“

Ich trat einen Schritt zurück.

„Ich will nicht, dass du versuchst, der Jasper aus deinem Tagebuch zu werden.“

Seine Miene wurde still.

„Ich will dich.“

Er sah mich lange an.

„Auch wenn ich mich nicht erinnere?“

„Gerade dann.“

Ich lächelte schwach.

„Wenn du dich irgendwann wieder in mich verliebst, dann soll es sein, weil du mich kennengelernt hast. Nicht, weil ein Mann vor hundert Jahren es getan hat.“

Er schwieg.

Lange.

Dann fragte er:

„Und wenn es nicht passiert?“

Das war die Frage, vor der ich mich gefürchtet hatte.

Ich zwang mich, ihn anzusehen.

„Dann werde ich damit leben.“

Er glaubte mir nicht.

Ich sah es in seinem Gesicht.

Vielleicht weil ich selbst nicht wusste, ob ich es könnte.

Er trat näher.

Diesmal blieb er nicht auf Abstand.

Nur wenige Zentimeter trennten uns.

„Du bist erstaunlich.“

Ich lächelte.

„Das hat man mir schon einmal gesagt.“

„Von mir?“

„Mehr als einmal.“

Er lächelte.

Dann hob er langsam die Hand.

Ich hielt den Atem an.

Seine Finger berührten meine Wange.

Nur ganz leicht.

Eine vorsichtige Bewegung.

Als müsste er selbst herausfinden, ob er das durfte.

Seine Augen blieben auf meinem Gesicht.

„Ich weiß nicht, warum ich das tun wollte.“

Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Du musst es nicht wissen.“

Sein Daumen strich ganz langsam über meine Wange.

Und dann geschah etwas Seltsames.

Nicht in meinem Kopf.

In ihm.

Ich konnte es sehen.

Jasper schloss für einen Moment die Augen.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Fluss“, murmelte er.

Mein Herz blieb stehen.

„Was?“

Er öffnete die Augen.

„Ich sehe nichts.“

Er runzelte die Stirn.

„Aber ich habe plötzlich das Gefühl, dass ich deine Hand schon einmal genau so gehalten habe.“

Tränen stiegen mir in die Augen.

Ich lächelte trotzdem.

„Das hast du.“

Er sah mich an.

„Sehr oft?“

„Sehr.“

Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Dann werde ich wohl damit anfangen müssen, es wieder zu lernen.“

Ich lachte leise durch meine Tränen.

„Langsam.“

„Langsam“, wiederholte er.

Er nahm seine Hand nicht sofort weg.

Und ich ließ ihn.

Zum ersten Mal seit hundert Jahren wartete ich nicht darauf, dass Jasper zurückkam.

Ich wartete darauf, dass er blieb.

Nicht als der Mann aus meinen Erinnerungen.

Nicht als der Mann aus seinem Tagebuch.

Sondern als der Mann, der gerade vor mir stand.

Und vielleicht war genau das der Anfang, auf den ich so lange gewartet hatte.