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Wer wir geworden sind

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Wer wir geworden sind

Bellas POV:

Ich hatte vergessen, wie sich Hoffnung anfühlte.

Nicht die große, laute Hoffnung, die einen glauben ließ, dass alles wieder so werden konnte wie früher.

Diese Hoffnung war gefährlich.

Sie hatte zu viel Gewicht.

Nein, es war etwas Kleineres.

Ein leises Erwarten.

Ein Vielleicht kommt er morgen wieder.

Und genau das machte mir Angst.

Denn Jasper war gegangen, nachdem wir gemeinsam gekocht hatten.

Natürlich hatte er kaum etwas gegessen. Er hatte trotzdem so getan, als müsse er unbedingt herausfinden, ob meine Kochkünste wirklich so schlecht gewesen waren, wie ich behauptet hatte.

Am Ende hatte er fast ausschließlich geredet.

Und ich hatte ihm zugehört.

Über Alice.

Über Carlisle.

Über die Jahre, die er mit ihnen verbracht hatte.

Über die vielen Orte, die er gesehen hatte.

Über Dinge, von denen ich nie etwas gewusst hatte.

Ich hatte einen Mann kennengelernt, der mein Jasper war und gleichzeitig nicht mein Jasper war.

Und ich wollte ihn kennenlernen.

Nicht nur den Teil, der zu mir gehörte.

Am nächsten Nachmittag klopfte es an meiner Tür.

Ich wusste sofort, wer es war.

Nicht, weil ich ihn hören konnte.

Nicht, weil ich seine Gefühle spürte.

Sondern weil ich seit einer Stunde immer wieder zur Uhr gesehen hatte.

Ich öffnete.

Jasper stand davor.

„Hallo.“

Ich lächelte.

„Hallo.“

Er hielt etwas in der Hand.

Ein kleines Buch.

„Was ist das?“

„Ich habe gedacht, wenn du mir etwas über dich erzählen sollst, solltest du vielleicht damit anfangen.“

Er hielt es mir hin.

Ich nahm es.

„Ein Buch?“

„Dein medizinisches Zeug.“

Ich sah auf den Einband.

„Das ist mein altes Ausbildungsbuch.“

„Ich weiß.“

„Woher?“

„Du hast gestern erwähnt, dass du Medizin gelernt hast.“

Ich sah ihn an.

„Du hast dir das gemerkt.“

„Ja.“

Es war nur ein Satz.

Aber er blieb in mir hängen.

„Warum?“

Er zuckte mit einer Schulter.

„Weil ich wissen wollte, was du gemacht hast.“

Ich senkte den Blick.

Das war neu.

Jasper wollte etwas über mich wissen.

Nicht über seine Vergangenheit.

Nicht über das, was ich ihm verschwiegen hatte.

Über mich.

Ich trat zur Seite.

„Komm rein.“

Er folgte mir.

Wir gingen ins Wohnzimmer.

Diesmal setzte er sich nicht mir gegenüber.

Er setzte sich neben mich.

Nicht zu nah.

Aber auch nicht auf Abstand.

Ich schlug das Buch auf.

„Das ist ungefähr hundert Jahre alt.“

„Das dachte ich mir.“

„Es ist furchtbar langweilig.“

„Dann verstehe ich, warum du es aufgehoben hast.“

Ich lachte.

„Du wirst frecher.“

„Vielleicht habe ich einfach mehr Übung.“

Ich sah ihn von der Seite an.

„Mit mir?“

Er erwiderte meinen Blick.

„Mit dir.“

Mein Herz stolperte.

Ich wandte mich wieder dem Buch zu.

„Also gut. Was willst du wissen?“

„Alles.“

Ich hob den Kopf.

„Alles?“

„Nicht heute.“

Ich lächelte.

„Gut.“

Er sah auf meine Hände.

„Wie bist du Ärztin geworden?“

Ich erzählte ihm von England.

Von den ersten Jahren nach seinem Verschwinden.

Von den langen Schichten.

Von der Angst, dass ich nicht gut genug sein könnte.

Von den Patienten, deren Namen ich noch Jahre später kannte.

Von der Erkenntnis, dass Menschen nicht immer gerettet werden konnten.

Er hörte zu.

Er unterbrach mich kaum.

Aber ich bemerkte etwas.

Jasper beobachtete mich.

Nicht wie jemand, der eine Geschichte über seine Vergangenheit hörte.

Sondern wie jemand, der eine Person kennenlernte.

Als ich fertig war, fragte er:

„Und warum hast du nie aufgehört?“

Ich sah ihn an.

„Weil es mir geholfen hat.“

„Wobei?“

Ich schwieg einen Moment.

„Nicht immer an dich zu denken.“

Sein Gesicht wurde traurig.

„Bella.“

„Es ist okay.“

Ich legte das Buch zur Seite.

„Ich habe irgendwann verstanden, dass ich weiterleben muss. Nicht weil ich dich vergessen wollte. Sondern weil du mir gesagt hast, dass ich leben soll.“

Er nickte langsam.

„Das steht in meinem Brief.“

„Ja.“

„Den hast du auch behalten.“

„Natürlich.“

Sein Blick wanderte durch den Raum.

„Hast du eigentlich alles behalten?“

Ich musste lächeln.

„Nicht alles.“

„Was denn?“

„Deine Briefe.“

„Ja.“

„Die Zeichnungen.“

Er nickte.

„Die Holzfigur.“

Seine Augen wurden größer.

„Du hast den Vogel noch?“

„Ja.“

„Ich dachte, der wäre längst kaputt.“

„Er ist ziemlich ramponiert.“

Ich stand auf.

„Warte.“

Ich ging ins Schlafzimmer und holte die kleine Schachtel.

Als ich zurückkam, saß Jasper noch genauso da.

Ich setzte mich neben ihn und öffnete sie.

Der kleine Holzvogel lag darin.

Alt.

Abgenutzt.

Eine Seite war leicht eingerissen.

Jasper nahm ihn vorsichtig.

Er sagte nichts.

Seine Finger strichen über das Holz.

„Den habe ich gemacht.“

„Ja.“

„Ich erinnere mich nicht daran.“

„Das musst du auch nicht.“

Er drehte den Vogel in seiner Hand.

„Aber ich weiß noch, wie ich gerne geschnitzt habe.“

Ich lächelte.

„Du hast ständig irgendetwas geschnitzt.“

„Und Major?“

Ich musste lachen.

„Was ist mit Major?“

„Du hast gestern von ihm erzählt.“

„Du erinnerst dich an den Hund?“

„Nicht an ihn selbst.“

Er sah auf den Vogel.

„Aber ich hatte plötzlich das Gefühl, dass irgendwo ein Hund neben uns liegt.“

Mir wurde warm.

„Er hat dich geliebt.“

„Das kann ich verstehen.“

Ich stieß ihn leicht mit der Schulter an.

„Natürlich.“

Er lächelte.

Dann wurde er still.

„Wie lange hattest du ihn?“

„Bis ich nach England ging."

„Und danach?“

„Danach hatte ich keinen Hund mehr.“

„Warum?“

Ich sah auf den Boden.

„Weil ich wusste, dass ich irgendwann wieder Abschied nehmen müsste.“

Jasper schwieg.

Ich wusste nicht, ob er verstand, was ich damit meinte.

Vielleicht tat er es.

Vielleicht nicht.

Nach einer Weile legte er den Holzvogel zurück.

„Du hast sehr viel verloren.“

Ich sah ihn an.

„Ja.“

„Und trotzdem bist du geblieben.“

„Ich hatte Gründe.“

„Deinen Sohn.“

Ich lächelte.

„Jasper Jr. war der größte davon.“

Sein Gesicht veränderte sich bei dem Namen.

Es war noch immer ungewohnt, ihn so zu sehen.

Jasper.

Sein Vater.

Mein Sohn.

Derselbe Name.

„Wie war er als Kind?“, fragte er.

Ich lächelte sofort.

„Anstrengend.“

Er lachte.

„Das habe ich mir gedacht.“

„Sehr neugierig. Er wollte alles wissen.“

„Wie du.“

„Nein.“

„Doch.“

„Ich war viel vernünftiger.“

Er sah mich skeptisch an.

„Du bist nach England gegangen, hast Medizin gelernt und fast hundert Jahre auf einen verschwundenen Mann gewartet.“

Ich verschränkte die Arme.

„Das klingt tatsächlich nicht besonders vernünftig.“

Er grinste.

„Ich mag deine Version trotzdem.“

Ich sah ihn an.

„Welche?“

„Die, in der du nicht vernünftig bist.“

Ich musste lachen.

Und plötzlich war da wieder dieses Gefühl.

Diese Leichtigkeit.

Ich fragte mich, ob Jasper es auch bemerkte.

Er tat es.

Ich sah es an seinem Gesicht.

Er betrachtete mich einige Sekunden lang.

„Was?“, fragte ich.

„Nichts.“

„Du starrst.“

„Ich weiß.“

„Warum?“

Er antwortete erst nach einer Weile.

„Weil du anders bist, als ich dich aus dem Tagebuch kenne.“

Ich lächelte.

„Natürlich.“

„Du bist ruhiger.“

„Ich bin fast hundert Jahre älter.“

„Das meinte ich nicht.“

Er sah mich weiter an.

„Du hast etwas an dir, das damals noch nicht da war.“

Ich wartete.

„Was?“

„Sicherheit.“

Ich musste beinahe lachen.

„Das ist lustig.“

„Warum?“

„Weil ich mich selbst überhaupt nicht als sicher empfinde.“

Er schüttelte den Kopf.

„Du hast gelernt, Dinge allein zu tragen.“

Ich wurde still.

„Vielleicht.“

Er sah auf meine Hände.

„Ich glaube, ich möchte wissen, was du geworden bist.“

Mein Herz schlug schneller.

„Und ich möchte wissen, was aus dir geworden ist.“

Er lächelte.

„Dann haben wir wohl noch einiges zu erzählen.“

„Ja.“

Er stand auf.

Ich dachte, er würde jetzt gehen.

Stattdessen blieb er vor mir stehen.

„Morgen?“

Ich sah zu ihm auf.

„Morgen was?“

„Erzählst du mir noch etwas?“

Ich lächelte.

„Natürlich.“

„Gut.“

Er ging zur Tür.

Kurz bevor er sie öffnete, drehte er sich noch einmal um.

„Bella?“

„Ja?“

„Der Vogel.“

„Hm?“

„Bewahr ihn noch ein bisschen auf.“

Ich lächelte.

„Das hatte ich sowieso vor.“

Er nickte.

Dann war er weg.

Ich blieb noch eine Weile stehen.

In meiner Hand lag die kleine Schachtel.

Und in meinem Herzen etwas, das ich seit Jahrzehnten nicht mehr zuzulassen gewagt hatte.

Nicht die Gewissheit, dass Jasper mich wieder lieben würde.

Dafür war es viel zu früh.

Aber die Gewissheit, dass er mich kennenlernen wollte.

Und vielleicht war Liebe manchmal genau dort wiederzufinden.

Nicht in dem, was man verloren hatte.

Sondern in dem, was man gemeinsam neu entdeckte.