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Drei Menschen

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Drei Menschen

Bellas POV:

Es dauerte nicht lange, bis sich etwas veränderte.

Nicht plötzlich.

Nicht so, dass ich eines Morgens aufwachte und dachte, alles sei wieder wie früher.

Es war viel unscheinbarer.

Jasper kam am nächsten Tag wieder.

Und am Tag danach.

Und irgendwann hörte ich auf, mich darüber zu wundern.

Manchmal blieb er nur eine Stunde.

Manchmal den ganzen Nachmittag.

Wir redeten.

Über alles und nichts.

Über Bücher.

Über Musik.

Über die Orte, die er gesehen hatte.

Über England, wo ich so viele Jahre verbracht hatte.

Über seine Familie.

Über meinen Sohn.

Und manchmal über die Vergangenheit.

Aber immer seltener.

Das war vielleicht das Schönste daran.

Denn irgendwann mussten wir nicht mehr ständig darüber sprechen, was gewesen war.

Wir konnten anfangen, darüber zu sprechen, was sein könnte.

An diesem Nachmittag saß Jasper in meinem Garten und versuchte, einen kleinen Holztisch zu reparieren.

„Du machst das falsch.“

Er sah zu mir auf.

„Ich habe noch nicht einmal angefangen.“

„Genau.“

Er hielt den Schraubenzieher in der Hand.

„Dann zeig es mir.“

Ich nahm ihn ihm ab.

„Hier.“

Ich kniete mich neben ihn.

„Du musst die Schraube erst richtig ansetzen.“

„Ich weiß, wie man einen Tisch repariert.“

„Offensichtlich nicht.“

Er sah mich an.

„Du bist sehr kritisch.“

„Ich möchte nur verhindern, dass du den Tisch zerstörst.“

„Das ist nett von dir.“

„Ich bin grundsätzlich nett.“

Er lächelte.

„Das weiß ich.“

Ich sah ihn kurz an.

Dann wandte ich mich wieder dem Tisch zu.

Es waren solche Momente, die mich manchmal völlig unvorbereitet trafen.

Nicht die großen.

Nicht der Kuss.

Nicht der Ring.

Nicht die Briefe.

Sondern ein Jasper, der mit mir im Garten saß und sich darüber beschwerte, dass ich ihm nicht zutraute, einen Tisch zu reparieren.

Ein Jasper, der mich zum Lachen brachte.

Ein Jasper, der nicht mehr ständig nach Antworten suchte.

Er wollte einfach bei mir sein.

„Mama?“

Ich sah auf.

Jasper Jr. stand am Gartentor.

Mein Sohn.

Ich musste noch immer manchmal bewusst daran denken, dass er erwachsen war.

In meinem Kopf war er gelegentlich noch der kleine Junge, der mit dreckigen Händen nach Hause kam und mir erklären wollte, warum er unbedingt noch eine Stunde draußen spielen musste.

Heute war er ein erwachsener Mann.

Und er sah seinem Vater so ähnlich, dass es mir manchmal noch den Atem nahm.

„Hey.“

Er kam näher.

Sein Blick fiel auf Jasper.

„Du schon wieder.“

Jasper grinste.

„Ich habe einen schlechten Einfluss auf deine Mutter.“

Jasper Jr. sah mich an.

„Das glaube ich sofort.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ihr beide seid unmöglich.“

Mein Sohn setzte sich auf die andere Seite des Tisches.

„Was macht ihr?“

„Dein Vater versucht, den Tisch zu reparieren.“

Jasper Jr. sah auf den Schraubenzieher.

„Versucht?“

„Sie ist überzeugt, dass ich es nicht kann.“

„Ich kenne Mama.“

Ich verschränkte die Arme.

„Du bist nicht auf meiner Seite.“

„Ich bin neutral.“

„Natürlich.“

Jasper Jr. lachte.

Es war ein ganz gewöhnlicher Moment.

Und vielleicht war genau das so besonders.

Mein Sohn saß mit seinem Vater in meinem Garten.

Der Mann, von dem ich ihm fast sein ganzes Leben erzählt hatte, war plötzlich kein Bild mehr.

Kein Name.

Kein Grab.

Er war hier.

Er machte schlechte Witze.

Er stritt mit mir über einen Tisch.

Und mein Sohn wusste endlich, wie seine Stimme klang.

Ich sah die beiden an.

Sie waren sich ähnlicher, als Jasper wahrscheinlich bemerkte.

Nicht nur äußerlich.

Auch in den kleinen Dingen.

Die Art, wie sie den Kopf leicht schief legten.

Das gleiche kurze Lächeln.

Diese bestimmte Ruhe, wenn sie über etwas nachdachten.

„Was?“, fragte Jasper Jr.

Ich blinzelte.

„Nichts.“

„Du starrst uns an.“

„Ihr seht euch ähnlich.“

Jasper sah seinen Sohn an.

„Das höre ich inzwischen ziemlich oft.“

„Gewöhn dich daran“, sagte ich.

Jasper Jr. stand wieder auf.

„Ich muss los.“

„Zu Alice?“, fragte ich.

Er lächelte.

„Ja.“

Ich sah, wie Jasper Jr.s Gesicht sofort weicher wurde.

Es war ein anderer Blick als der, den er mir oder seinem Vater zuwarf.

Wärmer.

Verliebter.

Ich musste lächeln.

Jasper bemerkte es.

„Was?“

„Nichts.“

„Ihr habt beide diese Angewohnheit.“

„Welche?“

„Immer zu sagen, dass nichts ist, wenn offensichtlich etwas ist.“

Jasper Jr. lachte.

„Dann passt ihr ja zusammen.“

Er ging.

Ich sah ihm nach.

Jasper blieb neben mir stehen.

„Alice.“

„Hm?“

„Sie bedeutet ihm viel.“

„Sehr.“

„Er ist glücklich.“

„Ja.“

Jasper sah noch einen Moment in Richtung Gartentor.

„Das freut mich.“

Ich legte meine Hand auf seinen Arm.

„Er hat lange darauf gewartet, dich kennenzulernen.“

„Ich weiß.“

„Und er hatte Angst, dass du ihn nicht willst.“

Jasper sah mich an.

„Das könnte ich nicht.“

„Ich weiß.“

Wir standen schweigend nebeneinander.

Dann nahm er meine Hand.

„Ich habe etwas verstanden.“

„Was?“

„Ich hatte Angst, dass ich alles nachholen muss.“

Ich sah ihn fragend an.

„Mit ihm.“

Er sah auf unsere Hände.

„Aber ich kann seine Vergangenheit nicht nachholen.“

„Nein.“

„Ich kann nur seine Gegenwart kennenlernen.“

Ich lächelte.

„Genau.“

Er drückte meine Hand.

„Und bei dir ist es genauso.“

Ich wusste sofort, was er meinte.

„Ja.“

Er sah mich an.

„Ich kann nicht der Mann werden, auf den du hundert Jahre gewartet hast.“

Ich schluckte.

„Das musst du nicht.“

„Aber ich kann der Mann sein, der jetzt neben dir steht.“

Ich lächelte.

„Das bist du schon.“

Er hob meine Hand an seine Lippen.

Diesmal fühlte es sich nicht mehr wie etwas an, das vorsichtig ausprobiert wurde.

Es war vertraut geworden.

Seine Berührung.

Sein Blick.

Seine Nähe.

Und trotzdem war es neu.

„Ich möchte dich etwas fragen“, sagte er.

„Was?“

„Was hast du dir eigentlich gewünscht, als du so lange auf mich gewartet hast?“

Ich musste darüber nachdenken.

„Früher?“

„Ja.“

„Dass du zurückkommst.“

„Und jetzt?“

Ich sah ihn an.

„Dass du bleibst.“

Er lächelte.

„Das kann ich.“

„Du kannst nicht versprechen, dass du für immer bleibst.“

„Das ist wahr.“

Er zog mich ein wenig näher.

„Aber ich kann versprechen, dass ich nicht gehe, nur weil ich Angst bekomme.“

Meine Augen wurden feucht.

„Das wäre ein Anfang.“

„Dann machen wir daraus einen.“

Er küsste mich.

Nicht hastig.

Nicht vorsichtig.

Einfach.

Als wäre es inzwischen selbstverständlich geworden.

Ich legte meine Arme um ihn.

Und während ich ihn hielt, wurde mir etwas bewusst.

Ich hatte so lange darauf gewartet, dass Jasper sich an mich erinnerte.

Aber vielleicht war das gar nicht mehr das Wichtigste.

Denn inzwischen lernte ich einen neuen Jasper kennen.

Einen Mann, der mich nicht nur aus einer Erinnerung heraus ansah.

Einen Mann, der wissen wollte, was ich heute liebte.

Einen Mann, der meinen Sohn kennenlernen wollte.

Einen Mann, der freiwillig zu mir kam.

Und ich?

Ich begann, mich ebenfalls neu in ihn zu verlieben.

Nicht in den Major von damals.

Nicht in den Mann aus meinen Erinnerungen.

Sondern in den Jasper, der vor mir stand.

Der mich ärgerte.

Der mich zum Lachen brachte.

Der meine Hand nahm, ohne darüber nachzudenken.

Der Angst hatte und trotzdem blieb.

Vielleicht war das die eigentliche zweite Chance.

Nicht unsere alte Liebe zurückzubekommen.

Sondern herauszufinden, dass sie noch einmal entstehen konnte.

Auf dieselbe Weise.

Und doch vollkommen neu.

Jaspers POV:

Ich hatte nicht erwartet, dass es so schwierig sein würde.

Nicht das Gespräch mit meinem Sohn.

Nicht seine Nähe.

Nicht einmal die Tatsache, dass ich inzwischen wusste, wer er war.

Schwierig war etwas viel Einfacheres.

Zu wissen, was ein Vater mit seinem Sohn tat.

Ich hatte Männer ausgebildet. Hatte ihnen beigebracht, wie man einen Angriff überlebte, wie man einen Gegner einschätzte, wie man seine Angst kontrollierte. Ich hatte Entscheidungen getroffen, bei denen das Leben von Dutzenden Menschen von einem einzigen Befehl abhing.

Aber einem jungen Mann gegenüberzusitzen und ihn zu fragen, was er am Wochenende machen wollte, brachte mich beinahe aus dem Konzept.

Jasper Jr. saß mir gegenüber am Küchentisch.

Bella war vor ungefähr einer Stunde gegangen, um einige Dinge in der Stadt zu erledigen. Sie hatte uns beide angesehen, dann dieses kleine Lächeln aufgesetzt, das mir inzwischen verriet, dass sie genau wusste, was sie tat.

„Ihr zwei könntet mal etwas zusammen unternehmen.“

Ich hatte noch gefragt, was sie darunter verstand.

Sie hatte nur mit den Schultern gezuckt.

„Irgendwas.“

Das war nicht besonders hilfreich gewesen.

Also saß ich nun hier.

Mein Sohn.

Und ich.

Allein.

„Du starrst mich an“, sagte Jasper schließlich.

Ich hob eine Augenbraue.

„Tue ich das?“

„Seit ungefähr fünf Minuten.“

„Dann muss ich wohl etwas Interessantes an dir gefunden haben.“

Er grinste.

Es war dasselbe schiefe Grinsen, das ich bereits bei mir selbst bemerkt hatte.

Es war irritierend.

Und gleichzeitig seltsam vertraut.

„Du machst das auch“, sagte er.

„Was?“

„Wenn du nicht weißt, was du sagen sollst, wirst du sarkastisch.“

Ich lehnte mich zurück.

„Das ist eine ziemlich gewagte Behauptung.“

„Ich kenne dich inzwischen ein bisschen.“

Das Wort blieb zwischen uns hängen.

Kennen.

Ich betrachtete ihn.

Zwanzig Jahre.

So alt war er ungefähr gewesen, als er verwandelt worden war. Sein Leben hatte längst stattgefunden, bevor ich überhaupt erfahren hatte, dass es ihn gab.

Und trotzdem saß er jetzt hier.

Mein Sohn.

„Was hast du eigentlich früher mit deiner Mutter gemacht?“, fragte ich.

Sein Gesicht wurde weicher.

„Früher?“

„Bevor ihr hierhergekommen seid.“

Er überlegte.

„Vieles.“

„Das ist präzise.“

„Du wolltest wissen, was wir gemacht haben, nicht eine vollständige Biografie.“

Ich musste lächeln.

„Fair.“

Er stand auf.

„Komm.“

Ich sah ihm nach.

„Wohin?“

„Du wolltest Vater sein.“

Ich blinzelte.

„Ich erinnere mich.“

„Dann musst du anfangen.“

„Und wie?“

Er öffnete die Haustür.

„Keine Ahnung. Aber du bist der Vater.“

Ich folgte ihm nach draußen.

Wir gingen zunächst einfach durch den Wald.

Es war erstaunlich, wie wenig wir sagen mussten.

Mit jedem Schritt wurde mir klarer, dass ich seine Gesellschaft mochte.

Nicht, weil er mein Sohn war.

Das war ein Teil davon.

Aber nicht alles.

Er war ruhig. Beobachtete viel. Hörte zu, bevor er sprach. Und wenn er etwas sagte, dann meistens erst, nachdem er darüber nachgedacht hatte.

„Du bist ziemlich ernst“, sagte ich schließlich.

Er sah mich von der Seite an.

„Das sagt ausgerechnet der Mann, der drei Minuten gebraucht hat, um zu entscheiden, ob er mich fragen darf, was ich gerne mache.“

Ich blieb stehen.

„Hast du das bemerkt?“

„Natürlich.“

„Du hast also absichtlich gewartet.“

„Vielleicht.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Du bist anstrengend.“

„Das sagt Mama auch.“

Bei dem Wort musste ich lächeln.

Mama.

Bella.

Ich hatte lange gebraucht, um zu begreifen, dass diese Frau nicht nur meine Vergangenheit war.

Sie war die Mutter meines Sohnes.

Sie hatte ihn allein großgezogen.

Und trotzdem stand er jetzt neben mir, ohne mir Vorwürfe zu machen.

Ich wusste nicht, ob ich das verdient hatte.

Vielleicht musste ich nicht darüber entscheiden.

„Du hast Medizin studiert“, sagte ich.

„Ja.“

„Warum?“

„Weil ich Menschen helfen wollte.“

Ich sah ihn an.

„Das klingt nach deiner Mutter.“

Er lächelte.

„Das höre ich oft.“

Wir gingen weiter.

„Und warum nicht Geschichte?“, fragte ich.

Er lachte.

„Weil ich nicht wusste, dass ich irgendwann meinen eigenen Vater treffen würde.“

Ich sah ihn an.

Er meinte es als Scherz.

Trotzdem traf es mich.

„Was machst du gerne, wenn du nicht Medizin studierst?“

„Lesen.“

„Was?“

„Alles Mögliche.“

„Das ist wieder sehr präzise.“

„Du stellst schlechte Fragen.“

„Ich habe seit ungefähr einem Jahrhundert keine Gelegenheit gehabt, Vater zu sein.“

Er wurde still.

Ich hatte es ausgesprochen, bevor ich darüber nachdenken konnte.

Er sah auf den Weg vor uns.

„Dann können wir ja üben.“

Ich nickte.

„Das wäre vermutlich sinnvoll.“

Ein paar Schritte später fragte er:

„Was hast du gerne gemacht?“

„Als Mensch?“

„Ja.“

Ich dachte nach.

Die Antwort kam überraschend schnell.

„Gezeichnet.“

Er sah mich an.

„Mama hat deine Zeichnungen aufgehoben.“

Ich blieb stehen.

„Hat sie?“

„Alle.“

Etwas zog sich in meiner Brust zusammen.

„Ich würde sie gerne sehen.“

„Du hast sie gesehen.“

„Nein.“

Er sah mich fragend an.

„Du hast das Haus gesehen.“

Ich brauchte einen Moment.

Dann verstand ich.

Die Zeichnung.

Mein Haus.

Die Veranda.

Der Garten.

Und die kleine Figur, die ich damals nur als Zukunftsbild gezeichnet hatte.

„Das war nicht alles“, sagte er.

„Was meinst du?“

„Es gibt noch mehr.“

Er lächelte.

„Du solltest Mama fragen.“

Ich musste ebenfalls lächeln.

„Das werde ich.“

Später saßen wir auf einer umgestürzten Baumstammkante, obwohl wir beide keine wirkliche Pause brauchten.

Vielleicht war das der Punkt.

Wir mussten nicht.

Wir wollten.

Jasper Jr. betrachtete seine Hände.

„Darf ich dich etwas fragen?“

„Natürlich.“

„Wie ist es für dich?“

„Was?“

„Das alles.“

Ich wusste sofort, was er meinte.

„Verwirrend.“

Er nickte.

„Für mich auch.“

Ich ließ den Blick über den Wald schweifen.

„Ich habe mein menschliches Leben verloren und dachte lange, das wäre einfach eine Tatsache. Etwas, das nicht mehr existiert.“

Ich sah zu ihm.

„Dann kamst du.“

Er schwieg.

„Und plötzlich hatte mein früheres Leben ein Gesicht.“

Seine Augen glänzten leicht.

„Du hattest auch ein Gesicht“, sagte er.

„Wie bitte?“

„Für mich.“

Er lächelte schwach.

„Nur nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.“

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.

Also sagte ich die Wahrheit.

„Ich wünschte, ich hätte dich gekannt.“

Er schluckte.

„Ich auch.“

Eine Weile sagte keiner etwas.

Dann fragte er:

„Hast du Angst vor mir?“

Ich runzelte die Stirn.

„Warum sollte ich?“

„Weil ich dein Sohn bin und du mich nicht kennst.“

Ich sah ihn lange an.

„Nein.“

„Nicht?“

„Ich habe Angst davor, dir nicht gerecht zu werden.“

Er senkte den Blick.

„Du musst mir nichts zurückgeben.“

„Ich weiß.“

„Du kannst meine Kindheit nicht nachholen.“

„Das weiß ich auch.“

Er sah wieder zu mir.

„Dann ist doch alles gut.“

Ich musste leise lachen.

„Du machst es dir ziemlich einfach.“

„Vielleicht.“

Er stand auf.

„Komm.“

„Schon wieder?“

„Ich habe noch etwas.“

Er führte mich zu einem kleinen See, den ich noch nicht kannte.

Das Wasser lag ruhig zwischen den Bäumen.

„Mama und ich waren oft hier“, sagte er.

Ich sah über das Wasser.

„Warum?“

„Weil es ruhig ist.“

Ich nickte.

Das verstand ich.

Wir setzten uns ans Ufer.

Jasper zog etwas aus seiner Jackentasche.

Einen alten Kompass.

Ich betrachtete ihn.

„Der ist alt.“

„Sehr.“

„Woher hast du ihn?“

„Adrian.“

Der Name sagte mir etwas.

„Der Vampir, der euch geholfen hat.“

Er nickte.

„Er hat ihn mir gegeben, als er gegangen ist.“

Ich nahm den Kompass vorsichtig entgegen.

„Er funktioniert noch.“

„Ja.“

Ich öffnete den Deckel.

Die Nadel zitterte kurz.

Dann richtete sie sich aus.

Ich gab ihn zurück.

„Du hast ihn behalten.“

„Immer.“

„Warum?“

Jasper sah auf den Kompass.

„Weil er mich daran erinnert, dass man manchmal lange unterwegs sein muss, bevor man dort ankommt, wo man hingehört.“

Ich sah ihn an.

„Das klingt beinahe poetisch.“

„Ich weiß.“

„Ungewöhnlich.“

Er grinste.

„Vielleicht habe ich das von dir.“

Ich lachte.

Es war ein leises, ehrliches Lachen.

Und plötzlich wurde mir bewusst, wie absurd dieser Moment war.

Ich hatte einen Sohn.

Er saß neben mir.

Wir kannten uns kaum.

Und trotzdem fühlte es sich nicht falsch an.

Nicht fremd.

Nur neu.

Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter.

Er sah mich an.

„Ich weiß nicht, wie man das macht“, sagte ich.

„Was?“

„Vater sein.“

Sein Lächeln wurde kleiner.

Ehrlicher.

„Ich weiß auch nicht, wie man einen Vater hat.“

Ich musste lachen.

„Dann sind wir beide Anfänger.“

„Scheint so.“

Wir saßen noch lange dort.

Und zum ersten Mal dachte ich nicht darüber nach, was mir fehlte.

Nicht über die Jahre.

Nicht über die Vergangenheit.

Nicht darüber, was ich hätte verhindern können.

Ich dachte nur daran, dass mein Sohn neben mir saß.

Und dass wir morgen wieder etwas zusammen machen konnten.

Vielleicht war das alles, was wir brauchten.

Einen Anfang.

Nicht den Anfang, den wir verloren hatten.

Sondern unseren eigenen.