Rausgeworfen
Rausgeworfen
Mein Herz schlug noch immer schneller als gewöhnlich, als ich das Schreiben unter meiner Schürze verbarg.
Ich wartete einen Moment, lauschte.
Nichts.
Nur der Wind, der durch die alten Eichen strich.
Vielleicht hatte mein Vater gar nicht bemerkt, dass jemand hier gewesen war.
Vielleicht...
„Isabella!“
Ich schloss die Augen.
Zu früh gehofft.
Langsam drehte ich mich um.
Er stand in der offenen Haustür.
„Mit wem hast du gesprochen?“
„Mit...“
Ich schluckte.
„Major Whitlock.“
Sein Gesicht wurde augenblicklich hart.
„Ich habe dir verboten, mit ihm zu reden.“
„Er ist einfach gekommen.“
„Und du hast ihn nicht weggeschickt.“
Ich wusste, dass jede Antwort falsch war.
Also schwieg ich.
Er kam langsam die Verandastufen herunter.
Sein Blick blieb an meiner Schürze hängen.
„Was hast du da?“
Unwillkürlich legte ich eine Hand darauf.
Ein Fehler.
Ein großer Fehler.
„Nichts.“
„Zeig es mir.“
„Es ist wirklich nichts.“
Mit zwei schnellen Schritten war er bei mir.
Er packte mein Handgelenk.
„Ich habe gesagt...“
Er riss den zusammengefalteten Zettel aus meiner Schürzentasche.
„...zeig es mir.“
Ich wollte danach greifen.
„Bitte.“
Er entfaltete das Papier.
Seine Augen flogen über die Zeilen.
Mit jedem Satz wurde sein Gesicht dunkler.
„Feldlazarett.“
Er lachte leise.
„Natürlich.“
Er hob den Blick.
„Das war also sein Ziel.“
„Nein!“
„Er will dich mitnehmen.“
„Das stimmt nicht.“
„Lüg mich nicht an!“
Er zerknüllte das Schreiben.
„Du willst tatsächlich von hier verschwinden.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Weil...es stimmte.
Zum ersten Mal hatte ich mir vorgestellt, wie es wäre.
Ein Leben ohne Angst.
Ohne Schläge.
Ohne jeden Morgen aufzuwachen und zu hoffen, dass er gute Laune hatte.
Ich hatte mir erlaubt, davon zu träumen.
Und allein das war offenbar unverzeihlich.
„Sieh mich an!“
Ich hob langsam den Kopf.
„Willst du gehen?“
Ich öffnete den Mund.
Kein Laut.
„Antwort!“
Eine Träne lief über meine Wange.
„Ich...“
Das genügte.
Er brauchte keine Antwort mehr.
Er hatte sie längst gesehen.
Seine Finger schlossen sich um meinen Oberarm.
Härter als jemals zuvor.
„Nach allem, was ich für dich getan habe.“
Ich starrte ihn ungläubig an.
Nach allem...?
„Ich habe dich ernährt!“
Er schüttelte mich.
„Ich habe dir ein Dach über dem Kopf gegeben!“
Mein Kopf schlug gegen den Türrahmen.
Mir wurde schwindelig.
„Du undankbares Mädchen!“
„Bitte...“
„Bitte?“
Er lachte.
„Jetzt fällt dir plötzlich das Betteln ein?“
Er zerrte mich durch die Haustür.
Ich stolperte hinter ihm her.
Der Küchenstuhl fiel um.
Eine Tasse zerbrach auf dem Boden.
Er riss die Schlafzimmertür auf.
„Pack deine Sachen.“
Ich blinzelte verwirrt.
„Was?“
„Hast du mich nicht verstanden?“
Er öffnete den alten Kleiderschrank und begann, meine wenigen Kleider herauszureißen.
„Du willst gehen?“
Ein Kleid landete vor meinen Füßen.
„Dann geh!“
Meine Decke.
Meine Schuhe.
Das Foto meiner Mutter, das Mrs. Callahan mir heimlich geschenkt hatte.
Alles flog in einen alten Leinensack.
„Vater... bitte.“
Er warf mir den Sack vor die Füße.
„Ich bin nicht länger dein Vater.“
Mir blieb die Luft weg.
„Du wolltest Freiheit.“
Er packte mich am Arm.
„Dann bekommst du sie.“
Ich versuchte, mich loszureißen.
„Bitte... ich habe niemanden.“
„Nicht mein Problem.“
Er schleifte mich zur Haustür.
„Bitte!“
Ich weinte jetzt offen.
„Ich kann nirgendwo hin!“
„Dann hättest du vorher nachdenken sollen.“
Er stieß mich die Verandatreppe hinunter.
Ich verlor das Gleichgewicht und fiel in den Staub.
Der Leinensack landete neben mir.
Im nächsten Moment hörte ich nur noch das dumpfe Geräusch der zuschlagenden Haustür.
Dann...
Stille.
Ich blieb reglos sitzen.
Meine Knie brannten.
Meine Hände waren voller Schmutz.
Ich starrte auf die geschlossene Tür.
Vielleicht würde er sie gleich wieder öffnen.
Vielleicht würde er sich beruhigen.
Vielleicht...
Eine Stunde verging.
Dann noch eine.
Niemand öffnete.
Langsam wurde es dunkel.
Der Wind wurde kälter.
Ich zog die Knie an die Brust.
Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich kein Zuhause mehr.
Ich wusste nicht, wohin ich sollte.
Nicht einmal Mrs. Callahan konnte mich aufnehmen.
Sie selbst hatte kaum genug zum Leben.
Und doch brachte ich es nicht über mich, aufzustehen.
Als würde die Veranda noch immer zu meinem Zuhause gehören.
Als dürfte ich sie nur nicht betreten.
Ein fernes Hufgeräusch ließ mich aufschrecken.
Ich wischte mir hastig über das Gesicht.
Vielleicht war es nur ein Reisender.
Vielleicht...
Das Pferd verlangsamte sich.
Blieb vor dem Haus stehen.
Ich hob langsam den Blick.
Im Licht des aufgehenden Mondes erkannte ich sofort die graue Uniform.
Jasper.
Er wollte offenbar nur nach dem Rechten sehen.
Doch als sein Blick auf mich fiel – auf den Leinensack, auf meine verweinten Augen, auf die geschlossene Haustür –, zog sich sein Gesicht schlagartig zusammen.
Er sagte zunächst kein Wort.
Er stieg langsam vom Pferd.
Kam auf mich zu.
Blieb vor mir stehen.
„Bella...?“
Ich brachte kein Wort hervor.
Ich schüttelte nur den Kopf.
Dann flüsterte ich so leise, dass ich es selbst kaum hörte:
„Er hat mich rausgeworfen.“
Jasper sah einen Moment lang zur Haustür.
Dann wieder zu mir.
Etwas in seinem Blick veränderte sich.
Nicht Mitleid.
Entschlossenheit.
Er reichte mir schweigend seine Hand.
„Kommen Sie.“
Ich blickte zu seiner ausgestreckten Hand.
„Wohin?“
„Nach Hause.“
„Ich habe kein Zuhause mehr.“
Seine Stimme blieb ruhig.
„Dann kommen Sie mit in unseres.“
Und zum ersten Mal, seit ich denken konnte, bot mir jemand einen Ort an, an dem ich willkommen war