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Vater und Sohn

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Vater und Sohn

Jaspers POV:

Ich hatte früher geglaubt, dass Familie etwas war, das man besaß.

Einen Namen.

Ein Haus.

Menschen, die zu einem gehörten.

Jetzt wusste ich, dass ich mich geirrt hatte.

Familie war vielleicht eher etwas, das man jeden Tag neu lernte.

Und ich hatte gerade erst angefangen.

Am nächsten Nachmittag stand Jasper Jr. vor meiner Tür.

Er hatte die Hände in den Taschen seiner Jacke und sah mich mit einem Ausdruck an, den ich inzwischen kannte.

„Du hast nichts vor, oder?“

„Nein.“

„Gut.“

Er drehte sich um.

„Dann komm.“

Ich zog eine Augenbraue hoch.

„Du solltest wissen, dass du deinem Vater nicht ständig Befehle erteilen kannst.“

Er sah über die Schulter zurück.

„Du hast gestern selbst gesagt, wir sind beide Anfänger.“

„Das habe ich.“

„Dann üben wir weiter.“

Ich musste lächeln.

„Einverstanden.“

Wir gingen in Richtung Wald.

„Wohin?“

„Jagen.“

Ich sah ihn von der Seite an.

„Du willst mit mir jagen?“

„Ich dachte, das wäre eine gute Vater-Sohn-Aktivität.“

Ich musste lachen.

„Das ist wahrscheinlich die seltsamste Einladung zu einem Familienausflug, die ich je bekommen habe.“

„Wir sind eben keine normale Familie.“

Damit hatte er recht.

Der Wald verschluckte uns nach wenigen Minuten.

Sobald wir tiefer zwischen die Bäume liefen, veränderte sich seine Haltung.

Jasper Jr. wurde konzentrierter.

Ich kannte diesen Ausdruck.

Die Aufmerksamkeit eines Jägers.

Nur war seine Art zu jagen anders als meine.

Er blieb plötzlich stehen.

Ich tat es ebenfalls.

„Was?“

Er hob den Kopf.

„Hirsche.“

Ich lauschte.

Da war es.

Das leise Knacken von Ästen.

Ein Herzschlag.

Dann noch einer.

Ich grinste.

„Zwei.“

„Drei.“

Ich sah ihn an.

„Drei?“

Er deutete nach rechts.

„Der dritte steht weiter hinten.“

Ich konzentrierte mich.

Tatsächlich.

Ich konnte ihn jetzt ebenfalls hören.

„Nicht schlecht.“

„Ich bin Arzt.“

„Was hat das damit zu tun?“

„Anatomie.“

Ich schnaubte.

„Das ist die schlechteste Ausrede, die ich je gehört habe.“

Er grinste.

Dann war er verschwunden.

Ich folgte ihm.

Die Jagd war anders, als ich erwartet hatte.

Nicht wegen des Blutes.

Das war vertraut.

Es war die Art, wie wir uns bewegten.

Jasper Jr. war schnell.

Sehr schnell.

Aber er war kontrolliert.

Er ließ sich nicht von der ersten Spur treiben. Er beobachtete, wartete und wählte den richtigen Moment.

Ich erkannte darin etwas von mir.

Aber auch etwas, das eindeutig nicht von mir stammte.

Seine eigene Disziplin.

Seine eigene Erfahrung.

Als wir später wieder nebeneinander durch den Wald liefen, sagte ich:

„Du bist gut.“

„Danke.“

„Wer hat dir das beigebracht?“

„Mama. Adrian.“

Ich nickte.

„Und du.“

Er sah mich überrascht an.

„Ich?“

„Du hast mir gestern erzählt, dass du mich erst seit Kurzem kennst.“

„Stimmt.“

„Trotzdem habe ich viel von dir gelernt.“

Ich blieb stehen.

„Wie?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Mama hat mir Geschichten erzählt.“

Ich sah ihn an.

„Welche?“

„Wie du Männer ausgebildet hast. Wie du dich verhalten hast. Wie du dich um deine Leute gekümmert hast.“

Ich schwieg.

„Sie hat nie schlecht über dich gesprochen.“

Etwas in mir zog sich zusammen.

„Warum hätte sie auch?“

Er sah mich an.

„Weil du gegangen bist.“

„Ich bin nicht gegangen.“

Er wusste sofort, was ich meinte.

„Ich weiß.“

Ich atmete langsam aus.

„Ich wusste nichts von dir.“

„Ich weiß.“

Er sagte es so selbstverständlich, dass es beinahe schmerzhafter war als jeder Vorwurf.

„Und trotzdem“, fügte er hinzu, „warst du mein Vater.“

Ich sah ihn an.

„Das macht mich traurig.“

„Warum?“

„Weil ich so viel verpasst habe.“

Er schwieg.

Dann sagte er:

„Ich auch.“

Wir gingen weiter.

Nach einer Weile fragte ich:

„Wie war die Jagd für dich, als du frisch verwandelt wurdest?“

Sein Gesicht wurde ernster.

„Schlimm.“

„Erzähl mir davon.“

Er sah zwischen die Bäume.

„Ich konnte Mama riechen.“

Ich wusste sofort, was er meinte.

„Das muss schwer gewesen sein.“

„Sehr.“

„Und du hast dich trotzdem zurückgehalten.“

„Nicht immer.“

Er sah mich an.

„Aber ich habe gelernt.“

Ich nickte.

„Das ist das Entscheidende.“

„Du warst damals anders.“

Ich sah ihn fragend an.

„Wie meinst du das?“

„Ich habe von Maria gehört.“

Seine Stimme wurde vorsichtiger.

„Und von dem, was du getan hast.“

Ich wusste, was er meinte.

Die Neugeborenen.

Die Kämpfe.

Die Menschen, deren Emotionen ich manipuliert hatte.

„Das war eine andere Zeit.“

„Ich weiß.“

„Ich bin nicht stolz darauf.“

„Das weiß ich auch.“

Ich sah ihn an.

Er hatte keine Angst vor mir.

Keine Abscheu.

Nur Verständnis.

Wir fanden schließlich eine kleine Lichtung.

Jasper Jr. ließ sich ins Gras fallen.

Ich blieb stehen.

„Du ruhst dich aus?“

„Nein.“

„Was dann?“

„Ich genieße den Wald.“

Ich setzte mich neben ihn.

„Das konnte ich früher auch.“

„Früher?“

„Als Mensch.“

Er drehte den Kopf.

„Wie warst du als Mensch?“

Ich dachte kurz nach.

„Lauter.“

„Wirklich?“

„Nein.“

Er lachte.

„Das hätte mich auch gewundert.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich glaube, ich war ähnlich wie du.“

„Dann sind wir uns doch ähnlicher als gedacht.“

„Vielleicht.“

Er schwieg einen Moment.

„Hast du als Mensch auch gejagt?“

Ich grinste.

„Nicht so.“

„Schade.“

„Ich habe geschossen.“

Er hob eine Augenbraue.

„Auf Tiere?“

„Manchmal.“

„Das zählt.“

„Du bist heute ziemlich großzügig mit Definitionen.“

Er grinste.

Dann wurde er plötzlich ernst.

„Dad?“

„Ja?“

„Hast du Angst, dass ich dich irgendwann nicht mehr brauche?“

Die Frage überraschte mich.

„Warum sollte ich davor Angst haben?“

„Weil du mich gerade erst kennengelernt hast.“

Ich sah ihn lange an.

„Jasper.“

Er sah mich an.

„Ich will nicht, dass du mich brauchst.“

Er wirkte überrascht.

„Nicht?“

„Nein.“

Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Ich möchte, dass du mich willst.“

Er schwieg.

„Das ist ein Unterschied.“

Sein Blick wurde weich.

„Das möchte ich.“

Ich lächelte.

„Gut.“

Als wir zurückgingen, war die Sonne bereits tiefer gesunken.

Wir liefen nebeneinander.

Nicht vor.

Nicht hintereinander.

Nebeneinander.

Nach einer Weile stieß er mich leicht mit der Schulter an.

„Du bist langsamer geworden.“

Ich sah ihn an.

„Das bildest du dir ein.“

„Du kannst es ruhig zugeben.“

„Ich lasse dich nur gewinnen.“

„Natürlich.“

Ich beschleunigte.

Er ebenfalls.

Ein paar Sekunden später rannten wir durch den Wald.

Ich hörte sein Lachen hinter mir.

Dann überholte er mich.

„Das war unfair.“

„Du hast gesagt, du lässt mich gewinnen.“

„Ich habe gelogen.“

Er lachte noch lauter.

Ich beschleunigte.

Diesmal ließ ich ihn nicht gewinnen.

Wir kamen fast gleichzeitig am Haus an.

Jasper Jr. lehnte sich gegen einen Baum.

„Unentschieden.“

„Keineswegs.“

„Du bist nur ein schlechter Verlierer.“

„Ich bin dein Vater.“

„Das ist keine Antwort.“

„Doch. Für mich schon.“

Er schüttelte lachend den Kopf.

Dann wurde es still.

„Das war schön“, sagte er schließlich.

Ich sah ihn an.

„Ja.“

Er nickte.

„Morgen wieder?“

Ich musste nicht überlegen.

„Morgen wieder.“

Und während er davonlief, blieb ich noch einen Moment stehen.

Ich hatte einen Sohn.

Und zum ersten Mal fühlte sich dieser Satz nicht wie etwas an, das ich erst verstehen musste.

Er fühlte sich wie etwas an, das einfach da war.

Etwas, das wachsen durfte.

Langsam.

Mit jedem gemeinsamen Tag.

Mit jeder Jagd.

Mit jedem Gespräch.

Mit jedem „Dad“, das irgendwann vielleicht nicht mehr überraschend klang.

Aber ich hoffte, dass es das noch lange tun würde.