Die Cullens
Die Cullens
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Jasper mich irgendwann mit zu den Cullens nehmen würde.
Nicht, weil er sich für mich schämte.
Diesen Gedanken hatte ich nicht.
Aber sein Leben dort war etwas, das seit Jahrzehnten bestand. Es hatte nichts mit mir zu tun. Es war entstanden, während ich in England meinen Sohn großgezogen hatte und irgendwann aufgehört hatte, überhaupt noch darüber nachzudenken, wie Jaspers Leben wohl aussehen mochte.
Und nun stand ich vor ihrem Haus.
Ein modernes, helles Gebäude mitten im Wald.
Ich sah zu Jasper.
„Bist du sicher?“
Er sah mich an.
„Ja.“
„Du musst mich nicht vorstellen.“
„Ich weiß.“
„Und wenn du lieber allein mit ihnen sein möchtest—“
„Bella.“
Er nahm meine Hand.
„Ich möchte, dass du sie kennenlernst.“
Ich nickte.
Trotzdem war mein Magen angespannt.
Es war lächerlich.
Ich hatte den Mann vor mir nach fast hundert Jahren wiedergefunden.
Er hatte seinen Sohn kennengelernt.
Ich hatte ihn geküsst.
Ich hatte mit ihm über eine Zukunft gesprochen.
Und trotzdem machte mich eine Tür zu einem fremden Haus nervös.
Jasper bemerkte es natürlich.
„Du musst keine Angst haben.“
Ich sah ihn an.
„Ich habe keine Angst.“
„Du bist angespannt.“
„Das ist etwas anderes.“
„Nicht wirklich.“
Ich verdrehte die Augen.
„Deine Fähigkeit ist manchmal ausgesprochen lästig.“
Er lächelte.
„Ich weiß.“
Dann öffnete er die Tür.
„Da seid ihr ja!“
Alice war die Erste, die uns begrüßte.
Sie kam auf uns zu, blieb aber kurz vor mir stehen.
„Darf ich?“
Ich brauchte einen Moment, bis ich verstand, dass sie meine Hand meinte.
Ich nickte.
Sie nahm sie.
„Endlich.“
Ich lächelte.
„Endlich?“
„Ich wollte dich schon länger richtig kennenlernen.“
„Warum?“
Sie sah kurz zu Jasper.
„Weil du wichtig bist.“
Jasper schwieg.
Alice grinste.
„Und weil Jasper jedes Mal anders aussieht, wenn dein Name fällt.“
„Alice.“
„Was?“
„Du bist nicht verpflichtet, alles auszusprechen.“
„Doch.“
Ich musste lachen.
Und plötzlich war meine Anspannung ein wenig verschwunden.
Carlisle kam ebenfalls dazu.
„Bella.“
„Carlisle.“
Er reichte mir die Hand.
„Schön, dass du da bist.“
„Danke.“
„Wir freuen uns, dich kennenzulernen.“
Hinter ihm standen Esme, Emmett und Rosalie.
Edward lehnte etwas abseits.
Er beobachtete mich.
Nicht unfreundlich.
Eher vorsichtig.
Ich wusste, dass er meine Gedanken nicht vollständig lesen konnte.
Meine Abschirmung war nie perfekt gewesen.
Ich hatte gelernt, sie zu kontrollieren, aber Gefühle ließen sich nicht immer sauber voneinander trennen.
Edward nickte mir zu.
„Bella.“
„Edward.“
Dann war es Emmett, der die Stille brach.
„Also.“
Er sah zwischen Jasper und mir hin und her.
„Ich glaube, wir haben einiges nachzuholen.“
Jasper hob eine Augenbraue.
„Du meinst, du hast einiges zu kommentieren.“
„Das auch.“
Rosalie stieß Emmett leicht mit dem Ellenbogen an.
„Lass sie erstmal ankommen.“
„Ich lasse sie doch ankommen.“
„Du redest.“
„Das kann ich gleichzeitig.“
Ich musste wieder lachen.
Und Jasper sah mich an.
Dieses kleine Lächeln.
Als wäre er erleichtert, dass ich mich wohlfühlte.
Wir saßen später gemeinsam im Wohnzimmer.
Für mich war etwas zu essen vorbereitet worden.
Ich hatte darauf bestanden, dass niemand wegen mir etwas Besonderes machen musste.
Esme hatte trotzdem gekocht.
Jasper saß neben mir.
Seine Hand lag locker auf meinem Knie.
Eine kleine Berührung.
Fast unsichtbar.
Aber für mich bedeutete sie viel.
Ich hörte den anderen zu.
Sie erzählten von der Schule.
Von Forks.
Von Alice' Visionen.
Von Emmetts irgendeinem neuen Sportprojekt.
Es war...
normal.
Seltsam normal.
Und irgendwann bemerkte ich etwas.
Jasper lachte.
Nicht nur wegen mir.
Er lachte mit ihnen.
Er kannte ihre Geschichten.
Ihre Witze.
Ihre Gewohnheiten.
Er wusste, wie Carlisle bestimmte Dinge sagte.
Er wusste, wann Alice absichtlich provozierte.
Er wusste, welche Bemerkung Rosalie nicht mochte.
Er gehörte hierher.
Ich wusste das.
Natürlich wusste ich es.
Aber es zu sehen, war etwas anderes.
Jasper beugte sich zu Emmett.
„Du hast die Wette verloren.“
„Noch nicht.“
„Doch.“
„Das sehen wir morgen.“
„Ich habe es gesehen.“
„Du hast geschummelt.“
Jasper grinste.
Ich sah ihn an.
So leicht.
So selbstverständlich.
Ich kannte dieses Lächeln nicht.
Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich einen Teil von ihm nie kennengelernt hatte.
Nicht weil er ihn vor mir verborgen hatte.
Sondern weil er dieses Leben erst nach mir bekommen hatte.
Ich senkte den Blick.
Mein Essen schmeckte plötzlich nicht mehr.
„Alles in Ordnung?“, fragte Jasper leise.
Ich nickte.
„Natürlich.“
Seine Finger drückten leicht gegen mein Knie.
„Bella.“
„Wirklich.“
Ich lächelte.
„Ich bin nur müde.“
Es war eine Lüge.
Und ich wusste, dass er das wusste.
Aber er sagte nichts.
Später stand ich in der Küche.
Esme räumte gerade einige Teller weg.
„Du musst das nicht machen“, sagte ich.
„Ich weiß.“
Sie lächelte.
„Aber ich möchte.“
Ich nahm ein Glas Wasser.
„Ihr seid sehr nett zu mir.“
„Wir mögen dich.“
Ich sah sie an.
„Obwohl ihr mich kaum kennt.“
„Wir kennen Jasper.“
Ich lächelte.
„Das ist nicht dasselbe.“
Esme legte ein Tuch beiseite.
„Nein.“
Sie sah mich aufmerksam an.
„Aber ich glaube, Jasper würde dich nicht hierherbringen, wenn du ihm nicht wichtig wärst.“
Ich sah auf mein Glas.
„Das weiß ich.“
„Aber?“
Ich antwortete nicht.
Esme drängte nicht.
Vielleicht war das einer der Gründe, warum ich sie mochte.
„Es ist nur seltsam“, sagte ich schließlich.
„Was?“
„Ihn hier zu sehen.“
Ich deutete vage in Richtung Wohnzimmer.
„Er kennt alles. Jeden. Er hat hier ein Zuhause.“
Esme lächelte.
„Das ist sein Zuhause.“
Ich nickte.
Natürlich.
Dann fügte sie hinzu:
„Das bedeutet nicht, dass kein Platz für ein weiteres Zuhause existiert.“
Ich sah sie an.
Bevor ich antworten konnte, hörte ich Schritte.
Jasper.
„Bella?“
Ich stellte das Glas ab.
„Ich gehe kurz nach draußen.“
Er sah mich an.
„Warum?“
„Frische Luft.“
Ich ging.
Ich blieb auf der Veranda stehen.
Die Luft war kühl.
Feucht.
Vertraut.
Forks.
Mein Forks.
Zumindest hatte ich es mir in den letzten Jahren eingeredet.
Ich hörte, wie die Tür hinter mir geöffnet wurde.
Jasper kam hinaus.
„Du bist nicht müde.“
Ich sah ihn an.
„Nein.“
Er trat neben mich.
„Was ist los?“
„Nichts.“
„Bella.“
Ich seufzte.
„Ich weiß nicht, wie ich hier hineinpassen soll.“
Er schwieg.
„In dein Leben.“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Warum musst du irgendwo hineinpassen?“
„Weil du hier ein Leben hast.“
„Ja.“
„Ein richtiges.“
„Und?“
Ich sah ihn an.
„Und ich habe das Gefühl, dass ich darin plötzlich aufgetaucht bin.“
„Das stimmt.“
Die Antwort tat weh.
Er merkte es sofort.
„So meinte ich das nicht.“
„Ich weiß.“
„Bella.“
Er trat näher.
„Du bist nicht plötzlich aufgetaucht.“
„Doch.“
Ich lachte bitter.
„Für dich schon.“
Er schwieg.
„Du hattest dein Leben. Ich hatte meines. Wir haben uns verloren und dann wiedergefunden.“
Ich sah zum Wald.
„Aber du hast hier Menschen, die dich seit Jahren kennen.“
„Seit Jahrzehnten.“
„Genau.“
Meine Stimme wurde leiser.
„Und ich habe dich.“
Er sah mich an.
„Das klingt doch nicht schlecht.“
Ich lächelte schwach.
„Nein.“
Ich sah ihn an.
„Aber reicht dir das?“
Er antwortete sofort.
„Ja.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Du verstehst nicht, was ich meine.“
„Dann erklär es mir.“
„Du hast dein Leben bereits.“
Ich deutete auf das Haus.
„Ich habe hundert Jahre damit verbracht, auf jemanden zu warten, von dem ich dachte, dass er tot ist.“
Er sagte nichts.
„Und jetzt bist du da.“
Ich sah ihn an.
„Aber ich weiß nicht, wo ich in deinem Leben stehen soll.“
Jasper trat einen Schritt näher.
„Neben mir.“
Mein Herz zog sich zusammen.
„Das ist ein schöner Satz.“
„Es ist kein Satz.“
Er nahm meine Hand.
„Es ist das, was ich möchte.“
Ich sah unsere Hände an.
„Aber du hast dieses Leben ohne mich aufgebaut.“
„Ja.“
„Und ich will nicht, dass du es für mich aufgibst.“
„Das verlange ich nicht.“
„Ich will auch nicht, dass du mich irgendwann ansiehst und denkst, dass ich dich von deinem Leben weggezogen habe.“
Sein Blick wurde ernst.
„Bella.“
Er wartete, bis ich ihn ansah.
„Du ziehst mich nirgendwohin.“
Seine Stimme war ruhig.
„Ich komme zu dir.“
Ich konnte nichts sagen.
„Ich habe ein Leben hier“, fuhr er fort. „Das stimmt.“
Er strich mit dem Daumen über meine Hand.
„Aber ich habe mich heute trotzdem entschieden, dich mitzubringen.“
Ich schluckte.
„Warum?“
„Weil ich möchte, dass du Teil davon wirst.“
„Und wenn ich nicht weiß, wie?“
„Dann finden wir es heraus.“
Ich sah ihn an.
„Gemeinsam?“
„Gemeinsam.“
Ich lächelte.
Aber diesmal war es kein glückliches Lächeln.
Es war ein vorsichtiges.
„Ich brauche manchmal etwas Zeit.“
„Dann bekommst du sie.“
„Und vielleicht werde ich manchmal Angst haben.“
„Dann habe ich Geduld.“
„Du kannst nicht wissen, ob du das kannst.“
Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Dann werde ich es lernen.“
Ich lachte leise.
„Du bist heute erstaunlich vernünftig.“
„Ich habe einen guten Lehrer.“
„Wer?“
Er zog mich näher.
„Du.“
Ich legte meine Stirn an seine.
Und für einen Moment war alles ruhig.
Als wir wieder hineingingen, hatte sich die Stimmung verändert.
Nicht unangenehm.
Nur stiller.
Jasper führte mich zurück ins Wohnzimmer.
Jasper Jr. saß dort mit Alice.
Er sah uns an.
Dann unsere Hände.
Dann grinste er.
„Alles gut?“
Ich sah ihn an.
„Alles gut.“
Er nickte.
„Gut.“
Alice sah mich an.
„Du kannst übrigens jederzeit kommen.“
Ich lächelte.
„Danke.“
„Auch ohne Jasper.“
Jasper sah sie an.
„Alice.“
„Was? Ich meine es ernst.“
Ich musste lachen.
„Ich glaube, das werde ich.“
Und diesmal fühlte sich der Gedanke nicht mehr an wie der Versuch, einen Platz in Jaspers Leben zu finden.
Vielleicht musste ich keinen Platz suchen.
Vielleicht konnte ich mir meinen eigenen schaffen.
Neben ihm.
Nicht hinter ihm.
Nicht in seiner Vergangenheit.
Und nicht als Erinnerung an das, was einmal gewesen war.
Sondern hier.
Jetzt.
Mit dem Mann, der mich heute gewählt hatte.