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Das Lager

The Majors Promise — www.fanfiktion.de · All chapters

Das Lager

Ich starrte auf seine ausgestreckte Hand.

Sie schien so fehl am Platz.

Zu sauber.

Zu freundlich.

Zu sicher.

Niemand hatte mir jemals eine Hand gereicht, ohne etwas dafür zu verlangen.

„Bella.“

Seine Stimme war leise.

„Sie müssen nicht hierbleiben.“

Ich blickte zur Haustür.

Noch immer hoffte ein kleiner, törichter Teil von mir, sie würde sich öffnen.

Dass mein Vater herauskommen würde.

Dass er sagen würde, alles sei nur ein Missverständnis gewesen.

Dass ich nach Hause durfte.

Doch die Fenster blieben dunkel.

Kein Laut drang aus dem Haus.

Nichts.

Es war vorbei.

Langsam hob ich meine Hand.

Sie zitterte so sehr, dass ich sie kaum kontrollieren konnte.

Jasper schloss seine Finger vorsichtig um meine.

Nicht fest.

Gerade so, dass ich wusste, er ließ mich nicht fallen.

Er zog mich langsam auf die Beine.

„Haben Sie Schmerzen?“

Ich schüttelte den Kopf.

Das war gelogen.

Mein Arm pochte dort, wo mein Vater mich gepackt hatte.

Meine Hüfte schmerzte vom Sturz.

Und mein Herz...

Ich wusste nicht, ob dieser Schmerz jemals verschwinden würde.

Jasper hob den Leinensack vom Boden auf.

Er runzelte die Stirn.

„Ist das alles?“

Ich nickte.

„Mehr besitze ich nicht.“

Er sagte nichts.

Doch ich bemerkte, wie sich sein Kiefer anspannte.

Er öffnete den Sack nicht.

Er stellte keine Fragen.

Er legte ihn einfach über den Sattel.

„Können Sie reiten?“

„Ein wenig.“

„Gut.“

Er führte sein Pferd näher.

„Steigen Sie auf.“

Ich sah erschrocken zu ihm.

„Und Sie?“

„Ich laufe.“

„Was?“

„Das Pferd trägt uns beide nicht bis zum Lager.“

„Nein.“

Ich schüttelte sofort den Kopf.

„Das kann ich nicht zulassen.“

Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte er.

Ganz leicht.

„Bella.“

Er legte eine Hand beruhigend an den Sattel.

„Ich bin Soldat.“

„Eben deshalb.“

„Ich bin mehr gelaufen als geritten.“

Ich biss mir auf die Lippe.

„Trotzdem.“

Er schien einen Moment nachzudenken.

„Dann machen wir einen Kompromiss.“

„Welchen?“

„Bis zum Fluss reiten Sie.“

Er deutete den Weg entlang.

„Danach wechseln wir.“

Ich wusste, dass er nur wollte, dass ich zustimmte.

Und trotzdem nickte ich.

„In Ordnung.“

Er half mir in den Sattel.

Wieder überraschte mich seine Vorsicht.

Er hätte mich mühelos hinaufheben können.

Stattdessen wartete er geduldig, bis ich selbst das Gleichgewicht gefunden hatte.

Er behandelte mich...

als wäre ich kein Kind.

Nicht schwach.

Sondern einfach ein Mensch.

Das war ungewohnt.

„Bereit?“

„Ja.“

Er griff nach den Zügeln.

Dann liefen wir los.

Die Dunkelheit legte sich langsam über die Landschaft.

Niemand sprach.

Nur das gleichmäßige Schnauben des Pferdes und Jaspers Schritte begleiteten uns.

Nach einer Weile hielt ich es nicht mehr aus.

„Warum?“

Er blickte kurz zu mir.

„Hm?“

„Warum tun Sie das?“

Er antwortete nicht sofort.

„Weil ich Ihnen versprochen habe, dass Sie im Lager nach mir fragen können.“

„Das ist keine Antwort.“

„Doch.“

„Nein.“

Er lächelte kaum merklich.

„Sie geben schnell auf.“

„Nein.“

„Gut.“

Er schwieg wieder.

Dann sagte er schließlich:

„Als ich siebzehn war, starb mein Vater.“

Ich sah überrascht zu ihm.

„Kurz darauf meine Mutter.“

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er plötzlich von sich erzählen würde.

„Ich blieb allein zurück.“

Sein Blick blieb auf den Weg gerichtet.

„Es gab Menschen, die mir geholfen haben.“

Er machte eine kurze Pause.

„Ohne sie wäre ich heute vermutlich nicht hier.“

Ich senkte den Blick.

„Jetzt bin ich an der Reihe.“

Mehr sagte er nicht.

Aber mehr musste er auch nicht sagen.

Nach fast zwei Stunden erreichten wir den Fluss.

Jasper blieb stehen.

„Ab jetzt bin ich dran.“

„Sie haben gesagt, wir wechseln.“

„Das habe ich.“

Ich rutschte vom Pferd.

Diesmal half er mir nicht.

Er wartete einfach, bis ich sicher stand.

Dann schwang er sich mit einer geübten Bewegung in den Sattel.

Es war weit nach Mitternacht, als in der Ferne die ersten Lichter auftauchten.

Dutzende Feuer brannten.

Zelte reihten sich bis zum Horizont.

Pferde standen angebunden zwischen Wagen.

Überall bewegten sich Soldaten.

Einige lachten.

Andere putzten ihre Gewehre.

Manche saßen schweigend am Feuer.

Der Geruch von Rauch, Leder und gekochtem Eintopf lag in der Luft.

Ich blieb stehen.

„Das...“

Mir fehlten die Worte.

„...ist riesig.“

Jasper nickte.

„Willkommen im Lager.“

Mein Magen zog sich zusammen.

„Ich gehöre hier nicht her.“

„Noch nicht.“

„Die werden mich doch niemals aufnehmen.“

„Warten Sie es ab.“

Kaum hatten wir das erste Zelt erreicht, bemerkten uns die Soldaten.

„Major!“

Ein Mann mit dunklem Haar kam auf uns zu.

„Wir haben Sie schon gesucht.“

Sein Blick fiel auf mich.

Dann wieder zu Jasper.

Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht.

„Na sowas.“

Jasper verdrehte kaum merklich die Augen.

„Nathan.“

„Ich stelle keine Fragen.“

„Das wäre auch klüger.“

„Natürlich.“

Der Soldat grinste nur noch breiter.

„Willkommen im Chaos, Ma'am.“

Ich wurde rot.

„Ich...“

„Nathan.“

Jaspers Stimme war ruhig.

„Das ist Isabella Swan.“

Sofort verschwand das Grinsen.

Der Soldat nahm den Hut ab.

„Freut mich, Miss Swan.“

„Mich ebenfalls.“

„Sie braucht einen Schlafplatz.“

Nathan nickte sofort.

„Kein Problem.“

„Und morgen früh sprechen wir mit Colonel Davis.“

„Verstanden.“

Er griff nach meinem Leinensack.

„Kommen Sie.“

Ich machte einen Schritt.

Dann blieb ich stehen.

„Major?“

Jasper drehte sich noch einmal um.

„Ja?“

Ich wusste nicht, wie ich ausdrücken sollte, was ich empfand.

Wie dankte man einem Menschen dafür, dass er einem gerade das Leben verändert hatte?

„Danke.“

Er sah mich einen Moment schweigend an.

Dann nickte er nur.

„Schlafen Sie erst einmal.“

Er wollte sich schon umdrehen.

„Major?“

„Ja?“

„Gute Nacht.“

Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Gute Nacht, Bella.“

Er verschwand zwischen den Zelten.

Und ich sah ihm nach, bis ich ihn aus den Augen verlor.