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Kapitel

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Die Sonne reflektierte in den zahllosen Fenstern der Karasuno. Ein Schmetterling flog an ihr vorbei. Heute Morgen hatte sie auch schon einen beim Gassigehen gesehen. Charlie war ihm direkt hinterher gesprungen.

Sasha sah ihm wehmütig hinterher. Die meisten Schmetterlinge hier waren viel schöner als die in Deutschland. Auch wenn sie die kleinen Zitronenfalter in ihrem Garten etwas vermisste. Vielleicht sollte sie Takeda fragen, ob sie einen Schmetterlingsbaum in seinem Garten anpflanzen dürfte.

Sie erkundete das Gelände, auf der Suche nach den Turnhallen. Sugawara hatte ihr dummerweise nicht die Zeit gesagt, wann er mit dem Training fertig war. Deshalb entschloss sie sich einfach, zur Karasuno zu kommen und dort direkt auf ihn zu warten. Sie kam bei einer der breiten Stahltüren an. Das beständige Knallen deutete ihr, dass sie fündig geworden war.

Aber es war nicht der Jungen Volleyballclub.

Sie schob die Tür etwas auf und schaute hinein. Michimiya stand auf einem Turm hinter dem Netz und rief die Namen der Mitglieder während ihrer Übung. Anscheinend übten sie Annahmen.

Still beobachtete sie, wie eine kleine Spielerin zum dritten Mal die Übung vergeigte. Ihr fehlte es an Körperspannung. Der Ball prallte von ihren Unterarmen ab und flog schräg an einer anderen Spielerin vorbei. Das Mädchen fluchte.

“Nicht schlimm! Den nächsten kriegst du!“, wurde sie von Michimiya ermutigt.

Sasha verharrte an der Tür für einige Zeit und beobachtete still, wie das Team spielte. Es war gar nicht so schlecht aufgestellt. Sie spielten alle durchschnittlich gut. Hauptsächlich fehlte es ihnen an Sicherheit. Die ganze Zeit leitete Michimiya die Übungen und gab Befehle.

Hatten sie keinen Trainer?

Plötzlich wurde ihr Name gerufen und die Kapitänin kam auf sie zu. “Was machst du denn hier?!”

Sasha spielte mit dem Gedanken, sich einfach umzudrehen, um dem wiederholten Gespräch zu entkommen.

“Hast du dich doch umentschieden?“ Ihr Gesicht strahlte.

„Nein. Ich suche nur wieder die Jungs.“

„Achso… Die Jungs sind in der anderen Turnhalle auf der linken Seite.“

“Verstehe.”, sie nickte. “Weißt du zufällig, wann sie mit dem Training fertig sind?”

Michimiya lehnte sich gegen das kalte Metall.

“Keine Ahnung, ist schwer einzuschätzen. Je nachdem, ob sie überziehen etwa zwei bis vier Stunden. Also zwei Stunden mindestens.”

Zwei Stunden. In der Zeit hätte sie noch Chemie-Hausaufgaben machen können.

“Hättest du nicht Lust bis dahin bei uns mitzumachen?”

Sasha konnte die Intention hinter ihrer Einladung riechen. Ihre Kleidung war leider keine ausreichende Ausrede. Jogginghose und Hoodie waren nicht gerade unpassend zum Sport machen.

Michimiya ging in die Hocke, um ihre Schuhe enger zu schnüren. Das ist es.

“Ich habe keine Sportschuhe.”

“Kein Problem. Ich habe noch ein Paar im Clubraum.”

Verdammt.

Als hätte Sasha schon zugesagt, nahm Michimiya sie am Arm. “Komm. Wenn du merkst, es macht doch keinen Spaß, kannst du ja auch wieder gehen.”

“Du lässt dir das nicht mehr ausreden, oder?”, seufzte Sasha und ließ sich von ihr zum Clubraum zerren.

“Natürlich nicht!”

So fand sie sich wenig später in der leuchtenden Halle wieder. Ihr Schädel brummte brutalst bei der plötzlichen Anstrengung. Aber was solls. Wenn Michimiya es sich so sehr wünschte…

Sie wurde vorgestellt und als Außenangreiferin zu drei anderen Mädchen geschickt. Vor einem Netz zu stehen weckte Erinnerungen in ihr.

Damals hatte sie auch als Außenangreiferin gespielt und sich zum Ass hochgekämpft. Ihr Team war ziemlich gut. Ab der zehnten Klasse gab sie den Sport jedoch auf, um sich besser auf den Unterricht zu konzentrieren.

Nach dem kurzen Aufwärmen stand sie auf dem Feld, von anderen Spielerinnen umgeben. Es kitzelte etwas in ihr hervor. Ein seichter Windstoß, der die winzige Glut in ihrem Herzen wieder entfachte. Die kleine Flamme flackerte und verbreitete Wärme durch jedes ihrer Glieder. Mit jedem Sprung, jedem Schlag, jedem Schrei wuchs das Feuer. Sie konnte überraschend gut mithalten.

Und es machte tatsächlich Spaß.

So ekelhaft der Gedanke sich anfühlte.

Zu schnell war es auch wieder vorbei. Ihr Team hatte gewonnen. Die anderen Mädchen kamen auf sie zu und gaben ihr High Fives und lobten einander.

Schräg.

“Und? Was sagst du?”, fragte Michimiya erwartungsvoll und bot ihr eine Trinkflasche an. Sasha schüttelte ihren Hoodie, um sich etwas abzukühlen. Dankend nickend nahm sie die gelbe Plastikflasche und nahm einen Schluck.

„Du sahst aus, als hättest du Spaß. Und du hast auch richtig gut mit den anderen gespielt.“

Sie schnaubte und wischte sich das Wasser vom Kinn. „Ach? Denkst du das?“

Michimiya zuckte mit der Schulter. „Ich meine ja nur…“

Sasha gab ihr die Trinkflasche zurück und fuhr sich durch das kurze Haar. Nach ein paar Sekunden schweigen seufzte sie laut.

„ Meine Fresse. Wann ist denn Training?“

Plötzlich stand die Kapitänin direkt vor ihr, ihre Augen waren weit aufgerissen. „Überlegst du es dir?! Wir trainieren jeden Tag vor und nach dem regulären Unterricht!“

„Jeden Tag?“ „Bis auf Sonntag.“

Sasha nickte. „Wie sieht es mit Samstag aus?“

“Samstag fangen wir meistens ab acht an und trainieren bis sechzehn Uhr, mit Pause versteht sich!“

“Wann ist das nächste Turnier?”

“In sieben Wochen…?”, meinte Michimiya unsicher.

“Das wird sportlich…”

Hände legten sich auf Sashas Schultern.

“Aber wir können das schaffen! Ganz bestimmt! Besonders mit deiner Unterstützung! Das ist mehr als ein Monat!”

Ihr Enthusiasmus war ansteckend. Gegen ihren Willen lockte sie ein leichtes Mundwinkelzucken aus Sasha hervor. Schnell überdeckte sie es mit einem Hüsteln.

„Du hast einen Knall…“

Ein Surren beendete ihr Gespräch. Sasha hob das vibrierende Handy neben ihrer Tasche auf, warf einen Blick auf den Bildschirm und nahm den Anruf entgegen. „Sugawara?“

Sie verabschiedete sich von dem Team und machte sich auf den Weg zum Haupteingang, wo Sugawara auf sie wartete. Zusammen gingen sie weiter zum Sakanoshita.

Sasha pflanzte sich auf einen der Stühle und stellte ihre Tasche neben sich ab.

„Hast du dir den Stoff vom letzten Mal nochmal angesehen?“

Sie nickte und holte ihren Block aus der Tasche. Am Mittwoch hatten sie ausgemacht, dass sie sich das Gelernte nochmal Zuhause ansah.

„Perfekt. Dann können wir ja von da aus weitermachen.“

Zwei produktive Stunden später machten sie Schluss und verließen den Laden wieder. Diesmal deutlich früher. Schließlich musste Sasha relativ früh zuhause sein und da er es sich nicht ausreden ließ, begleitete Sugawara sie auf dem halben Weg.

Sasha rieb sich die pochenden Schläfen. Mehrere Stunden Sport und direkt danach lernen, war ein bösartiger Mix. Ihr anhaltender Schlafmangel war da nur die Kirsche auf der Torte.

„Hast du immer noch Kopfschmerzen?“ Sugawara sah sie besorgt an.

Sie schüttelte den Kopf und vergrub die Hände in den Taschen. „Passt schon.“

Sugawara schwieg. Er wendete seinen Blick nicht ab.

Der Asphalt unter ihnen knirschte bei jedem Schritt. In den meisten Häusern, an denen sie vorbei liefen, brannte noch Licht und warf verzerrte Schatten auf die Straße.

Bevor er noch eine Bemerkung machen konnte, schnaubte Sasha.

„Woher ziehst du eigentlich die ganze Motivation beim Lernen?“

Über ihnen tanzten bereits ein paar Sterne. Sugawara sah zu ihnen hoch und dann zurück auf die Straße. „Es ist einfach, wenn du ein klares Ziel vor Augen hast.“

Dann lächelte er sie an. „Ich mag es, auf etwas hinzuarbeiten. Sei es eine Prüfung oder eine neue Technik. Lernen macht mir grundlegend Spaß.“

“Du Glückspilz.“, kommentierte Sasha schnippisch.

Er kicherte. „Ach was. Ich bin jetzt auch nicht herausragend. Außerdem schlägst du dich auch richtig gut.“

„Was meinst du damit?“

Sugawara kratzte sich am Nacken.

„Also, so wie ich mitbekomme, verstehst du alles was ich dir erkläre auf Anhieb, bearbeitest Aufgaben überaus schnell und bist trotz Kopfschmerzen ziemlich konzentriert. Das spricht schon für eine gewisse Menge an Ambition.“

Sie rollte mit den Augen.

“Nur weil ich die Nachhilfe ernst nehme, heißt das nicht, dass ich ambitioniert bin.“

“Gibt es nichts, worauf du hin arbeiten möchtest?“

Er blieb an einer Straßenkreuzung stehen. Sie bemerkte es einen Moment zu spät und hielt mitten auf der Straße an. „Rein gar nichts?“

Sie zuckte mit den Schultern.

“Sehe ich so aus, als hätte ich irgendein Ziel im Leben?“

Hinter ihrer Stirn pochte es. Ihre Lider hingen schwer über ihren Augen.

Sugawara musste an der Kreuzung in die andere Richtung. Sasha lief den Rest des Weges alleine.

Als sie das Haus betrat, kam Charlie sofort angelaufen und begrüßte sie. Sein Schwanz wedelte wild hin und her und er lehnte sich in ihre streichelnden Hände. Sie ging in die Hocke. Er sah das als Chance, sie anzuspringen und ihr das Gesicht zu lecken. Sasha verteidigte sich kichernd. Schließlich triumphierte sie und floh in den weiten Wohnbereich.

Das Abendlicht besprenkelte die Holzdielen durch die blanken Fenster. Der Raum war bestimmt länger als zehn Meter lang. Sasha hatte sich schon mehrmals gefragt, warum Takeda als Einzelperson in so einem großen Haus wohnte. Das musste doch bestimmt schwer zu finanzieren sein.

Je näher sie der Küche kam, desto feuchter wurde die Luft. Dampf waberte aus einem Topf auf dem Herd. Takeda stand daneben und rührte gelegentlich, während er schnippelte.

Sasha klopfte am Türrahmen, die andere Hand in der Jackentasche. “Kann ich irgendwie helfen?”

Takeda drehte sich, seine Brille war beschlagen.

“Hallo Sasha! Willkommen zuhause. Ich habe dich gar nicht reinkommen gehört.”

Sie schnaubte amüsiert.

“Du kannst mir beim Schneiden helfen, wenn du magst.”, schlug er vor und deutete auf das Brett, das er vorher benutzt hatte. Darauf lag ein Messer und daneben Möhren, Zwiebel und Lauch. Sasha wusch ihre Hände mit heißem Wasser und nahm sich dann eine Möhre vom Stapel.

Still arbeiteten sie miteinander in nahtlosem Einklang. Takeda gab die Anweisungen und fragte nach ihrer Geschmacksprobe. Sasha führte jeden Auftrag aus und gab ihr grobes Feedback.

Sobald das Essen serviert werden konnte, deckte Takeda den Tisch und Sasha gab Charlie sein Fressen.

Als sie mit allem fertig waren, berührten die roten Sonnenstrahlen bereits die Uhr über dem Türrahmen.

Gemeinsam setzten sie sich, Takeda auf der einen, Sasha auf der anderen Seite des Tisches.

“Danke für das Essen.”, sprachen sie im Chor und langten dann zu.

Sasha betrachtete den simplen Eintopf auf ihrem Teller. Er roch nicht gerade wie die, die sie in Deutschland gegessen hatte. Sowieso hatte sie zuhause selten Eintopf gegessen. Aber es waren Karotten, Hackfleisch, Lauch und Zwiebeln drin und was war schon deutscher als diese Kombi? Abgesehen davon aß sie seit einem ganzen Jahr endlich wieder Kartoffeln. Mit der Gabel stach sie in ein Stück des matten Golds und steckte es sich in den Mund.

“Das ist das erste Mal, dass ich Kartoffeln gekocht habe. Ich hoffe, sie schmecken dir.”, entschuldigte sich Takeda und löffelte selbst etwas von der Suppe. Sasha kaute und nickte dann.

“Sie sind nicht ganz durch. Normalerweise werden sie weicher gekocht.”

“Tut mir leid.”

Schnell schüttelte sie den Kopf und nahm noch einen Bissen. “Schon gut. So mag ich sie sowieso lieber.”

Ein Lächeln überzog sein Gesicht. “Dann bin ich aber beruhigt. Freut mich, dass es dir gefällt.”

Wie lange war es her, seit sie zuletzt mit jemandem zusammen gegessen hatte? Vier Monate? Fünf? Das letzte Mal war doch mit Steffie, oder nicht? Im November musste das gewesen sein.

Sie schob das Gemüse auf ihrem Teller hin und her, dann auf ihren Löffel, dann in den Mund.

“Wie war dein Tag?”

Sie legte das Besteck wieder ab. “Gut. Wahrscheinlich gehe ich später nochmal raus.”

“Du hast dich heute mit Sugawara getroffen, richtig? Hilft die Nachhilfe? Ihr trefft euch mehrmals in der Woche, nicht wahr?”

Sasha zuckte mit der Schulter.

“Es ist nicht schlecht. Wir haben uns auf Mittwoch festgelegt und treffen uns ansonsten immer, wenn es geht.”

“Das wird dann wahrscheinlich nach dem Training sein.”

“Genau.”

Sie fragte nach dem Wasser. Takeda schüttete ihr ein.

“Musst du dann jedes Mal auf ihn warten?”

“Schon. Aber vorerst nicht mehr.”

Sie ließ das Wasser in ihrem Glas kreisen, bevor sie noch einen Schluck nahm. “Ich bin dem Volleyballclub der Mädchen beigetreten.”

“Echt? Das ist ja toll!” Seine Begeisterung beeindruckte sie nicht. “Heißt das du machst beim nächsten Turnier mit?”

Sie nickte stumm.

“Das ist großartig! Ihr schafft das bestimmt! Tut mir leid. Ich werde dich aber wahrscheinlich nicht anfeuern können. Ich bin schließlich mit den Jungs beschäftigt. Ich wünsche euch aber dennoch viel Glück!”

Sie winkte ab.

“Ich nehme das eh nicht so erst. Mach dir keine Sorgen. Euch auch viel Glück, natürlich.”

Sie unterhielten sich noch eine Weile, bis Sasha schließlich aufstand und ihren Teller in die Küche brachte.

Takeda begleitete sie noch zur Tür, wo sie wieder die Schuhe wechselte, für ihren Spaziergang.

“Deinen Schlüssel hast du dabei?”

Sie nickte.

“Denk daran, nicht zu lange draußen zu bleiben.”

Ein weiteres Nicken. Die Stufe knarrte laut, als sie aufstand.

“Tschüss. Hab noch einen schönen Abend.”, verabschiedete Takeda sie.

“Ja. Gute Nacht.”

Sasha winkte ihm zu und verließ das Haus.