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Kapitel

《Transparent》- A New Home — www.fanfiktion.de · All chapters

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“Sucker! Hast du schon vergessen?”

Sein Gesichtsausdruck passte nicht zu seiner Tonlage.

“Willst du mich verarschen?”

Sie sah an sich runter.

Da war nichts als nackte Haut.

“Sasha, bist du da?”

Es klingelte.

“Mit dir geht die Rechnung nicht auf.”

Sie lachte kümmerlich.

“Halt die Klappe, Felix.”

Es klingelte.

“Sucker, es tut mir leid.”

“Ich vermisse dich auch.”

Es klingelte und sie wurde aus dem Schlaf gerissen. Ihr Kopf trommelte. Sie ließ einen Reihe Flüche von sich, als sie mehrmals den Wecker auf dem Nachttisch verfehlte. Sobald sie ihn ertastete, schlug sie blind mit der Faust drauf.

“ Kleiner Bastard …”

Sie rieb sich die Augen und richtete sich auf. Ihr Kopf schrie danach, sich wieder auf das gemütliche Kissen zu legen. Draußen war es noch dunkel. Ihr Schlafrhythmus war eine Katastrophe. Dabei fiel es ihr in Deutschland nicht mal halb so schwer, zu solch unbarmherzigen Uhrzeiten aufzustehen. Und damals schlief sie durchschnittlich gerade mal drei Stunden pro Nacht.

Mit schweren Glieder schob sie die Decke von sich. Warum musste sie denn auch immer so einen Scheiß träumen?

Sie schlurfte ins Bad und wusch ihr Gesicht. Aus Gewohnheit sammelte sie etwas von dem Wasser in ihrer Hand und trank. Nur um im selben Moment zu hinterfragen, ob das Wasser überhaupt trinkbar war. Egal.

Zurück in ihrem Zimmer suchte sie ihre Uniform. Da erinnerte sie sich an das Paket, das sie gestern vom Schneider abgeholt hatten. Es lag auf dem Schreibtisch neben ihrem Schlüssel. Stimmt ja. Etwas widerwillig zog sie den schwarzen Blazer und Rock darin an. Darunter hohe Strümpfe.

Sie betrachtete sich im Spiegel ihrer Schranktür. Nicht schlecht. Röcke waren nicht ihr Lieblingskleidungsstück, aber schwarz konnte sie gut tragen. Einen Blick auf die Uhr später lief sie mit ihren Sachen die Treppe runter und nahm sich ihr Bento vom Tisch. Kurz streichelte sie Charlie über den Kopf und begab sich dann in den Flur. Heute würde Takeda mit ihm gassigehen.

„Hab einen schönen Tag!“, rief ihr Onkel aus seinem Büro. Im Türrahmen blieb sie kurz stehen.

„Danke, du auch!“

-

Schwer gähnend kletterte sie die Stufen hinauf zum Clubraum. Sie lief an einigen Türen vorbei und versuchte, währenddessen zumindest die Radikale der Kanji zu erkennen.

Sie erwartete wirres Stimmengewusel, als sie die gesuchte Tür öffnete, traf jedoch auf tote Stimmung. Niemand war da. Der Raum war komplett leer.

War sie etwa zu spät?

Ohne es zu hinterfragen, zog sie sich um und folgte dem Weg zur Turnhalle. Wieder lauschte sie, bevor sie eintrat. Nichts zu hören.

Hatte sie sich in der Zeit vertan? Im Tag? Wurde ihr irgendwas nicht mitgeteilt?

Es knallte. Sie zuckte kurz zurück und steckte dann ihren Kopf in die Turnhalle.

Das Feld war aufgebaut, der Ballkorb stand an der Seite, eine Trinkflasche bereit, aber nur Michimiya stand am Rand des Feldes und übte einsam und allein ihre Aufschläge.

Sasha grüßte sie, als sie eintrat. Michimiya hielt inne.

“Sasha! Du bist da!” Ihr Gesicht leuchtete auf.

“Ja? Ich dachte, es wäre Training?” Sie bückte sich, um ihre Schuhe nachzuschnüren. „Wo sind alle anderen?“

Michimiya kam mit einem Volleyball unterm Arm angelaufen. „Also… Naja. Meistens bin ich die einzige beim Morgentraining…“

„Ernsthaft?“

Was war das Gegenteil von Klaustrophobie? Was auch immer es war, sie empfand es beim Anblick der leeren Halle.

Sieben Wochen bis zum Turnier und das Team tauchte nicht mal zum Morgentraining auf?

Sasha wärmte sich ordentlich auf und spielte dann mit Michimiya ein paar Bälle hin und her.

„Habt ihr keinen Trainer?“, fragte sie und baggerte den Ball. Im hohen Bogen flog er zu Michimiya, die ihn zurück pritsche.

„Eigentlich schon. Sie hat sich aber leider einen Meniskusriss zugezogen und kämpft dazu aktuell mit einer Scheidung. Wir sind also vorerst auf uns allein gestellt.“

Sasha verzog das Gesicht. „Das ist übel.“

“Ja… Aber ich glaube, wir können es trotzdem schaffen. Wir sind vielleicht nicht die stärksten, aber wir haben eine gute Teamharmonie!“

Der Ball kam kurz. Michimiya hechtete vor und erwischte ihn knapp. Dabei flog er jedoch schräg an Sasha vorbei und landete auf dem Boden.

„Sorry.“, entschuldigte Michimiya sich. Sasha half ihr auf. „Schon okay. War meine Schuld.“

Gemeinsam trainierten sie als nächstes ihre Aufschläge, bis es Zeit für den Unterricht war.

Nachdem sie sich umgezogen hatten, liefen sie durch die Gänge zu ihrem ersten Fach. Kurz vor dem Klassenraum kam ihnen jemand Bekanntes entgegen.

“Guten Morgen, ihr zwei!”

“Hallo Sugawara!”, grüßte Michimiya freudig. Sasha beobachtete, wie seine Haselnussbraunen Augen von der Kapitänin zu ihr sprangen und plötzlich an ihr runterrutschten. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Sofort zuckten sie wieder hoch zu ihrem Gesicht.

“Du hast endlich deine Uniform bekommen.”, stellte er fest. “Steht dir.”

Sasha räusperte sich. “Äh… ja… Danke, Sugawara.” Sie brachte ein Lächeln zustande.

“Mist!”, fluchte Michimiya plötzlich. “Ich habe meinen Jacke vergessen. Ich muss nochmal zum Clubraum!”

Mit diesen Worten verschwand sie auf einmal und ließ Sasha und Sugawara stehen. Verwirrt sahen sie einander an.

“Ähm. Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich heute und morgen wahrscheinlich nicht schaffen werde, dir Nachhilfe zu geben. Ich muss meiner Mutter im Garten helfen.”

Sasha stellte sich etwas aufrechter hin. “Gartenarbeit? Klingt spannend.”

“Total!”, seufzte er und rieb sich den Nacken.

“Das heißt erst Mittwoch wieder?”

“So sieht’s aus. Bis dahin kannst du einfach üben. Das bekommst du sicher auch alleine hin.”

Sie grinste und stemmte einen Arm in die Hüfte. “Oh nein, wie kannst du es wagen, mich alleine lernen zu lassen? Jetzt bin ich enttäuscht.”

“Ach, Mensch. Ist das etwa doch zu viel erwartet?”, erwiderte er herausfordernd.

Sie zuckte mit der Augenbraue. „Willst du damit sagen, dass ich inkompetent bin?“

“Jetzt gehst du aber zu weit.“

Der Gang leerte sich langsam und Schüler liefen zwischen ihnen in den Klassenraum. Sie grinsten sich an.

„Ich geh dann auch mal in den Unterricht.“, entschied Sugawara und winkte ihr zu. „Wir sehen uns!“ Sie erwiderte die Gestik und folgte ihren Mitschülern rein.

Das Lächeln blieb ihr auf den Lippen hängen.

-

Später waren deutlich mehr Spielerinnen anwesend. Das Training war nicht besonders anspruchsvoll. Michimiya ließ das Team simple Übungen durchführen. Diese Woche wollte sie sich auf Aufschläge konzentrieren.

Je mehr Sasha spielte, desto mehr erinnerte sich ihr Körper an die Bewegungsabfolgen von damals. Ihre Arme brannten. Ihre Knie schmerzten. Aber ihre Seele blühte auf.

Obwohl sie etwas länger als alle anderen in der Halle blieb, waren, als sie zum Clubraum kam, immer noch einige der Mädchen da. Sie schindete etwas Zeit, indem sie mit Michimiya über ihre Volleyballschuhe sprach.

Der Raum leerte sich und schließlich ging auch Aihara, das Ass des Teams. Nur sie und Michimiya blieben übrig. Sasha wartete noch etwas länger und spielte mit ihren Schuhen rum, in der Hoffnung, sie würde ebenfalls gehen. „Brauchst du noch lange?“, fragte ihr Gegenüber gegen den Spind gelehnt.

Sasha räusperte sich und stand auf. “Tut mir leid Michimiya. Könntest du dich vielleicht umdrehen?” Die Augen der Kapitänin weiteten sich minimal. Sasha griff nach dem Saum ihres Sportshirts, doch wartete mit der Bewegung bis die andere reagierte.

“Äh, na klar.“ Ohne Umschweife drehte sie ihr den Rücken zu, ließ aber ihr Gehör zu Sasha gewandt.

„Ziehst du dich generell nicht gerne vor anderen um?“

Sasha sah an ihrer rechten Schulter hinab. Nein, das musste noch keiner sehen.

„Es kommt drauf an. Generell mag ich es aber nicht.“

Michimiya nickte verständnisvoll.

“Würde es dir helfen, wenn du dich alleine irgendwo umziehen könntest?“

Sie dachte darüber nach. War das wirklich nötig?

„Ich möchte keine Umstände machen.“

„Das sind doch keine Umstände. Als Kapitänin ist es meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass sich alle wohl fühlen.“

Sasha lächelte und zog sich ihre Uniform wieder an.

„Wenn es dir passt, kannst du dich ja fortan in den Mädchentoiletten umziehen. Da bist du um diese Uhrzeit ungestört.“

“Klingt gut.“

Sie verließen den Clubraum, unterhielten sich und bestreiteten gemeinsam ihren Heimweg.

Dadurch dass Michimiya sie über Deutschland ausfragte, kamen sie auf das Thema Andenken und Michimiya zeigte ihr die Anhänger an ihrem Schlüsselbund. Als Sasha ihr im Gegenzug ihren eigenen zeigen wollte, wühlte sie jedoch für mehrere Minuten in ihrer Tasche. Erfolglos. Einen kurzen Moment ergriff sie die Panik, dann schoss ihr das Bild ihres Schreibtischs in Erinnerung und sie seufzte. „Ich muss nochmal zurück.“

„Hast du ihn in der Schule verloren?“, fragte sie besorgt. „Komm, ich helf dir suchen.“

Sasha war schon dabei, die Straße wieder hochzulaufen.

„Nicht nötig. Ich weiß wo er ist. Ich muss nur zu Takeda.“

Sie drehte sich im Schritt.

“Zu Takeda? Warum denn das?“ In ihrem Gesicht spiegelte sich pure Verwirrung wider. „Willst du nicht lieber deinen Onkel anrufen?“

“Zu dem will ich doch gerade!“

Mit diesen Worten ließ sie Michimiya stehen und machte sich auf zurück zur Karasuno.

Wie erwartet, war in der anderen Turnhalle immer noch was los. Sugawara hatte selbst erwähnt, dass sein Team oft sehr viel länger trainierte, als geplant. Es war also keine Überraschung.

Sasha spähte durch die Tür hinein. Offensichtlich spielten sie gerade ein Trainingsmatch. Die Jungs trugen Trikots in grün oder gelb. Ihr Blick blieb einen Moment an Sugawara hängen, der auf der Position des Zuspielers spielte. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen.

Sasha erinnerte sich, wofür sie eigentlich gekommen war und suchte unter den Anwesenden nach Takeda. Direkt links am Rand der Turnhalle entdeckte sie ihn. Neben ihm stand ein bekanntes Gesicht. Sie lehnte sich etwas weiter rein, um sich zu vergewissern. Was macht Junkie hier?

Sie hielt sich geduckt, als sie die Halle betrat. Die Spieler bemerkten sie gar nicht. Auch Takeda drehte sich erst, als sie ihm auf die Schulter tippte. Grinsend grüßte er sie:

“Ach, hallo Sasha! Kann ich dir helfen?“

“Ich hab meinen Schlüssel vergessen.“, erklärte sie stumpf und kreuzte die Arme vor der Brust. „Kann ich mir vielleicht deinen ausleihen?“

Mit all ihrer Willenskraft versuchte sie, Blondie zu ignorieren, der inzwischen auch auf sie aufmerksam geworden war. Ungefragt nahm er sich mehr Platz in ihrem Sichtfeld.

„Das könnte schwierig werden. Ich brauche noch meinen Autoschlüssel. Aber wenn du magst, können wir doch gemeinsam nach Hause fahren. Wir machen sowieso bald Schluss.“

„Na so was.“, nahm der Verkäufer das Wort. „Die Aufdringlichkeit liegt wohl in der Familie.“

Takeda drehte sich lachend zum anderen und sah dann zwischen dem Verkäufer und Sasha hin und her. „Wie kommst du denn darauf? Kennt ihr euch etwa schon?“

Sasha rollte mit den Augen. Der andere runzelten die Stirn.

“Sag mal, bist du zufällig ihr Erziehungsberechtigter?“ Die Frage war an Takeda gerichtet. Ihr schoss das Blut in die Wangen. Nicht im Ernst.

„Ja, ich bin ihr Onkel.“, antwortete er rechtmäßig.

“Dann solltest du wahrscheinlich wissen, dass die Kleine schon mehrere Male in meinem Laden versucht hat, Zigaretten zu erwerben.“

Dieser elendige Verräter.

“Halt die Klappe.“, zischte sie ihm zu.

Takeda warf ihr einen mahnenden Blick zu. “Sasha bitte sei höflich.“

Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Der Kerl hatte sie in der Hand.

„Nichts für ungut, Takeda, aber ich glaube, sie sollten wirklich mal ein Auge darauf werfen.“ Sein gehässiges Grinsen brachte sie innerlich zum Kochen.

„ Arschloch .“ Am liebsten hätte sie ihm eine reingehauen.

„Ich bitte dich.“ Ihr Onkel richtete sich die Brille auf der gerümpften Nase.

Niemals im Leben hatte er sie verstanden. Dennoch fraß sich etwas durch ihr Gewissen.

„Lass uns später darüber sprechen.“ War das eine Warnung?

Sie nahm einen zittrigen Atemzug und löste langsam ihre Fäuste. Abdrücke hatten sich in ihre Handflächen geprägt und pochten nun beruhigend.

Takeda stellte sie um des Friedens Willen einander vor. Der Kerl hieß Ukai und war angeblich der Nachkomme irgendeiner Trainerlegende. Aktuell agierte er als Coach des Jungenteams. Zum Glück nur für begrenzte Zeit. Sasha war nicht begeistert von der Vorstellung, ihm jedes Mal begegnen zu müssen, wenn sie Sugawara nach dem Training abholte.

Erwähntes Training kam auch wenig später zum Ende und Sasha begleitete Takeda zu seinem Auto. Für einen Moment wollte sie wieder auf der Fahrerseite einsteigen. Sie hatte sich immer noch nicht an die umgekehrte Straßenordnung gewöhnt.

Wortlos schnallte sie sich auf dem Beifahrersitz an und lehnte sich mit dem Ellenbogen gegen das Fenster. Der Motor heulte auf und sie setzten sich in Bewegung.

„…Sasha?“

Sie fand nicht den Mut zu reagieren.

“Darf ich fragen, warum du beim Sakanoshita Zigaretten kaufen wolltest?“

Ekel überkam sie. Quasi automatisch begannen ihre Finger an ihren Nägeln zu knibbeln. “Warum wohl?“

“Du rauchst?” Es lag kein Vorwurf in seiner Stimme.

“Jeder in meinem Alter raucht.”, erwiderte sie gleichgültig.

Sie wagte einen Blick zu ihm rüber. Seine Augenbrauen waren nachdenklich zusammengezogen, die Augen konzentriert auf die Straße gerichtet.

Kleine Tropfen landeten auf der Windschutzscheibe. Allmählich vermehrten sie sich und Regen prasselte auf das Auto nieder. Er schaltete den Scheibenwischer ein.

“Heißt das, du bist gerade auf Entzug?”

Sie zuckte mit der Schulter und beobachtete einen dicken Tropfen neben sich. Träge kullerte er die Scheibe runter. Ein Stück. Ein größeres Stück. Wieder ein Stück. Dann verschwand er hinter der schwarzen Gummidichtung. In ihren Fingerspitzen kribbelte es.

„Bist du jetzt enttäuscht von mir?“ Sie brachte die Worte beinahe nicht über die Lippen. Jede Zelle ihres Körpers stand unter Strom.

Sofort vernahm sie ein Kopfschütteln von Takeda.

„Natürlich nicht.“

Seine Worte wirkten wie Balsam.

“Wenn du in der Hinsicht Unterstützung brauchst, bin ich gerne für dich da. Wir können zusammen nach Strategien suchen, die den Weg leichter machen.“

Er schenkte ihr ein Lächeln. Daran hatte sich nichts geändert.

Sie biss sich auf die bebende Unterlippe und nickte still.