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Kapitel

《Transparent》- A New Home — www.fanfiktion.de · All chapters

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Der Regen hielt noch einige Tage an.

Mittwochmorgens stand sie am Fenster und starrte in das transparent gepunktete Dunkel.

Gerade war der monsunartige Regen etwas abgeklungen, aber sie zweifelte nicht daran, dass er in wenigen Minuten wieder anfangen würde.

Ob es sich lohnte, jetzt mit Charlie rauszugehen? Sie überlegte. Was wäre die andere Option? Takeda war bestimmt schon auf.

Wenn er in der Küche war, konnte sie ihn womöglich umgehen. Wenn er schon am Tisch saß, würde es aber schwierig werden.

Sasha nahm ihren Schlüssel, verließ ihr Zimmer und schlich die Treppen runter. Sie bemühte sich, dass das Holz unter ihren Füßen nicht zu laut knarzte. Unten angekommen, wurde sie auf der Stelle von Charlie begrüßt. Sie wuschelte über seinen Kopf und deutete ihm ruhig zu sein. Im Essbereich war Takeda über seinen Laptop gebeugt. Er schien aber so in seine Arbeit vertieft zu sein, dass er nicht mal aufblickte, als Sasha in den gegenüberliegenden Flur trat. Leise legte sie dem Hund die Leine an.

Aus dem Ständer bei der Garderobe nahm sie sich lautlos einen Regenschirm und schob danach so langsam die Tür hinter ihnen ins Schloss, dass es nur ein kleines Klacken von sich gab.

Sie hatte seit Montag kein Wort mehr mit ihrem Onkel gesprochen. Gestern war sie genauso früh rausgegangen und war später besonders lang draußen gewesen. Dabei schrieb ihm dennoch eine kleine Nachricht, dass er sich keine Sorgen machte. Heute hatte sie dasselbe vor.

Wie vermutet, begann es auf halber Strecke wieder zu schütten. Regengüsse, wie Wasserfälle fielen auf sie hinab, da brachte auch der Regenschirm nicht besonders viel. Zumindest hatte Charlie in dem Wetter Spaß und hüpfte in den Pfützen wie ein Welpe.

Mit durchnässten Schuhen und einem triefenden Hund kam sie wieder zurück.

Draußen schüttelte sie die Tropfen vom Schirm und stand im offenen Eingang. Drinnen war Takeda auf sie aufmerksam geworden und hockte nun mit einem Handtuch im Eingangsbereich in dem Versuch Charlie zu trocknen, bevor er alles nass spritzte.

„Guten Morgen!“, grüßte er sie, sobald sie eintrat. Sasha nickte ihm zu und befreite sich von der Kleidung, die an ihr klebte. Ihr wurde ebenfalls ein Handtuch gereicht.

„Ihr seid aber früh draußen gewesen. Ich habe euch gar nicht gehen gehört.“

„Es hat kurz nicht geregnet. Die Chance wollte ich nutzen.“ Sie schob sich an ihm vorbei und wieder die Treppe hoch. „Fütterst du ihn? Ich muss noch meine Tasche packen.“

„Mach ich gerne! Dein Bento stell ich dir auf den Tisch, ja?“

„Danke.“ Sie sprang bereits die Treppe hoch.

-

Die Halle füllte eine gewisse Unruhe. Draußen klatschte der Regen noch immer auf den Kies und trommelte über ihnen auf das Dach des Gebäudes. Drinnen entstand immer wieder ein Stimmengewirr inmitten der Übungen, was den Lautstärkepegel auf einer unangenehmen Konstante hielt.

Sasha nahm sich einen weiteren Ball aus dem Korb und stellte sich neben die anderen hinter die Linie. Michimiya machte die Ansage und alle bereiteten sich vor. Auf das Zeichen der Kapitänin flogen die Bälle in die Luft und anschließend mit einem Knallen wie ein Schwarm wilder Insekten auf die andere Seite. Einer blieb dabei am Netz hängen.

Die Mädchen lobten einander. Sasha stützte sich auf ihren Knien ab.

Geschätzt gingen in etwa 90 Prozent aller Aufschläge rein. Das war gar keine schlechte Statistik. Und sie wollten das noch den Rest der Woche machen? Sieben Wochen…

Sie sammelten die Bälle wieder ein.

Zurück an die Linie.

Michimiya gab das Zeichen.

Diesmal wartete sie auf die anderen Spielerinnen. Sudo und Aya machten neben ihr deren Aufschläge, dann setzte sie sich in Gang. Sasha trat zurück und nahm etwas Anlauf. Vor sich warf den Ball hoch, lief, sprang und holte ordentlich aus. Ihre Hand zischte durch die Luft.

Knapp am Ball vorbei.

Graziös prallte er ihr auf den Kopf und landete keinen Meter vor ihr auf dem Boden. Genervt verzog sie das Gesicht und rieb sich die Stelle.

Neben ihr wurde gekichert. Aya lachte sie aus.

Warum lachte sie? Fand sie ihren Übermut witzig? Dabei war es doch ihr Aufschlag, der die Runde davor nicht reinging-

Peinlich berührt schaute die kleinere Spielerin zur Seite. Erst da bemerkte Sasha ihr eigenes Starren.

„Kannst du etwa einen Sprungaufschlag?“, fragte Sudo plötzlich von rechts. Die anderen Spielerinnen gingen schon auf die andere Seite, um die Bälle einzusammeln. Gemeinsam folgten sie ihnen und beugten sich unter dem Netz durch.

„Ich konnte es mal. Habe aber seit Jahren nicht mehr geübt.“

“Das ist richtig krass. Von uns kann aktuell nur Aihara den Sprungaufschlag. Dein Team muss ziemlich stark gewesen sein.“

Sie zuckte mit der Schulter und hob einen Ball auf.

„Wir waren nicht schlecht. Das lag aber hauptsächlich an unser spartanischen Trainerin.“

Das Team legte eine Pause ein.

Sasha grübelte und ordnete sich schließlich den anderen Drittklässlerinnen zu. Sie stellte sich neben Michimiya und wartete nicht auf die Aufmerksamkeit der anderen, bevor sie die Kapitänin ansprach.

„Wie lange wollen wir noch Aufschläge machen?“, fragte sie.

Michimiya unterbrach ihr Gespräch, um Sasha zu antworten. “Den Rest der Woche noch. Warum?”

“Ich bekomme das Gefühl, wir sollten eher Annahmen üben.”

Aya und Aihara tauschten Blicke miteinander.

“Ich meine, die Aufschläge laufen gut und ohne Annahmen gibt’s keinen Ballwechsel.”

“Mag sein.”, stimmte Michimiya ihr nachdenklich zu. Zu Sashas Zufriedenheit.

“Du hast schon einen Punkt. Ich bin mir nur unsicher, wie wir das umsetzen wollen. Ich finde es schon wichtig, weiter Aufschläge zu üben.”

Die anderen Mädchen kamen nun auch dazu.

“Wir haben doch sowieso mehrere Trainingseinheiten, da können wir doch aufteilen mit Annahmen mehr gewichtet. Es wäre einfach gut, erst mal die größten Schwachstellen aus dem Weg zu räumen.”

Unterbewusst rutschte ihr Blick zu Aya, die hinter Michimiya mit Aihara flüsterte.

“Das ist eine gute Idee.” Die Kapitänin war auf ihrer Seite.

“Aber wir können doch nicht einfach den Trainingsplan ändern.”, warf Aihara schließlich ein und trat vor. “Du hast doch voll lang daran gearbeitet, Michimiya.”

“Ich denke nicht, dass das so kompliziert wird.“, winkte sie ab. „Außerdem hat Sasha Recht. Unsere Annahmen sind noch echt schwach. Es wäre besser, sich erstmal darauf zu konzentrieren.”

Jetzt drehte Michimiya sich zu ihr. “Danke für den Vorschlag, Sasha.”

Sie gab ihr einen Daumen hoch.

Wenig später stand sie am Haupteingang. Sie war ein wenig vor der Zeit da, wodurch sie gezwungenermaßen vor dem großen Glaseingang länger warten musste. Gelangweilt kickte sie Kieselsteine und schlenderte an der vorderen Fassade hin und her.

Zwei Minuten später als geplant, kreuzte Sugawara schließlich auf und entschuldigte sich dafür, dass er sie hatte warten lassen. Unbeschwert winkte sie ab und deutete loszulaufen.

In der letzten Woche hatte Sasha die Gegend ganz gut kennengelernt. Die Straßen sahen zwar nicht heimatlich, aber zumindest bekannt aus. Sie entlangzulaufen war nichts spektakuläres mehr.

“Wie war das Training?” Sugawara hatte immer eine Art, sie in die Realität zurückzuholen.

“Ganz gut. Bei dir?”

“Ebenso…”

So kurzfristig, wie das Gespräch begann, endete es auch. Sasha fiel aber auch nicht mehr ein, was sie hätte sagen können.

Ein paar Blöcke weiter ergriff Sugawara wieder das Wort.

“Macht ihr eigentlich während der Golden Week etwas?”

“Golden Week?”

“Ja. Die ist doch schon bald. Wir machen ein Trainingslager und am Ende haben wir sogar ein Trainingsspiel!”

“Ach ja?” Die japanischen Feiertage hatte sie noch gar nicht auf dem Schirm.

“Gegen die Nekoma. Die waren wohl unser ehemaliger Erzfeind.”

“Klingt spannend… Bist du nervös?”

“Nicht allzusehr. Wahrscheinlich werde ich gar nicht so viel spielen.”

Nach seinem Ton nahm er es auf die leichte Schulter. Aus dem Augenwinkel sah sie jedoch, wie er seine sacken ließ.

“Du bist Zuspieler, richtig?”

“Woher weißt du das?”

“Hab ich letztes Mal gesehen. Bist du Stammspieler?”, hakte sie nach.

“Schon…” Er räusperte sich. “Auf welcher Position spielst du?”

“Außenangreiferin.”

“Gefällt es dir?”

“Schon…” Es folgte kein weiterer Kommentar.

“Du hast früher auch schon Volleyball gespielt, nicht war? Warst du damals auch Außenangreiferin?“

Sie lehnte ihren Kopf zur Seite und ließ die Augen schweifen.

„Später, ja. Für einige Zeit war ich das Ass des Teams.“

“Stark. Das sieht dir irgendwie ähnlich.“

“Findest du?“ Ein bisschen war es ihr unangenehm.

“Absolut. Du hast auf jeden Fall das Auftreten eines Asses. Unser Ass dagegen ist eine richtige Memme.“

Sie schmunzelte. “Das du das einfach so sagen kannst.“

„Leider ist es die Wahrheit.“

„Wie heißt er? Ist er auch Drittklässler?“

Sugawara summte bestätigend. „Asahi Azumane. Asahi, Daichi und ich sind die einzigen Drittklässler im Team.“

“Daichi ist euer Kapitän?“

Wieder summte er.

„Und mein bester Freund. Er ist wirklich bemerkenswert.“ Sein indirekter Stolz war bemerkbar.

“Ich nehme an, er ist ein guter Kapitän?“

“In jeder Hinsicht. Daichi hat sehr viel Zuversicht in uns. Dazu ist er fest davon überzeugt, uns dieses Jahr bis zu den Nationalmeisterschaften zu bringen.“

Sasha hob die Augenbrauen.

“Ins Finale? Das will ich sehen.“

“Mit Sicherheit. Aber hoffentlich seid ihr zu der Zeit selbst am Spielen. Ihr trainiert schließlich auch hart dafür.“

Sie biss sich auf die Zunge, um den zynischen Kommentar darauf zu unterdrücken.

Stattdessen ließ sie sich seine Worte nochmal durch den Kopf gehen.

-

Donnerstag startete genauso wie die vorherigen Tage. Takeda begegnete sie nur flüchtig, als sie das Haus verließ. Auf dem Schulweg hörte sie schon ein paar frühreife Zikaden zirpen. Beim Morgentraining war wieder nur Michimiya da. Im Unterricht verlor sie wie üblich ihr Zeitgefühl und ihr mangelte die Motivation, ihren Arm zu heben, um sich zu beteiligen. Zum Ende der sechsten Stunde kündigte ihr Japanischlehrer einen Kanjitest an, dann läutete es zur Mittagspause.

Aufstehen, Training, Unterricht, Mittagspause, Training, Nachhilfe...

Tagein. Tagaus. Immer dieselbe Routine.

Eine Geräuschkulisse von Reißverschlüssen und Rascheln brach aus. Gespräche und Gelächter füllten den Raum. Sasha ignorierte den Tumult und packte ihre Sachen ein. Dieser Test war möglicherweise die Chance, ihre mündliche Note aufzubessern. Wenn sie eine konsistente Note in den Zwischentests behielt, könnte das ihre mangelnde Beteiligung ausbügeln.

Diesmal zuckte sie nicht einmal, als ihre Teamkapitänin plötzlich vor ihr stand.

„Was ist?“

Michimiya hatte ihr Sonnenscheingrinsen aufgesetzt. „Hast du Lust, die Mittagspause mit uns abzuhängen?“

Sasha ließ die Schultern sacken.

„Ich dachte es reicht, dass ich dem Team beigetreten bin. Du willst mir immer noch deine Freunde andrehen?“

Ihre beharrliche Art ging ihr langsam auf den Geist.

“Ist das ein nein?“

Mit großen Augen lehnte sie sich vor, die Arme auf Sashas Tisch gestützt. Sasha hatte gar nicht die Möglichkeit, ihr auszuweichen.

„Du kannst ganz schön nerven, weißt du das?“Sie kreuzte die Arme vor der Brust.

“Ich warte auf eine Antwort.“, forderte Michimiya und drang immer mehr in ihre persönliche Zone ein.

Sasha blickte aus dem Fenster, dann zur Tafel und zu den Regalen an der Wand. Michimiya bewegte sich nicht vom Fleck. Sie zuckte mit der Augenbraue.

“Meine Güte! Meinetwegen. Du kannst es aber auch nicht lassen.“

Die Kapitänin sprang auf und klatschte erfreut in die Hände.

“Fantastisch! Komm! Wir treffen uns im anderen Klassenraum!“

“Ja ja.“ Widerwillig stand Sasha auf und folgte ihr.

Aihara und Aya saßen schon gemeinsam an einem Tisch und unterhielten sich, als sie reinkamen.

„Na? Ich dachte schon du kommst nicht mehr.“, grüßte Aihara ihre Freundin.

Michimiya klaute sich den Stuhl vom Vordertisch, Sasha den vom Nachbarn und setzte sich dazu.

„Hey Sasha.“

Sie nickte Aihara zu.

„Jedenfalls hab ich dann nicht eingesehen, mich auf sowas einzulassen. Ab da hab ich einfach aufgegeben und ihn blockiert. Seitdem rede ich kein Wort mehr mit ihm.“, erklärte Aya und saugte dann an ihrem Trinkbecher.

„Gibts schon wieder Drama?“, schaltete Michimiya ein.

Aihara rollte mit den Augen. „Nur das übliche. Aya und ihre Jungsprobleme.“

“Diesmal ist es aber wirklich gerechtfertigt! Der Kerl ist echt ein Vollpfosten!” Das Mädchen knallte ihren Trinkbecher auf den Tisch, legte sich auf ihre Arme und seufzte zutiefst. “Irgendwie erwische ich immer die falschen. Ich will doch nichts mehr, als einen netten Kerl als Freund haben.”

Michimiya tätschelte ihr den Kopf. “Warum probierst du es denn nicht mit Nishinoya?”

Aya ließ ein herzliches Kichern von sich. “Das wäre es doch! Nishinoya ist lieb, aber er jagt doch jedem Mädchen hinterher, das ihm eine Chance gibt. Nein danke.”

Sasha war einen Moment von ihren Gedanken abgelenkt und hörte dem Gespräch nicht weiter zu. Insgesamt waren es 50 Kanji, die sie bis Montag kennen musste, aber welche der Listen war nochmal zu lernen?

“Und du Sasha?”

“Hm?” Brummte sie.

“Hattest du schon einen Freund?”, wollte Aihara wissen.

“Nicht wirklich.”

“Wie sind die Jungs in Deutschland so?”

Sie zuckte mit den Schultern, ehe sie antwortete.

“Alles Spinner. An denen beißt man sich die Zähne aus.”

Ein amüsiertes Raunen ging durch die Runde.

“Klingt nicht so vielversprechend. Hach, die guten findet man wohl nur ganz selten.”, seufzte die Assspielerin.

“Jetzt habt euch nicht so.”, funkte Michimiya dazwischen. “Es gibt durchaus gute Jungs hier.”

“Du hast gut reden. Du schmachtest doch seit Jahren demselben hinterher.”

Ertappt stotterte die Kapitänin, nach Worten suchend und wandte sich schließlich an Sasha, wobei sie sich aktiv von den anderen weg drehte.

„Du Sasha, ich wollte dich noch was fragen!“, behauptete sie lautstark. “Sag mal, hab ich das richtig verstanden, dass Takeda dein Onkel ist?”

Die anderen beiden horchten auf. Sasha hob die Augenbrauen. “Ja, warum?”

“Echt? Wie lustig!”, meinte Aya.

“Jetzt wo du es sagst, sieht man sogar ein bisschen Ähnlichkeit.” Aihara lehnte sich vor. Sasha fühlte sich etwas unwohl unter den Augen ihrer Mitspielerinnen.

“Mir wurde gesagt, ich komme nach meiner Mutter. Also seiner Schwester.”

“Das wird sicher stimmen. Ich komme ja gar nicht nach meiner Mutter. Meine ganze Familie sagt, ich komme nach meinem Vater.”, begann Aya wieder zu erzählen.

“Bei mir genauso.”, stimmte Aihara zu und sie führten das Gespräch fort.

Sasha war froh, dass die Aufmerksamkeit nicht mehr auf ihr lag.

-

Das erste, was sie tat, als sie vom Training nach hause kam, war duschen zu gehen. Getrockneter Schweiß klebte an ihr. Sie ließ das heiße Wasser ihn von sich waschen. Dampf sammelte sich an den Glasscheiben. Ihre Füße kribbelten von der übertriebenen Hitze, aber irgendwas gefiel ihr an dem Schmerz.

Ihre Kondition hatte nachgelassen. Ihr war es fast peinlich, wie schnell sie bei den Kraftübungen außer Atem kam. Sie sollte mehr laufen gehen. Das würde Charlie bestimmt auch gut tun. Im Vergleich zu den anderen Spielerinnen waren ihre Annahmen ziemlich gut. Sie war stolz darauf, dass die ganze Technik ihr noch in den Knochen saß.

Sie drehte den Duschknauf runter und wischte sich über das Gesicht.

Ob sechs Wochen genug waren, um in ihre frühere Form zurückzukommen?

Sie trocknete sich ab und zog sich um.

Einige Zeit später, die Sonne war inzwischen untergegangen, kam Takeda nach Hause und stellte seine Sachen ab. Dass Sasha zuhause war, merkte er an ihren ordentlichen Schuhen in der Ablage. Perfekt. Dann konnte er gleich mit ihr sprechen.

Zuerst schnellte er kurz in die Küche und bereitete eine Kanne Tee vor, danach huschte er die Treppen hinauf.

Vor der Tür zog er sein Notizbuch aus der Hosentasche, las sich nochmal die Informationen durch, die er gestern zusammengesammelt hatte, und klopfte dann gut gelaunt und übermotiviert an ihre Tür. Noch bevor sie antwortete, lugte er voreilig rein.

Sasha rollte von ihrem Schreibtisch zurück und nahm einen Kopfhörer aus dem Ohr. Takeda lehnte sich etwas weiter vor und winkte ihr.

„Huhu, darf ich dich kurz sprechen?“

Sasha zog den anderen Hörer raus und drehte sich zu ihm. „Was gibt’s?“

Lächelnd trat er ein, verblieb aber nahe der Tür.

„Ich habe mich ein bisschen informiert und recherchiert, was bei deiner Situation denn helfen könnte!” Seine Finger spielten mit der Ecke des Papiers.

Sasha zog die Augenbrauen zusammen.

„Dabei bin ich auf ganz viele tolle Quellen gestoßen und Berichte von Personen, die dasselbe durchgemacht haben. Es ist nicht unmöglich, davon loszukommen, weißt du?“

Ohne Punkt und Komma sprudelten seine Gedanken aus ihm raus. „ Zum Beispiel Ablenkung ist eines der wesentlichsten Aspekte, die helfen sollen. Dass du dem Volleyballclub beigetreten bist, eignet sich deswegen ziemlich gut. Damit hast du etwas, worauf du dich konzentrieren kannst und deine Zeit mit füllen kannst, bis die Symptome nachlassen. Die Bewegung dazu ist auch großartig. Das hilft dem Körper, sich von den Auswirkungen zu regenerieren. Und die Gesellschaft erst recht! Unter Menschen kommen und Beziehungen oder Freundschaften aufbauen, soll auch unglaublich hilfreich sein. Routine ist ebenfalls sehr wichtig. Die ist durch die Schule automatisch gegeben. Der schwerste Teil ist wohl, die Gewohnheit selbst loszuwerden. Bei dir sollte das aber unumgänglich sein…“

Sasha verzog das Gesicht. „Wovon redest du?“

“Wegen deines Nikotinentzugs. Was übrigens auch helfen soll, ist Tee trinken! Ich habe unten schon eine Kanne aufgesetzt, wenn du welchen haben willst.“, teilte er begeistert mit und richtete seine Brille.

„Hör auf.“ Sie stand von ihrem Stuhl auf.

“Wie bitte?“

“Hab ich nach deiner Hilfe gefragt?“ Ihre Hände ballten sich.

Er sah sie fragend an.

Sie knurrte.

„Hab ich nach deiner Hilfe gefragt?!“, schrie Sasha nun.

Takeda zuckte und räusperte sich.

„Das hast du nicht. Aber nach unserem letzten Gespräch dachte ich-“

“Vergiss es!“

„Aber-“

„Vergiss es doch einfach! Ich brauche deine bekloppte Hilfe nicht!“

Plötzlich griff sie sich den Stuhl und stieß ihn mit voller Kraft gegen ihren Schreibtisch. Mit einem Klirren kippte das Stifteglas um.

„Ich möchte dich doch zu nichts zwingen.“

Ungezügelt tigerte sie im hinteren Teil des Zimmers.

„Ich dachte, es würde dir nur eine Hilfe sein, wenn wir das Ganze zusammen angehen.“

Sie zeigte mit dem Finger auf ihn. „Halt dich gefälligst da raus! Verstanden?!“ Dann drehte sie ihm im nächsten Schritt den Rücken zu und warf die Hände in die Luft. „Als hätte ich das nicht selbst unter Kontrolle!“

“Sasha. Bitte entschuldige-“

Ein Kissen flog nach ihm. Gerade rechtzeitig schützte er sich mit seinem Notizbuch. “Sasha-.“

“Raus!“, brüllte seine Nichte mit zu Berge stehenden Haaren. Was war denn in sie gefahren?

„Ich möchte doch nur-“

„Lass mich in Ruhe!“

Takeda war wie festgewurzelt.

Er hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit so einer Reaktion.

Natürlich war Sasha nicht einfach. Das war ihm bewusst. Seit ihn der Anruf des Jugendamts erreicht hatte, machte er sich auf alle möglichen Schwierigkeiten gefasst.

Dann flog das leere Stifteglas.

Nicht auf ihn zu. Gott sei Dank.

Stattdessen zerschellte es auf den Dielen.

Der laute Knall fuhr ihm bis ins Mark.

In dem Moment fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

Sasha atmete heftig mit hoch rotem Kopf. Die Scherben lagen wild über den Boden verteilt. Sie trug keine Socken. „Pass auf-“

“RAUS!“

„Ich bringe dir ein Kehr-“

“VERZIEH DICH!“

Ein wildes Geschrei auf Deutsch folgte. Vermutlich reihenweise Flüche.

Es kam nicht oft vor, dass er einen Kampf aufgab. Doch als Sasha ihren Stuhl ein weiteres Mal durch den Raum schmiss, geriet er in Bewegung.

„Entschuldigung. Ich gehe kurz raus.“, sprach er rückwärts gehend und neigte den Kopf.

“Besser so! Und bleib gefälligst draußen!!“

Er war schon halb im Gang, da hörte er stampfende Schritte. Die Tür wurde vor ihm zu gedonnert. Er strauchelte nach hinten und fing sich an der Wand gegenüber. Das Notizbuch klatschte mit gefletterten Seiten auf den Boden.

Schockiert blieb er dort mehrere Minuten einfach stehen und ließ das Erlebte sacken.

In seiner Lehrerlaufbahn hatte er selten so einen Fall gehabt. Abgesehen davon war das hier auch etwas ganz anderes als sonst. Sasha war keine dahergelaufene Schülerin. Sie war seine Nichte.

Zaghaft hob er sein Notizbuch auf und starrte es nachdenklich an.

Er musste irgendwie anders an die Sache rangehen.