Kapitel
Kapitel
Die Woche wurde mit jedem Tag absurder. Freitags verließ sie, sobald die Mittagspause anbrach, ohne Umschweife den Raum. Michimiya sollte nicht mal die Chance haben, sie anzuquatschen. Sie wusste zwar nicht, was sie mit der Mittagspause anfangen sollte, aber alles war gerade besser, als Menschen zu begegnen, die sie kannte…
Vielleicht war es an der Zeit aufzuhören, diese Gedanken auszuformulieren.
Es wirkte wie ein persönlicher Angriff des Universums, als ihr plötzlich Tanaka entgegenkam.
Er hatte einen kleinen anderen im Schlepptau, dem “Chaos" quasi ins Gesicht geschrieben stand.
„Guten Tag Sasha.“ grüßte Tanaka, übertrieben höflich mit geneigtem Kopf.
„Hey.“ Selbst Augenkontakt vermied er.
„Ach. Du bist also diese Monsterbraut!“ Der kleine Schüler neben Tanaka klatschte ihr mit der flachen Hand gegen die Schulter. Sein Gesicht strahlte förmlich. „Ich hab schon krasse Sachen über dich gehört!“
Wildes dunkles Haar, vorne blondiert. Uniform, nicht ordentlich, aufbrausender Charakter. Ein Möchtegern-Gangster? Etwas zu lebhaft dafür.
Missbilligend sah sie auf ihn herab.
„Das ist sie doch Tanaka, oder?“
„Jetzt komm mal runter, Noya.”
„Sag mal, wie kräftig bist du? Du hast Kampferfahrung, oder?“
“Tut mir leid, Sasha. So ist er immer. Ignorier ihn einfach.“ Tanaka kratzte sich beschämt am Nacken. “Wir sollten jetzt besser-”
An den Schultern versuchte er, seinen Freund an ihr vorbei zu schieben. „Besser wir stören dich nicht weiter.“
„Hey, lass Armdrücken machen! Ich will wissen wie stark du bist!“
„Noya!“, zischte Tanaka. „Mach uns keine Probleme.“
„Auf welcher Position spielst du?“
„Was?“
Sie musterte nochmal seine Physik. Durch die Kleidung konnte man nicht viel sehen, aber er hatte etwas Sportliches an sich.
“Bist du Teil des Volleyballteams? Welche Position spielst du?”
Schnell duckte er sich unter Tanakas Armen durch, um weiter mit ihr zu quatschen.
Die Brust herausgestreckt zeigte er mit dem Daumen auf sich. “Ich bin der Libero! Auch genannt Abwehrgott!”
“Dachte ich mir…” Sie sah an ihm hoch und runter.
“Wag es ja nicht, mich auf meine Größe zu reduzieren!”
Der Abstand zwischen ihnen wurde kleiner.
“Noya!!!”
Sie kreuzte die Arme vor der Brust. “Ich dachte, Liberos zeichnen sich durch ihre Reflexe aus. Aber meinetwegen. Was springt für mich dabei raus?”
“Hä?”
“Beim Armdrücken. Was bekomme ich, wenn ich gewinne?”
Der Libero zuckte mit den Schultern. “Keine Ahnung. Ich geb dir ein Eis aus?”
“Aha… Und wenn du gewinnst?”
Ein Grinsen wuchs auf seinem Gesicht und er kreuzte ebenfalls die Arme vor der Brust. “Dann will ich, dass du mich wirfst…”
“...”
“...”
“...?”
“Du kannst das doch, oder? Tanaka meinte auch, du hättest ihn fast geworfen.”
“Wieso willst du geworfen werden?”
“Weil es cool ist! Also bist du dabei?” Er hielt ihr die Hand hin.
Das war nicht, wie sie sich ihre Pause vorgestellt hatte.
Aber über einen kleinen Ego Push und ein Eis würde sie sich nicht beschweren.
Sasha schlug ein und Tanaka schüttelte den Kopf.
Ehe sie sich versah, saß sie ihm plötzlich in einem nahegelegenen Klassenraum gegenüber. Tanaka saß dazwischen, als Schiedsrichter agierend.
Ihre Ellenbogen waren auf das lackierte Holz gestützt. Ihre Hände mit festem Griff um den Daumen des anderen geschlungen.
“Du kennst die Regeln?” Nishinoya gab ihr einen Blick, als würde es sich um Krieg handeln. Sasha schnaubte.
“Es ist Armdrücken, was gibt es da groß zu beachten.”
Er zuckte mit der Augenbraue und Tanaka zählte runter.
Das Gefecht hielt fast zwei Minuten an. Sasha rollte ihr Handgelenk ein, aber Noya übermannte sie am Ende trotzdem. Sie forderte eine Revanche mit links. Diese hätte sie fast gewonnen, hätte Nishinoya nicht wie ein verrückter geschrien, was sie sehr abgelenkt hatte.
Jubelnd sprang er von seinem Stuhl auf.
Sasha schüttelte ihre Finger aus.
“Ich muss schon sagen. Du bist nicht arm dran.”, meinte er schließlich zu ihr.
“Gleichfalls.” Sasha stand auf, wollte sich bereits verabschieden und ging schon Richtung Ausgang.
“Warte, du hast die Wette noch gar nicht erfüllt!”
Seufzend blieb sie stehen.
“Wie stellst du dir das denn vor? Wir haben nicht mal Platz dafür.”
“Wieso können wir es hier nicht machen?”
Sasha sah sich im Klassenraum um. Der Laminatboden und die Tische ihr ein klarer Dorn im Auge.
“Willst du dir die Schulter brechen? Oder dir irgendwo die Birne anhauen?” Sie hoffte, damit wäre das Thema gegessen.
“Ich hätte eine Idee, wo man es machen könnte.”, mischte sich Tanaka ein.
Sie hätte einfach gehen sollen…
“Tut mir leid, wenn wir dir auf den Sack gehen.”
Mit dem Fuß testete sie den erdigen Boden. Durch den Regen dieser Woche war er schön weich. Trotzdem nicht so effektiv wie eine Matte. Aber als Libero musste der Kerl hart im Nehmen sein.
Sie sah hoch zu Tanaka. "Inzwischen ist es mir auch egal. Wenn er es unbedingt will. Ist ja nur meine Mittagspause…”
Sie wies Nishinoya kurz ein, wie er fallen sollte, ohne sich weh zu tun und erklärte, was sie machen würde. Er war kleiner als sie, das würde das ganze ein bisschen erschweren. Mit der richtigen Tiefe sollte es aber trotzdem funktionieren.
Sie packte Nishinoya am Ärmel. “Bereit?”
Er nickte.
Die Bewegung erfolgte innerhalb zwei Sekunden.
Sasha drehte sich mit dem Rücken gegen ihn, schlang ihre Ellenbeuge um seinen Arm, ließ sich auf die Knie fallen, holte dabei Schwung, fand gleichzeitig seinen Schwerpunkt, beugte sich vor und zog.
Wie ein nasser Sack landete er vor ihr im Gras.
Perplex lag er dort einige Sekunden und starrte in den blauen Himmel. Dann richtete er sich auf.
“Geil!”, sagte er und drehte sich zu ihr. “Nochmal.”
“Wir haben uns auf einmal geeinigt.”
Er rappelte sich hoch, hob die Hand und gab ihr einen Handschlag.
“Bring’s mir bei!”
„Beibringen?“
“Ja!“
“Was? Werfen?“
“JA!“
“… Nein.“
“Warum nicht?“
“Warum sollte ich dir werfen beibringen? Das war nicht Teil der Abmachung!“
“Na und! Ich will, dass du es mir beibringst!“
“Das kann man nicht heute auf morgen lernen.“ Und sie hatte auch keine Lust, wochenlang mit ihm zu üben. Besonders nicht mit jemandem wie ihm, der das ganze nur halbherzig machen würde.
“Doch bestimmt. Ich kann alles!“
“Willst du mich auf den Arm nehmen? Kannst du vergessen.“ Meine Güte war der Kerl anstrengend.
“Ist ja langweilig. Ich krieg dich noch dazu, vertrau mir! Wie heißt du nochmal? Sasha, richtig? Ich erinnere dich dran, ja?“
„Kannst du vergessen!“
“Ich erinnere dich dran!“ Er wendete sich zum gehen. Tanaka hob entschuldigend die Hand und folgte dem Kerl kopfschüttelnd.
Was eine unglaubliche Nervensäge.
Da war ihr Michimiya doch lieber.
-
„Ihr seid schon ein sehr komisches Team. Kann das sein?“
„Anmut“, las Suga vor und Sasha begann zu zeichnen.
„Alle, denen ich bis jetzt begegnet bin, hatten eine Schraube locker…“
„Ach ja?“ Sugawara strich das Eselsohr in ihrem Heft glatt. „Zähle ich auch dazu?“
„Du ganz besonders.“
Suga kräuselte amüsiert die Nase.
Sie hob ihre Zeichnung hoch, so dass er sie sehen konnte. Sugawara nickte.
„Sehr gut. Das nächste ist ‚Intuition‘… Wie kommst du darauf?“
„Mir ist heute ein Nishinoya begegnet…“
Diesmal kamen sogar seine Grübchen zum Vorschein. „Verstehe… Und er hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, wie es scheint?“
Sie rollte mit den Augen. „Kann man so sagen. Richte ihm bitte von mir aus, dass er es vergessen kann und mich in Ruhe lassen soll. Auf Tanaka hört er nicht…“
“Hat sich die Sache mit Tanaka eigentlich inzwischen geklärt?“
Sasha nickte und hielt ihren Block hoch. „Schon längst.“ Sugawara gab ihr einen Daumen hoch und las das nächste Wort von der Liste vor.
„Ist er Auswechselspieler?“
“Wer? Tanaka?“
“Nishinoya. Er wird doch kaum auszuhalten sein auf dem Feld…“
Suga neigte den Kopf zur Seite.
“Eigentlich nicht. Im Gegenteil. Er ist einer der wichtigsten Spieler in unserem Team.“
Sasha zog eine Augenbraue hoch. „Wirklich? Euer Team muss ziemlich arm dran sein, wenn so jemand Stammspieler von euch ist.“
“Ich vermute, du kennst ihn einfach nicht genug, um das zu verstehen. Auf dem Feld ist er sehr wertvoll.“
“Was spielt das zur Sache? So jemand kindisches… Das sorgt doch nur für Chaos. Wie soll da überhaupt das Zusammenspiel funktionieren, wenn-“ Sie schluckte den Rest des Satzes runter. Sie steigerte sich rein. Ihre Hand war stehengeblieben.
Erwartungsvoll starrte Sugawara sie an, gebannt auf eine Fortsetzung wartend. Sie wendete den Kopf und hoffte damit, seinen Blick abzuschütteln. Als das nichts half, malte sie schnell das Kanji fertig und hob ihr Blatt.
Sugawara verstand schließlich den Hinweis und las das nächste Wort vor.
„Es ist schwer verständlich, ich weiß. Nishinoya ist exzentrisch, hat einige Macken und ist generell ziemlich schräg drauf. Oft kann er einen auch überfordern. Aber er ist ein großartiger Libero und überraschend selbst reflektiert, was seine Leistung im Spiel angeht. Nishinoyas Können ist herausragend. Man sagt nicht ohne Grund, dass Genie und Wahnsinn nah beieinander liegen.”
Das konnte man wohl über das ganze Team sagen.
“Wir alle vertrauen ihm zutiefst… Deswegen hat er seinen verdienten Platz in unserem Team.“ Ein kleiner Schatten huschte über sein Gesicht. Er verdeckte ihn aber sofort mit einem sanftmütigen Lächeln.
Sasha kaufte ihm kein Wort ab.
Ein wenig später wurden sie aus dem Laden geschickt. Die Nacht war hereingebrochen und eine kalte Brise besprühte Sasha unter ihrer Jacke mit Gänsehaut.
„Diesmal begleite ich dich aber nach Hause. Es ist schon so spät.“, beteuerte Sugawara.
Sie packte ihre Hände in die Taschen und kickte einen Kieselstein.
“Ich gehe noch nicht heim.“
“Willst du wieder spazieren gehen?“
Am Rande ihres Sichtfeldes, kreuzte er die Arme vor der Brust.
“Mhm. Hast du ein Problem damit?“
“Mehrere, um ehrlich zu sein…“
„Zu schade aber auch.“, brummte sie zynisch und verbannte ihn aus ihrem Gewissen. „Ich gehe jedenfalls.“ Sie setzte sich in Bewegung.
“Ich komme mit.“
Augenblicklich lief er neben ihr her. „Nicht nötig.“
“Ich würde dich gerne begleiten.“
„Wann hab ich gesagt, dass ich dich dabei haben will?“
“Ich kann auch hinter dir gehen. Mit Abstand versteht sich.“
“Lieber nicht. Sonst sieht es noch aus, als würde ich gestalkt werden.“
Warum hatte sie es immer mit Kletten zu tun?
Zumindest war Sugawara die angenehmste von ihnen. Inzwischen waren sie sowieso schon gemeinsam losgelaufen.
Etwas nervte sie gewaltig an Nishinoya.
Frau Thene hätte ihn auf der Stelle gesteinigt, wenn so jemand in ihr Team gekommen wäre. Wie hat er es also geschafft, mit seinem Team weiterzukommen? Dazu von Sugawara so gelobt zu werden? Diese aufbrausende, wilde Art. Das konnte man doch nicht aushalten.
Sie legte ihren Kopf in den Nacken. Die verspannte Muskulatur wurde dadurch angenehm entlastet. Ihre Augen wanderten zum Nachthimmel. Sterne blitzten auf sie hinab. Automatisch suchte sie nach bekannten Mustern, wie sie es in vergangenen Tagen so oft gemacht hatte.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Ein Flattern. Es zischte über ihnen vorbei. Sugawara zuckte neben ihr. Der Schatten verlor sich in der Ferne.
Eine Fledermaus.
Beruhigt atmete er auf. „Hab ich mich erschreckt…“
Sasha schmunzelte.
Er sah sie wieder an. „Hast du denn keine Angst?“
Sie zuckte mit den Schultern und erlaubte es sich zu grinsen.
„Keine Sorge. Sollte jemand komisches auftauchen, haue ich ihm einfach eine rein.“
Anscheinend hatte sie ihm wieder die gute Laune entlockt.
„Dabei bin ich doch mitgekommen, um auf dich aufzupassen…“
„Ich meinte doch schon davor, das ist nicht nötig.“
Ein Seufzen zischte durch seine Zähne hindurch.
„Und trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen ‚nicht nötig‘ und ‚nicht erwünscht‘.“
Ihr Nagelbett juckte.
„Um ehrlich zu sein, bist du sehr viel gruseliger als jeder, den ich nachts hier treffen könnte, Sugawara.“
“Bitte? Wie meinst du denn das?“
Wieder schnaubte sie. Sein Blick verweilte auf ihr. Kratzte an ihrer Facade. Für länger, als ihr lieb war. Sie knirschte mit den Zähnen. Ruckartig blieb sie stehen.
„Hab ich etwas im Gesicht?“, raunte sie und wollte ihn schon zurechtweisen.
“Tut mir leid. Ich habe gestarrt.“, kam er ihr zuvor und hob die Hand.
Mist. Sie konnte ihm nicht mal böse sein.
Auf ihrer linken Seite öffnete sich der Wald ihrer Nachbarschaft. Sugawara lief immer noch schweigend neben ihr her. War ihr bis hierhin einfach gefolgt. Interessierte es ihn denn gar nicht, wo sie lang liefen?
Spontan entschied sich Sasha dazu, seine Überzeugung zu testen und machte einen Abstecher nach links.
Sugawara fragte nicht mal, als sie auf das Laub stieg. Wortlos lief er ihr einfach hinterher. Interessant.
Die Blätter knirschten unter ihren Füßen. Die Böe raschelte nun über ihnen durch die Baumkronen. Der Mond schien zwar, aber nicht genug, um sie den Weg sehen zu lassen. Nach wenigen Minuten zog Sasha ihr Handy aus der Tasche und schaltete die Taschenlampe an. Blind folgte Sugawara dem Schein ihrer Lampe.
„Wie lang möchtest du denn spazieren?“, fragte er hinter ihr.
„Keine Ahnung. Morgen haben wir keine Schule.“
“Aber Training.“
Der Waldboden neigte sich.
“Ein bisschen draußen sein, wird uns schon nicht-”
Unter ihr zerbrach ein morscher Ast. Das spitze Holz schrammte ihren Knöchel. Sie fing sich gerade so an einem nahegelegenen Baum.
„Vorsicht.“, hörte sie Sugawaras sanfte Stimme hinter sich. In ihren Fingern kribbelte es.
„Alles gut.“, kommentierte sie trocken und wischte das hängengebliebene Moos von ihren Händen.
„Nichts passiert. Lass uns weitergehen.”, nahm sie ihm die Chance zu fragen.
Sie hatte nicht auf die Uhr geschaut, aber nach ihrem Gefühl musste es eine halbe Stunde gewesen sein. Zwischendurch war sie so in Gedanken versunken, dass sie vergaß, dass sie nicht alleine unterwegs war. Sugawara machte es ihr auch ziemlich einfach. Den ganzen Weg lang hatte er geschwiegen wie ein Grab. Hatte scheinbar keinen Gedanken daran verloren, zu fragen, wo sie lang gingen. Insgeheim war sie inzwischen froh darum. Denn Sasha wusste es, um ehrlich zu sein, auch nicht mehr. Kein bisschen. Sie war nur ihrem Gefühl gefolgt und hatte gehofft, irgendwann auf einen Weg zu stoßen. Inzwischen konnte sie nicht einmal mehr die Himmelsrichtungen unterscheiden.
Die Temperaturen sanken merklich. Der Wind verwehte sich zwischen den Bäumen und noch fror sie nicht, aber das könnte sich innerhalb kürzester Zeit ändern. Dazu war sie mitten im Wald und hatte - sie schaltete ihren Bildschirm an - nur fünf Prozent Akku…
„Sasha?“ Sie zuckte. Stimmt ja. Erst jetzt merkte sie, dass sie stehengeblieben war.
„Alles gut. Wir können weitergehen.“
Ohne sich umzudrehen, stapfte sie weiter durch das Unterholz. Einfach geradeaus.
Ihre Ohren rauschten, hinter ihren Schläfen pochte es. Ihr Knöchel brannte. Sie schniefte den durch die Kälte ausgelösten Rotz hoch.
„Wo wollen wir eigentlich hin?“
Mit den Fingern trommelte sie sich gegen den Oberschenkel. Ach Scheiße…
„Ähhh…“
Fremder Wald umzingelte sie.
Wie lang er sich zog?
Unbekannt.
„Ich, also…“
Ihr Handy vibrierte.
Das Licht flackerte einmal, bevor es erstarb und sie in Dunkelheit tauchte.
„Scheiße.“, zischte sie und drückte verzweifelt den Startknopf. Auch wenn es nichts brachte. Frische Luft wurde abgehackt in ihre Lunge gepumpt. Der Sauerstoff schien aber nicht in ihrem Kopf anzukommen. Ein schwummriger Nebel legte sich über sie.
Etwas Weiches streifte ihre Hand.
Sasha zog sie erschrocken an sich.
„Da drüben ist ein Bach. Abwärts davon kommen wir wieder ins Wohngebiet.“
„Ich weiß wo es lang geht!“, platzte es ihr raus.
Sie konnte ihn nicht sehen. Doch sie spürte seine Körperwärme nicht weit weg von ihr.
„Sicher?“
Er durfte keine zehn Zentimeter von ihr weg stehen. Wüsste sie es nicht besser, könnte er jemand ganz anderes sein. Ein Gedankenausrutscher könnte reichen.
„Ja…“ Einige Sekunden, ließ er sie darüber nachdenken. „…Tut mir leid.“
„Alles gut.“ Ein Bildschirm leuchtete auf und kurz darauf sprang eine Taschenlampe an.
Endlich sah sie wieder ihre Umgebung und Sugawara stand vor ihr.
Das Licht brachte ihr etwas Sicherheit und nach einem gezwungen tiefen Atemzug konnte sie auch das entfernte Plätschern hören.
Jetzt lief Sugawara voraus und würde das heiße Brennen an ihrem Knöchel sie nicht davon abhalten, hätte sie ihn schon längst wieder überholt. Das Rauschen wurde schrittweise lauter. Die einengende Dunkelheit des Waldes öffnete sich zu einem Grasfeld.
Halme streiften und piksten die offene Wunde, als sie voran stapften. Sie rupfte mehrere Ähren beim Vorbeilaufen aus.
Nach wenigen Metern reflektierte sich Sugawaras Lichtkegel in der sprudelnden Wasseroberfläche. Auf der anderen Seite baute sich ein angelegter Hügel auf.
“Da oben sollte ein Weg sein.” Suga strahlte den Hang an.
Sasha ging am Wasser in die Hocke. Etwa anderthalb Meter breit, sah nicht besonders tief aus, die Strömung war auch nicht dramatisch.
“Da kommen wir rüber.”
Sugawara hockte sich neben sie.
“Du willst rüberspringen?”
“Wann käme denn die nächste Brücke?”
“Hinten im Ort?”
Sie stand wieder auf. Sugawara machte es ihr gleich. Sie zupfte ihren Rock zurecht.
“Du gehst vor und fängst die Taschen?”
“Klingt gut.“
Sie hielt ihm ihre Hände hin und kurz darauf fiel ihr ein Riemen in die Hand, das strahlende Handy in die andere. Das Licht richtete sie auf die Landefläche.
Sugawara rieb sich die Hände und ging einen Schritt zurück. Dann sprang er.
Im Schein sah sie, wie er auf der anderen Seite landete. Er zeigte ihr einen Daumen hoch.
Das Handy flog zuerst. Danach schwang Sasha die Taschen auf die andere Seite. Sugawara fing sie ohne Probleme. Das schwerste geschafft.
Er machte ihr die Fläche frei.
Sasha trat ebenfalls einen Schritt zurück.
Sie bohrte ihre Fußballen in die Erde und nahm Anlauf. Der letzte Schritt landete an der Kante des Bachs. Etwas spitzes bohrte in ihre Wunde. Der Schwung bremste sich wieder aus. Zu spät.
Sie war schon in der Luft.
“Achtung-!”
Mit einem saftigen ‚Schmatz‘ landete sie.
Der andere Fuß vergrub sich im Matsch. Einen Wimpernschlag lang rutschte sie. Mit Knie und beiden Händen fing sie sich im Gras. “Ach Kacke.”
Der Schock wich der Erleichterung.
“Alles gut?”, Sugawara streckte ihr seine Hand entgegen. Ein amüsiertes Keuchen entwich ihr.
“Bestens.“
Sie ignorierte gekonnt seine Hand und stemmte sich hoch, schüttelte etwas Matsch von ihrem Schuh.
“Du hast dich sicher nicht verletzt?”
“Du unterschätzt mich.” Die Wunde brannte wie verrückt.
Braune Erde hing an ihr. Hemmungslos wischte sie ihre Hände an seinem hervor gestreckten Ärmel ab.
“Hey! Die Uniform ist frisch gewaschen!”, beschwerte er sich. Ein Grinsen umspielte ihre Lippen.
Ihre Tasche wurde ihr gereicht und Suga begann den Aufstieg. Der Hang war nicht allzu steil, verlangte dennoch, sich an den langen Halmen festzuhalten, um hochzukommen. Sugawara war als erstes oben. Sasha tat sich etwas schwer. Oben hielt er ihr wieder die Hand hin. Sie gab dem nicht mal einen Blick und zog sich das restliche Stück nach oben.
Auf dem Gehweg klopfte sie sich ab und schmierte den klebrigen Schmutz an ihren Schuhen im Gras ab.
Sugawara war nach links schon vorgegangen.
Sasha bemühte sich, aufzuholen. Auf einmal lief er merklich langsamer. Machte es ihr einfach. Sobald sie bei ihm ankam, überholte sie ihn schnaubend.
“Du magst es echt nicht, dir helfen zu lassen.”, merkte er an. Ein frecher Unterton hatte sich eingeschlichen.
“Halt die Klappe. Ich habe es einfach nicht nötig…”
“Auch vorher, als du dich verlaufen hast?”
“Ich hab mich nicht verlaufen!”, protestierte sie, starr weiterlaufend.
“Na gut. Dann hast du dich nicht verlaufen.”
In weiter Entfernung tauchten leuchtende Straßenlaternen auf.
“Aber in der Dunkelheit verirrt.”
“Jetzt halt die Klappe!” Automatisch verschnellerte sich ihr Schritt. Er passte sich ihr an. Sie lief noch etwas schneller. Wieder hielt er kichernd mit ihr auf. Provoziert rannte sie schließlich.
Das Licht kam immer näher. Sie hörte nur noch ihre eigenen Schritte. Auf ganzer Distanz schaute sie nach rechts. Sugawara war weg. Sie bremste abrupt, blieb stehen, schaute sich nach hinten um. Dunkelheit.
“Sugawara?”
Keine Antwort. Reue.
“Sugawara?”, rief sie diesmal.
Ein Licht ging auf. Er war nur wenige Meter entfernt. Augenblicklich verschwand die Schuld.
„Weißt du,”, fing er an und lief auf sie zu, “manchmal ist der erste Schritt, einfach stehen zu bleiben.“ Vor ihr blieb er stehen und grinste sie unschuldig an.
Sie hoffte, er konnte sie stirnrunzeln sehen.
“Sag mal, hast du heute einen Clown gefrühstückt?”
“Bitte was?”
“Du gehst mir auf die Nerven.”, deklarierte sie trocken.
Sugawara steckte die Hände in die Taschen. Zuckte mit den Schultern. “Ich meine ja nur.”
Sie schüttelte den Kopf und ging der Straßenlaterne entgegen.
„Und du fragst mich, warum ich dich gruselig finde…“