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Kapitel

《Transparent》- A New Home — www.fanfiktion.de · All chapters

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“Das hier ist dein Zimmer. Richte es dir ein, wie du willst.”

Der Raum war nicht besonders groß. Neben der Tür an der Wand stand ein hölzerner Kleiderschrank. Gegenüber von ihm war ein Bett in der Ecke platziert. Ein großes Fenster an dessen Kopfseite ließ das Tageslicht den Raum füllen. Takeda hoffte, dass der eher westliche Stil der Möbel es ihm leichter machen würde, sich einzuleben. Das ehemalige Gästezimmer hatte er extra neutral gestaltet. So blieb ihm viel Platz, um sich auszubreiten.

“Die restlichen Kisten bringe ich dir gleich hoch.”

“Ich kann sie auch selbst hochbringen.”, wandte Sasha ein. Neugierig quetschte sich Charlie an ihnen vorbei und erkundete den Raum.

“Lass es uns doch gemeinsam machen.”

Takeda folgte ihm wieder runter. Die Kartons standen alle noch im Eingangsbereich. Sasha stapelte zwei und hob sie in einem hoch. Takeda transportierte dagegen zur Sicherheit nur eine Kiste.

“War die Fahrt hierher angenehm?”, fragte er, nur wenige Stufen hinter Sasha. Dieser brummte nur.

Oben begrüßte Charlie sie freudig, als wären sie Tage statt Minuten weg gewesen. Takeda musste bei diesem Energiebündel besonders aufpassen, wo er hintrat. Sasha stellte die Kisten neben dem Bett ab und befahl, Charlie dann auf dem Teppich “Platz” zu machen.

Takeda stellte seine Kiste zu den anderen und richtete sich dann wieder auf.

Bei dem Gedanken, bald einen Hund im Haus zu haben, war Takeda etwas nervös gewesen. Aber wenn er mit einem Teenager klarkommen müsste, dürfte er mit einem Hund doch locker fertig werden. Das versuchte er zumindest, sich einzureden.

“Wie alt ist er?”

“Alt.”, antwortete Sasha trocken und kraulte dem Hund den Kopf. “Aber verspielt. Lass die Räume, in die er nicht rein soll, also besser verschlossen.”

“Verstehe… Gibt es sonst irgendwas, worauf ich bei ihm achten muss? Essenszeiten oder Ähnliches?"

“Du musst dich nicht um ihn kümmern. Das mache ich selbst.”

Takeda stockte, konnte aber nichts entgegnen. So folgte er seinem Neffen einfach wieder runter. Zwei Kisten waren noch übrig.

“Ist das alles, was du aus Deutschland mitgebracht hast?”

Sasha nickte stumm. Es waren insgesamt gerade mal fünf Kisten und diese waren auch nicht außerordentlich groß. Takeda hoffte, es lag daran, dass Sasha nicht viel brauchte.

Auf dem Weg wieder nach oben fragte er:

“Sag mal, treibst du zufälligerweise Sport?”

Sasha brummte. “Habe früher verschiedenes gemacht.”

“Was denn zum Beispiel, wenn ich fragen darf?”

“In der Grundschule bis Mittelstufe Kampfsport, in der Mittelstufe Volleyball, in der Oberstufe Skateboarden.”

“Volleyball?”

Die letzte Kiste stellte er ordentlich auf die anderen.

“Das ist ja toll! Zufälligerweise beaufsichtige ich dieses Jahr den Volleyball Club der Jungen. Hast du vielleicht Lust, da mal vorbeizuschauen.”

Sasha musterte ihn verwirrt.

“Was soll ich denn da?”

Takeda kratzte sich am Hinterkopf.

“Es ist nur ein Vorschlag. Aber es wäre die perfekte Möglichkeit, ein paar Freunde zu finden, denkst du nicht?”

Sein Gegenüber zuckte gleichgültig mit den Schultern.

“Nun denn…” Takeda stemmte die Hände in die Seiten. “Möchtest du die Kisten heute schon ausräumen?”

“Das mach ich morgen.”

Sasha hockte sich neben Charlie und streichelte ihm über den Rücken.

“Dann sind wir hier ja fertig. Ich lass dich kurz allein. Aber komm doch in der nächsten Stunde runter, damit wir alle Schul-bedingten Regeln und Dokumente durchgehen können.”

Damit verabschiedete sich der Lehrer aus dem Zimmer und Sasha verblieb mit Charlie.

Bis Sasha runter kam, spülte Takeda das Geschirr vom Frühstück. Er schaltete den Wasserhahn ab, sobald er seinen Neffen die Treppe runterkommen hörte. Mit einem Tuch trocknete er sich die Hände und kam ihm im anliegenden Wohnbereich entgegen. Die Küche, das Esszimmer und der Wohnbereich mit Sofa und Fernseher waren alle miteinander verbunden. Früher waren sie noch durch Shoji voneinander getrennt gewesen. Ihm persönlich gefiel der offene Stil aber besser, deshalb waren sie alle entfernt und verstaut worden.

Sasha blickte sich gelangweilt im Raum um. Charlie, so loyal wie er war, saß hechelnd neben ihm und wich ihm nicht von der Seite.

“Setz dich doch schon mal an den Tisch. Ich bin sofort da.”, schlug Takeda vor und deutete zum Esstisch. Schnell ging er in sein Büro und holte all die Dokumente, die ihm mitgegeben wurden.

Sie verbrachten eine ganze Stunde damit, alles durchzugehen. Auch wenn es nervte, war es leider Vorschrift, dass er alle Verhaltensregeln und Abläufe der Schule kannte.

“Um deinen Bildungsstand festzustellen, habe ich diesen kleinen Test erstellt. Er dauert nicht allzu lange. Das meiste sind Ankreuzfragen. Es wäre eine große Hilfe, wenn du ihn heute Nachmittag, während ich weg bin, bearbeiten könntest.”

Takeda überreichte ihm einen zusammen getackerten Haufen Papier, den Sasha etwas angewidert betrachtete.

“Keine Sorge, er ist nicht so kompliziert wie er aussieht. Die Fragen sind auch alle auf Englisch gestellt. Versuche aber gerne, sie in Japanisch zu beantworten. Schließlich musst du das später sowieso.”

Sasha nickte missmutig und nahm den Test entgegen. Takeda blätterte seinen Bogen um.

“Zuletzt: Regeln, die dein Aussehen betreffen.”

Er konnte Sashas Augenrollen schon kommen sehen. Um der Einheitlichkeit Willen, gab es an allen Schulen Japans einige Regeln, die das Aussehen betrafen. Takeda war bewusst, dass sie für jemanden, dem sie völlig fremd waren, übertrieben wirken könnten.

“Deine Piercings musst du also für die Schule entfernen. Die sind leider verboten. Deine Frisur sollte aber in Ordnung sein.”

Takeda blätterte zum nächsten Dokument.

“Kommen wir zur Uniform…”

“Uniformpflicht und so. Ich weiß schon…”, kommentierte Sasha müde.

“Ganz genau. Jungen tragen eine schwarze Uniform und weiße Hemden. Mädchen tragen schwarze Röcke und rote Fliegen. An deiner alten Schule gab es das wahrscheinlich nicht, oder?”

Lustlos schüttelte er den Kopf.

“Ich bin mir sicher, du wirst dich relativ schnell an das Konzept gewöhnen.” Takeda stand auf und lief zu einem der Schränke.

“Deine Uniform habe ich bereits besorgt. Ich hoffe, sie passt dir.”

Er kam zurück zum Tisch und überreichte Sasha den Stapel Kleidung.

Dieser klappte ihn direkt auf und betrachtete die zwei Stücke. Für einige Sekunden starrte Sasha die Jacke samt Hemd und Hose skeptisch an.

“... Sagtest du nicht, Mädchen müssen Röcke tragen?”

“Genau. Und Jungen tragen Hosen und schwarze Jacken.”, wiederholte Takeda freundlich lächelnd.

Ein paar Mal blickte Sasha zwischen ihm und der Uniform hin und her.

“Das ist eine Jungenuniform.”, stellte Sasha fest.

Takeda richtete seine Brille.

“Ja, das ist sie… Stimmt irgendwas nicht?”

Voller Ernsthaftigkeit sah Sasha ihn an und sagte:

“Du weißt schon, dass ich ein Mädchen bin…”

“Wie bitte?”

“Ich bin ein Mädchen.”, wiederholte sie stumpf.

Bloßer Horror wuchs auf seinem Gesicht.

“Ein Mädchen?”

“Ein Mädchen.”

Im schnellen Bogen verbeugte sich Takeda tief.

“Es tut mir ja so leid! Wie konnte ich das nur übersehen!”

Sasha hätte mit ihren markanten Gesichtszügen und kurzen Haaren auch zweifellos männlich sein können.

“Bitte entschuldige!”

Lässig winkte sie ab. “Schon in Ordnung, das passiert mir oft.”

Nachdenklich legte Takeda sich die Hand vor den Mund.

“Dabei bin ich mir sicher, mir wurde mitgeteilt, du seist ein Junge…”

“Es würde mich nicht wundern, wenn die Leute vom Jugendamt das ebenfalls verpeilt haben. Die waren alle etwas inkompetent.”

“Nein, das war bestimmt mein Fehler. Sie haben mir schließlich deine Akte geschickt…”

Sasha faltete den Stapel wieder ordentlich zusammen. “Was machen wir jetzt hiermit?”

Takedas Blick fiel auf die Uniform. Er kratzte sich an der Braue.

“Das ist auf jeden Fall ein Problem. Eine neue Uniform würde frühestens in einer Woche fertig sein, selbst wenn ich sie noch heute in Auftrag gebe…”

Grüblerisches Schweigen brach zwischen ihnen aus.

In einer Jungenuniform würde sie sicher nicht in die Schule gelassen werden. Aber was sollten sie sonst machen, bis die neue ankam? Takeda konnte Sasha auch nicht einfach zuhause lassen. Sie war sowieso schon eine Woche zu spät. Wenn sie noch später den Unterricht besuchen würde, verpasste sie womöglich noch wichtigen Stoff.

“Wenn es sein muss, trage ich auch diese Uniform.”, behauptete sie.

Könnte das funktionieren? Wäre das denn in Ordnung?

“Es ist doch sowieso immer dasselbe. Inzwischen ist es mir auch egal.”

“Bist du dir sicher, dass du damit einverstanden bist? Du bekommst auf jeden Fall noch eine passende Uniform.”

Sashas Blick fiel auf Charlie, der es sich neben ihren Füßen gemütlich gemacht hatte.

“Ich werde doch sowieso schon total auffallen. Da macht das keinen so großen Unterschied mehr.”

Takeda gefiel das ganze nicht. Aber gab es denn eine andere Option?...

“Dann werde ich dir heute direkt deine neue Uniform bestellen. Es tut mir wirklich äußerst leid.”

“Macht nichts…”

Sie klemmte sich den Test unter die Achsel und stand auf, ohne ihm einen weiteren Blick zu schenken.

“Den Nachmittag bist du weg, nicht wahr?”

Er nickte. “Ich bin nochmal an der Schule, um etwas zu erledigen.”

“Dann bis später.”

Sasha hob die Hand zur Verabschiedung. Charlie folgte ihr nach oben.

“Ruh dich gut aus.”, erwiderte ihr Takeda.

Wenige Stunden später kehrte Stille ins Haus.

Eigentlich war davor auch die ganze Zeit Ruhe gewesen, aber Sasha spürte einen deutlichen Unterschied, als sie die Haustür ins Schloss fallen hörte. Für sie war es nichts Neues, alleine zuhause zu sein. Doch alleine, in einem fremden Haus?

Sasha rollte sich auf ihren Bauch und presste ihr Gesicht in ihr weiches Kopfkissen. Ihren linken Arm ließ sie dabei schlaff von der Bettkante hängen.

Etwas kaltes berührte ihre Hand und warme Nässe folgte. Sasha drehte ihren Kopf, um ihren Hund, der ihre Hand weiter abschleckte, genervt anzustarren. Gegen Charlies braune Augen kam sie aber nicht lange an. Lächelnd hob sie die Hand und strich ihm über den Kopf. Mit der anderen suchte sie die Decke nach ihrem Handy ab. Der Homescreen zeigte inzwischen 16:46 Uhr.

Laut seufzend stemmte sie sich von der Matratze hoch und setzte sich auf. Es war Zeit für einen Spaziergang.

-

Über den Nachmittag waren immer mehr Wolken am Himmel aufgetaucht, welche von der sich langsam  dem Horizont nähernden Sonne in tiefe Orange-Töne getaucht wurden. Wie Wattebäusche, die im Kunstunterricht in einen dreckigen Wasserbecher getunkt wurden.

Es hätte sie nicht gewundert, wenn der Regen dieser Wolken wie Orangensaft schmeckte. Vor ihr, an einer Leine in demselben Orange, tappte Charlie. Die Straße, der sie folgten, verlief aufwärts an einem Wald entlang. Sasha war auf die grandiose Idee gekommen, das Gassigehen mit einer Erkundungstour zu verbinden. So stromerten sie nun seit einer Viertelstunde durch die Nachbarschaft.

Sasha entdeckte am Waldrand einen sehr günstig gelegenen Stock. Sie löste Charlies Leine und schickte ihn los, um ihn zu holen. Sobald ihr Hund aber den Stock zwischen den Zähnen hatte, ließ er ihn nicht mehr so leicht los. Für ein paar Sekunden rangen sie miteinander. Charlie knurrte, während Sasha kichernd versuchte, ihm den Stock zu klauen. Ihr struppiger Freund gab aber keineswegs auf.

Erst als sie losließ und die Straße hoch rannte, gab Charlie den Stock auf und sprintete hinterher. Oben, als die Straße in einer Kreuzung mündete, drehte sich Sasha um. Dort bemerkte sie, dass Charlie ihr gar nicht so weit gefolgt war. Seelenruhig saß er einige Meter weiter unten auf der Straße und hechelte vor sich hin. Zweimal klopfte sie sich auf den Oberschenkel, um ihn zu sich zu rufen, doch der Hund bewegte sich keinen Zentimeter. Seufzend lief sie die Strecke wieder runter zu ihm und hockte sich vor ihn hin. Charlie richtete sich sofort wieder auf und schleckte ihr schwanzwedelnd übers Gesicht. Sasha grinste und kraulte ihm kräftig über den Nacken, bevor sie ihre Arme um den Hund schloss. Nach einigen Sekunden beruhigte sich Charlie und legte seinen Kopf über ihre Schulter.

Es dauerte ausgesprochen lange, bis Sasha den Hund losließ.

-

Sie zückte ihr Handy aus der Hoodietasche und öffnete Google Maps. Laut der App sollte ihr neues Zuhause etwa 15 Minuten zu Fuß von ihrer Schule entfernt liegen. Das war zumindest schon mal ein relativ angenehmer Schulweg. Besser als 20 Minuten Fahrt mit einem überfüllten Bus, der alle zwei Tage nicht kam. Auf dem Weg schien sogar ein kleiner Lebensmittelladen zu liegen.

Sie folgte der angezeigten Route zur Schule und blieb schließlich stehen, als ihr GPS-Symbol neben dem des Ladens angezeigt wurde. Sie drehte sich nach rechts. Unter einem großen Schild, dessen Kanji sie nicht lesen konnte, hauste tatsächlich ein kleiner Laden. Vielleicht war das einer dieser Konbinis. Sie wäre gerne rein gegangen, aber da sie kein Geld dabei hatte, entschied sie sich doch dagegen. Früher oder später würde sie ja sowieso nochmal mit Geld vorbeikommen. Ihr Blick fiel zurück auf ihr Handy. Laut Google Maps müsste sie nur noch sieben Minuten laufen und dann wäre sie schon bei der Karasuno. Im Augenwinkel sah sie eine Person vorbeilaufen.

Der Sonnenuntergang sah inzwischen noch beeindruckender aus. Das satte Orange verlief in tiefes Violett. Es war inzwischen ein halbes Jahr her, seit sie den Sonnenuntergang zuletzt beobachtet hatte.

Ein Schrei riss sie aus ihren Gedanken. Oder eher ein Name, der gerufen wurde. Plötzlich raste ein schwarzhaariger Junge an ihr vorbei. Schnell griff sie Charlie am Halsband, dass er ihm nicht hinterherrannte. Der Junge blieb vor dem Kaufladen stehen und unterhielt sich unruhig mit der Person davor. Verwirrt nahm Sasha Charlie wieder an die Leine und führte dann ihren Spaziergang fort.

Etwas weiter vorne machte die Straße am Hügel eine Kurve hoch.

Auf einmal kamen ihr noch mehr Personen entgegen. Noch mehr Jungs. Diesmal einer mit kahl geschorenem Kopf, einer mit dunklem Haar und ein kleiner Rotschopf, der ein Fahrrad neben sich her schob. Gemeinsam riefen sie denselben Namen wie der Kerl kurz vor ihnen. Beim zweiten Mal verstand sie den Namen “Sugawara” klar und deutlich. Sie trugen alle dieselben schwarzen Jacken. Etwa von der Karasuno? Nein, das waren Clubjacken. Sasha konnte zwar nicht lesen, was die Zeichen auf ihren Rücken bedeuteten, aber sie kamen aus der Richtung der Karasuno. Also doch?

Die waren ganz schön laut. Mit solchen Energiekanonen wollte Sasha lieber nichts zu tun haben.

Schweigend lief sie weiter.

Die Karasuno machte einen ordentlichen Anschein. Das Schulgelände war nicht sonderlich groß, aber es gab mehrere Sporthallen und einen Sportplatz. Außerdem war nirgends auch nur ein Schnipsel Müll zu entdecken. Da sollten sich ihre alten Schulen mal eine dicke Scheibe von abschneiden.

Als sie wieder am Eingang vorbei kam, hörte sie jemanden ihren Namen rufen und auf einmal stand Takeda vor ihr.

“Hallo Sasha. Was machst du denn hier?”

Sie zuckte mit den Schultern und folgte ihrem Onkel runter vom Schulgelände.

“Ich habe die Gegend erkundet.”

“Ach ja? Warst du erfolgreich?”

Sasha zuckte mit den Schultern. “Schon.”

Neben einem kleinen Wagen blieben sie stehen, welchen Takeda per Knopfdruck aufschloss.

“Hättest du Lust mit mir zusammen zum Schneider zu fahren? Dann können wir mit deinen genauen Maßen arbeiten.”

Wieder zuckte sie mit den Schultern.

“Meinetwegen.”