Kapitel
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“Dann fangen wir doch mal an!”
Takeda rieb seine Hände, bevor er sich die größte Kiste aus dem Haufen nahm. Sasha hatte ihm glücklicherweise erlaubt, beim Ausräumen und anschließendem Einräumen zu helfen, auch wenn es nicht viel war. Zuerst zog er sie ein Stück aus der Ecke raus und öffnete dann die verkeilten Paneele.
In der Kiste war ein Skateboard.
Kein normales Skateboard, denn er zog zwei Teile aus dem Karton. Spitze Holzsplitter ragten aus der Kante heraus. Genau in der Mitte war es gebrochen.
“Das ist aber gefährlich.”
Er betrachtete die beiden Stücke. Auf der Rückseite des Skateboard erkannte man das Abbild eines leuchtenden Blitzes. Ein zweites Skateboard, ein ganzes diesmal, verweilte in der Kiste.
“Willst du das hier nicht entsorgen?”
Sasha drehte sich zu ihm um. Ihre Augen weiteten sich und sie riss ihm sofort die Teile aus der Hand und legte sie auf ihr Bett.
“Auf keinen Fall.”
Verdutzt blinzelte Takeda sie an.
“Aber es ist doch kaputt. Warum möchtest du es behalten, wenn du es nicht mehr fahren kannst? Außerdem hast du ja noch ein ganzes hier.”
Er drehte sich zur Kiste und holte das zweite heraus. Als er es umdrehte, bemerkte er das beinahe strahlende Sonnen-Design auf dessen Rückseite. Vom Stil ähnelte es dem zerteilten Blitz auf Sashas Bett.
“Ich kann es nicht entsorgen.”,widersprach Sasha harsch. “Das ist nicht mein Skateboard.”
“Ach echt? Wem gehört es denn?”
“Es gehört meinem besten Freund.” Sashas Finger fuhren sanft über das Design während ihr Rücken zu Takeda gedreht war. Sie stoppten, als der Blitz in gesplittete Holzfasern verlief. “Ich hab es nur kaputt gemacht.”
Ihr Ton deutete darauf, dass sie keine Nachfrage erwartete. So schluckte er jede aufkeimende Frage hinunter und wechselte stattdessen das Thema.
“Ich habe übrigens den Test korrigiert. Du hast wirklich gut abgeschnitten. Das beruhigt mich.”
Er lehnte das Skateboard gegen ihr Bett. “Mir ist aufgefallen, dass du hauptsächlich nur in Hiragana geschrieben hast. Du meintest zwar bereits, dass Kanji dir nicht liegen, aber das ist schon ein kritisches Ausmaß."
“Ich habe online schon nach Kursen gesucht.”
“Um Kanji zu lernen?”
Sasha nickte und räumte weiter den Inhalt ihrer Kiste aus. “Da gibt es aber kaum Angebot.”
“Verstehe. Solltest du nichts finden, hätte ich auch Unterstützung anzubieten. Natürlich werde ich dir auch persönlich helfen, aber ich kenne da jemanden, der dir mit Sicherheit Nachhilfe geben würde.”
Seine Nichte reagierte nicht sofort auf das Angebot.
“Er ist einer der fleißigsten Schüler, die ich kenne. Weißt du was? Schau doch einfach mal morgen beim Volleyballclub vorbei und ich stelle euch einander vor.”
Wieder nickte sie stumm und klappte die leere Kiste zusammen.
“Dazu wirst du dich bestimmt mit ihrer Managerin Kiyoko Shimizu gut verstehen. Sie ist auch in deinem Jahrgang.”
Sasha brummte und nahm sich die nächste Kiste vom Stapel.
Die restlichen Kisten leerten sie ohne tiefere Unterhaltung. Als sie fertig waren, ließ Takeda sie alleine und etwas später verließ Sasha mit Charlie das Haus.
-
Kieselsteine knirschten unter ihren Rollen und Staub wirbelte hinter ihr auf. Der Fahrtwind zerzauste ihr sowieso schon wildes Haar und Sonnenstrahlen küssten ihr Gesicht. Bei diesem Sonnenschein würde es nicht mehr lange dauern, bis ihre leichten Sommersprossen zum Vorschein kamen. Charlie rannte neben ihr her und hielt stetig ihr Tempo. Häuser zogen an ihnen vorbei und für einen kurzen Augenblick erinnerte dieser Moment sie an Zuhause. Umgeben von einer vorstädtischen Nachbarschaft mit nichts als ihrem Skateboard und einem Hund dabei. Heute hatte sie jedoch Geld mitgenommen.
Kurz vor dem Laden sprang sie ab und pfiff Charlie an ihre Seite. Das Skateboard lehnte sie gegen den Automaten nebenan.
Die Tür vor dem Laden war eine Schiebetür, aber es gab keinen Sensor, der sie automatisch öffnete. Also zog Sasha sie einen Spalt auf und lugte zuerst rein, bevor sie eintrat. Ihr kleiner Begleiter folgte jedem Schritt.
Von innen war der Laden sehr viel größer, als er von außen vorgab. Mehrere Regale waren im hinteren Bereich aufgereiht, während ein Tisch vorne Raum für Aktivitäten gab. Rechts, dem Gegenüber, war der Kassiertresen. Dahinter saß ein junger Mann mit blondem Haar, zurückgekämmt und mit einem Haarreif nach hinten fixiert. Seine Miene war grimmig, wie die eines mürrischen alten Mannes. Die dicke Shonen Jump in seinen Händen, machte diesen Anschein aber sofort wieder wett.
Kurz darauf bemerkte Sasha den rauchigen Geruch in der Luft und sah die zur Hälfte gerauchte Zigarette im Mund des Mannes. Ihr Herz machte einen Satz.
“Der Köter muss aber draußen warten.”
Ihr Blick traf den des Verkäufers. Ohne zu widersprechen, brachte sie Charlie raus und befahl ihm, dort zu warten.
Zurück im Laden verschwand sie direkt zwischen den Regalen und suchte die Abteile ab. Lebensmittel, Hygieneprodukte, Schreibwaren, Magazine, der Laden hatte beinahe alles. In der hintersten Ecke fand sie endlich das, wonach sie suchte. Ganz unten auf der untersten Ablage des Regal waren Säcke mit Hundefutter. Der schwierige Teil kam jedoch erst jetzt, denn sie musste die Inhaltsstoffe prüfen.
Sasha zückte ihr Handy und versuchte via Übersetzer und einem Online Wörterbuch, die Schriftzeichen zu entziffern. Leider brachte es sie kaum weiter. Irgendwie machte kein Wort richtig Sinn und die Zeichen waren anscheinend zu klein, um von dem Programm erkannt zu werden. Schließlich schnappte sie sich frustriert den grünen Sack Trockenfutter und ging zur Kasse. Der Verkäufer schaute von seinem Magazin auf, sobald Sasha den Sack auf dem Tresen abließ.
“Verzeihung. Können sie mir bitte sagen, ob dieses Hundefutter Gluten enthält?”
Der Verkäufer legte die Shonen weg.
"Kannst du nicht lesen?", fragte er etwas genervt, hob aber dann den Sack an und überflog die Verpackung samt den Inhaltsstoffen.
“Hier steht nichts von Weizen oder so. Es sollte also kein Gluten haben.”
“Gut. Dann das und ein Päckchen Zigaretten.”
Sasha fischte ihr Portemonnaie aus der Jackentasche und zählte die Yen Scheine, die sie vor der Anreise gewechselt hatte.
“Zigaretten? Bist du denn schon achtzehn?” Der Verkäufer hob misstrauisch eine Augenbraue.
Sasha hielt inne, setzte jedoch sofort ein undurchdringliches Pokerface auf.
“Ja, bin ich.”
Die Kasse gab einen Piep-Laut von sich, als er das Futter einscannte. Prüfend sah er Sasha von oben nach unten an.
“Ich würde gerne deinen Ausweis sehen.”
Sie unterdrückte ein Schauben.
“Hab ich nicht dabei.”
“Dann kann ich dir auch keine Zigaretten verkaufen…”
Der Mann schob den Sack wieder zu ihr rüber und verschränkte die Arme vor der Brust.
“War’s das?”
“Ich hab doch schon gesagt, dass ich achtzehn bin.”, argumentierte sie.
“Ohne Ausweis kann ich das nicht bestätigen.” Er zuckte mit den Schultern.
“Ist das ihr Erst?”, raunte Sasha genervt.
“Kein Ausweis, keine Zigaretten. Schluss jetzt. Das macht 5.000 Yen.”
Mit der flachen Hand haute sie den passenden Geldschein auf den Tresen und zerrte das Hundefutter mit sich.
“Einen schönen Tag noch!”, rief der Verkäufer ihr hinterher. Am liebsten hätte sie ihm einen Mittelfinger serviert, das wäre aber leider zu skandalös gewesen.
Den Rest des Tages verbrachte sie weiterhin draußen. Nur kurz war sie Zuhause, um Charlie und das Hundefutter abzuliefern. Danach war sie auch schon wieder unterwegs.
Die Stunden vergingen, die Straßenlaternen gingen an. Weitere Stunden vergingen. Nächtliche Ruhe kehrte in die Ortschaft und schließlich gingen auch die Straßenlaternen wieder aus.
Das elektronische Klingeln schnitt durch die Stille wie ein Steakmesser. Sasha war den Weg in völliger Dunkelheit und mit nichts außer ihrer Handy-Taschenlampe zurückgelaufen. Inzwischen war ihr Akku fast leer und eine Gänsehaut zog sich über ihre Arme, obwohl sie einen langen Pullover trug.
Die Haustür vor ihr öffnete sich nach zwei weiterem Klingeln. Ein Schatten stand vor ihr, bis Takeda das Flurlicht an knipste. Sie hielt sich geblendet die Hand vor die Augen. Takeda polierte sich mit seinem blau gestreiften Schlafanzug die Brille und setzte sie auf. Erst dann erkannte er sie.
“Meine Güte, da bist du ja! Ich habe mir schon Sorgen gemacht! Komm rein!”, flüsterte er besorgt und trat zur Seite. Sasha schlurfte in das Haus und machte sich keine große Mühe, die Schuhe auszuziehen.
“Bist du okay? Du hast Glück, dass ich einen leichten Schlaf habe. Sag mir bitte nächstes Mal Bescheid, wenn du später nach Hause kommen solltest, ja? Du hast ja noch gar keinen Schlüssel.” Leise schloss Takeda die Haustür hinter sich.
“Ich hatte keinen Akku mehr.”, log Sasha und stapfte auch schon die Treppe hoch.
“Willst du nicht noch etwas zu Abend essen?”, fragte er, obwohl eine Mahlzeit um diese Uhrzeit eher ein später Mitternachtssnack war.
Sasha schüttelte stumm den Kopf.
Takeda sah ihr betrübt nach, während sie mehr und mehr im Schatten des ersten Stockwerks versank.
“Gute Nacht.”, wünschte er ihr und schaltete das Licht wieder aus.
Sasha brummte.