Kapitel
Kapitel
Laut keuchend lehnte sie sich gegen den Automaten. Schweißperlen tropften ihre Stirn hinab. Ihr Herz raste, ihre Lunge fühlte sich an, als würde sie zerreißen. Ihre Beine zitterten wie Espenlaub.
“Na Sucker?”
Ihre Knie gaben nach. Das Metall knarrte, als sie daran zu Boden schliff.
Sie fuhr sich eine zitternde Hand durch das nassgeschwitzte Haar.
“Du siehst anders aus.”
Einatmen. Halten. Ausatmen. Einatmen. Halten. Ausatmen.
Bäume. Häuser. Blaues Dach. Gelbes Dach. Straße.
Rascheln von Blättern. Brummen des Automaten. Zwitschern. Rauschen von Autoreifen in der Ferne.
Rauer Asphalt unter ihren Fingern. Kühlender Schweiß auf ihrer Stirn. Hitze vom Rennen in ihren Sohlen.
Ihr eigener Schweißgeruch. Frisches Gras.
Ihre Zunge fühlte sich zu trocken an, um etwas zu schmecken.
Einatmen. Halten. Ausatmen. Einatmen... Halten… Ausatmen...
Alles gut. Es war nur eine Verwechslung. Nur eine Verwechslung…
Sasha starrte in den Himmel auf. Ein kleiner Vogel, ein Sperling, flog vorbei und landete auf dem Dach des Ladens. So klein und unbekümmert. Freier als jedes andere Wesen dieser Welt. Wie es wohl war, so unabhängig zu sein?
Sie sehnte sich nach einer Kippe.
Ächzend stemmte sie sich vom Asphalt hoch und zog ihren Geldbeutel aus der Tasche.
Sie besaß noch einige Scheine. Irgendwie würde sie ihn schon überzeugen.
Mit ihren Ärmeln wischte sie sich den Schweiß vom Gesicht und zog dann die Tür auf. Der Verkäufer bemerkte sie heute nicht einmal. Seine Beine hatte er auf dem Tresen abgelegt, während er eine Zeitung las und seine Zigarette rauchte.
Mit einem Becher Instant Nudeln und einer Tüte Nikuman, trat sie vor die Kasse.
“Das hier und ein Päckchen Zigaretten bitte.”, forderte sie mit voller Ernsthaftigkeit.
Der Verkäufer sah über den Rand seiner Zeitung hinweg und hob eine Augenbraue.
“Du schon wieder.”
Zusammengefaltet legte er das Papier hinter sich und nahm die Beine runter.
“Verkaufst du mir heute?”
“Hast du heute deinen Ausweis dabei?”
Sasha schnalzte mit der Zunge.
“Ich habe doch schon gesagt, dass ich achtzehn bin. Außerdem interessiert mein Alter doch kein Schwein.”
Der Verkäufer schnaubte.
“Hör zu Bursche. Wenn du mir keinen Ausweis zeigst, kann ich nicht bestätigen, dass du achtzehn bist und sind wir mal ehrlich. Wir beide wissen, dass du nicht achtzehn bist. Dir Zigaretten zu verkaufen, wäre eine Straftat.”
Er lehnte sich gelassen auf den Stuhl zurück. Sasha verabscheute seinen selbstsicheren Gesichtsausdruck.
“Als ob dich das wirklich interessieren würde. Dabei rauchst du selbst wie ein Junkie.”
Ertappt, zog er die Zigarette aus seinem Mund und schimpfte.
“Ich bin ja auch alt genug dafür!”
“Vor ein paar Jahren wäre ich in Deutschland auch alt genug gewesen.”, erwiderte sie schnippisch.
Der Verkäufer lehnte sich wieder vor und drückte die halbe Kippe im Aschenbecher aus.
“Tja. Wir sind hier aber in Japan, Klugscheißer, und nach japanischen Gesetzen darf ich dir keine Zigaretten verkaufen.”
Sasha sah keinen anderen Weg mehr. Sie zog gereizt einen 5.000 Yen Schein aus ihrem Geldbeutel. Irritiert sah der Mann zwischen ihr und dem Geld hin und her.
“Willst du mich verarschen?”
Ohne zu zögern zog Sasha zwei weitere Scheine hinterher.
“Glaubst du ernsthaft, ich bin käuflich, was das angeht?”
“Wie viel willst du?”, drängte Sasha und sammelte noch mehr Scheine zusammen.
“Hörst du mir überhaupt zu?! Ich habe gerade gesagt, ich bin nicht käuflich! Dazu möchte ich nicht die Nikotinsucht eines Minderjährigen unterstützen.”
“Dann lass mich zumindest die da fertig rauchen.” Sie zeigte auf die zerknautschte halbe Zigarette, die im Aschenbecher lag.
Schockiert nahm der Verkäufer die Schale an sich.
“Du machst mir Sorgen, junger Mann.”, raunte er verstört, während er schützend seinen Aschenbecher hielt.
Sasha interessierte die falsche Bezeichnung nicht genug, um ihn zu verbessern.
“Also nur das beides dann.”
Grimmig starrte sie ihn an. Der Verkäufer scannte die Ware und nannte ihr den Preis. Sie bezahlte schweigend.
“Ich habe das Gefühl, ich sollte mal ein ernstes Wörtchen mit deinen Eltern sprechen.”
Das brachte Sasha wiederum zum Grinsen.
“Viel Spaß dabei, die zu erreichen.”, kommentierte sie zynisch, nahm die Sachen und verließ ohne weiteres Wort den Laden.
-
Der Nachmittag ging langsam in den Abend über und die Temperaturen sanken, je dunkler es wurde. Das Schloss klackte als er den Schlüssel drehte und das Haus betrat. Ein bekannter Geruch kam ihm entgegen. Sein Elternhaus besaß schon immer eine etwas erdige Note.
Erklären konnte er sich das nie.
Er zog sich Jacke und Schuhe aus und atmete durch. Ein langer Tag lag hinter ihm. Ganz zu Ende war er jedoch noch nicht. Schließlich musste er noch zu Abend kochen und er wollte mit Sasha über ihren ersten Schultag sprechen.
Takeda legte sich die Jacke über den Arm und trat über die Stufe in den Wohnbereich. Ein buntes Päckchen auf dem Esstisch stach ihm in die Augen. Er legte die Jacke über eine Stuhllehne und nahm das Bento in die Hand. Der Zettel lag immer noch genauso daneben, wie er ihn verlassen hatte. Sasha hatte ihre Box nicht einmal angerührt.
Dann fiel ihm der würzige Geruch auf und er horchte.
Charlies Hecheln aus der Küche war unverkennbar. Sasha war also auch Zuhause.
Takeda ging auf den Eingang zu und lugte um die Ecke.
Charlie saß kerzengerade auf dem Boden und machte Sasha große Augen, während sie Nudeln aus dem Becher gabelte.
“Brauchst mich gar nicht so anzuschauen. Du hast schon gegessen.”, murrte sie dem Hund zu.
Takeda lächelte ein wenig, aber etwas in seiner Brust zog sich leicht zusammen.
“Ich bin wieder da.”, begrüßte er schließlich und betrat die Küche.
Sashas Blick blitzte zu ihm hoch. Sie nickte sacht und aß dann weiter ihre Nudeln. Takeda lief zum Kühlschrank und schaute hinein. Seine Augen blieben dabei an dem Gemüse hängen, das er extra für heute Abend besorgt hatte. Stattdessen nahm er sich nur eine Wasserflasche heraus.
“Woher kommen die Becher-Nudeln?”, fragte er in den Raum rein.
Im Augenwinkel sah er sie mit den Schultern zucken. Er schloss die schwere Schranktür wieder und lächelte ihr einladend zu.
“Du brauchst für dein Abendessen doch kein Geld ausgeben, Sasha.”, begann er ruhig. “Ich hätte natürlich für uns beide etwas gekocht. Wenn du Hunger hattest, hättest du dich auch gerne an den Lebensmitteln hier bedienen können. Es ist ja genug da.”
Sasha starrte in ihren Becher und schaufelte die letzten Nudeln zusammen.
“Fühl dich einfach wie Zuhause.”
Die Flasche zischte leicht, als er sie öffnete. Er nahm einen Schluck und lehnte sich wie sie gegen die Küchenzeile. Sein Blick sank auf Charlie. Der schenkte aber nur Sasha seine Aufmerksamkeit.
“Du hast dein Bento gar nicht mitgenommen.”, öffnete Takeda das Gespräch und brach so die unangenehme Stille.
“Bento?”
“Ja. Ich habe dir heute Morgen eins gemacht. Du hast es aber wahrscheinlich im Stress übersehen. Ist nicht schlimm.” Sasha trank den Rest Suppe, der im Becher übrig war. “Zumindest weißt du jetzt Bescheid und kannst dich morgen darauf einstellen.”
Sie schmiss den Plastikbecher dann in den Müll und brummte: “Musst du nicht.”
“Was?”
Ihr Blick blieb gesenkt.
“Das Bento. Spare dir die Mühe. Ich kann mir auch einfach etwas kaufen.”
Takeda stellte sich aufrecht hin, als Sasha sich auf einmal zum Gehen bewegte.
“Keine Sorge. Es macht mir wirklich keine Mühe. Im Gegenteil. Mich freut es, wenn-”
“Ich bin gleich nochmal unterwegs, ja?”, unterbrach sie ihn schroff. Ihr Blick war immer noch dem Boden zugewandt.
Er bemerkte ihre angespannte Haltung.
Takeda versuchte, sich nichts daraus zu machen, dass sie ihm aus dem Weg ging. Sie war gerade mal zwei Tage hier. Natürlich würde sie sich noch eingewöhnen müssen. Ihm war klar, dass sie dafür besonders viel Zeit für sich brauchte. Er schluckte seine Befangenheit herunter und hieß ihren Wunsch willkommen.
“Bis wann bist du weg?”
Sie zuckte mit den Schultern.
“Wird es spät?”
Wieder ein Schulterzucken. Die Antwort war deutlich.
“Warte einen Moment hier.”
Schnell huschte er in sein Büro. Als er zurückkam, drückte er Sasha etwas in die Hand.
“Dann nimm den hier mit.”, sprach er vollen Ernstes.
“Ich kann es dir ja schlecht verbieten. Sei aber nicht zu lange weg und nimm dein Handy mit. Du hast ja meine Kontaktdaten. Ruf also an, falls irgendetwas sein sollte. In Ordung?”
Sasha nickte stumm und nahm den Haustürschlüssel an sich. Sie drehte sich gerade um zu gehen, da fiel Takeda eine letzte Sache ein.
“Eins noch!”, stoppte er sie. “Morgen Nachmittag werde ich nicht hier sein, da der Volleyballclub ein Trainingsspiel hat, bei dem ich dabei bin. Du kommst sicher auch alleine hier zurecht, nicht wahr?”
Wieder nickte sie nur.
Takeda lächelte. “Dann hab noch eine schöne Nacht. Pass gut auf dich auf.”
Sasha antwortete nicht.
Sie verließ das Haus, ohne sich zu verabschieden. Er hörte nur die Tür ins Schloss fallen.
Niedergeschlagen setzte er sich auf einen der Stühle im Essbereich. Das Bento lag weiterhin sorgfältig eingepackt auf dem Tisch. Es war zu schade, es zu entsorgen, also packte er es aus und dankte für sein Abendessen.
Zu spät merkte er, dass er gar nicht dazu kam, Sasha über ihren ersten Schultag zu fragen.