Skateboards
Skateboards
Licht. Dunkelheit. Licht. Dunkelheit. Licht. Dunkelheit.
Sie kniff ihre Augen zusammen. Das Board unter ihren Füßen vibrierte. Eine Brise gab ihr Rückenwind und der Schein der Straßenlaternen, an denen sie vorbeizog, reflektierte in den Fensterscheiben der geparkten Autos.
“Ah! Fuck!”, schallte es durch die Nacht. Eine Seitenstraße weiter unten krachte es. Nein, keine Seitenstraße. Die Straße machte dort eine scharfe Kurve, rief sie in Erinnerung. Da war keine Straße mehr. Nur ein morscher Holzzaun und dichtes Gebüsch.
Sie begann breit zu grinsen und konnte sich das Kichern kaum verkneifen. Kurz vor der Kurve drehte sie ihr Board und ließ die Rollen seitlich über den rauen Asphalt schlittern. Sobald es den Bordstein traf, sprang sie ab und landete knapp neben einer abgebrochenen Holzlatte. Was einmal ein Zaun war, war nun ein schief stehendes Holzgerüst und in dem Busch dahinter befand sich eine tiefe Kuhle. Daraus kam ein schmerzerfülltes Stöhnen.
Sasha prustete.
“Du bist so ein Bastard, Junge.”, höhnte sie und stieg über den gekippten Zaun. Zum Glück waren im anliegenden Haus alle Lichter aus. Das Gebüsch antwortete mit einem genervten: “Halt die Fresse, du dumme Fotze.”
Fälschlich gekränkt hob sie die Hände und stieg wieder zurück. “Okay, dann helfe ich dir eben nicht. Viel Spaß mit der Anzeige. Der Zaun gilt locker als Sachbeschädigung.”
“Nein, warte!”, raschelte der Busch.
“Zu spät. Damit musst du jetzt leben.”
Sasha schloss ihre Hände um das Holz und versuchte, es wieder aufzustellen. Nach ein paar Sekunden fiel der Zaun krachend wieder um.
“Aua! Fick dich! Da war mein Fuß drunter!”
Sasha zischte durch ihre Zähnen und kratzte sich am Hinterkopf. “Ups.”
Das Gebüsch raschelte weiter. Durch das ferne Licht einer Straßenlaterne sah sie die Silhouette eines Arms aus dem Busch in der Luft herumwedeln. Ein Fuß hob sich daraus.
Sasha beobachtete grinsend den mit Blättern ringenden Schatten.
“Steckst du ernsthaft fest?”
“Jetzt hilf mir doch mal!”, beschwerte er sich lautstark.
Sofort eilte sie zu ihm. “Ich komm ja schon.”
Zwischen den Blättern streckte sich eine Hand ihr entgegen. Sasha ergriff sie und zog an dem dünnen Arm. “Warte! Au, au, au. Irgendwo häng’ ich.”
Sie stöhnte genervt. “Du bist aber auch ein Idiot. Das ist bestimmt das dritte Mal, dass du dich bei dieser Kurve hinlegst. Wie bist du überhaupt so weit geflogen?”
“Ich hab’ versucht, die Kurve noch zu kriegen, da hat’s ein Rad weggefetzt.”
Eine zweite Hand klemmte sich um ihre und zog plötzlich mit voller Kraft. Sie stolperte nach vorne, beinahe ebenfalls in den Busch hinein. Auf einer warmen Brust konnte sie sich noch rechtzeitig abstützen.
“Woah, chill! Willst du, dass wir beide feststecken?”, schimpfte sie und richtete sich wieder auf. Der Busch kicherte. "Also mir würde es nichts ausmachen, es mit dir im Gebüsch zu treiben.”
“Du bist so ein Hundesohn, weißt du das?”
Sie verstärkte ihren Griff um seine weichen Hände und zog mit ihrem ganzen Körpergewicht an ihnen. Nach und nach löste sich aus dem Busch ein Körper und allmählich stand er wieder vor ihr.
“Lebst du noch?”, fragte sie ehrlich fürsorglich.
Er klopfte sich mit seinen Händen ab. “Alles noch dran.”
Sie konnte das Lächeln durch seine Stimme hören.
Auf dem Bordstein sammelten sie sich wieder. Sasha hob ihr Skateboard auf und er suchte die Einzelteile von seinem zusammen.
“Was machen wir jetzt hiermit?”
Sasha zeigte auf den immer noch geschrotteten Zaun.
Er gab die Suche nach dem verlorenen Rad auf und kam zu ihr.
“Keine Ahnung. Vielleicht kann man ihn wieder aufstellen?”
“Wow. Sehr einfallsreich. Der ist komplett durch. Das hat vorhin auch schon nicht funktioniert.”
Er hob etwas vom Gehweg auf.
“Aber vielleicht kann man ihn damit fixieren?”
In seiner Hand hielt er die gebrochene Latte. Sasha nickte.
“... Das könnte sogar klappen.”
Zusammen hoben sie den Zaun an und Sasha hielt ihn aufrecht, während er die Latte zur Stütze umfunktionierte.
Sobald er halbwegs stand, nahmen sie vorsichtig Abstand.
“Lange wird das aber nicht halten…”
“Solang er bis Morgen steht, ist’s doch eh egal. Jetzt komm.”
Schweigend folgten sie der Straße abwärts.
“Aber jetzt mal ehrlich. Du musst ja voll geflogen sein.”
“Echt? Hab ich gar nicht gemerkt.”
Sasha schnaubte.
“Wie geht’s deinem Skateboard. War es nur das Rad oder hat es die Achse auch erwischt?”
Unter der nächsten Straßenlaterne blieben sie stehen.
“Sieht aus, als wäre es nur das Rad gewesen… Okay, die Mutter hat es auch abgerissen.”
“Zum Glück ist das Design noch in Takt.” Sie lehnte sich zu ihm, um einen besseren Blick darauf zu bekommen.
“Alter, wenn das hin wäre…” Sein Daumen ruhte auf dem leuchtenden Blitz. Er schüttelte den Kopf. Seine blonden Locken wackelten. “... dann kann ich mich gleich umbringen gehen. Ich hab’ zu viel Zeit in dieses Scheißteil gesteckt.”
Sasha zuckte zusammen, als sie Nässe auf ihrem Arm spürte. Ein dunkle Flüssigkeit klebte an ihrer Haut. Sie trat einen Schritt zurück und zog an seinem weißen Shirt, das inzwischen nicht mehr weiß war.
“Ach du Scheiße. Du blutest ja richtig.”
“Ist nur ein Kratzer.”, widersprach er.
“Das ist mehr als ein Kratzer. Dein ganzer Rücken ist am bluten!”
Er befreite sich aus ihrem Griff und trat vor.
“Es ist wirklich nicht so schlimm, wie es aussieht.”
Er zupfte sein Shirt zurecht und ließ sie dann unter der Laterne stehen. Seine Hände in den Hosentaschen vergraben.
Sasha überlegte für einen Moment.
Sie joggte und holte zu ihm auf.
“Lass uns doch gerade bei mir vorbeischauen. Dann können wir das verarzten und gleich dazu ein neues Rad holen.”
Er seufzte.
“Wir können, wenn du Bock hast, dafür auch auf den Gipfel gehen.”, schlug sie lächelnd vor.
Zu ihrer Überraschung stöhnte er genervt. “Aber da waren wir schon so oft.”
Sasha stockte. Bei der nächsten Straßenlaterne konnte sie ihn jedoch grinsen sehen. Sie schlug ihm gegen den Arm.
“Spaaaß. Na klar. Lass hin gehen.”
“Du bist so ein Hundesohn.”
Sasha kletterte über den Zaun und schlich zu ihrem Fenster. Der Hebel war immer noch, wie vorbereitet, zur Seite gedreht. Mit einem Stoß öffnete sie das Fenster und sie konnte in ihr Zimmer klettern. Nachdem sie alles, was sie brauchte, zusammen gesammelt hatte, kletterte sie wieder raus und zog mit einer Lasche das Fenster zurück in seinen Rahmen für später.
“Wieso lässt du das eigentlich nicht auch für mich offen? Das wäre doch viel einfacher, als immer am Fenster zu klopfen.”
“Du Psychopath würdest das doch nur ausnutzen.”, argumentierte sie und drückte ihm die Sachen in die Hand, bevor sie zurück über den Zaun kletterte.
“Das ist gut möglich.”
Der Weg zum Gipfel dauerte keine zehn Minuten von ihrer Wohnung aus. Über einen weiteren Zaun kletterten sie einen Hang hinauf und folgten dem steilen Weg aufwärts durch den Wald. Sasha duckte sich unter dem tief hängenden Ast und hob ihn wie jede Nacht für ihren Begleiter an. Der kleine Picknickplatz am Ende des Weges war völlig menschenleer. Zu dieser Uhrzeit waren nur selten Menschen hier, da die Fläche von einem steilen Abhang abgeschnitten wurde. Dafür bot die Lichtung einen perfekten Ausblick auf die Stadt, aus der sie kamen. Auch heute glitzerten die Lichter wie ein Sternenmeer. Auf dem alten Holztisch machten sie es sich gemütlich.
Sein Körper zuckte, als sie das Desinfektionsmittel auf die Kratzer tupfte. Er zog scharf die Luft ein.
“Okay, also die sehen tatsächlich nicht so schlimm aus.”, bemerkte sie beruhigt.
“Sag ich doch.”, raunte er.
“Dein Ellenbogen bekommt aber definitiv ein Pflaster.”
Vorsichtig zog sie das Shirt wieder runter und er drehte sich wieder mit seinem Gesicht zu ihr.
Das Skateboard war inzwischen auch schon repariert und sie konnten die nächtliche Stille genießen.
Als sie fertig war, rieb sich Sasha die Hände. Sie knibbelte an ihrer Handfläche und zog die Augenbrauen zusammen.
“Hm. Ich glaube, ich habe mir einen Splitter eingefangen.”
“Echt? Zeig mal.”
Mit der Handy-Taschenlampe betrachtete er ihre Hand.
“Ja, sieht danach aus. Soll ich ihn dir rausholen?”
Sasha nickte müde und kramte schon mal die Pinzette aus dem Erste-Hilfe-Kasten. Grillen füllten die Stille zwischen ihnen. Das leichte Ziepen an ihrer Hand war das einzige, was sie wach hielt. Erschöpft legte sie ihren Kopf auf seiner knochigen Schulter ab.
“Bist du etwa schon müde?”
“Es ist zwei Uhr nachts. Was erwartest du?”
Er kicherte, platzierte einen Kuss in ihre Hand und gab sie dann wieder zurück.
Sasha grinste und kuschelte sich näher an seine Seite. Er legte im Gegenzug seinen Arm um ihre Taille. Ein weiterer Kuss landete auf ihrer Stirn.
Er seufzte. Seine Augen schweiften über die Landschaft.
“Ich kann es kaum erwarten, wenn ich hier endlich weg bin.”
Sasha schaute zu ihm auf. “Was meinst du damit?”
Er traf ihren Blick in der Dunkelheit.
“Das wüsstest du wohl gerne.”
Sie setzte sich wieder auf.
“Ey. Hör auf damit. Wir haben doch schon darüber gesprochen. Du sollst solche Witze nicht mehr machen.”
Er streckte sich und sank dann mit seinem Kopf auf ihren Schoß.
“Dabei bietet es sich so an. Außerdem wird mich in dieser Stadt sowieso niemand vermissen.”
“Und was ist mit mir? Ich bin aus der Rechnung ausgeschlossen, oder wie?”
Manchmal würde sie ihm am liebsten das dümmliche Lächeln vom Gesicht kratzen.
“Nein… Mit dir geht die Rechnung einfach nicht auf.”
Er drehte sich auf die Seite, dass er wieder die Stadt sah.
Sasha zog sich ein Päckchen aus der Tasche und ihr Feuerzeug. Sie nahm eine in den Mund und schnippte die Flamme an. Sobald er das hörte, drehte er sich wieder zu ihr.
“Krieg ich auch was ab?”
Sasha nickte, zog einmal und hielt ihm die Zigarette hin.
Er zog ebenfalls kräftig und pustete dann den Rauch in die Atmosphäre. Danach nahm sie wieder einen.
“Würdest du mich wirklich vermissen?”
Ihr Herz machte einen Satz. Ihre Augen fielen wieder zu ihm runter. Automatisch fand ihre Hand seine weichen Haare und sie fuhr ihre Finger durch die Strähnen.
“Das wüsstest du wohl gerne.”