Kapitel
Kapitel
Der Tag neigte sich dem Abend zu. Die blaue Himmelskuppel über ihnen verdunkelte sich, während auf der anderen Seite der Welt die Sonne ihre ersten Strahlen des Tages zeigte. Weit weg auf einem anderen Kontinent war nun der Nachmittag angebrochen.
Sugawara verließ den schließenden Laden und blieb auf dem Gehweg vor dem Eingang stehen. Sasha trat neben ihn und schaute auf. Sterne dekorierten den Himmel. Suga betrachtete sie unbemerkt aus dem Augenwinkel.
Sashas dunkle Haare rahmten ihre sanften Gesichtszüge ein. Hier, unter dem Sternenhimmel entspannte sich ihre Mimik.
Er wandte seinen Blick zu Boden. Es brachte ihn zum Nachdenken. Sasha war nicht gesprächig. Die ganzen zwei Stunden hatte sie kaum mit ihm geredet. Dennoch blieb ihm jedes Wort, das sie sprach, im Kopf hängen.
“Das mit deinem besten Freund tut mir leid.”
Sashas Kopf neigte sich.
“Es muss schwer sein, so weit weg voneinander zu sein.” Sugawara konnte sich kaum vorstellen, wie sie sich fühlen musste. Wenn ein ganzer Kontinent einen von seinen Liebsten trennt. Trotzdem ließ sie sich nichts anmerken.
Ein Kichern ließ ihn aufblicken.
“Bist du wirklich so ein Softie oder tust du nur so scheinheilig?”
Im Laden ging das Licht aus und tauchte sie in Dunkelheit. Die Sterne strahlten dadurch umso mehr.
Es war der längste Satz, den Sasha mit ihm bis jetzt gesprochen hatte. Er kratzte sich am Nacken. “Ich möchte dir nur helfen. Das ist alles.”
Sasha brummte. Ihre Mimik wurde wieder starr.
“Das habe ich schon oft gehört.”
Sie hob beide Arme in die Luft und streckte sich. Ihr Rücken knackte dabei laut.
Etwas verbarg sich unter ihren von Gleichgültigkeit geprägten Augen. Sugawara fragte sich, ob es ihm offenbart werden würde, wenn er nur lang genug hinschaute.
“Immer dasselbe…” Ihre Arme fielen wieder an ihre Seiten.
Er war erstaunt, dass ein Mensch so unbekümmert wirken konnte und dennoch… Ihr Kiefer war angespannt. Die Haut um ihre Nägel war wund und offen. Sie vermied Augenkontakt auf jede Weise.
“Du willst eigentlich gar nicht hier sein, kann das sein?” Er wandte seinen Blick ab. Etwas in seinem Brustkorb blutete.
Es war Zeit, dieses Treffen zu beenden.
“Ich sollte…”
Ihre Augen ließen ihn verstummen.
Mit einem Mal war alle Gleichgültigkeit weg und öffnete für den Bruchteil einer Sekunde die Tür zu dem, was dahinter lag. Sugawara sah Schmerz. Der Dolch in seinem Herzen grub sich tiefer.
Sie drehte ihr Gesicht weg.
“Ich sollte dich am besten nach Hause bringen. Es ist gefährlich, nachts im Dunkeln allein zu sein.”, schlug er vor und rieb sich am Nacken.
Sasha schüttelte den Kopf.
“Ich gehe noch nicht nach Hause.”
Unbehagen wuchs in seiner Brust. “Nicht?”
Ihre Gleichgültigkeit war zurückgekehrt. Oder so sah es zumindest aus.
“Nein. Meistens gehe ich bis spät nachts spazieren.”
Ihm gefiel die Vorstellung nicht.
“Soll ich nicht besser mitkommen?”
“Nein, ich gehe lieber alleine.”
Sasha versuchte, seinem Blick auszuweichen.
“Mach dir keine Sorgen.”, murmelte sie.
Er machte sich Sorgen. Dass Sasha sich überhaupt traute, sich bis in die Nacht mit jemandem zu treffen, überraschte ihn etwas. Sie kannten sich ja gar nicht. Außerdem war morgen doch Schule.
“Wollen wir noch Handynummern austauschen? Damit wir das nächste Treffen planen können?”
Sie nickte und zog ihr Handy aus der Tasche.
“Gerne.”
Sugawara tippte seine Nummer ein und speicherte sich als neuen Kontakt. Er hoffte, Sasha würde ihn so auch als Option sehen, wenn sie in Gefahr geriet. Das war das mindeste was er tun konnte.
“Auf Wiedersehen.”, verabschiedete sich Sasha und ließ ihn vor dem Laden stehen. Ihre Hände in den Hosentaschen vergraben.
“Bis dann.”, antwortete Suga und machte sich stark grübelnd auf seinen eigenen Heimweg.
-
Zum dritten Mal huschten seine Augen zu der unermüdlich tickenden Uhr über dem Türrahmen. Die Zeit schritt immer weiter voran und Sasha war immer noch nicht aufgestanden. Zu seinen Füßen stand Charlie und schmatzte genüsslich, während er sein Frühstück aß. Takeda seufzte, rieb sich die müden Augen und erhob sich dann vom Holzstuhl.
Er hatte keine Ahnung, zu welcher Uhrzeit oder ob Sasha überhaupt gestern nach Hause gekommen war. Wenn sie Zuhause war, hatte sie definitiv verschlafen. Aber was machte er in dieser Situation? Würde Sasha wollen, dass er sie weckte? Oder war es vielleicht sogar besser, sie krank zu melden und ausschlafen zu lassen? Aber ihr Fehlen könnte akademisch schlechte Auswirkungen haben. Außerdem wollte er sie nicht beim Schwänzen unterstützen, wenn es so sein sollte. Trotz allem wusste er weiterhin nicht, ob sie überhaupt anwesend war.
Ein weiteres Mal schaute er auf die Uhr. Langsam wurde es knapp.
Letztendlich half es nichts. Besser sicherzugehen als es zu lassen. Er lief die Treppe nach oben und folgte dem Flur bis zur zweiten Tür auf der rechten Seite. Vorsichtig klopfte er gegen das Holz und lauschte.
Keine Reaktion.
Er klopfte noch einmal. Wieder nur Stille.
Leise drückte er den Türgriff runter und spähte in das Zimmer. Sasha lag seelenruhig unter der dicken Decke vergraben. Der Stoff hob und senkte sich mit jedem Atemzug. Erleichterung legte sich über sein Herz.
Takeda lehnte sich etwas weiter in den Raum rein.
“Sasha?”, fragte er in gedämpftem Ton. “Du solltest aufstehen, es ist schon spät.”
Sie reagierte nicht auf seine Stimme.
Er trat an ihr Bett, legte seine Hand auf ihre Schulter und rüttelte sie sanft aus dem Schlaf. Erst zogen sich ihre Augenbrauen zusammen, dann blinzelten sie zu Bewusstsein.
“Guten Morgen.”, grüßte er lächelnd.
Seine Nichte riss die Augen auf und zuckte heftig zurück. “Was zur-”
Sie strampelte mit den Beinen und schob sich in die Ecke des Bettes, bis sie feststellte, dass es sich um Takeda vor ihr handelte. “Meine Fresse. Willst du mich umbringen?!”
Takeda verstand kein Wort. Aber die Art, wie sie sich das Gesicht rieb und zittrig atmete, sagte schon genug aus.
“Entschuldige Sasha. Ich wollte dich nicht so erschrecken.”, versuchte er sie zu beschwichtigen und trat wieder näher an das Bett, da er vor Schreck selbst zurückgesprungen war. “Du solltest aufstehen. Sonst kommst du zu spät.”
Sasha stöhnte genervt und warf sich die Decke von den Beinen.
“Leck mich doch am Arsch.”
“Unten steht auch schon dein Bento für dich bereit. Ich habe auch Frühstück für dich gemacht. Also, bediene dich ruhig.”
Hektisch lief sie in dem Zimmer hin und her und stopfte lose Blätter und Schreibutensilien in ihre Schultasche. Takeda diente dabei nur als stiller Beobachter. Wann auch immer Sasha gestern zurückgekommen war, auf heute war sie offensichtlich nicht vorbereitet.
“Wann bist du gestern eigentlich nach Hause gekommen?”
Er erhielt wie so oft die letzten Tage schon keine Antwort. Ihm war dennoch wichtig, seine Bedenken zu kommunizieren.
“Es wäre gut, wenn du bei deinen nächtlichen Spaziergängen im Hinterkopf behältst, dass du am nächsten Tag zur Schule musst. So wenig Schlaf wirkt sich schlecht auf deine Konzentrationsfähigkeit aus.”
“ Boah, halts Maul, Junge. Kannst du bitte gehen? Ich kann das gerade echt nicht gebrauchen!”, keifte Sasha und knallte ihre Tasche auf den Boden.
Takeda runzelte die Stirn und richtete die Brille auf seiner Nase. “Tut mir leid.”
Er folgte ihrer Anweisung und entfernte sich Richtung Tür. “Lass uns aber demnächst darüber sprechen. In Ordnung?”
Mal wieder sprach er gegen eine Wand.
“Wir sehen uns später.” Er sah noch, wie Sasha eine Schublade nach der anderen aufriss, bevor er die Tür wieder schloss.
-
Die Tür öffnete sich und jemand schlich in den Klassenraum hinein. Nakamura pausierte ihren Vortrag über die Kaiserherrschaft. Die Aufmerksamkeit der Klasse lenkte sich auf die Nachzüglerin. Sasha verbeugte sich tief und entschuldigte sich für die Verspätung. Sie war eine ganze Stunde zu spät, bemerkte Michimiya. Zwischen den Tischen ihrer Mitschüler schlängelte sie sich hindurch, begleitet von leisem Getuschel und sank auf ihren Platz. Tiefe Augenringe prägten ihr fahles Gesicht.
Michimya rutschte mit ihrem Stuhl an die Kante ihres Tisches und beugte sich zu ihr rüber.
“Hey, alles okay?”
Sasha nickte stumm und fuhr sich durch das zerzauste Haar. Aus ihrer Tasche zog sie ihr Mäppchen und den zerknitterten Collegeblock sowie ihr Geschichtsbuch. Sie schlug es auf und blätterte darin.
“Wir sind auf Seite 215.”, flüsterte Michimiya ihr zu. Wieder nickte Sasha und öffnete die erwähnte Seite.
Über die restliche Stunde hinweg warf Michimiya ihr mehrere Blicke zu. Jedes Mal war Sasha mit angespannter Miene über ihre Notizen gebeugt oder sie rieb sich die blutunterlaufenen Augen. Oder ihr Kopf ruhte mit geschlossenen Lidern auf ihrer aufgestützten Hand.
Sobald die Glocke zur Pause klingelte und alle ihre Sachen einpackten, beugte sie sich wieder zu Sasha rüber.
“Du siehst echt übel aus. Wollen wir dich im Bad vielleicht etwas auffrischen? Ich habe Concealer und eine Bürste dabei.” Demonstrierend zeigte sie unter ihrem Tisch den Griff der Bürste in ihrem Rucksack.
Sasha runzelte die Stirn.
“Das geht auch ganz schnell. Nur damit du nicht wie ein Zombie rumlaufen musst.”, versicherte sie und packte schnell ihre Sachen zusammen. “Ach, leck mich doch.” Sasha tat es ihr gleich. “Ich komme.”
Mit ihrem Rucksack auf dem Rücken stand Michimiya auf. Seufzend zerrte sich ihr Gegenüber vom Stuhl und folgte ihr.
“Wie kam es denn zu deiner Verspätung?”, fragte Michimiya auf dem Gang.
“Mein Hund hat meine Hausaufgaben gefressen.”, murrte Sasha, was Michimiya zum Lachen brachte.
In der Mädchentoilette lehnte sich Sasha gegen eins der kalten Stahl Waschbecken. Michimiya sammelte neben ihrem Rucksack hockend ihre Utensilien zusammen.
“Was für einen Hund hast du?”, wollte sie wissen und säuberte schnell ihre Bürste.
“Ein Mischling. Mix aus irischer Wolfshund und Labrador. Blond.”, erklärte Sasha und drehte sich zum Spiegel. Ihr verkatertes Selbst blickte zurück.
“Wie süß! Ich wollte auch schon immer einen Hund haben, aber meine Eltern erlauben es mir nicht.”
Mit wenigen Schritten schloss Michimiya die Distanz zwischen ihnen.
“Darf ich?” Sie hielt den Concealer Stift hoch.
Sasha sah sie durch den Spiegel an. Michimiya sah im Gegensatz zu ihr restlos ordentlich aus.
“Ich kann das auch selbst machen.”
“Ich würde aber gerne helfen, wenn es dir nichts ausmacht.”, erwiderte die Kapitänin und zog die Kappe des Stifts ab.
Sie warf ihr ein kleines Augenrollen zu, dann drehte Sasha sich aber zu ihr um.
“Dann habt ihr euren Hund die ganze Strecke von Deutschland bis nach Japan gebracht? Krass.”
Vorsichtig trat die andere Schülerin an sie ran und verteilte den Concealer unter ihren Augen.
“Warum habt ihr eigentlich Deutschland verlassen?”
“Ich musste aufgrund von familiären Problemen hierher ziehen.”
Michimiya setzte ab und drehte den Concealer weiter auf, bevor sie weitermachte.
“Warte. Ganz alleine?! Was ist mit deinen Eltern?”
Sasha schnaubte. “Die sind… leider verhindert. Ich habe einen Onkel hier und es gab angeblich keine andere Möglichkeit.”
Der Stift entfernte sich von ihrem Gesicht und wurde mit einem Klicken geschlossen.
“Das tut mir leid. Ich wollte nicht unsensibel sein.” “Nicht schlimm.” Sasha starrte zur Decke hoch, während Michimiya anschließend mit dem Finger die Ränder des Makeups verwischte.
“So, fertig.”
Sasha stieß sich vom Waschbecken ab und drehte sich wieder um. Im Spiegel korrigierte sie nochmal Michimiyas Arbeit und nickte dann.
“Meine Haare mache ich aber selbst.”
Sofort wurde ihr die Bürste gereicht.
“Dann wohnst du jetzt alleine mit deinem Onkel?”
Sie brummte bestätigend, während sie ihre wilden Strähnen bändigte.
“Und…” Michimiya ließ ihre Augen schweifen. “Hat dein Hund heute morgen wirklich deine Hausaufgaben gefressen?”
In ihrem Spiegelbild war ein leichtes Lächeln zu erkennen.
“Nein. Er hat nur auf den Teppich gereiert... Ich würde es ihm aber zutrauen.”
Mit diesen Worten beendete Sasha ihren Kampf mit den eigenen Haaren und gab ihr die Bürste wieder. “Danke, Michimiya.”
“Kein Ding.”, erwiderte sie gut gelaunt. “Hast du Lust, diese Mittagspause wieder abzuhängen?”
Sasha rollte mit den Augen.
“Wenn du unbedingt willst…”