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《Transparent》- A New Home — www.fanfiktion.de · All chapters

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Wieder dasselbe. Gestern Nachmittag erhielt er von Neuem kein Lebenszeichen von seiner Nichte. Nach der Schule kam sie gar nicht erst nach Hause. Er wusste nicht mal, ob sie gestern überhaupt gegessen hatte und es hinterließ ihn bis in den späten Abend in angespannter Sorge. Ihm war ein riesiger Stein vom Herzen gefallen, als sie heute zumindest rechtzeitig aufgestanden war, um sich fertig zu machen.

Seufzend klemmte er sich die Aktentasche unter die Achsel und betrat das Lehrerzimmer. Dort begrüßte er seine Kollegen jeweils mit einem Lächeln, bevor er sich für die Mittagspause an seinen Tisch setzte. Besser, er konzentrierte sich auf positivere Gedanken.

Trotz allem kitzelte ihm eine entfernte Freude in den Fingern. Gestern hatte er doch tatsächlich geschafft, Herrn Ukai als neuen Trainer für den Volleyballclub anzuheuern. Zwar grenzten dabei seine Methoden an emotionale Erpressung, aber das war ihm deutlich lieber, als wieder auf den Knien zu flehen. Obwohl er auch diese Längen gegangen wäre, um endlich den Jungs eine angemessene Förderung zu ermöglichen. Damit war schon mal eine Sorge in seinem Alltag behoben.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie sich eine schwarzhaarige junge Frau seinem Schreibtisch näherte. Er erkannte seine kleine Kollegin sofort.

“Hallo Nakamura. Kann ich irgendwas für dich tun?”, grüßte er Sashas Klassenlehrerin und setzte sich etwas aufrechter hin. Die Angesprochene lächelte breit.

“Guten Tag Takeda. Vielen Dank, aber ich wollte nur etwas fragen. Ist Sasha heute krank? Sie ist nicht zum Unterricht erschienen und du hattest diesen Morgen nichts erwähnt…”

“Tur mir leid. Wie bitte?” Takeda musste das nochmal hören, um sich zu vergewissern.

“Sasha. Sie war heute nicht da. Ich wollte nur sichergehen, damit ich ihr Fehlen entschuldigen kann.”

Takeda legte die Stirn in Falten. Für einen Moment wandte er seinen Blick von ihr ab und schüttelte schließlich den Kopf. “Äh, tut mir leid. Das ist mir entfallen. Ihr ging es heute morgen nicht gut.”

Nakamuras Lächeln wuchs an. “Das habe ich mir schon gedacht. Dann ist ja gut. Ich trage das sofort nach. Vielen Dank.”

Sie winkten sich abschließend zu.

“Gerne.” Seine Hand sank.

Die junge Lehrerin kehrte zu ihrem eigenen Platz zurück, während Takeda in seinen Gedanken versank. Aus seiner Hose zog er sein Telefon hervor und drückte sich durch die Kontakte. Über Sashas Kontakt stoppte er und betätigte den Anrufknopf. Dreimal piepte es an seinem Ende der Leitung, dann wurde er weggedrückt.

-

Sasha rieb sich die Augen und kniff sie zusammen. Es half aber nicht viel gegen ihre von Müdigkeit verschwommene Sicht. Die Verpackung sah aber vielversprechend aus, also schmiss sie das Päckchen zu den fünf anderen in ihren Korb. Jetzt nur noch das Shampoo. Sie wechselte den Gang und schaute sich durch das kleine Sortiment. Eine Flasche mit gelbem Deckel, auf dem 3in1 drauf stand, sprang ihr direkt ins Auge. Ohne Umschweife wurde es ihrem Korb hinzugefügt.

Mit dem randvollen Korb trat sie an die Kasse und leerte ihren Einkauf aus.

Der Verkäufer beäugte sie mit gehobener Braue und scannte eine nach der anderen Ware. “Gehst du für deine Freundin einkaufen?”

“Hä?” Sasha zog ihr Portemonnaie aus der Jackentasche. “Welche Freundin?”

“Oder eine Schwester?“ Er schnalzte mit der Zunge. „Ich bin ehrlich überrascht. Es scheint ja doch noch anständige Jungs in deinem Alter zu geben.“

Sashas Gehirnzellen waren zu müde, um zu verstehen, was er genau meinte.

“Also, ich habe weder noch und ich stehe auch nicht auf Frauen, wenn du darauf hinaus willst.“

Der Mann vor ihr räusperte sich und zuckte mit der Schulter. „Naja, gut. Jedem das seine. Solltest du eigentlich nicht um diese Uhrzeit in der Schule sein?“

„Sollte ich das?“ Unbekümmert zog sie ihr Handy aus der Tasche. Es war schon lange die erste Stunde vergangen.

Vor ihr wurde mit den Augen gerollt. „Du scheinst ein ganz schönes Problemkind zu sein, was?“

Sasha sah nicht vom Bildschirm auf.

„Ich kenne das. Ich war auch so drauf wie du. Aber glaub mir, es lohnt sich nicht, zu versuchen, jemand zu sein, der man nicht ist. Das tut deiner Zukunft nicht gut und besonders dir selbst nicht.“

Mit jedem Piepen des Scangeräts verhärtete sich der Griff um ihr Handy.

“Ehrlich, ich versteh dich. Früher wollte ich mir auch nichts sagen lassen. Aber manchmal ist es doch besser, auf die zu hören, die sich um dich sorgen.“

Ihre Fingernägel gruben sich in das Leder ihres Portemonnaies.

„Ich meine es wirklich nur gut.“

“Halt die Klappe! Du hast doch keine Ahnung!“, fluchte sie lautstark.

Der Verkäufer zuckte leicht und nahm eine Plastiktüte, um die Sachen einzupacken. Sofort wurde sie ihm aus der Hand gerissen. Sasha stopfte die Binden und Tampons selbst zusammen. „Das macht 2580 Yen.“, erwähnte er ruhig.

Das Geld flog wild über den Tresen. Sie zog sich die Tasche über.

„Außerdem ist der Scheiß für mich! Arschloch!“

Diesmal scheute sie sich nicht, ihm den Mittelfinger zu zeigen. Sasha stürmte aus dem Laden und knallte die Schiebetür in den Rahmen.

Sobald sie einen Fuß auf die Straße setzte, vibrierte ihr Handy. Der Bildschirm zeigte Sugawaras Kontakt. Warum gerade jetzt? Ausgerechnet im unpassendsten Moment.

Widerwillig nahm sie den Anruf an, senkte aber nicht ihr Schritttempo. „Hallo?“

“Hey, Sasha! Tut mir leid, dass ich so plötzlich anrufe, aber du bist hier nirgends zu finden. Bist du krank?“ Ihr Herz machte einen Satz.

Für einen Augenblick hatte sie seine Stimme wieder verwechselt. „Äh, ja… Ist aber nicht so schlimm. Keine Sorge.“

“Wenn das so ist.“ Sie konnte ihn lächeln hören. „Ich wollte eigentlich nur fragen, ob du morgen Zeit hast?“

Ihre Wut war wie verflogen.

-

Die Haustür klackte. Sofort stand er vom Küchentisch auf. Seine Schritte wurden durch die weichen Hausschlappen gedämpft. Er vernahm leises Rascheln im Eingangsbereich. Diesmal würde er sie nicht so leicht vom Haken lassen. Vorsichtig schlich er sich in der Dunkelheit an und fühlte an der Wand nach dem Lichtschalter. Kurz hielt er inne und spürte, wie die Holzdielen sich etwas neigten, als sie sich vorne an die Kante setzte. Sie zog ihre Schuhe aus. Er klickte den Schalter. Das Deckenlicht sprang an und offenbarte ihm die Szene. Sasha erstarrte.

“WiIlkommen zurück.“, grüßte er sie. Ihr Rücken war zu ihm gedreht. Eine erdrückende Stille legte sich über sie beide. So still, dass Takeda meinte, die alte Lampe über sich brummen zu hören. Vielleicht war es aber auch nur Einbildung. Oder sein rasendes Herz. „Darf ich fragen, wo du herkommst?“

Wie in Zeitlupe zog sich Sasha langsam die Schuhe aus und tauschte sie mit ihren Hausschuhen. Die Turnschuhe von draußen legte sie ordentlich auf die Ablage.

„Frau Nakamura meinte, du wärst heute nicht beim Unterricht gewesen.“

Sie richtete sich auf, immer noch mit dem Rücken zu ihrem Onkel gedreht.

„Ich bin froh, dass du wieder zuhause bist.“

Sasha ging an ihm vorbei. Bevor sie die erste Stufe der Treppe betreten konnte, hielt Takeda sie jedoch an der Schulter fest.

„Sasha, ich würde gerne mit dir reden. Am besten direkt morgen.“ Drei Uhr nachts war einfach nicht der richtige Zeitpunkt.

„Morgen bin ich beschäftigt.“, murmelte Sasha.

„Womit?“, drängte er.

“Nachhilfe.“, entgegnete sie.

„Und danach?“

„Den Rest des Tages bin ich unterwegs.“

Wenn es nicht anders ging. „Dann eben jetzt.“

Sie sah ihn grimmig an.

„Ich bitte dich, Sasha.“

Er ließ ihre Schulter wieder los.

Ein Augenrollen. “Was willst du?“

Takeda seufzte.

„Ich verstehe, das sind alles neue Umstände für dich. Mir ist bewusst, dass wir uns beide kaum kennen und es bestimmt schwer ist, mit jemand Fremdes zu leben. Dennoch stehst du unter meiner Obhut und es fällt mir äußerst schwer deinen Lebensstil, so wie er gerade ist, zuzulassen. Gleichzeitig will ich dir nicht deine Freiheit nehmen mü-“

„Warum interessiert dich das so?“, unterbrach sie ihn. „Es kann dir doch auch genauso gut egal sein.“

Takeda richtete sich die Brille auf der Nase. „Mir ist es aber nicht egal.“

Sie schnalzte mit der Zunge.

“Nicht nur als dein Erziehungsberechtigter. Als dein Onkel ist es mir dein Wohlbefinden wirklich wichtig. Ich möchte nicht, dass du hier leidest.“

„Hör auf dir solche Mühe zu machen.“ Sie trat eine Stufe hoch. „Wieso musst du die ganze Zeit so fürsorglich tun?“, presste sie zwischen den Zähnen heraus.

„Wieso sollte ich nicht fürsorglich sein?“

“Weil es unnötig ist!“, erhob sie die Stimme. „In ein paar Monaten bin ich doch sowieso achtzehn! Dann bin ich nicht mehr dein Problem! Dann bist du mich los!“

„Wieso würde ich dich loswerden wollen?“

Ihre Unterlippe zitterte.

Die Zahnräder ratterten in seinem Kopf. Die Lampe brummte noch lauter.

„Sasha, denkst du etwa, du bist mir nicht wichtig?“

Ihr Gesicht schoss in die andere Richtung. Er trat ein Stück näher an sie ran. Vorsichtig und langsam. Als würde er sich einem wilden Tier nähern.

„Wenn es so ist, lass mich dir versichern. Du bist mir wichtig, Sasha. Sehr wichtig. Wichtiger als alles andere im Moment.“

“Du kennst mich doch noch nicht mal.“, widersprach sie.

„Trotzdem sind wir Familie… Und ich würde dich gerne kennenlernen.“

Sasha hob eine Hand zu ihrem versteckten Gesicht. Ihre Schultern bebten. Irgendwas war wohl in ihr gebrochen.

„Darf ich dich zu einem Essen einladen? Wie fändest du es, wenn ich morgen Abend für uns beide koche?“, schlug er vor. „Dann können wir uns mal richtig unterhalten. Wärst du damit einverstanden?“

Kurze Stille, dann vernahm er ein seichtes Nicken von ihr. Ein Lächeln wuchs auf seinen Lippen.

“Gibt es irgendetwas bestimmtes, was du gerne essen würdest?“

Sie schniefte und räusperte sich.

“Irgendwas mit Kartoffeln wäre schön.“