Kapitel 4 - Recherche
Kapitel 4 - Recherche
Content Warnung: Körperdysphorie, Binding, Atembeschwerden
Es vergingen weitere Wochen. In dieser Zeit hatte sich James, mithilfe von Remus, über Personen wie Regulus, die man Transgender nannte, informiert. Sie hatten Bücher dazu in der Bibliothek gefunden. Es gab nicht viele, aber ein paar wenige, die das Thema ansprachen. So hatte er mit den Wochen gelernt, dass es verschiedene Arten gab, wie Regulus seine Brust verbergen konnte, aber auch, dass nicht alle diese Arten gut für die Gesundheit waren. Also begann er, in seiner Freizeit mit verschiedenen Tränken zu experimentieren. Er wollte einen magischen Kleber oder so etwas entwickeln, der die Haut nicht verletzte und Regulus dabei helfen konnte, seine Brust unter der Kleidung weniger sichtbar zu machen.
Wann immer er eine Mischung gebraut hatte, von der er glaubte, dass sie funktionieren könnte, probierte er sie an einem Stück Stoff aus. Die ersten Versuche waren kläglich gescheitert, doch er wollte nicht aufgeben. Nach jedem Scheitern machte er sich Notizen, wo der Fehler gelegen hatte, dann wurde der Kessel gesäubert und er fing wieder von vorne an. Er war so investiert in seine neue Aufgabe und generell in das ganze Thema, dass er kaum noch Zeit für etwas anderes fand. Er vernachlässigte seine Hausaufgaben, seine Freunde und ließ hier und da mal eine Mahlzeit ausfallen. Am Abend kam er erschöpft in den Schlafsaal, sein Versuch war erneut gescheitert. Als er sich auf sein Bett fallen ließ, knurrte sein Magen und Remus blickte rüber zu ihm: „James, wann hast du das letzte Mal was gegessen?“ Seine Stimme klang besorgt. James setzte sich auf: „Uhm, heute Morgen, glaube ich.“ Remus schüttelte den Kopf und war in ein paar Schritten bei James angekommen. Er setzte sich zu ihm aufs Bett, legte ihm seine Hände auf die Schultern und blickte ihm in die Augen: „Hey, ich verstehe ja, dass du helfen möchtest, das möchtest du immer. Aber du musst auch auf dich achten. Du kannst nicht deine Bedürfnisse hintenanstellen, weil du jemand anderem helfen willst.“ Er hielt einen Moment inne, bevor er etwas leiser nachsetzte: „Wie lange hast du schon Gefühle für ihn?“ James blickte Remus mit einer Mischung aus Verwirrung und als wäre er beim Kekseklauen ertappt worden an: „Wen denn?“ Remus unterdrückte ein Grinsen: „Jetzt tu nicht so, James. Es ist sehr offensichtlich, dass du ihn magst. Deine auffällig unauffälligen Blicke zum Slytherintisch. Dein konstantes Nachfragen, ob es ihm wohl gut geht, die Wut in deinen Augen, wenn jemand die falschen Pronomen oder den falschen Namen nutzt. Das ist mehr, als sich nur um ihn zu sorgen, weil er transgender ist. Du bist ganz offensichtlich in Regulus verknallt.“ James lief rot an und wich Remus’ Blick aus: „Nein, überhaupt nicht, ich, er, also … Du könntest recht haben, Moony. Ich weiß auch überhaupt nicht, wie das passieren konnte. Ich kann doch nicht … Er ist Sirius’ kleiner Bruder. Wir kennen uns doch nicht mal richtig.“ Remus schüttelte den Kopf leicht: „Es ist okay, Prongs, du musst jetzt noch überhaupt nicht wissen, was das bedeutet, aber lass mich dir eins sagen: Deine Gefühle sind valide, egal was du für wen empfindest, und wenn du magst, helfe ich dir, das alles zu verstehen, in deinem eigenen Tempo.“ James nickte dankbar und kurze Zeit später lag er in seinem Bett und träumte von Regulus.
Der nächste Tag versprach, noch ein letztes Mal heiß zu werden, bevor der Herbst Einzug halten würde. Regulus hasste den Sommer, er hasste es, dass alle in kurzer Kleidung rumliefen und vor allem hasste er es, wenn die Jungs ohne Oberteil übers Schlossgelände rannten oder im See badeten. Es erinnerte ihn nur daran, dass er kein normaler Junge, mit einem flachen Körper war. Dass er nicht einfach mit Barty und Evan in den See rennen konnte, ohne dabei Blick auf sich zu ziehen. Außerdem fiel es im Sommer viel mehr auf, wenn er viele Schichten trug, um seine Verbände zu verstecken. Die Hitze ließ ihn zudem viel zu schnell schwitzen und die eng gebundenen Verbände nahmen ihm die Luft. Er stand in der Jungentoilette. Seine Hände aufs Waschbecken gestützt und versuchte, seine Atmung unter Kontrolle zu bekommen, aber die Verbände waren eng und sein Brustkorb schmerzte. Er war so auf seine eigene Atmung fokussiert, dass er nicht hörte, wie eine weitere Person den Raum betrat. Erst als er wieder in den Spiegel blickte, blickte ihn die Spiegelung von James Potter an, der einige Schritte hinter ihm stand. „Alles gut, Black?“, fragte der Dunkelhaarige, und Regulus war erstaunt, echtes Interesse in seiner Stimme zu hören. Erst wollte er nicken, wollte sagen, dass es ihm gut ging und dass er keine Hilfe brauchte, erst recht nicht von einem Gryffindor. Aber er konnte kaum atmen, er brauchte Hilfe und Potter hatte ihm schon einmal gezeigt, dass er ihn als Jungen akzeptierte. Also schüttelte er den Kopf: „Ich, ich kann nicht atmen.“ Es kostete ihn einen Moment der Überwindung, bevor er schließlich mit seiner rechten Hand sein Hemd und sein T-Shirt ein wenig hochschob, sodass Potter die Verbände sehen konnte. James starrte ihn an, als müsste er verarbeiten, was Regulus ihm da zeigte, was er von ihm wollte. Schließlich schien er aber verstanden zu haben. Er murmelte: „Also so machst du das.“ Dann zog er seinen Zauberstab aus der Tasche und hatte mit einem Diffindo den Stoff von Hemd und T-Shirt durchtrennt, sodass er an die Verbände kam. Mit einem weiteren Zauber waren auch diese durchgeschnitten und mit vorsichtigen, geschickten Fingern entfernte er die Verbände von Regulus’ Körper. Den Druck auf seinem Brustkorb los, zog dieser gierig die Luft ein und für einen Moment empfand er das Gefühl seiner Brüste nicht als furchtbar negativ. „Wie lange hattest du die an?“, fragte James in die Stille hinein und hob fragend die Verbände. Regulus blickte ihn verwirrt an. Warum wollte er sowas wissen: „Seit heute Morgen nach dem Aufstehen.“ James schüttelte den Kopf, Unglauben und etwas Trauriges lagen in seinem Blick: „Du solltest nicht mehr als acht Stunden am Tag binden, habe ich gelesen.“ Nun war Regulus noch verwirrter: Warum las James Potter Bücher über solche Themen, warum interessierte ihn sowas? Außerdem, was sollte er denn sonst tun? Es gab keine Alternative für ihn und ohne Verbände würde er sicher nicht durch Hogwarts laufen. „Was soll ich denn sonst tun?“, seine Antwort war bissiger, als er es selbst beabsichtigt hatte, aber was wusste Potter schon, er war schließlich mit einem perfekten männlichen Körper geboren worden. „Ich wollte dich nicht belehren. Ich, ich habe recherchiert über Menschen wie dich und ich experimentiere an etwas. Wenn es mir gelingt, brauchst du die hier nicht mehr tragen“, er hob die Verbände demonstrativ an. „Es ist eine Art Zauberband, aber für die Haut. Damit könntest du binden ohne die Atemprobleme.“ Regulus war überfordert. James Potter hatte sich die Mühe gemacht und nicht nur Bücher gewälzt, sondern auch noch an einer Alternative für die Verbände gearbeitet, damit er ihm helfen konnte. War er krank, verzaubert, verrückt geworden? War das alles nur ein böser Streich von ihm und seinen Freunden? Warum war Potter so nett zu ihm? „Warum tust du das?“, fragte er. James zuckte mit den Schultern. Er hatte sich die Fragen in den letzten Wochen selbst gestellt und hatte keine Antwort gefunden, die komplett Sinn machte: „Ich weiß es nicht. Ich habe gesehen, wie andere dich behandelt haben. Ich wollte versuchen zu verstehen, wie du dich fühlst. Ich weiß, ich werde es nicht richtig verstehen können, weil ich nicht in dieser Situation bin. Aber ich kann mich informieren, kann lernen wie ich dir helfen kann, wenn du das möchtest?“ Regulus’ Frage war damit nicht beantwortet, aber für jetzt ließ er es dabei beruhen. Es machte ihn glücklich, dass es jemanden gab, der sich interessierte, der lernen und helfen wollte und vielleicht machte das James Potter zu einer besseren Person, als für die er ihn gehalten hatte. Schließlich nickte er zustimmend: „Ich nehme deine Hilfe an, Potter.“ Mit einem Zauber hatte er seine zerschnittene Kleidung wieder geflickt und hob die Verbände auf. Bevor er das Badezimmer verließ, drehte er sich noch einmal zu James und sprach mit ruhiger Stimme: „Und danke, dass du dich sorgst.“ Dann ging er in seinen Schlafsaal und legte sich auf sein Bett, blickte an die Decke und musste lachen. Wie absurd war doch die Situation, dass er sich mit Potter verstand und sich von ihm helfen lassen würde.