Kapitel 5 – James
Kapitel 5 – James
Nach einigen Tagen hatte James endlich einen Durchbruch mit seinem Experiment erlangt. Zum ersten Mal war der Stoff weder geschmolzen noch verbrannt oder zu einem matschigen Klumpen zerfallen. Als er ihn in die Hand nahm, klebte er und ließ sich dehnen, ohne zu reißen. Es war genau das, was er hatte schaffen wollen. Er musste Regulus finden und ihm davon erzählen, es ihm zeigen. James verließ den Raum der Wünsche und beim Blick auf die Uhr merkte er, dass er jetzt erstmal zum Abendessen gehen sollte, sonst müsste er sich nur wieder einen Vortrag von Remus anhören, dass er seine eigenen Bedürfnisse nicht vernachlässigen sollte. Also ging er in die Große Halle und als er sich die erste Gabel Essen in den Mund schob, merkte er erst, wie hungrig er eigentlich war. Während des Essens schweifte sein Blick über den Slytherintisch, bis er schließlich Regulus entdeckte. Er lächelte ihm kurz zu, bevor er sich wieder seinem Essen widmete. Nachdem er satt war stand er vom Tisch auf, murmelte Remus eine flüchtige Ausrede zu, warum er schon wieder losmusste, auch wenn er wusste, dass Remus seine Lüge nicht schlucken würde, schließlich kannte er ja als einziger der Rumtreiber James’ Experiment und seine Gefühle für Regulus. Fürs Erste war das auch besser so. Peter würde nicht verstehen, wie James Gefühle für einen Slytherin haben konnte und Sirius würde an die Decke gehen, weil es sich um seinen kleinen Bruder handelte.
Im Flur vor der Großen Halle wartete er, bis schließlich Regulus und seine Freunde in Richtung der Kerker gingen. „Black, kann ich dich mal kurz sprechen?“, fragte er laut und schon gleich war es ihm unangenehm, denn jetzt wurde er von drei Paar Slytherinaugen angeblickt. Regulus legte seinen Freunden, die schon bereit aussahen, James umzulegen, wenn sie müssten, die Hand auf die Schulter und redete auf sie ein, bevor er schließlich allein zu James kam. „Was gibt’s denn, Potter?“ James blickte Regulus an: „Mein Experiment, es hat funktioniert, willst du es mal ausprobieren?“ Regulus’ Miene entspannte und erhellte sich, dann nickte er enthusiastisch und James hatte das Gefühl, dass er hinter die Maske des sonst so verschlossenen und ruhigen Regulus Black geblickt hatte. Kurz wollte er nach der Hand des anderen greifen, um ihn mit zum Raum der Wünsche zu ziehen, war es doch eine Sache, die er mit den Rumtreibern schon so oft getan hatte. Im letzten Moment erinnerte er sich wieder daran, wen er vor sich hatte und ließ seine Hand wieder sinken. „Gut, dann komm mit“, sagte er zu Regulus, bevor er ihn zum Raum der Wünsche führte. Schweigend liefen sie durch die Gänge von Hogwarts, bis sie schließlich im richtigen Korridor angekommen waren. James ließ den, etwas verblüfften Regulus, in den Raum der Wünsche eintreten. Der Raum war gemütlich. Er sah ähnlich aus, wie das Wohnzimmer in seinem Elternhaus. Es gab einen Kamin, gemütliche Sofas, ein großes Fenster, was den Raum jetzt in das orange Licht der untergehenden Sonne hüllte.
Ein Bücherregal stand an der Wand, gefüllt mit all den Büchern, die sich James durchgelesen hatte. Das Einzige, was nicht in diesen Raum passte, war der große Kessel auf dem Boden, um den herum Reagenzgläser, Pipetten, Zettel und Verbände verstreut lagen. Ausnahmsweise war der Kessel leer und geputzt. Auf einem kleinen Tisch daneben lag das erste gelungene Exemplar und daneben stand ein Fläschchen, welches mit einer weiß schillernden Substanz gefüllt war, die je nach Betrachtungswinkel blau oder pink schimmerte. Regulus kniete sich vor den Tisch und blickte verzaubert die Substanz an. „Wow“, hauchte er fast tonlos und James lächelte, stolz auf seine Arbeit. Er kniete sich neben Regulus und gab ihm das verwandelte Stück Stoff in die Hand. „Damit könntest du deine –“, er schluckte, er empfand es seltsam, vor Regulus über seine Brüste zu sprechen, „deine, du weißt schon, abkleben.“ Regulus blickte zu ihm rüber und James war erstaunt, ein kleines Schmunzeln auf seinen Lippen zu sehen: „Du kannst sie ruhig Brüste nennen, das macht mir nichts.“ James nickte und grinste zurück. „Willst du – sollen wir – soll ich rausgehen, wenn du's probierst?“, seine Frage kam ihm sehr unbeholfen über die Lippen. Erst jetzt hatte er realisiert, dass er nie darüber nachgedacht hatte, wie sie das machen würden, nachdem James Regulus das Flexiband gegeben hatte.
Regulus hatte James Potter noch nie so nervös und vorsichtig erlebt. Wenn ganz Hogwarts zuschaute, war er Charisma in Person, hatte so viel Selbstbewusstsein, dass es das fehlende Selbstbewusstsein von Pettigrew auffüllen könnte und noch immer zu viel wäre. Aber hier, in dem geschlossenen Raum, nur mit Regulus war er vorsichtiger, weniger ruppig und überraschend einfühlsam. Regulus fühlte sich ihm seltsam verbunden, denn sie beide befanden sich in einer unbekannten Situation und wussten noch nicht genau, miteinander umzugehen. Er dachte über Potters Frage nach. Er hatte noch nie jemanden seine Brüste sehen lassen, weder Familie noch Freunde, niemanden, und eigentlich hatte er auch gewollt, dass das so bleibt. Denn nackt fühlte er sich verletzlich und angreifbar und der Ekel über seinen eigenen Körper würde ihn mal wieder einholen. Aber er hatte noch nie seine Brüste abgeklebt, wusste nicht, wie er das anstellen musste, vielleicht würde er Hilfe brauchen, er wusste es nicht. Aber mittlerweile wusste er, dass er James Potter ein Stück weit vertrauen konnte. Es gab immer noch viel, was er nicht von ihm wusste, und der Gedanke, dass James seine Brüste sehen könnte, beängstigte ihn. Nach langem Schweigen antwortete er dann: „Bleib, aber dreh dich um. Wenn ich deine Hilfe brauche, sage ich es.“ Es hatte ihn einiges an Überwindung gekostet, diesen Entschluss zu fassen, aber es machte am meisten Sinn. Außerdem wollte er nicht allein sein. Vielleicht könnte ein Gespräch mit Potter ihn von seinen negativen Gedanken ablenken, vielleicht.
James drehte sich von Regulus weg und nur das Rascheln von Stoff verriet ihm, dass Regulus sich auszog. Er war neugierig, aber er würde Regulus’ Grenzen nicht überschreiten. Als die Stille im Raum zu lang wurde und ihn unwohl fühlen ließ sprach er in den Raum: „Bist du bereit für das nächste Quidditchspiel, Black?“ Am nächsten Wochenende würde Slytherin gegen Hufflepuff spielen. Die Slytherins waren definitiv besser aufgestellt, vor allem mit Regulus als Sucher. „Ja“, schnaubte Regulus belustigt, „die Hufflepuffs sind keine ernsthaften Gegner für uns.“ Es raschelte einen Moment und James konnte ein paar undefinierbare Laute von Regulus hören. „Ich glaub, ich habs raus … Wow.“ James lächelte, als er das hörte: „Das heißt, es funktioniert?“ Regulus nickte, dann merkte er, wie unnütz das war, weil James ihn nicht sehen konnte: „Ich glaube schon.“ Leiser und unsicher fügte er hinzu: „Du darfst gucken, Potter. Meinst du, dass das so richtig ist?“ James drehte sich zu ihm, überrascht, dass Regulus so viel Vertrauen in ihn steckte. James blickte zu dem Flexitape auf Regulus’ Haut. Ja, so hatte er sich das vorgestellt, als er davon gelesen hatte. „Fühlt es sich denn richtig an?“, fragte er und blickte wieder auf Regulus’ Gesicht. Dieser lächelte ihn so offensichtlich an, wie er es zuvor nicht getan hatte, was ein leichtes Kribbeln in James’ Magen auslöste. Dann nickte Regulus: „Ja, und besser als die Verbände.“ James’ Lächeln spiegelte Regulus' wider. „Ich nenne es übrigens Flexiband“, verkündete er stolz. „Du hast ihm einen Namen gegeben? Merlin, Potter, der Trank muss dir die Sinne vernebelt haben“, witzelte Regulus, während er sich wieder anzog. „Was denn?“, entgegnete James gespielt empört. „Was hast du denn an Flexiband auszusetzen? Sei froh, dass ich's nicht Potter-Band genannt habe, war nämlich auch ein Gedanke.“ Regulus konnte nicht ernst nehmen, was er da hörte, und brach in ein echtes, ungezwungenes Lachen aus: „Potter-Band, wie eingebildet kann man nur sein. Auf sowas kommst auch nur du, James.“ James erstarrte, aus mehreren Gründen. Zum einen hatte Regulus’ Lachen einen schönen, warmen Klang, zum anderen hatte er ihn gerade beim Vornamen genannt. Kein Potter. Er hatte ganz klar James gesagt. Eigentlich sollte das überhaupt nichts für ihn bedeuten, schließlich war das sein Name und doch ließ es sein Herz ein wenig schneller schlagen und ihn darauf hoffen, dass das nicht ihr letztes Treffen sein würde. Es gab noch so viel, was sie übereinander lernen könnten und er wollte Regulus nochmal lachen hören.