Kapitel 6 - Vertraut
Kapitel 6 - Vertraut
Dieses Treffen sollte die Grundlage für ihr, anfangs auf Misstrauen und Anspannung beruhendes Verhältnis bauen. Statt sich auf den Gängen oder in der Großen Halle zu ignorieren, teilten sie kurze Blicke, nickten sich zu oder grüßten sich, wenn sie allein waren. Das, was sich da zwischen ihnen bildete, war ihnen noch zu früh und zu unbekannt, um es zu einer großen Sache vor ihren Freunden zu machen. Doch wenn sie sich im Raum der Wünsche wegen des Flexibands trafen, waren es immer die kleinen Momente, die am schwersten wogen und am längsten bei ihnen blieben. Ihre ersten Treffen und Gespräche hatten oft vom Flexiband gehandelt und nur selten hatte einer von ihnen zum Smalltalk gegriffen, um die unangenehme Stille zu beseitigen. Doch mit der voranschreitenden Zeit hatten sie sich aneinander gewöhnt. James hatte seine Gefühle akzeptiert, war aber nicht bereit, mit Regulus darüber zu sprechen. Doch ihre Treffen gefielen ihm. Er mochte es, Zeit mit dem anderen zu verbringen, jetzt auch nicht mehr nur aus dem Grund heraus, dem anderen helfen zu wollen. Er wollte ihn kennenlernen, richtig kennenlernen. Jedes Mal, wenn ein Treffen zu Ende ging und sich ihre Wege trennten, war er ein wenig bedrückt, wollte wieder zurück in den Raum mit Regulus, weiter reden und weiter an diesem Ort existieren, der so fernab von der Wertung anderer Menschen zu existieren schien. Aber er wusste auch, dass er ein Gleichgewicht finden musste, herstellen musste. Denn jetzt, wo er öfter Zeit mit Regulus verbrachte, musste er darauf achten, dass Sirius nicht mitbekam, wo er so viele Nachmittage verbrachte und dass sich auch seine anderen Freunde nicht vernachlässigt fühlten.
Wenn Regulus eine Sache nicht erwartet hatte, dann war es die völlig überraschende Freundschaft (?), die er mit James Potter hatte. Er genoss es, jemanden zu treffen, der sich um ihn kümmerte und ihm zuhörte. Nicht, dass Evan und Barty das nicht tun würden, aber mit ihnen war es anders. Sie waren oft aufgekratzt und aufgedreht und laut. Das störte ihn nicht, er mochte seine besten Freunde genau so, wie sie waren, aber manchmal brauchte er die Stille und Ruhe, die ihm der Raum der Wünsche bot und das konnten die beiden nicht immer verstehen. Außerdem lenkte ihn die Zeit mit James von seinen Sorgen ab, von den schlimmen Sachen, die seine Eltern zu ihm gesagt hatten. Er wollte nicht an Zuhause denken, an seine Mutter, die ihn zwingen würde, Kleider und Röcke zu tragen und seine Haare lang wachsen zu lassen. An seine Mutter, die seinen alten Namen benutzen würde, ihn als ihre Tochter anpreisen würde und ihn, jetzt, wo er ihrer Meinung nach rebellierte, an irgendeinen reinblütigen Schnösel verheiraten würde. Er wollte in Hogwarts bleiben, wo er wenigstens ein bisschen mehr Sicherheit vor seinem Zuhause, seinem Umfeld, seiner Mutter hatte. Er wollte hier bleiben, jeden Moment im Raum der Wünsche auskosten. Denn seine und James’ Gespräche handelten nie von dem Übel, das in der Welt, außerhalb des Raumes, lauerte. Sie sprachen über Quidditch, lachten über Lehrer oder Schüler oder sie saßen einfach in angenehmer Stille auf dem Sofa und lasen. Er fühlte sich so frei wie noch nie, in einer Welt, die ihm wenig Platz und Chancen für Freiheit bot. Aber war es wirklich nur die Freiheit, die ihn anzog, die ihn in diesem Raum verharren ließ, so oft und so lange es ging? Hatte es nicht auch, mindestens ein Fünkchen mit James Potter zu tun? Mit dem Jungen, der ihm nur hatte helfen wollen und es geschafft hatte. Aber er hatte danach nicht aufgehört, er hatte sich weitere Male mit Regulus getroffen, ohne, dass es noch einen Grund gab, ihm noch zu helfen. Kam James aus demselben Grund in den Raum der Wünsche, aus dem es auch Regulus tat? Für die Freiheit, die dieser Raum ihm bot oder kam er Regulus wegen? Regulus wusste es nicht, konnte nicht die Beweggründe des anderen erraten, doch ein kleiner Teil in ihm hoffte, dass James für ihn kam, um ihn zu sehen. Denn er kam, um James zu sehen, seine Stimme zu hören und der Grund für sein Lachen, sein Lächeln zu sein. Er wusste, dass diese Gefühle nicht immer da gewesen waren, da sie sich langsam aufgebaut hatten. Dass sie sich mit jeder Kleinigkeit, die James für ihn getan hatte, in ihm ausgebreitet hatten, bis sie ihn schließlich ausgefüllt und sein Herz erreicht hatten. Er hatte diese Gefühle ignoriert, bis es nicht mehr möglich gewesen war. Doch auch jetzt noch schien es unmöglich für ihn, zu verstehen, was er fühlte, wenn er James Potter sah. Er wollte es nicht tiefer verstehen, wollte ihm keinen Namen geben, denn er hatte Angst, dass er dann abhängig sein würde. Dass sein Wert dann von der Wertung James Potters abhing, dass er eine Ablehnung des anderen nicht verkraften könnte. Angst, dass die Art, wie er behandelt wurde, sich noch mehr verschlechtern könnte. Angst, dass dann auch seine letzten Freunde ihm den Rücken zukehren würden. Das Risiko war zu groß und Regulus’ Leben so unterschiedlich zu James' geplant, dass egal, was es zwischen ihnen war, nicht funktionieren könnte und würde. Sie waren zu unterschiedlich, ihre Leben waren zu unterschiedlich. Regulus würde genießen und wertschätzen, was er hatte, aber hoffen auf mehr, nein, das war zu riskant. Seine Gefühle würden dort bleiben, wo er sie kontrollieren konnte, bei ihm.