Kapitel 7 – Zwischen den Zeilen
Kapitel 7 – Zwischen den Zeilen
Es war ein langer Schultag und James freute sich schon darauf, wenn Zaubertränke, endlich vorbei war und er in den Raum der Wünsche gehen und einfach abschalten konnte. Aber erst musste er noch eine Unterrichtsstunde durchhalten. Er versuchte, sich auf den Inhalt zu konzentrieren, doch weder Sirius, der ihm kleine Nachrichten auf ein Blatt schrieb und rüberschob, noch Schniefelus’ bohrende Blicke trugen dazu bei. Er ignorierte Schniefelus, ausnahmsweise hatte er keine Lust auf eine Auseinandersetzung mit dem fett haarigen Slytherin. James zog den Zettel, den Sirius ihm über den Tisch geschoben hatte zu sich und las: Du bist so still, Prongs, hat dich wer verflucht?
James wusste, dass sein verändertes Verhalten auf lange Sicht aufgefallen wäre. Er wusste nur nicht, was er Sirius antworten sollte. Denn die Wahrheit, nein, dazu war er noch nicht bereit. Er musste sich eine Ausrede einfallen lassen, aber Sirius kannte ihn gut, er würde fast jede Lüge durchschauen können.
Nur müde, das ist alles. Schrieb er auf das Papier, in dem Wissen, dass Sirius es ihm nicht abkaufen würde. Wie sollte er auch? Sirius kannte ihn in allen Lebenslagen, oder fast allen. Er kannte ihn glücklich, aufgedreht, betrunken, müde und hatte ihn auch das ein oder andere Mal traurig und verletzlich gesehen. Doch er kannte James nicht so, wie er jetzt war: nachdenklich, verwirrt und verliebt. James half lieber, als sich helfen zu lassen, zeigte sich nicht gerne verletzlich, da war er nicht gut drin. Er hasste es, seinen besten Freund anzulügen, doch in diesem Falle war das mit Sicherheit die bessere Lösung, als mit der Wahrheit ans Licht zu kommen. Das Blatt kam wieder zurück zu ihm: Verarschen kannst du dich alleine, ich bin nicht dämlich, Prongs. Selbst Sluggi sieht wahrscheinlich, dass was los ist. Moony sieht aus, als wüsste er schon wieder alles. Dann bin ich wohl genauso ahnungslos wie Pete, was? Aber sag mir bloß nichts und verzieh dich mit deinen Problemen dahin, wo auch immer du lieber bist, als bei deinen BESTEN Freunden.
Sirius war eingeschnappt und James konnte es ihm nicht einmal verübeln. In der letzten Zeit war er kein guter Freund gewesen. Er hatte die meiste Freizeit im Raum der Wünsche verbracht, hatte seine Freunde nur im Unterricht, in der Großen Halle oder im Schlafsaal gesehen und selbst dann war er immer ruhig und abwesend gewesen. Hatte an Regulus denken müssen, ständig kreiste er durch seinen Kopf. Sirius konnte das nicht verstehen. Er war zwar verliebt, aber Remus war immer dabei gewesen und dass die beiden sich mochten, war weder unauffällig noch eine Überraschung gewesen. Außerdem war er nicht in den Bruder seines besten Freundes verliebt.
James tat es im Herzen weh, wie abweisend und kalt Sirius war. Er drehte sich zu ihm, das Zettelgeschreibe wurde ihm zu albern, also flüsterte er zu Sirius: „Pads, es tut mir leid, ich, ich kann nicht, noch nicht darüber reden. Es... Es ist kompliziert. Du würdest es nicht verstehen.“ Sirius blickte ihn enttäuscht an. Er war gekränkt, dass James sich ihm nicht anvertraute, teilten sie sonst doch alles miteinander. Er zischte: „Du hast es noch nicht einmal versucht, aber natürlich werde ich es nicht verstehen. Warum sollte ich auch? Ich bin ja nur dein bester Freund, was zählt das schon? Wenn du das nächste Mal Hilfe brauchst, komm nicht zu mir, ich werde es nicht verstehen.“ Damit war für ihn die Konversation beendet. Er zerknüllte den Zettel und blickte zurück zu Professor Slughorn. „Na, kriselts im Paradies, Potter?“, Severus’ gehässige Stimme klang an sein Ohr. Als James sich zu ihm umdrehte, grinste er ihn schadenfroh an. „Halt deine Klappe, Schniefelus.“, sagte er und versuchte, seine Stimme ruhig zu halten. Er wollte keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. „Hat Black Wind davon bekommen, dass du dich heimlich mit seinem Bruder triffst?“, Severus grinste selbstgefällig. James blickte zu Sirius. Er hatte Angst, dass Sirius Severus’ Worte vernommen hatte, doch der ältere Black Bruder starrte an die Tafel, obwohl er keine einzige Information wahrnahm. James blickte zurück zu Severus, heiße Wut machte sich in ihm breit. Er wusste nicht, wie Severus von seinen und Regulus’ Treffen erfahren hatte aber Sirius würde nicht durch seine verdrehten Lügen Bruchteile der Wahrheit zu hören bekommen. Wütend lehnte sich James vor und blickte Severus mit zusammengekniffenen Augen an: „Halt. Deine. Klappe. Schniefelus.“ Noch bevor der Slytherin etwas erwidern konnte, war James von seinem Stuhl aufgesprungen, der mit einem lauten Klappern auf dem Boden landete und hatte sich auf Severus gestürzt. Jetzt hatten sie auf jeden Fall die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse auf sich. Sie rauften sich am Boden und James trat und schlug aus blinder Wut auf den anderen ein, bis Sirius ihn schließlich von Severus zog und ein Slytherin diesen hielt. James blickte zufrieden auf Severus’ blutige Nase. „Ne Verbesserung, wenn du mich fragst“, murmelte Sirius, der ihn noch immer festhielt. „Was auch immer mit dir los ist, Prongs, krieg deine Impulse in den Griff. Schniefelus verdient es zwar, aber das bist nicht du.“ Er legte James seine Hände auf die Schultern. Er war immer noch sauer, dass James dachte, dass er sich ihm nicht anvertrauen konnte, aber trotz dessen war er noch sein bester Freund und würde ihm immer den Rücken stärken.
Durch seine Prügelei mit Severus hatten sie beide sich Nachsitzen eingehandelt und hatten eine endlose Stunde lang zusammen in einem Raum sitzen und Zeilen schreiben müssen, die er schon längst auswendig konnte. Das war bei weitem nicht sein erstes Nachsitzen gewesen. Als er dann endlich in den Raum der Wünsche kam, war es schon spät, doch Regulus saß auf einem der Sofas, Buch in der Hand und blickte auf, als die Tür hinter James ins Schloss fiel. „Du bist später als sonst“, kommentierte er und legte sein Buch auf den kleinen Beistelltisch. James ließ sich seufzend auf das Sofa neben Regulus fallen: „Ich musste nachsitzen.“ Als er den interessierten Blick des anderen auf sich spürte, führte er aus: „Ich habe Severus die Nase gebrochen.“ Er grinste schief, hoffte aber, dass Regulus keine weiteren Fragen stellen würde. Er wollte ihm nicht erzählen, dass Severus von ihren Treffen wusste und ihn damit provoziert hatte. Außerdem wollte er Regulus nicht wissen lassen, dass Severus es mit Absicht hatte so klingen lassen, als ob ihre Treffen romantischer Natur wären.
Regulus rollte mit den Augen, konnte sich ein Schmunzeln aber nicht verkneifen. Er konnte sich gut vorstellen, wie James auf Severus losging. Wie er die Ärmel seines Hemds hochkrempelte und seine muskulösen Arme – Stopp, nein! Solche Gedanken konnte er nicht zulassen, er kontrollierte seine Gefühle, nicht seine Gefühle ihn. Als James nichts weiter zu sagen hatte, sich zurücklehnte, die Arme hinter dem Kopf verschränkte und seine Augen schloss, nahm Regulus sein Buch wieder auf. Doch jetzt, wo James neben ihm saß, schien sich seine Konzentration verabschiedet zu haben. Immer wieder warf er Blicke zu James, musterte seine trainierten Arme, seine definierten Gesichtszüge, seine wilden Haare und die Brille, die schief auf seiner Nase saß. Alles an ihm war so gefährlich anziehend, alles wirkte perfekt. James Potter sah aus wie eine dieser aus Stein gemeißelten Götterstatuen. Regulus konnte seine Augen nicht von ihm nehmen. Er zwang sich dazu, seine Augen wieder auf das Buch zu richten, selbst wenn er keinen weiteren Satz lesen würde. Doch seine Augen gehorchten ihm nicht und huschten immer wieder von der Seite seines Buches zurück zu James. Mental verfluchte er sich für seine auffälligen Blicke. Wenn er sich nicht in den Griff bekam, könnte er ihm auch gleich sagen, was seine bloße Anwesenheit mit ihm anstellte. Nein, das konnte er nicht, diese Blöße würde er sich niemals geben. Er zwang seine Augen erneut direkt zum Buch, James war schließlich nur ein Kerl, nicht mehr oder weniger. Aber ein gutaussehender Kerl, ein charmanter Kerl, ein- Er schüttelte seine Gedanken ab, welche schon wieder drohten abzuschweifen.
James spürte Regulus’ Blicke auf sich. Er mochte es, gemustert zu werden, vor allem wenn er die Person selbst mochte. Als er seine Augen öffnete, lag Regulus’ Blick wieder auf dem Buch in seiner Hand und so nahm sich James einen Moment, um Regulus zu betrachten. Er war hübsch, die kurzen schwarzen Haare umrahmten sein Gesicht. Er hatte es vorher nie als wirklich feminin wahrgenommen und durch die kurzen Haare wirkte es noch maskuliner. Es passte zu Regulus. Er hatte in keinem Augenblick schöner für ihn ausgesehen. Regulus blickte von seinem Buch auf und starrte in James’ Augen. Er konnte sich nicht lösen, konnte nicht anders, als einfach nur in diese wunderschönen Augen zu starren. Sie hielten den Augenkontakt für einen Moment, keiner sprach, Regulus’ Herz flatterte in seiner Brust.
Die Luft zwischen ihnen schien unter Spannung zu stehen, ein Kribbeln breitete sich durch James’ ganzen Körper aus. Die Intensität, mit der Regulus ihn anblickte, jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Für diesen Augenblick hatte James keine Zweifel daran, dass Regulus ihn auch mochte, dass sie vielleicht dasselbe füreinander empfanden. Impulsiv, um bloß nicht den plötzlichen Mut wieder zu verlieren, lehnte er sich vor, legte seine Hand in Regulus’ Nacken, zog ihn zu sich und küsste ihn. Für diesen einen Moment fühlte sich alles richtig an, Regulus’ Lippen bewegten sich gegen seine, er küsste ihn zurück. James verlor sich im Gefühl des Kusses, es war wie ein Rausch, es war besser als jeder Traum oder jede Vorstellung.
Er wurde jäh wieder in die Realität zurückgeholt, als Regulus sich von ihm löste. Den Blick in seinen Augen konnte James nicht deuten. Noch bevor er fragen konnte, ob und was er falsch gemacht hatte, war Regulus aus dem Raum gerannt und die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen. James Potter war alleine und verwirrt. So schnell, wie das euphorische Gefühl des Kusses ihn überrollt hatte, war es auch wieder gegangen. Was war gerade passiert, was hatte er falsch gemacht? Er hatte es an einem Tag geschafft, sich es mit beiden Black Brüdern zu verspielen. Er rollte sich auf dem Sofa zusammen und als all seine Gefühle auf einmal auf ihn einstürmten, ließ er sie zu und weinte.
Regulus rannte, selbst als seine Lungen zu brennen begannen, rannte er weiter. Er achtete nicht auf den Weg, hatte kein Ziel vor Augen, er musste nur so viel wie möglich Abstand zwischen sich und Potter bringen. Potter. Er hatte ihn geküsst, als wäre es das einfachste, unkomplizierteste der Welt. Als würde dieser Kuss nichts zwischen ihnen ändern. Und er, er hatte sich von seinen Gefühlen kontrollieren lassen und sich für einen Moment erlaubt, den Kuss, die Nähe und die Zuneigung zuzulassen. Dann hatte er sich gefangen, realisiert, dass all diese Treffen ein Ventil gewesen waren, ein Ventil, um in einer erträumten Freiheit zu leben und zu lieben. In einer Welt, die ihrer eigentlichen Welt nicht glich. Denn dieser Traum, den er versucht hatte zu leben, existierte nur in einem geschützten Raum, doch die Welt außerhalb dieser Blase war real. Und sie war nicht ein gemütliches Wohnzimmer, gemeinsames Lesen und sorgenfreie Küsse. Die reale Welt war wertend, bewertend, abwertend. Sorgenfreiheit war nichts Gutes, sondern rücksichtslos, unvorsichtig, blind. Wer sich in Träumen versteckte, würde im realen Leben nicht weiterkommen. Regulus konnte sich nicht Ewigkeiten in dem Raum verschanzen, der ihm so viel Komfort bot. Er musste in der Realität leben, die Realität bestehen, denn sie würde nicht so sanft zu ihm sein wie James Potters Lippen auf seinen. Sie würde ihn nicht liebevoll küssen, sondern ihm seine Zähne rausschlagen, wenn er nicht aufpasste. Trotz all dem nahm sich Regulus einen Moment und spielte den Kuss wieder und wieder in seinem Kopf ab. Er war sanft und behutsam gewesen, genauso, wie sich James ihm immer gezeigt hatte, genauso, wie er es erwartet hätte. Bei der zarten Berührung war er fast geschmolzen und genau das hatte ihm Angst gemacht. Er wollte nicht abhängig davon sein, wie James Potter ihn fühlen ließ. Er hatte Angst vor noch mehr Ausgrenzung, seiner Familie, seiner Mutter, der ganzen verdammten Welt, die was gegen ihn zu haben schien. Er hatte Angst, was passieren würde, wenn er sich auf James Potter einlassen würde, Kontrolle abgeben, Kontrolle verlieren würde. Deswegen konnte er ihm nicht das geben, was er sich wahrscheinlich durch diesen Kuss erhofft hatte. Sie konnten kein Liebespaar sein, es war zu kompliziert für sie beide. Ein Slytherin und ein Gryffindor, sie wären ein verfluchtes Paar. Teile desselben Puzzles, aber sie passten nicht zusammen, durften nicht passen, sollten nicht passen. Weinend brach er in seinem Schlafsaal zusammen. Warum konnte das Leben es nicht einmal gut mit ihm meinen?