Kapitel 8 – Distanz
Kapitel 8 – Distanz
James fühlte sich furchtbar. Hatte er es sich jetzt endgültig mit Regulus verspielt? Er und seine verdammten Impulse. Regulus hatte ihn so intensiv angeschaut, dass er gedacht hatte, der andere würde genauso fühlen und zurückgeküsst hatte er ihn auch. Aber all das war gerade nicht wichtig. Wichtig war, dass Regulus weggerannt war und dass James noch immer verheult im Raum der Wünsche saß. Er wollte noch nicht gehen. Er wollte Sirius nicht so unter die Augen treten, sich nicht erklären müssen. Doch vielleicht war es an der Zeit, endlich reinen Tisch zu machen. Sirius endlich zu erklären, was er über die letzten Wochen und Monate versucht hatte zu verbergen. Er konnte sich auch nicht ewig vor seinen Freunden verstecken. Mit seinem Ärmel wischte er sich die letzte Feuchtigkeit aus dem Gesicht, die Röte vom Weinen würde man ihm trotzdem ansehen können. Er rappelte sich auf und langsamen Schrittes ging er den Weg vom Raum der Wünsche in den Gemeinschaftsraum. Es saßen kaum noch Schüler in dem Raum, was angesichts der Uhrzeit nicht überraschend war. Er durchquerte den Raum und erklomm die letzten Stufen bis zum Schlafsaal. Als er zur Tür reinkam, richteten sich drei Augenpaare auf ihn. Peter sah ihn verwirrt an, doch seine Verwirrung schwenkte beim genauen Anblick von James in Empathie um. Er sah so aus, als würde er etwas sagen wollen, tat es aber dann doch nicht und gab James stattdessen einen seiner Schokofrösche. James lächelte bei der Geste ein wenig, Pete war noch nie derjenige gewesen, der viel über Gefühle oder so etwas sprach. James dachte, dass es ihn vielleicht überforderte und er konnte es auch verstehen. Remus blickte von seinem Buch auf und verzog seine Augenbrauen zu einem sorgenvollen Blick. Aber am stechendsten war Sirius’ Blick. Auch er sah besorgt aus, doch darunter lagen noch immer dieselbe Enttäuschung, wie zuvor im Unterricht, dass James ihn nicht in die Probleme seines Lebens miteinbeziehen konnte. Ohne mit irgendwem zu sprechen, zog sich James um und kuschelte sich in sein Bett. Nach und nach legten sich auch seine Freunde hin und löschten ihr Licht. Zuletzt legte Remus sein Buch weg, löschte seine Lampe, aber statt wie die anderen schlafen zu gehen, erleuchtete er seinen Zauberstab und lief rüber zu James’ Bett.
„Noch wach, Prongs?“, fragte er flüsternd. Als James bestätigend nickte, setzte sich Remus zu ihm aufs Bett. „Also, was ist passiert?“, fragte er, als James nicht von allein anfing zu reden. James schluckte: „Ich, naja, ich hab ihn geküsst.“ Remus’ Gesichtszüge verzogen sich zu einem überraschten Ausdruck. „Und dann?“, hakte er nach. Er wusste, dass das noch nicht alles sein konnte. „Er hat mich zurückgeküsst, für einen Augenblick auf jeden Fall und, und dann hat er sich von mir gelöst, hat mich mit diesem, diesem Blick angeschaut und ist weggerannt“, erklärte James die Ereignisse und schon war ihm wieder schlecht. Remus blickte ihn nachdenklich an, dann fragte er: „Er ist weggerannt, einfach so, ohne was zu sagen?“ James nickte als Antwort. „Hast du eine Idee, was der Grund dafür sein könnte?“ James schüttelte den Kopf: „Nein, alles war so, so geladen, voller Spannung und er hat mich so durchdringend angeblickt. Ich dachte, ich dachte, es wäre ein guter Moment, um ihm zu zeigen, dass ich ihm nahe sein wollte, dass er der Grund ist, warum ich in den Raum der Wünsche komme. Ich dachte, er wollte es auch, er hat mich doch zurückgeküsst.“ James stieß frustriert die Luft aus, der Streit mit Sirius und jetzt auch noch die Situation mit Regulus, es war einfach viel zu viel an diesem Tag passiert. „Ich hätte ihn fragen sollen, ich hätte nicht seine Blicke als Einladung ansehen sollen, richtig? Ich habe nicht nachgedacht, ich hab die Kontrolle verloren, schon wieder! Was tut er nur mit mir? Ich hab's mir mit ihm verkackt, nicht wahr, Moony? Ich mache momentan doch alles kaputt. Sirius ist sauer, weil ich nicht mit ihm rede. Pete merkt mittlerweile auch schon, dass was los ist. Du sagst nichts, aber ich sehe es dir an, du machst dir Sorgen um mich. Ich habe mir mühsam Regs Vertrauen erarbeitet und jetzt habe ich alles wieder kaputt gemacht. Ich bin doch ein dummer Dickkopf.“ Die Worte waren nur so aus ihm herausgesprudelt, er hatte schon länger all das in sich hineingefressen und jetzt war alles übergelaufen. Er weinte schon wieder und salzige Tränen liefen seine Wangen hinunter. Hektisch versuchte er, sie wegzuwischen. Er weinte nicht gerne vor anderen, selbst wenn es in diesem Fall einer seiner besten Freunde war.
Remus legte ihm eine Hand auf die Schulter: „Merlin, James. Dich hat’s ja richtig erwischt. Ich glaube kaum, dass du's verkackt hast. Sirius wird sich schon wieder einkriegen, du hast sein Ego ein bisschen angekratzt, aber das hält er schon aus. Und was seinen Bruder angeht. Ich glaube, da siehst du viel zu schwarz. Ich sag’ nicht, dass es richtig war, ihn einfach so zu küssen. Schließlich wusstest du ja nicht, was in ihm vorging, ob er es wollte, oder auch nicht. Ich denke, du hast ihn definitiv überfordert. So ein unerwarteter Kuss macht sicher viel mit einem, vor allem, wenn man nicht die Wahl hatte ob man geküsst werden will oder nicht. Und vielleicht konnte er seine eigenen Gefühle in diesem Moment auch noch gar nicht einordnen. Bei mir hat's ja auch ewig gedauert, bis ich selbst verstanden habe, was ich für Sirius empfinde und dann habe ich nochmal das Doppelte der Zeit gebraucht, bis ich bereit war, mit ihm darüber zu sprechen. Bei euch könnte das ja alles ein bisschen komplizierter werden, Gryffindor und Slytherin, noch dazu ein Black. Du kannst nicht erwarten, dass er direkt weiß, wie er mit dem Kuss und allem, was er bedeutet haben mag, umgehen soll. Gib ihm Zeit, das zwischen euch klärt sich sicherlich wieder. Ob ihr am Ende Freunde oder mehr sein werdet, wird nur die Zeit zeigen. Sollte das zwischen euch wirklich funktionieren, habt ihr schließlich alle Zeit der Welt.“ James hatte mittlerweile aufgehört zu weinen. Remus hatte wahrscheinlich recht, er hatte überreagiert und das mit Regulus, auch damit könnte er recht haben. Wenn er es sich so genau überlegte, hätte es ihn wahrscheinlich auch überfordert, wenn Regulus ihn aus dem Nichts geküsst hätte. Er würde ihm seine Zeit lassen. Wenn Regulus mit ihm reden wollte, würde er ihm schon irgendwie ein Zeichen geben. Bis dahin musste James schauen, dass er sich Sirius und seinem Egoproblem widmete. Er musste ihm außerdem endlich die Wahrheit sagen. Er hasste es, Geheimnisse vor seinen Freunden zu haben. Er hatte seine Freunde viel zu lange vernachlässigt. Er lächelte Remus an, es ging ihm schon wieder deutlich besser: „Danke, Moony, das hab ich gebraucht. Ich werde das mit Sirius klären und ich werde mehr Zeit mit euch verbringen. Ich war kein besonders guter Freund in letzter Zeit.“ Remus nickte, kletterte von James’ Bett, lief die wenigen Schritte zu Sirius’ Bett, löschte seinen Zauberstab und kuschelte sich zu Sirius. James schmunzelte, rollte sich auf die andere Seite und schlief ein.
Regulus saß auf einer Couch im Gemeinschaftsraum, das leichte Glimmen des Kamins warf sein oranges Licht über ihn. Neben ihm saßen Evan und Barty, Bartys Kopf lag auf Evans Schulter und sie waren ungewöhnlich ruhig. Regulus hatte ihnen die ganze James Potter-Sache erzählt. Von den geheimen Treffen, in die er sie nicht eingeweiht hatte, bis zum jetzigen Abend, zu dem Punkt, an dem James ihn geküsst hatte. Evan blickte seinen besten Freund mit offenem Mund an. Er hatte nicht erwartet, dass Regulus ihnen eine so große Sache so lange verschwiegen hatte: „Also du möchtest uns gerade ernsthaft erzählen, dass du dich heimlich mit einem Gryffindor getroffen hast? Als wäre das nicht schon kompliziert genug, muss dieser Gryffindor ausgerechnet Potter sein. Das soll ein schlechter Scherz sein, oder Reg?“ Er schüttelte in Unglauben seinen Kopf und lachte spöttisch. Doch Regulus lachte nicht, sein Blick blieb ernst und brachte ihn wieder zum Schweigen. „Du stehst auf Potter, Reg?“,kam es von Barty. Regulus schluckte, es war Zeit, diese letzte Hürde zu überwinden und es sich selbst und seinen Freunden einzugestehen: „Ja, das tue ich.“ Barty stieß die Luft aus: „Ganz schöne Scheiße ist das Reg. Potter ist ein Idiot.“ Regulus lachte bei diesen Worten auf: „Ja, ist er. Aber ein Idiot, der sich für mich eingesetzt hat, der mir geholfen hat. Er kann nett sein.“ Evan lachte ungläubig auf und schüttelte den Kopf: „Potter und nett, sicher, dass du nicht in einen Amortentia gestolpert bist?“ Barty prustete, aber Regulus schüttelte den Kopf: „Ich mein das ernst, ihr kennt ihn nicht so wie ich.“ „Besser ist das, ich will nicht wissen, wie Potter schmeckt“, antwortete Barty mit einem Grinsen. Regulus schmunzelte: „Arschloch.“ Ihr Lachen verklang und zurück blieb eine Stille, die so schwer wog wie alles, was Regulus vorher erzählt hatte. „Mag er dich auch?“, fragte Evan. „Er hat mich geküsst. Ich nehme an, dass das schon einen Grund haben wird“, antwortete Regulus zögerlich. „Das hat die Frage nicht beantwortet“, kommentierte Barty trocken. Regulus schüttelte überfordert den Kopf: „Was weiß ich, vielleicht, möglicherweise.“
Hoffentlich, fügte er in Gedanken noch an seine Aufzählung dran. Auch wenn der Kuss ihn total überfordert und aus der Bahn geworfen hatte, so hoffte er doch, dass James ihn mochte. Dass er noch einmal die Chance haben würde, James zu küssen. Doch diese Hoffnung musste er seinen Freunden nicht aufbinden. Er war froh, dass sie überhaupt noch hier mit ihm saßen, dass sie ihm noch zuhörten und ihn nicht als hoffnungslosen Fall allein gelassen hatten. „Du hoffst es, oder?“, Bartys Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Was?“, fragte er verwirrt. Evan schnaubte belustigt: „Na, dass Potter dich mag.“ Regulus errötete. Waren ihm seine Gefühle denn so einfach anzusehen? Er schüttelte den Kopf: „Sowas habe ich nie gesagt.“ „Du hast es aber auch nicht verneint“, witzelte Evan. Regulus öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Barty kam ihm zuvor: „Reg, du hast uns gar nicht gesagt, warum du nach dem Kuss weggerannt bist. Wenn Potter doch so ein Traumtyp ist, warum nicht bleiben und rumknutschen?“ Evan stieß ihm mit dem Ellenbogen in die Rippen: „Wir wollen keine Details hören.“ Regulus hatte mit dieser Frage gerechnet, aber es war schwer, seine Gefühle in Worte zu fassen. Er atmete tief aus: „Ich hatte Angst.“ Evan blickte ihn erstaunt an: „Vor Potter?“ Regulus schüttelte den Kopf: „Nein, also nicht direkt. Der Kuss, meine Gefühle, alles davon ist mir einfach zu viel geworden. Er hat mich überfordert. Ich hab doch selbst gerade erst verstanden, was genau ich fühle. Dann kommt er an und küsst mich einfach. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Es ist einfach gerade alles zu viel. Meine Familie, die Schule, jetzt auch noch die Sache mit Potter. Ich, ich will die Kontrolle nicht verlieren, ich kann die Kontrolle nicht verlieren. Aber bei James tue ich das und das macht mir Angst.“ Seine Freunde waren still geworden. Bartys Kopf ruhte wieder auf Evans Schulter und für einen Moment konnten sie nur das Feuer im Kamin knacken hören. Schließlich ergriff Evan das Wort: „Ich find’ Potter immer noch ziemlich dämlich.“ Barty brummte zustimmend und Regulus ließ trotz seines ernsten Monologs ein kleines Lachen zu. Evan fuhr fort: „Aber du bist mein bester Freund und ich werde dir nicht den Kopf abreißen, weil du einen Idioten magst. Wenn er dich verletzt, kann ich aber nicht garantieren, dass seiner dranbleibt.“ Regulus blickte den Blonden erstaunt an. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er so tolerant reagieren würde. Er hatte gedacht, diese Konversation würde deutlich schwieriger laufen. Barty schaltete sich ein: „Gesprochen wie ein Lö- Lassen wir das. Ich stimme Ev zu.“ Regulus atmete erleichtert aus. Endlich hatte er mit seinen Freunden gesprochen und war so wenigstens schon einen Teil von den Sorgen, die ihn belasteten, los geworden. Er wusste, dass er früher oder später James noch eine Erklärung schuldete, aber jetzt brauchte er erst einmal Zeit für sich und Zeit mit seinen Freunden. Er musste erst den Mut aufbringen, um James Potter wieder unter die Augen zu treten.