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Pudel-Rex

Warum Dinosaurier Nicht In New York Leben — www.fanfiktion.de · All chapters

Pudel-Rex

Kann man einen Dinosaurier züchten, den man zum Hundefriseur bringt?

Keinen Wach-Rex.

Keinen Jagd-Rex.

Keinen Kampf-Rex.

Keinen, der ein Lagerhaus bewacht und Einbrecher dazu bringt, ihre Berufswahl noch

einmal grundsätzlich zu überdenken.

Sondern einen dekorativen.

Damit der Kamm schön liegt.

Die Krallen sauber gefeilt sind.

Die Federn gebürstet.

Der Schwanz gepflegt aussieht.

Eine Schleife um den Hals.

Und im Rassepass steht:

Begleittier.

Während in seinen Augen immer noch steht:

Meine Vorfahren haben Säugetiere gefressen.

Jetzt werde ich geföhnt.

Wenn der Mensch aus einer wilden wolfsähnlichen Linie irgendwann einen Pudel

hervorbringen konnte, warum sollte er nicht eines Tages versuchen, aus einem kleinen

Theropoden einen Salon-Rex zu machen?

Menschen sind überhaupt merkwürdige Wesen.

Zuerst haben sie Angst vor dem Wilden.

Dann zähmen sie das Wilde.

Dann machen sie aus dem Wilden etwas Häusliches.

Und irgendwann schauen sie das Häusliche an und fragen:

— Gibt es den auch in Weiß?Und genau da beginnt der eigentliche Spaß.

Denn ein Haus-Rex allein würde dem Menschen niemals reichen.

Sehr bald müsste es ihn geben in:

Rot.

Weiß.

Schwarz.

Klein.

Noch kleiner.

Mit einem schöneren Kamm.

Mit ungewöhnlichem Schwanz.

Mit seltener Färbung.

Und selbstverständlich in einer Variante, die die Nachbarn nicht haben.

Und dann kommt der Groomer.

Stellen wir uns das vor.

Draußen ein Schild:

JURASSIC GROOMING

Kamm-Styling. Krallenpolitur. Anti-Stress-Behandlung für den Schwanz.

Drinnen riecht es nach Shampoo, feuchten Federn, teurer Kosmetik und einem Hauch Angst

beim Personal.

Am Eingang sitzt ein Buldo-Rex.

Kurze Schnauze.

Große Augen.

Atmet wie ein alter Traktor, der beschlossen hat, niedlich zu werden.

In der Ecke hält eine Frau einen Taschen-Rex in ihrer Handtasche.

Er schaut über den Rand und sieht aus, als nähmen weder der Salon noch die Welt

insgesamt seine Abstammung ernst genug.

Und mitten im Raum steht er.Der Pudel-Rex.

Auf dem Groomingtisch.

Der Kamm voller Schaum.

Die Federn sauber gebürstet.

Die Krallen glänzen.

Eine Schleife um den Hals.

Der Groomer trägt eine Schutzschürze und kürzt vorsichtig die dekorativen Federn am

Schwanz.

Die Besitzerin filmt eine Story.

— Mein Junge wird heute wieder richtig hübsch!

Der Junge schaut in die Kamera.

Und in diesem Blick steckt der gesamte Konflikt der Evolution:

Ich bin nicht dein Junge.

Ich bin ein Kompromiss zwischen der Kreidezeit und deinem Geschmack.

An der Wand hängt ein Poster:

VORHER / NACHHER

Vorher:

ein kleiner zerzauster Dinosaurier mit wildem Kamm.

Nachher:

derselbe Dinosaurier, nur sieht er jetzt aus wie ein Wesen, das zu einer Ausstellung

angemeldet wurde und dort mit den Augen lächeln soll.

Daneben hängt aus irgendeinem Grund ein Poster mit einer Katze.

Die Katze sieht aus, als hätte sie der Verwendung ihres Bildes nie zugestimmt.

Aber seien wir fair.

Ein Pudel ist nicht einfach nur ein Hund mit einer merkwürdigen Frisur.

Hinter seinem heutigen Salonlook steckt eine Vergangenheit als Arbeitshund.

Was heute dekorativ aussieht, kann einmal eine Funktion gehabt haben.

Mit Rex könnte etwas Ähnliches passieren.Ein Kamm könnte bei der Selbstdarstellung eine Rolle spielen.

Färbung könnte Tieren helfen, einander zu unterscheiden.

Federn, Körperhaltung, Schwanz — all das könnte Teil von Signalen sein.

Und dann kommt der Mensch.

Schaut sich das an.

Und sagt:

— Schön.

Pause.

— Aber geht es auch flauschiger?

So beginnt Selektion.

Nicht an einem Nachmittag.

Nicht weil irgendein Züchter eines Tages den perfekten Rex auf eine Serviette gezeichnet

hat.

Es braucht Generationen.

Es braucht Merkmale, die zumindest teilweise vererbbar sind.

Und es braucht diesen sehr menschlichen Satz:

— Den da finde ich schöner.

Dieser Rex bleibt in der Zucht, weil er ruhiger ist.

Der dort, weil seine Augen größer sind.

Der nächste, weil sein Kamm besonders schön fällt.

Einer, weil sich sein Schwanz lustig kringelt.

Einer, weil er nicht versucht, den Föhn zu fressen.

Und einer, weil er seinen Besitzer ansieht, als verstünde er die Bedeutung einer Hypothek.

Generation für Generation.

Und allmählich verändert sich nicht nur ein einzelner Rex.

Die ganze Linie verändert sich.

So entsteht der Pudel-Rex.Kompakt.

Auffällig.

Menschen gegenüber etwas toleranter.

Mit großen ausdrucksstarken Augen.

Dekorativem Kamm.

Weichen Feder-

„Öhrchen“

.

Und dem Gang einer kleinen Berühmtheit.

Immer noch Dinosaurier.

Aber bereits einer, den man vor einem Café fotografieren möchte.

Und sehr schnell stellt sich noch etwas heraus.

Der Pudel-Rex steht nicht nur gern hübsch herum.

Er will beteiligt sein.

Man kann nicht einfach ein Spielzeug in die Ecke werfen und sagen:

— Beschäftige dich.

Er braucht einen Ablauf.

Eine Aufgabe.

Und möglichst jemanden in der Nähe.

Eines seiner Lieblingsspiele heißt:

WO IST DAS FLEISCH?

Der Besitzer zeigt ihm ein kleines Stück Leckerli.

Rex wird sofort ernst.

Keine Schleife.

Kein Café.

Jetzt wird gearbeitet.

Der Besitzer führt ihn aus dem Zimmer.

Versteckt das Fleisch hinter einem Sessel.Ruft:

— Such!

Rex kommt hinein.

Bleibt stehen.

Schnuppert.

Prüft den Teppich.

Den Tisch.

Die Ecke.

Geht zum Sessel.

Findet es.

Frisst es.

Schaut zum Besitzer.

Noch mal.

Das nächste Stück liegt unter einem Handtuch.

Dann in einer Schachtel.

Dann hinter der Tür.

Sehr schnell wird das Spiel schwieriger.

Der Besitzer ruft schon die Familie:

— Leise. Jetzt findet er es.

Rex läuft durch das Zimmer.

Schnuppert.

Bleibt stehen.

Verschwindet hinter dem Sofa.

Eine Minute später kommt er mit dem Fleisch zurück.

Alle freuen sich.

Zwei Minuten später kommt Rex mit einem zweiten Stück zurück.Der Besitzer sagt nichts.

Ein zweites Stück hatte er nicht versteckt.

Rex frisst den Fund.

Schaut seinen Besitzer an.

Spielstand heute:

Rex — 2.

Mensch — 1.

Natürlich dauert es nicht lange, bis es Varianten gibt.

Großer Pudel-Rex

Für Menschen, die sagen:

— Ich mag dekorative Tiere, aber man soll schon merken, dass da noch Tier drin ist.

Mini-Pudel-Rex

Für die Wohnung.

Wobei jeder Züchter unter „Mini“ etwas anderes versteht.

Toy-Pudel-Rex

Wird mit Warnhinweis verkauft:

Kann wachsen.

Weißer Pudel-Rex

Bleibt ungefähr bis zum ersten Spaziergang weiß.

Schwarzer Pudel-Rex

Macht einen Sommertag in der Sonne zur Frage der Klimaplanung.

Ausstellungs-Pudel-Rex

Kann wunderschön stehen.

Kann nicht aufhören, Wattepads zu fressen.

Und dann beginnt eine der seltsamsten menschlichen Geschichten überhaupt:

Niedlichkeit.

Ist Niedlichkeit eine Eigenschaft des Tieres?Oder ein Knopf im Kopf des Besitzers?

Große Augen?

Gedrückt.

Runder Kopf?

Gedrückt.

Kleine Größe?

Gedrückt.

Lustiger Gang?

Gedrückt.

— Ohne mich würde er eingehen.

Zweimal gedrückt.

Und der Mensch sagt:

— Den nehmen wir.

Der Rassepass könnte ungefähr so aussehen:

PUDEL-REX

Aufgabe: Begleittier und Salonkatastrophe.

Größe: Wohnungstauglich, aber nicht für vollständiges Vertrauen.

Charakter: Theatralisch, empfindlich, beteiligt, leicht kreidezeitlich.

Mag: Aufmerksamkeit, warme Schlafplätze, teures Futter, kleine Aufgaben und die Katze

betrachten, als wäre sie ein philosophisches Konzept.

Mag nicht: Billige Schleifen, nassen Kamm und wenn man ihn „Hühnchen“ nennt.

Lieblingsspiel: Finden, auswählen, erledigen und anschließend kontrollieren, ob auch

wirklich alle zugesehen haben.

Pflege: Kamm, Federn, Krallen, Zähne, Selbstwertgefühl des Besitzers.

Gefahrenstufe: Wegen der Schleife unterschätzt.

Lieblingssatz des Besitzers: „Er ist einfach sehr emotional.

“

Dann kommt der Rassestandard.Der richtige Kamm.

Der richtige Schwanz.

Die richtige Kopfform.

Die richtige Färbung.

Rex selbst weiß natürlich überhaupt nicht, dass sein Gesichtsausdruck heute auf einer

Zehn-Punkte-Skala bewertet wird.

Dann kommt die Ausstellung.

Der Richter tritt näher.

Schaut Rex an.

Rex schaut den Richter an.

Der Richter berührt vorsichtig den Kamm.

Rex schaut den Richter jetzt ein wenig aufmerksamer an.

Der Besitzer flüstert:

— Gut so. Halt durch. Es geht um den Pokal.

Rex weiß nicht, was ein Pokal ist.

Er weiß aber, dass danach Fleisch kommt.

Das genügt.

Auf jeder Ausstellung findet sich irgendwann jemand, der sagt:

— Sein Kamm hat nicht genug Volumen.

— Was heißt, nicht genug Volumen?

— Er bringt den inneren Konflikt zwischen räuberischer Vergangenheit und salonfähiger

Gegenwart nicht ausreichend zum Ausdruck.

Und ein anderer Besitzer wird garantiert hinzufügen:

— Unsere Linie ist älter.

Obwohl ein Vertreter dieser uralten Linie gestern versucht hat, ein Wattepad zu fressen.

Dann kommen die Titel.

Nationaler Champion.Bester Kamm bei jungen Rüden.

Sonderpreis:

Für Würde beim Föhnen.

Und natürlich ein Spezialshampoo:

Jurassic Volume Plus

Normales Shampoo würde vermutlich auch funktionieren.

Aber dann wäre es ja nicht interessant.

Zu Hause hat der Pudel-Rex noch ein anderes Lieblingsspiel.

Die Besitzerin nennt es:

— Jetzt zeige ich euch mal, wie schlau er ist.

Normalerweise beginnt dieses Spiel nicht mit Rex.

Es beginnt mit Gästen.

— Wollt ihr mal sehen?

Natürlich wollen sie.

Auf den Boden kommen drei Spielzeuge.

Rot.

Blau.

Gelb.

Die Besitzerin sagt:

— Bring Rot.

Rex schaut auf die Spielzeuge.

Dann auf seine Besitzerin.

Nimmt das blaue.

— Nein. Rot.

Rex legt das blaue hin.

Nimmt das rote.Applaus.

— Habt ihr das gesehen?!

Beim zweiten Mal perfekt.

Beim dritten auch.

Eine Woche später kommen neue Gäste.

Die Besitzerin ruft alle zusammen.

— Passt auf.

Die Spielzeuge kommen auf den Boden.

— Bring Rot.

Rex schaut auf das rote Spielzeug.

Dann auf seine Besitzerin.

Dann auf die Gäste.

Und legt sich hin.

Kratzt sich an der Seite.

— Komm schon.

Rex gähnt.

Gestern hat er es fünfmal hintereinander gemacht.

Heute nicht.

Denn Haustiere besitzen eine uralte Fähigkeit, ihre Besitzer genau in dem Moment zu

demütigen, in dem diese mit ihnen angeben wollen.

Die Gäste warten.

Die Besitzerin wird rot.

Barsik sitzt auf dem Schrank.

Zum ersten Mal gefällt ihm dieses Spiel.

Eine Minute später steht Rex auf.

Geht zu den Spielzeugen.

Nimmt das rote.Bringt es.

Legt es vor seiner Besitzerin ab.

Und schaut in die Runde.

Applaus.

Erst jetzt sieht der Pudel-Rex zufrieden aus.

Zurück im Salon fragt der Groomer:

— Wie schneiden wir heute?

Die Besitzerin sagt:

— Klassisch.

— Kamm?

— Bleibt.

— Schwanz?

— Ein bisschen leichter.

— Federn am Hals?

Die Besitzerin denkt nach.

— Was trägt man gerade?

Und genau hier verliert die Kreidezeit endgültig gegen die Mode.

Doch unter Kamm und Schleife bleibt immer noch ein Körper.

Krallen.

Zähne.

Gelenke.

Atmung.

Und wenn der Mensch sich zu sehr in irgendein Merkmal verliebt, kann irgendwann ein

Tierarzt sagen:

— Schön.

Pause.

— Aber das machen wir bitte nicht noch einmal.Die Besitzerin hebt Rex’ kleines Gesicht.

— Schauen Sie sich diese Nase an.

Der Tierarzt schaut.

— Ich sehe sie.

— Ist sie nicht süß?

— Sehr.

Pause.

— Und jetzt hören wir uns an, wie er atmet.

Rex weiß nicht, was seine Abstammung gekostet hat.

Er weiß nicht, dass seine Färbung selten ist.

Er weiß nicht, dass sein Großvater Champion war.

Er weiß andere Dinge.

Wo der Napf steht.

Wo sein Mensch ist.

Wo die Katze ist.

Wo die Tür ist.

Wo es nach Fleisch riecht.

Wo gestern Fleisch versteckt war.

Welches Spielzeug seine Besitzerin „rot“ nennt.

Und wer ihm nach dem Grooming ein Leckerli versprochen hat.

Der Pudel-Rex steht wieder auf dem Tisch.

Der Groomer zieht die Schutzschürze aus.

Die Besitzerin ist zufrieden.

Der Kamm sitzt perfekt.

Die Krallen glänzen.

Die Schleife hält.Rex schaut in den Spiegel.

Ob er versteht, wie hübsch er aussieht, wissen wir nicht.

Aber eines versteht er ganz genau:

Das Leckerli ist verspätet.

Langsam dreht er den Kopf zum Groomer.

Der Groomer versteht ebenfalls.

— Kommt sofort.

Sehr schnell.

Manchmal riecht Frieden zwischen einer Art und ihrem Groomer nach Trockenfleisch.

Aber der Pudel-Rex ist noch die leichte Version menschlicher Fantasie.

Kamm.

Schleife.

Föhn.

Ausstellung.

„Wo ist das Fleisch?“

Das rote Spielzeug.

Alles lustig.

Die wirklichen Ingenieursprobleme beginnen erst, wenn der Mensch einen Dinosaurier

anschaut und sagt:

— Können wir die Schnauze kürzer machen?

Die Augen größer?

Den Körper kompakter?

So wie bei einer Französischen Bulldogge.

Nur aus der Kreidezeit.

Und genau hier erscheint der nächste Held.

Der Buldo-Rex.