LNCrawler

Kapitel 1 – Der letzte Atemzug

Was Der Tod Nicht Nahm — www.fanfiktion.de · All chapters

Kapitel 1 – Der letzte Atemzug

2. Mai 1998 | Hogwarts, Schottland

HERMINE GRANGER

Der Krieg hatte einen Geruch.

Hermine Granger würde ihn niemals vergessen.

Verbranntes Holz. Zerbrochener Stein. Blut. Schweiß. Rauch. Und darunter etwas, das sie nicht benennen konnte. Etwas Kaltes, Schweres, das sich in ihre Lungen setzte und selbst dann nicht verschwand, wenn sie den Atem anhielt.

Tod.

Es roch nach Tod.

Ihre Finger zitterten, als sie den Zauberstab fester umklammerte.

Vor ihr hastete Harry durch den schmalen Gang, der vom Bootshaus zurück zum Schloss führte. Ron folgte dicht hinter ihm, den Zauberstab erhoben, die Schultern angespannt.

Sie mussten zurück.

Voldemort hatte einen Waffenstillstand ausgerufen. Eine Stunde. Eine einzige Stunde, in der die Überlebenden ihre Toten bergen und die Verwundeten versorgen konnten.

Eine Stunde, bevor das Töten weitergehen würde.

Hermine wusste das.

Sie wusste auch, dass jede Sekunde kostbar war.

Und trotzdem blieb sie stehen.

„Hermine?“

Rons Stimme erreichte sie wie durch Wasser.

Sie drehte sich um.

Hinter ihnen lag das Bootshaus.

Dort lag Severus Snape.

Allein.

Sterbend.

Nein.

Tot, korrigierte sie sich.

Harry hatte es gesagt.

Sie hatten es gesehen.

Das Blut. Die furchtbaren Wunden an seinem Hals. Seine Augen, die schließlich ins Leere geblickt hatten.

Harry hatte die silbrigen Erinnerungen aufgefangen, die aus Snapes Mund und Augen getreten waren.

Und dann waren sie gegangen.

Einfach gegangen.

„Hermine!“

Ron war zu ihr zurückgekehrt.

„Was ist los?“

Sie öffnete den Mund.

Schloss ihn wieder.

Ein Bild ließ sie nicht los.

Severus Snape, auf dem Boden des Bootshauses.

Seine schwarze Kleidung voller Blut.

Die Hand, die sich ein letztes Mal bewegt hatte.

Und seine Augen.

Diese schwarzen, unergründlichen Augen, die Harry angesehen hatten, als hinge die gesamte Welt von einem einzigen Blick ab.

„Wir haben ihn zurückgelassen“, flüsterte sie.

Ron runzelte die Stirn.

„Wen?“

„Professor Snape.“

Harry blieb stehen.

Langsam drehte er sich um.

„Hermine …“

Sie sah ihn an.

„Wir haben ihn einfach dort liegen lassen.“

Harrys Gesicht war aschfahl.

„Er ist tot.“

Die Worte trafen sie härter, als sie erwartet hatte.

„Woher weißt du das?“

Harry blinzelte.

„Was?“

„Woher weißt du, dass er tot ist?“

„Hermine, du warst dabei!“

„Ja, Harry, ich war dabei! Aber hat jemand seinen Puls überprüft? Hat jemand einen Diagnosezauber gesprochen? Hat irgendjemand versucht, die Blutung zu stoppen?“

Stille.

Ron sah zwischen ihnen hin und her.

„Hermine, Nagini hat ihm den Hals aufgerissen. Da war so viel Blut—“

„Das weiß ich!“

Ihre Stimme brach.

Sie schluckte.

„Ich weiß, wie viel Blut dort war.“

Harry trat näher.

„Wir konnten nichts tun.“

„Das wissen wir nicht.“

„Er hat aufgehört, sich zu bewegen.“

„Bewusstlosigkeit kann genauso aussehen!“

„Hermine—“

„Nein!“

Sie wich zurück.

Ihre Augen brannten.

„Wir haben nicht einmal nachgesehen.“

Harry sagte nichts.

Hermine blickte an ihm vorbei zum Schloss.

Zu den zerstörten Türmen.

Zu den brennenden Fenstern.

Zu all den Menschen, die dort um ihr Leben kämpften.

Und dann wieder zurück zum Bootshaus.

Sie wusste, was sie tun musste.

„Ich gehe zurück.“

Ron starrte sie an.

„Du machst Witze.“

„Nein.“

„Hermine, Voldemort ist noch irgendwo da draußen!“

„Er hat eine Stunde Waffenstillstand ausgerufen.“

„Und seit wann vertrauen wir diesem Wahnsinnigen?“

Sie hatte keine Antwort darauf.

Aber sie konnte auch nicht weitergehen.

Nicht mit dem Wissen, dass ein Mensch vielleicht noch am Leben war und sie ihn einfach zurückgelassen hatten.

Harry trat vor sie.

„Hermine, hör zu. Ich muss zum Denkarium. Snape hat mir diese Erinnerungen gegeben, und ich glaube, sie sind wichtig. Wirklich wichtig.“

„Dann geh.“

„Ich lasse dich nicht allein zurückgehen.“

„Du musst nicht.“

Ron schüttelte heftig den Kopf.

„Vergiss es. Wenn du zurückgehst, komme ich mit.“

Hermine sah ihn an.

„Ron—“

„Nein. Keine Diskussion.“

Harry betrachtete sie beide.

Dann schloss er kurz die Augen.

„Fünf Minuten“, sagte er schließlich. „Wir gehen zurück, sehen nach ihm und verschwinden wieder. Verstanden?“

Hermine nickte.

Doch tief in ihrem Inneren wusste sie bereits, dass fünf Minuten möglicherweise nicht reichen würden.

SEVERUS SNAPE

Kälte.

Das war das Erste.

Nicht Schmerz.

Nicht Angst.

Nur Kälte.

Sie kroch durch seine Glieder, langsam und unerbittlich, als würde jemand Eiswasser durch seine Adern leiten.

Severus Snape hatte sich den Tod anders vorgestellt.

Vielleicht als Dunkelheit.

Vielleicht als völliges Nichts.

Er hatte nicht erwartet, dass Sterben so verdammt lange dauern würde.

Etwas Warmes rann über seinen Hals.

Blut.

Natürlich.

Er versuchte zu schlucken.

Ein Fehler.

Ein schrecklicher Fehler.

Der Schmerz schoss durch seinen Hals, scharf und glühend, und für einen Augenblick war er sich sicher, dass sein Körper noch einmal zu einem Schrei ansetzen würde.

Doch es kam kein Laut.

Nur ein schwaches, feuchtes Rasseln.

Also so endet es.

Der Gedanke war überraschend nüchtern.

Kein großer Abschied.

Keine letzte Rede.

Keine Vergebung.

Ein schmutziger Holzboden. Das Geräusch von Wasser gegen alte Pfähle. Der metallische Geschmack seines eigenen Blutes.

Und ein Junge mit grünen Augen, der endlich erfahren hatte, was er wissen musste.

Sie haben die Augen Ihrer Mutter.

Er hatte es gesagt.

Oder zumindest versucht.

Severus wusste es nicht mehr genau.

Seine Gedanken zerfielen.

Bilder tauchten auf.

Lily, neun Jahre alt, lachend im Sonnenlicht.

Albus, der ihm über den Rand seiner Halbmondbrille hinweg einen dieser unerträglich wissenden Blicke zuwarf.

Minerva, die ihn im Lehrerzimmer anschnauzte.

Ein Klassenzimmer voller unfähiger Schüler.

Ein Mädchen mit buschigem Haar, das unaufhörlich die Hand hob.

Miss Granger.

Ein absurder Gedanke.

Warum ausgerechnet sie?

Er versuchte, die Augen zu schließen.

Vielleicht gelang es ihm.

Vielleicht auch nicht.

Sein Körper fühlte sich bereits weit entfernt an.

Dann hörte er Schritte.

Stimmen.

Nein.

Nicht noch einmal.

Er hatte nichts mehr zu geben.

Keine Erinnerungen.

Keine Erklärungen.

Keine Kraft.

„Professor Snape!“

Eine weibliche Stimme.

Aufgeregt.

Atemlos.

Vertraut.

Granger?

Unmöglich.

Sie waren gegangen.

Er hatte sie gehen hören.

Etwas berührte seine Schulter.

„Professor Snape, können Sie mich hören?“

Er wollte antworten.

Wollte ihr sagen, dass sie verschwinden sollte.

Dass sie ihre Zeit verschwendete.

Dass es vorbei war.

Doch seine Lippen gehorchten ihm nicht.

Dann spürte er zwei Finger an seinem Handgelenk.

Eine Pause.

Und plötzlich:

„HARRY!“

Die Stimme überschlug sich.

„HARRY, ER LEBT!“

Severus hätte gelacht, wenn er dazu fähig gewesen wäre.

Bedauerlicher Irrtum, Miss Granger.

Aber dann spürte er etwas.

Eine Hand.

Warm.

Fest.

Sie schloss sich um seine Finger.

„Professor, hören Sie mich? Bleiben Sie bei uns. Bitte.“

Er wollte ihr sagen, dass sie eine unerträgliche Närrin war.

Stattdessen versank er in Dunkelheit.

HERMINE GRANGER

„Er lebt!“

Hermine konnte kaum glauben, dass sie diese Worte aussprach.

Unter ihren Fingerspitzen pochte etwas.

Schwach.

Unregelmäßig.

Aber eindeutig.

Ein Puls.

„Harry, hilf mir!“

Harry kniete sofort neben ihr nieder.

Sein Gesicht veränderte sich, als er die Hand an Snapes Handgelenk legte.

„Oh mein Gott.“

Ron stand hinter ihnen.

„Das ist unmöglich.“

„Nein“, sagte Hermine hastig. „Nein, es ist nicht unmöglich. Er ist schwer verletzt, aber sein Herz schlägt noch.“

Sie zog ihren Zauberstab.

„Vulnera Sanentur!“

Der Zauber ließ die tiefen Wunden an Snapes Hals schwach aufleuchten.

Ein Teil des Blutes versiegte.

Doch kaum einen Herzschlag später begann es erneut zu sickern.

Hermine fluchte.

„Das Gift“, flüsterte sie.

Sie erinnerte sich an ihre Bücher.

An die Beschreibung magischer Schlangengifte.

An die Art, wie manche Gifte die Heilung von Wunden verhinderten.

„Nagini“, sagte sie. „Das Gift verhindert, dass sich das Gewebe schließt.“

Harry sah sie an.

„Kannst du etwas dagegen tun?“

„Ich weiß es nicht.“

Die Antwort kostete sie Überwindung.

Hermine Granger hasste es, etwas nicht zu wissen.

Besonders jetzt.

Besonders hier.

Sie riss ihre kleine Perlentasche auf.

„Komm schon“, murmelte sie. „Komm schon …“

Bücher.

Kleidung.

Ein Fläschchen Diptam-Essenz.

Ein kleines Erste-Hilfe-Set, das sie vor Monaten eingepackt hatte.

Sie zog alles hervor.

Ron kniete neben ihr.

„Was brauchst du?“

„Saubere Verbände. Und mein silbernes Etui.“

„Welches?“

„Das mit den drei Verschlüssen!“

Ron begann hektisch zu suchen.

Harry hielt inzwischen einen vorsichtig beschworenen Druckverband an Snapes Hals.

Seine Hände waren rot.

Hermine versuchte, nicht hinzusehen.

Sie öffnete das silberne Etui.

Darin befanden sich mehrere kleine Phiolen.

Ein einfacher Gegengift-Grundtrank.

Ein Blutauffüllungstrank.

Zwei Portionen einer stabilisierenden Essenz.

Nicht genug.

Nicht annähernd genug.

Und vor allem kein spezifisches Gegengift gegen Naginis Biss.

„Wir müssen ihn nach Hogwarts bringen“, sagte sie.

Harry nickte.

„Madam Pomfrey.“

„Ja.“

Ron blickte zu Snape.

„Aber können wir ihn überhaupt bewegen?“

Hermine sah auf den blutverschmierten Mann.

Seine Haut war beinahe grau.

Seine Lippen hatten einen bläulichen Schimmer.

Die Atmung war so flach, dass sie kaum erkennen konnte, ob sich seine Brust hob.

„Wenn wir ihn hierlassen, stirbt er.“

Sie nahm eine der stabilisierenden Phiolen.

„Ich werde versuchen, seinen Kreislauf zu stützen. Harry, du musst seinen Kopf ruhig halten.“

Sie arbeitete vorsichtig.

Mit einem Zauber brachte sie eine winzige Menge der Essenz unter Umgehung seiner verletzten Kehle in seinen Blutkreislauf.

Severus zuckte.

Ein schreckliches, ersticktes Geräusch entrang sich seiner Brust.

Hermine hielt inne.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie.

Sie wusste nicht, warum sie sich entschuldigte.

Vielleicht, weil sie ihm Schmerzen zufügte.

Vielleicht, weil sie nicht wusste, ob sie ihn retten konnte.

Vielleicht, weil sie in den vergangenen Jahren so oft geglaubt hatte, diesen Mann zu hassen.

„Es tut mir leid, Professor.“

Harry legte eine Hand auf ihre Schulter.

„Hermine.“

Sie sah auf.

„Wir müssen los.“

Sie nickte.

Gemeinsam beschworen sie eine schwebende Trage, stabilisierten Snapes Kopf und Hals und hoben ihn vorsichtig vom Boden.

Sein Arm rutschte über den Rand.

Hermine fing seine Hand auf.

Sie war eiskalt.

Für einen kurzen Moment blieb sie stehen.

Dieser Mann hatte Harry jahrelang das Leben schwer gemacht.

Er hatte sie beleidigt.

Herabgesetzt.

Vor der Klasse bloßgestellt.

Und trotzdem hatte er im entscheidenden Augenblick seine Erinnerungen Harry anvertraut.

Sie verstand noch nicht, warum.

Sie wusste nicht, was sie darin finden würden.

Aber eines wusste sie.

Er durfte nicht auf diesem Boden sterben.

Nicht allein.

Nicht, wenn noch eine Möglichkeit bestand, ihn zu retten.

Sie legte seine Hand behutsam auf seine Brust.

„Wir bringen Sie nach Hause“, flüsterte sie.

Dann verließen sie das Bootshaus.

SEVERUS SNAPE

Schmerz.

Wieder Schmerz.

Er hätte nicht sagen können, wie viel Zeit vergangen war.

Sekunden?

Minuten?

Stunden?

Alles war ein einziges Durcheinander aus Stimmen und Bewegung.

Jemand hatte ihn angehoben.

Ein entsetzlicher Fehler.

Sein Körper protestierte gegen jede Erschütterung.

Er versuchte, sich zu wehren.

Seine Finger bewegten sich kaum.

Lassen Sie mich.

Er wollte es sagen.

Lassen Sie mich einfach liegen.

Doch niemand hörte ihn.

Stattdessen diese Stimme.

Immer wieder.

„Ganz ruhig, Professor.“

Granger.

Natürlich Granger.

Wer sonst wäre stur genug, einen sterbenden Mann mit solcher Entschlossenheit zu belästigen?

„Wir sind gleich da.“

Wo?

Er versuchte, die Augen zu öffnen.

Licht.

Schatten.

Der Geruch von Rauch.

Dann Stein.

Kalte Luft.

Und plötzlich eine andere Stimme.

Scharf.

Entsetzt.

„Bei Merlin!“

Poppy Pomfrey.

Severus hätte am liebsten gestöhnt.

Ausgerechnet.

„Was ist passiert?“

„Nagini“, antwortete Granger. „Sie hat ihn gebissen. Am Hals. Er hat sehr viel Blut verloren, und ich glaube, das Gift verhindert die Wundheilung.“

„Wie lange ist der Angriff her?“

„Vielleicht zwanzig Minuten. Vielleicht länger.“

„Und er lebt noch?“

„Ja.“

Eine Pause.

Dann Poppys Stimme, leiser.

„Das ist ein Wunder.“

Nein, dachte Severus.

Das ist eine Zumutung.

Er spürte, wie man ihn auf ein Bett legte.

Dann verschwand die Welt erneut.

HERMINE GRANGER

Der Krankenflügel war überfüllt.

Verwundete Schüler lagen auf Betten, die hastig zwischen die regulären Reihen geschoben worden waren.

Ein Junge aus Ravenclaw hielt sich den gebrochenen Arm.

Eine Hufflepuff-Schülerin weinte leise.

Überall roch es nach Blut, Heiltränken und verbranntem Stoff.

Madam Pomfrey hatte Severus sofort in einen abgetrennten Behandlungsbereich bringen lassen.

„Miss Granger, ich brauche Platz.“

Hermine wich zurück.

„Aber—“

„Sie haben ihn bis hierher gebracht. Jetzt lassen Sie mich arbeiten.“

Die Worte waren nicht unfreundlich.

Nur bestimmt.

Hermine nickte.

Harry stand neben ihr.

Sein Gesicht war noch immer erschreckend blass.

„Ich muss zum Denkarium“, sagte er leise.

Hermine sah ihn an.

„Dann geh.“

„Kommst du mit?“

Sie blickte zu dem Vorhang, hinter dem Madam Pomfrey arbeitete.

Ein metallisches Klirren ertönte.

Dann ein scharfer Befehl.

„Blutauffüllungstrank! Sofort!“

Hermine schluckte.

„Ich bleibe noch ein bisschen.“

Harry zögerte.

„Hermine …“

Sie sah ihn an.

Er wirkte plötzlich sehr jung.

Müde.

Verängstigt.

Und auf seinen Schultern lag etwas, das sie noch nicht begreifen konnte.

„Harry“, sagte sie sanft, „du musst tun, was du tun musst.“

Er nickte.

Dann umarmte er sie.

Fest.

Vielleicht ein wenig zu fest.

„Danke“, murmelte er.

Hermine verstand nicht.

„Wofür?“

Harry löste sich.

Sein Blick wanderte zum Vorhang.

„Dafür, dass du zurückgegangen bist.“

Dann verschwand er.

Ron blieb noch einen Moment.

„Ich sollte bei Harry sein.“

„Ich weiß.“

Er betrachtete sie.

„Kommst du nach?“

„Ja.“

„Versprochen?“

Hermine nickte.

Ron beugte sich vor und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn.

„Pass auf dich auf.“

Dann ging auch er.

Und Hermine blieb allein zurück.

Zumindest fühlte es sich so an.

Sie setzte sich auf einen Stuhl vor dem Behandlungsbereich.

Ihre Hände waren voller Blut.

Snapes Blut.

Es war unter ihre Fingernägel geraten.

In die Falten ihrer Handflächen.

Auf die Ärmel ihres Pullovers.

Sie starrte darauf.

Erst jetzt begann sie zu zittern.

Nicht ein wenig.

Heftig.

Unkontrollierbar.

Sie presste die Hände zwischen ihre Knie.

Reiß dich zusammen.

Doch der Körper gehorchte ihr nicht.

Sie hatte Angst.

Nicht nur um Snape.

Um Harry.

Um Ron.

Um Ginny.

Um alle, die noch draußen kämpften.

Sie hatte solche Angst, dass sie kaum atmen konnte.

Hinter dem Vorhang hörte sie Madam Pomfrey.

„Sein Puls fällt.“

Eine zweite Stimme antwortete.

„Die Blutung beginnt wieder.“

„Dann stabilisieren Sie den Kreislauf!“

Hermine sprang auf.

Der Vorhang bewegte sich.

Ein Heiler trat heraus.

„Bitte setzen Sie sich.“

„Wie geht es ihm?“

„Miss—“

„Bitte.“

Der Mann zögerte.

„Er ist sehr schwer verletzt.“

Hermine spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Wird er überleben?“

Der Heiler sah sie lange an.

Dann sagte er:

„Das wissen wir noch nicht.“

SEVERUS SNAPE

Es gab einen Moment, in dem Severus glaubte, endlich zu sterben.

Die Schmerzen verschwanden.

Die Kälte verschwand.

Selbst das Gewicht seines Körpers schien sich aufzulösen.

Er schwebte irgendwo zwischen Bewusstsein und Dunkelheit.

Und zum ersten Mal seit vielen Jahren war er müde genug, nicht mehr dagegen anzukämpfen.

Es ist vorbei.

Lily war tot.

Albus war tot.

Der Dunkle Lord würde fallen.

Potter wusste die Wahrheit.

Seine Aufgabe war erfüllt.

Es gab keinen Grund mehr, zu bleiben.

Keinen einzigen.

Dann hörte er eine Stimme.

Nicht Lilys.

Nicht Albus'.

Eine andere.

„Bitte.“

Ein einziges Wort.

Leise.

Verzweifelt.

Er kannte diese Stimme.

„Bitte sterben Sie nicht.“

Granger.

Wieder Granger.

Er wollte die Augen öffnen.

Wollte ihr sagen, dass sie aufhören sollte.

Dass sie nicht verstand.

Dass er nicht gerettet werden wollte.

Doch sein Körper war weit entfernt.

Die Stimme kam erneut.

„Nicht jetzt.“

Eine warme Hand berührte seine.

„Nicht, nachdem wir Sie gefunden haben.“

Er spürte, wie sich ihre Finger um seine schlossen.

Fest.

Beharrlich.

Unerträglich lebendig.

Severus versuchte, die Hand zurückzuziehen.

Es gelang ihm nicht.

Und irgendwo in der Dunkelheit regte sich ein letzter, wütender Gedanke.

Verdammte Gryffindors.

Dann begann sein Herz wieder kräftiger zu schlagen.

HERMINE GRANGER

Es war bereits Abend, als Madam Pomfrey den Vorhang öffnete.

Hermine saß noch immer auf demselben Stuhl.

Sie hatte zwischendurch Nachrichten aus der Großen Halle gehört.

Voldemort war tot.

Harry hatte überlebt.

Der Krieg war vorbei.

Ron hatte sie gesucht, sie umarmt und unter Tränen erzählt, was geschehen war.

Sie hatte geweint.

Vor Erleichterung.

Vor Erschöpfung.

Vor Trauer um Fred, Tonks, Lupin und all die anderen.

Und trotzdem war sie zurückgekehrt.

Zu diesem Stuhl.

Zu diesem Vorhang.

Madam Pomfrey sah müde aus.

Sehr müde.

Ihr sonst so ordentliches Haar hatte sich aus dem Knoten gelöst.

„Miss Granger.“

Hermine sprang auf.

„Wie geht es ihm?“

Poppy atmete langsam aus.

„Er lebt.“

Hermine schloss die Augen.

Ein Laut entwich ihr, halb Schluchzen, halb Lachen.

„Oh, Gott.“

„Aber hören Sie mir gut zu.“

Hermine öffnete die Augen.

Madam Pomfreys Gesicht war ernst.

„Professor Snape ist noch lange nicht außer Gefahr.“

Sie trat einen Schritt näher.

„Das Gift hat erhebliche Schäden verursacht. Wir konnten die Blutung stoppen und seinen Kreislauf stabilisieren, aber seine Atemwege sind schwer verletzt. Die nächsten vierundzwanzig Stunden werden entscheidend sein.“

Hermine nickte hastig.

„Kann ich ihn sehen?“

Poppy zögerte.

„Nur kurz.“

„Bitte.“

Ein Seufzen.

Dann trat sie zur Seite.

Hermine ging hinein.

Und blieb stehen.

Severus Snape lag reglos auf dem schmalen Krankenbett.

Sein schwarzes Haar war zurückgestrichen worden. Ein breiter Verband bedeckte seinen Hals und einen Teil seiner Schulter.

Seine Haut war erschreckend blass.

Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.

Mehrere Phiolen schwebten neben dem Bett, verbunden mit feinen magischen Linien, die in regelmäßigen Abständen aufleuchteten.

Ein schwaches, silbernes Licht pulsierte über seiner Brust.

Ein Überwachungszauber.

Hermine trat näher.

Sie hatte Severus Snape in ihrem Leben unzählige Male gesehen.

Wütend.

Spöttisch.

Bedrohlich.

Mit wehenden Roben und einer Stimme, die selbst die mutigsten Schüler zum Schweigen bringen konnte.

Doch niemals so.

So still.

So verletzlich.

So erschreckend menschlich.

Sie setzte sich vorsichtig auf den Stuhl neben seinem Bett.

Eine Weile sagte sie nichts.

Dann betrachtete sie seine Hand.

Lang.

Schmal.

Blass.

Die Finger eines Mannes, der unzählige Tränke gebraut, Zauber gewirkt und Geheimnisse bewahrt hatte.

Sie erinnerte sich daran, wie diese Hand im Unterricht mit roter Tinte über ihre Aufsätze gefahren war.

Wie oft sie sich über seine ungerechten Bewertungen geärgert hatte.

Wie oft sie ihn am liebsten angeschrien hätte.

Und jetzt lag diese Hand reglos auf einer weißen Decke.

„Sie sind wirklich ein schrecklicher Mensch“, flüsterte sie.

Keine Reaktion.

„Unhöflich. Arrogant. Unfair.“

Sie schluckte.

„Und ich habe keine Ahnung, warum Sie all diese Dinge getan haben.“

Ihr Blick wanderte zu seinem Gesicht.

„Aber Harry wird es herausfinden.“

Sie atmete zitternd ein.

„Und wenn Sie wieder aufwachen, werden Sie mir erklären, warum Sie sich all die Jahre so unmöglich benommen haben.“

Ein schwaches Lächeln huschte über ihre Lippen.

„Das ist übrigens keine Bitte.“

Sie lehnte sich zurück.

Draußen begann es zu regnen.

Leise Tropfen schlugen gegen die hohen Fenster.

Hermine saß einfach da.

Und wartete.

Nach einer Weile wurde ihre Atmung ruhiger.

Ihre Augen fielen zu.

Sie war seit mehr als vierundzwanzig Stunden wach.

Der Krieg.

Die Schlacht.

Die Toten.

Die Angst.

Alles forderte seinen Tribut.

Noch einmal beugte sie sich vor.

Ganz vorsichtig legte sie ihre Hand neben seine auf die Matratze.

Nicht darauf.

Nur daneben.

„Sie dürfen jetzt nicht aufgeben, Professor“, flüsterte sie.

„Nicht, nachdem Sie es so weit geschafft haben.“

Dann sank ihr Kopf gegen die Bettkante.

Und Hermine Granger schlief ein.

SEVERUS SNAPE

Bewusstsein kehrte nicht wie ein Licht zurück.

Es kam in Bruchstücken.

Ein Geräusch.

Ein Geruch.

Das entfernte Klirren von Glas.

Regen.

Ein schmerzhaftes Ziehen in seinem Hals.

Severus versuchte zu atmen.

Ein raues, unregelmäßiges Geräusch entwich seiner Brust.

Sofort spürte er, wie ein Zauber aufleuchtete.

Irgendwo bewegte sich jemand.

Doch Severus nahm etwas anderes wahr.

Wärme.

Neben seiner rechten Hand.

Er versuchte, die Finger zu bewegen.

Ein winziges Zucken.

Dann noch eines.

Seine Augenlider waren schwer.

Unerträglich schwer.

Doch nach mehreren Versuchen gelang es ihm, sie einen Spalt zu öffnen.

Alles war verschwommen.

Ein hoher Raum.

Kerzenlicht.

Weiße Bettwäsche.

Hogwarts.

Krankenflügel.

Natürlich.

Er hatte überlebt.

Ein tiefer, bitterer Ärger regte sich in ihm.

Dann bemerkte er die Gestalt neben seinem Bett.

Braunes Haar.

Ein Kopf, der auf den verschränkten Armen ruhte.

Eine schmale Hand, die nur wenige Zentimeter von seiner entfernt lag.

Granger.

Severus starrte sie an.

Oder versuchte es zumindest.

Was zum Teufel …

Er erinnerte sich an Stimmen.

An Blut.

An das Bootshaus.

An eine Hand, die seine festgehalten hatte.

An eine Stimme, die ihm befohlen hatte, nicht zu sterben.

Sein Blick fiel auf Hermines Gesicht.

Sie schlief tief.

Eine getrocknete Blutspur verlief über ihren Handrücken.

Mein Blut, erkannte er.

Er wollte etwas sagen.

Eine bissige Bemerkung.

Eine Frage.

Irgendetwas, das diese absurde Situation wieder in eine verständliche Ordnung bringen würde.

Doch als er den Mund öffnete, kam kein Laut.

Nur Schmerz.

Sofort schloss er die Augen.

Sein Atem ging schneller.

Ein leises Geräusch ertönte.

Hermine bewegte sich.

„Professor?“

Severus erstarrte.

Sie richtete sich auf.

Ihre Augen waren noch schlaftrunken.

Dann sah sie, dass seine Augen geöffnet waren.

„Professor Snape?“

Ihre Stimme wurde plötzlich hell vor Erleichterung.

„Oh, Merlin. Sie sind wach!“

Er betrachtete sie.

Hermine lächelte.

Ein müdes, erschöpftes, vollkommen ehrliches Lächeln.

„Sie haben uns einen ziemlichen Schrecken eingejagt.“

Severus versuchte erneut zu sprechen.

Nichts.

Hermine bemerkte es sofort.

„Nein, bitte. Versuchen Sie nicht zu reden. Madam Pomfrey hat gesagt, dass Ihre Kehle schwer verletzt ist.“

Sie griff nach dem Wasserglas, hielt jedoch inne.

„Ich sollte Ihnen auch nichts zu trinken geben, bevor sie es erlaubt.“

Severus schloss kurz die Augen.

Zumindest besitzt sie noch einen Rest Verstand.

Hermine stand auf.

„Ich hole Madam Pomfrey.“

Sie wollte gehen.

Doch dann spürte sie etwas.

Eine schwache Bewegung an ihrem Ärmel.

Sie blieb stehen.

Drehte sich um.

Severus hatte die Finger seiner rechten Hand ein kleines Stück gehoben.

Kaum merklich.

Doch eindeutig.

Hermine trat wieder näher.

„Was ist?“

Er sah sie an.

Seine Lippen bewegten sich.

Ein einziges Wort.

So leise, dass sie es beinahe nicht verstand.

„Warum?“

Hermine runzelte die Stirn.

„Warum was?“

Er schluckte mühsam.

Sein Gesicht verzog sich vor Schmerz.

Sie beugte sich näher.

„Bitte, Sie dürfen nicht—“

„Warum …“

Ein heiseres Flüstern.

Kaum mehr als Luft.

„… gerettet?“

Hermine erstarrte.

Für einen Moment wusste sie nicht, was sie sagen sollte.

Dann sah sie ihn an.

Diesen Mann, der offenbar tatsächlich nicht verstand, warum jemand sein Leben hatte retten wollen.

Und etwas zog sich schmerzhaft in ihrer Brust zusammen.

„Weil Sie noch gelebt haben“, sagte sie leise.

Severus schloss die Augen.

Hermine glaubte, er sei wieder eingeschlafen.

Doch dann bewegten sich seine Lippen erneut.

„Hätten … nicht …“

Sie verstand.

Sie hätten es nicht tun sollen.

Hermine richtete sich auf.

Ihre Erleichterung wich einem plötzlichen, heftigen Zorn.

„Doch“, sagte sie bestimmt.

Severus öffnete mühsam die Augen.

„Doch, Professor Snape. Genau das hätte ich tun sollen.“

Sie trat näher an sein Bett.

„Und wissen Sie was? Wenn ich noch einmal vor dieser Entscheidung stünde, würde ich es wieder tun.“

Er betrachtete sie.

Schweigend.

Hermine verschränkte die Arme.

„Sie können mich dafür hassen, wenn Sie möchten.“

Ein schwaches Zucken ging durch seine Finger.

„Aber Sie werden sich damit abfinden müssen, dass Sie noch leben.“

Sie hielt inne.

Dann fügte sie leiser hinzu:

„Und vielleicht finden Sie irgendwann sogar einen Grund, froh darüber zu sein.“

Severus sah sie lange an.

So lange, dass Hermine sich unwillkürlich fragte, ob sie zu weit gegangen war.

Dann schlossen sich seine Augen wieder.

Sein Atem wurde ruhiger.

Hermine blieb noch einen Moment stehen.

Schließlich zog sie die Decke vorsichtig über seine Schulter.

„Schlafen Sie“, flüsterte sie.

Sie ging zur Tür, um Madam Pomfrey zu holen.

Und bemerkte nicht, dass Severus Snape die Augen noch einmal öffnete.

Sein Blick ruhte auf der Stelle, an der sie eben gestanden hatte.

Ein Grund, froh darüber zu sein.

Er hätte darüber gespottet.

Hätte die Naivität dieser Aussage mit einem einzigen Satz zerlegt.

Hätte Miss Granger erklärt, dass die Welt nicht aus hoffnungsvollen Gedanken und heldenhaften Entscheidungen bestand.

Doch er hatte keine Stimme.

Keine Kraft.

Und, was ihn beinahe noch mehr erschreckte, keine Antwort.

Also schloss er die Augen.

Zum ersten Mal seit Jahren wusste Severus Snape nicht, was als Nächstes geschehen würde.

Er hatte den Tod erwartet.

Stattdessen hatte er ein Leben zurückbekommen, das er längst aufgegeben hatte.

Und irgendwo außerhalb seines Krankenzimmers hörte er Hermine Granger nach Madam Pomfrey rufen.

Laut.

Bestimmt.

Voller Leben.

Severus atmete langsam ein.

Es tat weh.

Jeder Atemzug tat weh.

Aber er atmete.

Und vorerst musste das genügen.