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Kapitel 10 – Die erste Vernehmung

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Kapitel 10 – Die erste Vernehmung

30. Juni – 7. Juli 1998 | Hogwarts, Schottland und Melbourne, Australien

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Severus Snape

Severus hatte sich sein Leben lang auf Verhöre vorbereitet.

Er hatte gelernt, seine Gedanken zu verschließen, seine Miene zu kontrollieren und selbst dann ruhig zu bleiben, wenn Lord Voldemort seinen Zauberstab auf ihn richtete.

Er hatte Fragen beantwortet, deren falsche Antwort seinen Tod bedeutet hätte.

Er hatte gelogen, ohne zu blinzeln.

Und die Wahrheit gesagt, wenn eine Lüge zu gefährlich gewesen wäre.

Nichts davon hatte ihn auf diesen Morgen vorbereitet.

Denn diesmal sollte er die Wahrheit sagen.

Die ganze Wahrheit.

Und er konnte kaum sprechen.

„Noch einmal“, sagte Poppy Pomfrey.

Severus saß auf der Bettkante und betrachtete sie mit wachsender Verärgerung.

Sie hielt eine kleine Phiole zwischen zwei Fingern.

„Der Trank schützt Ihre gereizten Stimmbänder. Er wird Ihnen nicht plötzlich eine neue Stimme schenken, aber er sollte verhindern, dass Sie sich bei einzelnen Worten überanstrengen.“

Severus streckte die linke Hand aus.

Poppy gab ihm die Phiole.

Er trank.

Der Geschmack erinnerte an bittere Kräuter und etwas Metallisches.

Widerwärtig.

Also vermutlich wirksam.

„Sie werden nicht länger als neunzig Minuten befragt“, fuhr Poppy fort. „Sie machen Pausen, sobald ich es anordne. Und Sie werden nicht versuchen, eine ganze Aussage laut auszusprechen.“

Severus griff nach seinem Schreibbrett.

Ich bin nicht schwerhörig.

Poppy las die Worte.

„Das ist mir bewusst.“

Er setzte einen Punkt hinter den Satz.

Sie lächelte dünn.

„Und ich bin nicht leicht einzuschüchtern.“

Severus schloss die Augen.

Es war bemerkenswert, wie viele Menschen in den vergangenen Wochen beschlossen hatten, sich seiner Autorität vollständig zu entziehen.

Früher hätte er dieses Verhalten als Aufsässigkeit bezeichnet.

Heute nannte Poppy es medizinische Betreuung.

Ein Klopfen ertönte.

Miriam Ashcombe trat ein.

Sie trug eine schlichte dunkelgraue Robe und hatte eine Mappe unter dem Arm.

„Guten Morgen, Professor.“

Severus betrachtete sie.

Sie erwiderte den Blick.

„Sie sehen aus, als hätten Sie vor, jemanden zu vergiften.“

Er hob eine Augenbraue.

„Ich nehme das als Zeichen, dass Sie sich ausreichend erholt haben.“

Poppy schnaubte.

Ashcombe stellte ihre Tasche ab.

„Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen noch einmal erklären, was heute geschieht.“

Severus griff nach der Feder.

Sie haben es gestern bereits erklärt.

„Und ich werde es heute erneut tun.“

Er starrte sie an.

Ashcombe setzte sich.

„Edgar Voss wird die Fragen stellen. Eine Protokollführerin wird anwesend sein. Ich werde eingreifen, wenn Fragen unzulässig oder missverständlich sind. Sie dürfen jede Antwort schriftlich geben.“

Severus nickte.

„Sie dürfen außerdem eine Frage unbeantwortet lassen, bis Sie rechtlichen Rat erhalten haben.“

Er schüttelte den Kopf.

Ashcombe betrachtete ihn.

„Professor Snape.“

Er griff nach der Feder.

Ich werde antworten.

„Das bezweifle ich nicht. Aber ich möchte, dass Sie verstehen, dass eine unvollständige Erinnerung nicht dadurch vollständiger wird, dass Sie sich zwingen, sofort zu sprechen.“

Severus hielt inne.

Dann nickte er widerwillig.

Ashcombe stand auf.

„Gut.“

Sie öffnete die Tür.

„Dann beginnen wir.“

Severus griff nach seinem Gehstock.

Die rechte Hand ruhte dicht am Körper.

Er stand langsam auf.

Für einen Augenblick wurde ihm schwindlig.

Er wartete, bis das Gefühl nachließ.

Dann setzte er sich in Bewegung.

Sieben Wochen zuvor hatte er in einem Bootshaus gelegen und darauf gewartet, dass sein Herz aufhörte zu schlagen.

Heute ging er auf eine Vernehmung zu.

Er wusste nicht, welche der beiden Situationen ihm mehr Mut abverlangte.

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Hermine Granger

„Wir möchten vorerst hierbleiben.“

Ihr Vater hatte den Satz ruhig ausgesprochen.

Fast beiläufig.

Als würde er erklären, dass er zum Abendessen lieber Kartoffeln als Reis hätte.

Hermine saß ihm gegenüber am Küchentisch.

Ihre Mutter stand am Fenster und blickte in den Garten.

„Hier?“, fragte Hermine.

Ihr Vater nickte.

„In Australien.“

Sie schluckte.

Natürlich.

Sie hatte gewusst, dass diese Möglichkeit bestand.

Dr. Bellamy hatte sie mehrfach darauf hingewiesen, dass die wiederkehrenden Erinnerungen nicht automatisch bedeuten würden, dass ihre Eltern ihr neues Leben aufgeben wollten.

Trotzdem hatte ein kleiner, hartnäckiger Teil von Hermine gehofft, sie würden nach England zurückkehren.

Nach Hause.

Zu ihr.

„Ich verstehe“, sagte sie.

Ihr Vater betrachtete sie.

„Wirklich?“

Hermine zwang sich, seinem Blick standzuhalten.

„Ich versuche es.“

Er nickte langsam.

„Wir haben hier Freunde. Eine Praxis, in der wir arbeiten können. Menschen, die uns kennen.“

Ihre Mutter drehte sich um.

„Und wir erinnern uns inzwischen an England. Aber das bedeutet nicht, dass die Zeit hier weniger wirklich war.“

Hermine senkte den Blick.

„Nein.“

Ihre Mutter setzte sich neben sie.

„Wir wissen, dass du gehofft hast, wir würden mit dir zurückkommen.“

Hermine schloss die Augen.

„Ich wollte nur …“

Sie brach ab.

Ihre Mutter wartete.

„Ich wollte, dass alles wieder so wird wie früher.“

Der Satz war kaum mehr als ein Flüstern.

Ihr Vater lehnte sich zurück.

„Das möchten wir manchmal auch.“

Hermine sah auf.

Er betrachtete seine Hände.

„Aber selbst wenn wir morgen nach England fliegen, sind wir nicht mehr dieselben Menschen.“

Stille.

„Wir haben fast ein Jahr hier gelebt“, sagte er. „Und wir haben erfahren, dass unsere eigene Tochter unsere Erinnerungen verändert hat.“

Hermine zuckte zusammen.

Er sah es.

Doch diesmal nahm er die Worte nicht zurück.

„Das können wir nicht einfach vergessen.“

Sie nickte.

„Das weiß ich.“

Ihre Mutter legte eine Hand auf ihre.

„Wir möchten dich kennenlernen, Hermine.“

Hermine blickte sie an.

„Nicht nur die Erinnerungen zurückholen. Nicht nur Fotos ansehen. Wir möchten wissen, wer du heute bist.“

Eine Träne lief Hermine über die Wange.

„Ich weiß manchmal selbst nicht, wer das ist.“

Ihre Mutter drückte vorsichtig ihre Hand.

„Dann finden wir es vielleicht gemeinsam heraus.“

Hermine begann zu weinen.

Ihr Vater stand auf, ging zum Fenster und ließ ihnen einen Moment.

Als sie sich wieder beruhigt hatte, fragte ihre Mutter:

„Wann musst du zurück nach England?“

Hermine wischte sich über die Augen.

„Ich weiß es noch nicht.“

„Du hast dort Freunde.“

„Ja.“

„Und eine Schule, die du noch abschließen möchtest.“

Hermine nickte.

„Ja.“

Ihre Mutter lächelte schwach.

„Dann solltest du dein Leben nicht aufgeben, um unseres wiederherzustellen.“

Hermine starrte sie an.

Der Satz klang so sehr nach ihrer Mutter, dass es beinahe wehtat.

„Aber ich möchte doch bei euch sein.“

„Und wir möchten, dass du uns besuchen kommst.“

Hermine lachte unter Tränen.

„Australien ist nicht gerade um die Ecke.“

Ihr Vater drehte sich um.

„Du bist eine Hexe. Dir wird schon etwas einfallen.“

Zum ersten Mal an diesem Morgen mussten alle drei lachen.

Und für einen kurzen Augenblick fühlte sich das Haus nicht mehr wie ein fremder Ort an.

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Severus Snape

Edgar Voss saß bereits am Tisch.

Neben ihm eine junge Hexe mit dunkelblauer Robe und einem Protokollblock.

Miriam Ashcombe nahm rechts von Severus Platz.

Poppy blieb in der Nähe der Tür.

Das Zimmer war klein.

Ein Fenster.

Vier Stühle.

Ein Krug Wasser.

Keine Ketten.

Keine Wächter.

Und dennoch fühlte Severus sich, als hätte jemand eine unsichtbare Tür hinter ihm verschlossen.

Voss erhob sich.

„Professor Snape.“

Severus nickte.

„Bevor wir beginnen, möchte ich festhalten, dass dies eine formelle Befragung im Rahmen eines laufenden Ermittlungsverfahrens ist. Sie sind derzeit nicht angeklagt. Ihre Aussagen können jedoch später als Beweismittel verwendet werden.“

Severus sah ihn an.

Voss fuhr fort.

„Sie haben das Recht auf anwaltliche Beratung und auf medizinisch notwendige Unterbrechungen. Sie müssen sich nicht selbst belasten.“

Ashcombe nickte knapp.

Severus nahm seine Feder.

Verstanden.

Die Protokollführerin notierte die Antwort.

Voss setzte sich.

„Beginnen wir mit Ihrer Tätigkeit als Schulleiter von Hogwarts.“

Severus spürte, wie sich seine Schultern anspannten.

„Sie übernahmen dieses Amt im September 1997.“

Er nickte.

„Auf wessen Veranlassung?“

Severus schrieb:

Auf Anordnung des damaligen Ministeriums, unter Einfluss von Lord Voldemort.

„Haben Sie diese Ernennung freiwillig angenommen?“

Severus hielt inne.

Eine einfache Frage.

Mit einer komplizierten Antwort.

Er schrieb:

Ich hatte zuvor mit Albus Dumbledore vereinbart, nach seinem Tod meine Position innerhalb von Voldemorts Organisation aufrechtzuerhalten.

Voss las die Antwort.

„Dumbledore hatte Sie also angewiesen, Schulleiter zu werden?“

Severus schüttelte den Kopf.

Er schrieb:

Nein. Wir hatten die Möglichkeit besprochen. Die konkrete Ernennung erfolgte später.

Ashcombe nickte kaum merklich.

Eine präzise Antwort.

Keine bequeme Vereinfachung.

Voss machte eine Notiz.

„Wussten Sie, dass Amycus und Alecto Carrow Schüler misshandelten?“

Severus schrieb:

Ja.

„Seit wann?“

Er hielt inne.

Er erinnerte sich an die ersten Berichte.

An die Schreie hinter geschlossenen Türen.

An die Nacht, in der Poppy ihm wortlos einen Verband gezeigt hatte, der voller Blut gewesen war.

Seit den ersten Wochen des Schuljahres.

Voss sah ihn an.

„Warum haben Sie sie nicht entlassen?“

Severus' Finger verkrampften sich um die Feder.

Er schrieb langsam:

Weil ich dazu faktisch nicht befugt war. Die Carrows unterstanden Voldemort und seinen Anhängern im Ministerium.

„Sie waren Schulleiter.“

Dem Namen nach.

Voss hob den Blick.

„Was bedeutet das?“

Severus schrieb:

Meine Entscheidungen wurden überwacht. Eine offene Entfernung der Carrows hätte meine Tarnung beendet und wahrscheinlich meine sofortige Hinrichtung zur Folge gehabt.

Voss betrachtete ihn lange.

„Sie behaupten also, Sie hätten keine Möglichkeit gehabt, die Schüler zu schützen?“

Severus schüttelte heftig den Kopf.

Ashcombe hob eine Hand.

„Die Frage legt meinem Mandanten eine Aussage nahe, die er nicht gemacht hat.“

Voss nickte.

„Ich formuliere neu. Welche Möglichkeiten hatten Sie, Schüler zu schützen?“

Severus atmete langsam ein.

Dann begann er zu schreiben.

Er schrieb über abgeänderte Strafmaßnahmen.

Über Schüler, die er zu Hagrid geschickt hatte.

Über Berichte, die er entfernt hatte.

Über Warnungen, die er weitergeben ließ.

Über Verletzte, die Poppy behandelte.

Er schrieb, bis seine linke Hand schmerzte.

Voss wartete.

Die Protokollführerin notierte.

Ashcombe beobachtete seine Haltung.

Schließlich legte Severus die Feder ab.

Poppy trat näher.

„Pause.“

Severus schüttelte den Kopf.

„Severus.“

Er sah sie an.

Sie zeigte auf seine Hand.

Die Finger zitterten.

Er presste die Lippen zusammen.

Voss legte seine Feder beiseite.

„Wir unterbrechen für zehn Minuten.“

Severus lehnte sich zurück.

Sein Herz schlug zu schnell.

Er hatte kaum gesprochen.

Und dennoch fühlte er sich, als hätte er stundenlang geschrien.

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Hermine Granger

Am selben Nachmittag erhielt Hermine einen Brief von Ron.

Er war länger als gewöhnlich.

Und ungewöhnlich ernst.

Hermine,

ich freue mich, dass es deinen Eltern besser geht. Wirklich. Ich weiß, wie viel dir das bedeutet.

Hier ist alles irgendwie seltsam. Mum versucht, uns alle ständig zum Essen zu bringen, Dad repariert Dinge, die gar nicht kaputt sind, und George ist manchmal stundenlang still.

Hermine hielt inne.

George.

Sie dachte an Fred.

An sein Lachen.

An die Art, wie er selbst in den schlimmsten Momenten einen Scherz gemacht hatte.

Sie las weiter.

Ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Harry spricht ständig mit Leuten vom Ministerium. Ginny will zurück nach Hogwarts. Und ich sitze hier und frage mich, ob ich jemals wieder normal werde.

Hermine schluckte.

Ich vermisse dich. Aber ich will nicht, dass du zurückkommst, nur weil ich dich vermisse.

Sie schloss kurz die Augen.

Ich glaube, wir haben beide ziemlich viel durchgemacht. Vielleicht müssen wir erst herausfinden, wie unser Leben jetzt aussehen soll.

Hermine las den Satz zweimal.

Dann legte sie den Brief auf den Tisch.

Sie hatte Ron seit Jahren gekannt.

Sie hatte ihn geliebt.

Vielleicht auf eine Weise, die sie selbst noch nicht vollständig verstand.

Aber sie hatte auch geglaubt, nach dem Krieg würde alles einfacher werden.

Dass sie endlich Zeit füreinander hätten.

Dass ihre Gefühle sich ohne Angst und Flucht entwickeln könnten.

Nun stellte sie fest, dass Frieden nicht automatisch Klarheit brachte.

Sie nahm ein neues Pergament.

Lieber Ron,

ich vermisse dich auch.

Sie hielt inne.

Dann schrieb sie weiter.

Und ich glaube, du hast recht. Wir müssen nicht sofort wissen, wie alles weitergeht. Wir haben so lange nur versucht, den nächsten Tag zu überleben, dass wir vielleicht vergessen haben, wie man eine Zukunft plant.

Sie lächelte schwach.

Bitte pass auf George auf. Und auf dich selbst.

Dann fügte sie hinzu:

Ich freue mich darauf, dich wiederzusehen. Ohne Krieg, ohne Flucht und hoffentlich ohne ein Zelt, das nach feuchter Wäsche riecht.

Sie unterschrieb.

Als sie den Brief versiegelte, fühlte sie sich leichter.

Nicht, weil alle Fragen beantwortet waren.

Sondern weil sie zum ersten Mal nicht versuchte, sie sofort zu beantworten.

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Severus Snape

Die zweite Hälfte der Vernehmung begann mit Albus Dumbledore.

Severus hatte gewusst, dass der Name fallen würde.

Er hatte ihn auf den Unterlagen gesehen. Er hatte Ashcombes Fragen beantwortet und Harry Potters Aussage gelesen. Er hatte sich vorgestellt, wie er reagieren würde.

Nichts davon half.

„Professor Snape“, sagte Voss, „Sie haben am 30. Juni 1997 auf dem Astronomieturm von Hogwarts den Todesfluch gegen Albus Dumbledore ausgesprochen.“

Severus nickte.

„Bestätigen Sie, dass dieser Fluch seinen Tod verursacht hat?“

Er nahm die Feder.

Ja.

Die Protokollführerin schrieb mit.

„Sie haben zuvor erklärt, Dumbledore habe Sie selbst darum gebeten.“

Ja.

„Wann?“

Severus' Hand verharrte über dem Pergament.

Er sah den alten Mann vor sich.

Nicht auf dem Astronomieturm.

Sondern in seinem Büro, den verletzten Arm auf der Tischplatte, die schwarzen Spuren des Fluches unter der Haut.

Er erinnerte sich an den Geruch verbrannten Fleisches.

An die Gewissheit, dass seine Gegenmaßnahmen nur Zeit kaufen konnten.

An Albus' Stimme, die erschreckend ruhig geblieben war.

Severus begann zu schreiben.

Im Sommer 1996, nachdem Dumbledore durch einen Fluch tödlich verletzt worden war. Er bat mich, seinen Tod herbeizuführen, falls Draco Malfoy gezwungen würde, ihn zu töten.

Voss las die Antwort.

„Warum sollte Dumbledore das wollen?“

Severus schloss kurz die Augen.

Um Malfoy davor zu bewahren, einen Mord zu begehen. Um meine Stellung bei Voldemort zu sichern. Und weil sein eigener Tod bereits absehbar war.

„War Dumbledore zu diesem Zeitpunkt bei klarem Verstand?“

Ja.

„Hat er die Bitte später wiederholt?“

Ja.

„Gibt es Zeugen?“

Severus sah auf.

Er dachte an die Erinnerungen, die er Potter überlassen hatte.

Harry Potter besitzt meine Erinnerungen an entsprechende Gespräche.

Voss nickte.

„Wir haben mit Mr Potter gesprochen.“

Severus legte die Feder ab.

„Die Erinnerungen stützen Ihre Darstellung in wesentlichen Punkten“, sagte Voss. „Ihre Echtheit wird noch geprüft.“

Ashcombe beugte sich vor.

„Ich möchte festhalten, dass mein Mandant diese Erinnerungen nicht erst im Hinblick auf das Verfahren angefertigt hat. Er hat sie Mr Potter unmittelbar vor seinem mutmaßlichen Tod übergeben.“

„Das wird berücksichtigt“, erwiderte Voss.

Severus starrte auf die Tischkante.

Er hatte Albus getötet.

Keine noch so sorgfältige Erklärung würde daran etwas ändern.

Er erinnerte sich an das grüne Licht.

An den Körper, der über die Brüstung gefallen war.

An die Gesichter der Menschen, die ihn danach für einen Mörder gehalten hatten.

Und an das Entsetzen, das er selbst empfunden hatte.

„Professor Snape?“

Er hob den Kopf.

Voss betrachtete ihn aufmerksam.

„Bereuen Sie Ihre Entscheidung?“

Ashcombe richtete sich sofort auf.

„Ich bitte um Präzisierung. Geht es um die rechtlichen Umstände oder um die persönliche Bewertung meines Mandanten?“

„Um seine persönliche Bewertung.“

Severus spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog.

Eine absurde Frage.

Natürlich bereute er es.

Er bereute das grüne Licht.

Er bereute Albus' Tod.

Er bereute, dass ein alter Mann überhaupt hatte darum bitten müssen.

Und gleichzeitig wusste er, dass er unter denselben Umständen möglicherweise wieder dieselbe Entscheidung treffen würde.

Wie sollte man so etwas erklären?

Er griff nach der Feder.

Schrieb ein Wort.

Strich es durch.

Begann erneut.

Schließlich stand auf dem Pergament:

Ich bereue, dass es notwendig wurde. Ich bereue nicht, Draco Malfoy diese Tat erspart zu haben.

Voss las die Antwort.

Ashcombe schwieg.

Severus blickte auf seine Hände.

Die linke war voller Tintenflecken.

Die rechte zitterte auf seinem Knie.

Er hätte früher nie geglaubt, dass es schwerer sein könnte, die Wahrheit aufzuschreiben, als unter dem Blick Voldemorts zu lügen.

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Hermine Granger

Am 3. Juli brachte Hermines Mutter ihr eine kleine Schachtel.

Sie war aus dunklem Holz gefertigt und hatte einen Messingverschluss.

Hermine erkannte sie sofort.

„Woher hast du die?“

Ihre Mutter setzte sich an den Küchentisch.

„Sie stand ganz hinten in einem Schrank. Ich glaube, wir haben sie damals mit nach Australien genommen.“

Hermine öffnete die Schachtel.

Darin lagen Briefe.

Alte Geburtstagskarten.

Ein ausgeblichenes Haarband.

Und ein winziger, aus Papier gefalteter Stern.

Hermine nahm ihn vorsichtig heraus.

„Den habe ich gemacht, als ich sieben war.“

Ihre Mutter lächelte.

„Das dachte ich mir.“

„Ich habe versucht, ihn zu verzaubern.“

Ihr Vater hob den Kopf.

„Mit sieben?“

„Ich wusste damals noch nicht, dass ich eine Hexe bin. Aber ich wollte unbedingt, dass er fliegt.“

Sie lachte leise.

„Er hat nur ein bisschen gezittert.“

Ihre Mutter betrachtete den Stern.

„Ich erinnere mich.“

Hermine erstarrte.

„Wirklich?“

„Nicht an alles. Aber daran, dass plötzlich sämtliche Papiersterne in deinem Zimmer an der Decke klebten.“

Hermine begann zu lachen.

„Dad musste sie mit einem Besen herunterholen.“

Ihr Vater runzelte die Stirn.

Dann hob er langsam die Augenbrauen.

„Und ich habe behauptet, es müsse statische Elektrizität gewesen sein.“

Hermine starrte ihn an.

Er sah sie an.

Dann begann er zu lachen.

Ein echtes Lachen.

Nicht das vorsichtige, höfliche Lächeln der vergangenen Wochen.

Sondern jenes tiefe, warme Lachen, das Hermine aus ihrer Kindheit kannte.

Sie lachte mit.

Ihre Mutter ebenfalls.

Für einen Moment war alles leicht.

Dann wurde ihr Vater still.

Er betrachtete den Papierstern.

„Es ist merkwürdig“, sagte er. „Ich erinnere mich jetzt daran, aber gleichzeitig erinnere ich mich an einen völlig anderen Nachmittag hier in Australien.“

Dr. Bellamy hatte sie darauf vorbereitet.

Die ursprünglichen Erinnerungen kehrten zurück, ohne dass die späteren Erfahrungen verschwanden.

Zwei Lebensgeschichten mussten ihren Platz finden.

„Das wird sich vielleicht noch eine Weile seltsam anfühlen“, sagte Hermine.

Ihr Vater nickte.

„Vielleicht.“

Er legte den Stern zurück in die Schachtel.

„Aber ich möchte die Erinnerungen behalten. Beide.“

Hermine sah ihn an.

„Das kannst du.“

Ihre Mutter griff nach ihrer Hand.

„Dann werden wir wohl lernen müssen, mit einer etwas komplizierteren Vergangenheit zu leben.“

Hermine lächelte.

„Darin habe ich inzwischen Übung.“

Ihr Vater betrachtete sie.

„Das glaube ich dir.“

Und diesmal klang es nicht wie ein Vorwurf.

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Severus Snape

Die letzte Frage der Vernehmung war diejenige, vor der Severus sich am meisten gefürchtet hatte.

Voss blätterte in seinen Unterlagen.

„Professor Snape, ich möchte abschließend auf Ihre frühere Mitgliedschaft bei den Todessern zurückkommen.“

Severus' Magen zog sich zusammen.

„Sie haben bestätigt, dass Sie Lord Voldemort einen Teil einer Prophezeiung übermittelt haben, die sich später auf Harry Potter und seine Familie bezog.“

Er nickte.

„Wussten Sie zum Zeitpunkt der Weitergabe, dass diese Information Menschen in Gefahr bringen konnte?“

Severus griff nach der Feder.

Ja.

Ashcombe sah ihn an.

Sie sagte nichts.

„Wussten Sie, dass Voldemort möglicherweise versuchen würde, das in der Prophezeiung genannte Kind zu töten?“

Severus schloss die Augen.

Er erinnerte sich an den Eberkopf.

An die Worte, die er belauscht hatte.

An seine eigene Begeisterung darüber, etwas Wertvolles erfahren zu haben.

Damals hatte er nicht gewusst, dass die Prophezeiung Lily betreffen würde.

Aber er hatte gewusst, wem er sie überbrachte.

Er hatte gewusst, wozu Voldemort fähig war.

Er schrieb:

Ich hielt es für möglich.

Voss betrachtete ihn lange.

„Warum haben Sie die Information trotzdem weitergegeben?“

Severus' Finger wurden kalt.

Weil er jung gewesen war.

Weil er Macht gewollt hatte.

Weil er geglaubt hatte, auf der richtigen Seite zu stehen.

Weil er sich eingeredet hatte, dass Loyalität zu Voldemort ihm einen Platz in einer Welt verschaffen würde, in der er sich immer unerwünscht gefühlt hatte.

Nichts davon war eine Entschuldigung.

Er schrieb langsam:

Weil ich damals Voldemorts Anhänger war und seine Ziele unterstützte.

Die Feder kratzte über das Pergament.

Ich wusste, dass er Menschen tötete. Ich habe die Gefahr in Kauf genommen.

Ashcombe senkte den Blick.

Voss schwieg.

Severus spürte einen scharfen Schmerz im Hals.

Nicht von der Wunde.

Von der Erinnerung.

Lily.

Er sah sie als Kind.

Dann als junge Frau.

Dann als Mutter eines Sohnes, dessen Leben er durch seine eigenen Entscheidungen in Gefahr gebracht hatte.

Er hatte sie nicht töten wollen.

Aber er hatte den Mann unterstützt, der sie getötet hatte.

„Wann haben Sie Ihre Loyalität zu Voldemort aufgegeben?“, fragte Voss.

Severus schrieb:

Als ich erfuhr, dass er Lily Potter töten wollte.

„Nur ihretwegen?“

Severus starrte auf das Pergament.

Die Frage war grausam.

Weil die Antwort so einfach war.

Ja.

Voss ließ die Feder sinken.

„Und danach?“

Severus atmete mühsam ein.

Danach arbeitete ich für Dumbledore. Zunächst ihretwegen. Später auch, weil ich verstand, was Voldemort war und was ich unterstützt hatte.

Er hielt inne.

Dann fügte er hinzu:

Diese spätere Arbeit macht meine frühere Entscheidung nicht ungeschehen.

Ashcombe las den Satz.

Sie nickte kaum merklich.

Voss blickte auf die Uhr.

„Ich habe keine weiteren Fragen für heute.“

Severus saß reglos da.

„Professor Snape, möchten Sie Ihrer Aussage etwas hinzufügen?“

Er betrachtete das leere Pergament vor sich.

Es gab tausend Dinge, die er hätte sagen können.

Über Schuld.

Über Angst.

Über Dumbledore.

Über die Menschen, die er gerettet hatte.

Über jene, die er nicht hatte retten können.

Stattdessen schrieb er:

Nein.

Voss nickte.

„Dann beenden wir die Befragung um 11.42 Uhr.“

Die Protokollführerin schloss ihre Unterlagen.

Ashcombe legte eine Hand auf die Mappe.

„Ich werde das Protokoll prüfen, bevor Sie es zur Unterschrift erhalten.“

Severus nickte.

Dann versuchte er aufzustehen.

Seine Beine versagten beinahe.

Poppy war sofort bei ihm.

„Setzen Sie sich.“

Er wollte widersprechen.

Doch als er den Mund öffnete, kam nur ein rauer, schmerzhafter Atemzug.

Die Welt verschwamm.

Poppy stützte ihn.

„Das reicht.“

Severus schloss die Augen.

Er hatte die Wahrheit gesagt.

Und sein Körper schien beschlossen zu haben, ihn dafür zu bestrafen.

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Minerva McGonagall

Minerva wartete vor dem Besprechungszimmer.

Als Poppy die Tür öffnete, sah sie sofort, dass etwas nicht stimmte.

Severus saß zusammengesunken auf einem Stuhl. Sein Gesicht war erschreckend blass.

„Was ist passiert?“

„Erschöpfung“, sagte Poppy knapp. „Und ein Mann, der offenbar glaubt, medizinische Grenzen seien persönliche Beleidigungen.“

Minerva trat näher.

Severus hob mühsam den Blick.

Sie betrachtete ihn.

Dann sagte sie ruhig:

„Du siehst schrecklich aus.“

Seine Augen verengten sich.

„Gut. Dann bist du wenigstens noch bei Bewusstsein.“

Poppy schnaubte.

Gemeinsam brachten sie ihn zurück in den Krankenflügel.

Severus weigerte sich, sich tragen zu lassen.

Minerva ließ ihn genau drei Schritte machen, bevor sie einen Stabilisierungszauber sprach.

Er schenkte ihr einen Blick, der früher ganze Klassen zum Schweigen gebracht hätte.

Sie ignorierte ihn.

Als er schließlich wieder im Bett lag, setzte sie sich neben ihn.

„Miriam hat mir gesagt, dass du ausgesagt hast.“

Severus blickte zum Fenster.

„Sie sagte außerdem, du hättest sehr präzise geantwortet.“

Er reagierte nicht.

Minerva schwieg eine Weile.

Dann sagte sie:

„Albus hätte gewollt, dass du die Wahrheit sagst.“

Severus' Gesicht verhärtete sich.

Sie bemerkte es.

„Ich weiß“, sagte sie leise. „Du möchtest nicht hören, was Albus gewollt hätte.“

Er schloss die Augen.

„Aber ich möchte, dass du etwas verstehst.“

Severus öffnete sie wieder.

Minerva sah ihn ernst an.

„Du musst dich nicht selbst vernichten, um zu beweisen, dass du Verantwortung übernimmst.“

Er starrte sie an.

Sie hielt seinem Blick stand.

„Du hast Fehler gemacht. Schwere Fehler. Und du wirst dich ihnen stellen müssen.“

Severus senkte den Blick.

„Aber wenn du glaubst, dass du nur dann ehrlich bist, wenn du jede Möglichkeit einer Zukunft von dir weist, dann irrst du dich.“

Lange sagte niemand etwas.

Schließlich griff Severus nach der Feder.

Seine linke Hand zitterte.

Er schrieb nur zwei Worte.

Ich weiß.

Minerva betrachtete sie.

Dann legte sie ihre Hand vorsichtig auf seinen Unterarm.

„Dann versuch, es auch zu glauben.“

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Hermine Granger

Am 6. Juli stand Hermine am Strand von St Kilda.

Der Wind war kalt, und die Wellen schlugen in unregelmäßigen Abständen gegen das Ufer. Sie hatte die Hände tief in den Taschen ihres Mantels vergraben.

Neben ihr ging ihr Vater.

Es war seine Idee gewesen.

Ein Spaziergang.

Nur die beiden.

Ohne Dr. Bellamy.

Ohne ihre Mutter.

Ohne Erinnerungszauber.

Hermine war so nervös gewesen, dass sie beinahe abgelehnt hätte.

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinanderher.

Dann sagte ihr Vater:

„Ich habe gestern von dir geträumt.“

Hermine blieb beinahe stehen.

„Wirklich?“

Er nickte.

„Du warst ungefähr acht. Wir waren im Garten, und du wolltest mir erklären, warum Schnecken nach dem Regen herauskommen.“

Hermine lächelte.

„Ich hatte damals ein Buch über Wirbellose.“

„Natürlich hattest du das.“

Er lächelte ebenfalls.

Dann wurde er ernst.

„Ich weiß nicht, ob es eine Erinnerung war oder ob mein Kopf aus den Dingen, die du mir erzählt hast, einen Traum gemacht hat.“

„Das kann passieren“, sagte Hermine. „Dr. Bellamy hat erklärt, dass—“

„Hermine.“

Sie verstummte.

Ihr Vater betrachtete sie.

„Du musst mir nicht alles erklären.“

Sie senkte den Blick.

„Entschuldigung.“

„Das musst du auch nicht ständig sagen.“

Er blieb stehen.

Vor ihnen erstreckte sich das graue Meer.

„Ich bin noch immer wütend auf dich.“

Hermine nickte.

„Ich weiß.“

„Und ich glaube, das werde ich noch eine Weile sein.“

Sie schluckte.

„Ja.“

Er sah sie an.

„Aber ich möchte nicht, dass unsere Gespräche nur noch daraus bestehen, dass du dich entschuldigst und ich versuche, mich an dich zu erinnern.“

Hermine hob den Kopf.

„Was möchtest du dann?“

Er dachte einen Moment nach.

„Ich möchte wissen, was du mit deinem Leben anfangen willst.“

Sie blinzelte.

„Mit meinem Leben?“

„Ja.“

Hermine sah auf das Wasser.

Eine erstaunlich schwierige Frage.

Sie hatte Voldemort besiegen wollen.

Ihre Freunde beschützen.

Ihre Eltern retten.

Ihre Ausbildung abschließen.

Aber was wollte sie danach?

„Ich möchte nach Hogwarts zurück“, sagte sie langsam. „Meinen Abschluss machen.“

Ihr Vater nickte.

„Gut.“

„Und danach vielleicht ins Ministerium. Ich möchte Dinge verändern.“

„Welche Dinge?“

Hermine musste lächeln.

„Wie viel Zeit hast du?“

Er lachte.

„Ein paar Stunden.“

Sie erzählte ihm von Hauselfen.

Von ungerechten Gesetzen.

Von der Art, wie das Ministerium Menschen nach ihrer Herkunft beurteilte.

Von den Fehlern, die dazu beigetragen hatten, dass Voldemort überhaupt so mächtig werden konnte.

Ihr Vater hörte zu.

Stellte Fragen.

Widersprach ihr gelegentlich.

Und als sie nach beinahe einer Stunde zum Parkplatz zurückgingen, sagte er:

„Du klingst, als hättest du dir viel vorgenommen.“

Hermine lächelte.

„Das habe ich.“

Er blieb neben dem Auto stehen.

Dann legte er ihr eine Hand auf die Schulter.

„Ich bin stolz auf dich.“

Hermine erstarrte.

Ihr Vater bemerkte es.

Er sah beinahe erschrocken aus.

„Ich …“

„Nein“, flüsterte Hermine.

Sie schüttelte den Kopf.

Tränen liefen ihr über die Wangen.

„Bitte nimm das nicht zurück.“

Er betrachtete sie lange.

Dann zog er sie vorsichtig in die Arme.

Hermine klammerte sich an ihn.

Nicht wie eine Heldin.

Nicht wie die junge Hexe, die geholfen hatte, Voldemort zu besiegen.

Sondern wie eine Tochter, die ihren Vater beinahe verloren hatte.

Er hielt sie fest.

Und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Australien fühlte sich die Umarmung nicht fremd an.

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Severus Snape

Die Nacht nach der Vernehmung war still.

Severus lag wach.

Sein Hals schmerzte.

Seine rechte Hand pochte.

Und jedes Mal, wenn er die Augen schloss, hörte er Edgar Voss' Stimme.

Warum haben Sie die Information trotzdem weitergegeben?

Er hatte geantwortet.

Zum ersten Mal hatte er die Worte aufgeschrieben, ohne sie hinter einer Erklärung zu verstecken.

Weil ich damals Voldemorts Anhänger war und seine Ziele unterstützte.

Severus betrachtete die Decke.

Es war die Wahrheit.

Eine Wahrheit, die er jahrzehntelang gekannt hatte.

Und doch hatte sie sich anders angefühlt, als er sie vor Zeugen niedergeschrieben hatte.

Er hatte nicht versucht, seine Jugend als Entschuldigung zu benutzen.

Nicht seine Einsamkeit.

Nicht seine Herkunft.

Nicht die Menschen, die ihn verletzt hatten.

All das hatte zu dem Mann beigetragen, der er geworden war.

Aber die Entscheidung war seine gewesen.

Er hatte sie getroffen.

Und andere hatten den Preis bezahlt.

Severus drehte den Kopf zum Fenster.

Der Mond stand über dem See.

Er dachte an Lily.

Nicht an ihren Tod.

Nicht an das Haus in Godric's Hollow.

Sondern an einen Nachmittag, als sie beide noch Kinder gewesen waren.

Sie hatte im Gras gesessen und ihm erklärt, dass er nicht jedes Mal wütend werden müsse, wenn jemand etwas nicht verstand.

Er hatte ihr widersprochen.

Natürlich hatte er das.

Sie hatte gelacht.

Die Erinnerung war so klar, dass es schmerzte.

Severus schloss die Augen.

„Es … tut … mir leid.“

Die Worte waren kaum hörbar.

Seine Stimme brach nach der letzten Silbe.

Ein scharfer Schmerz fuhr durch seinen Hals.

Er hustete und griff nach dem Wasserglas.

Als der Anfall nachließ, saß er lange reglos da.

Er wusste nicht, an wen die Entschuldigung gerichtet gewesen war.

An Lily.

An Harry.

An Albus.

An die Kinder, die unter seiner Schulleitung gelitten hatten.

Vielleicht an alle.

Vielleicht war das der Grund, weshalb die Worte niemals ausreichen würden.

Er legte die rechte Hand auf die Decke.

Die Finger zitterten.

Langsam schloss er sie.

Dann öffnete er sie wieder.

Eine kleine Bewegung.

Ein beinahe lächerlicher Fortschritt.

Severus betrachtete seine Hand.

Er hatte heute eine Aussage gemacht.

Er hatte die Wahrheit gesagt.

Und er lebte noch.

Das Urteil stand aus.

Die Ermittlungen würden weitergehen.

Es gab keine Garantie auf Vergebung.

Keine Garantie auf Freiheit.

Keine Garantie darauf, dass er jemals wieder derselbe Mann sein würde.

Aber vielleicht musste er das auch nicht.

Severus löschte das Licht.

Zum ersten Mal seit langer Zeit versuchte er nicht, den nächsten Tag bereits in Gedanken zu bestrafen.

Er ließ ihn kommen.

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Hermine Granger

Am folgenden Morgen schrieb Hermine einen Brief an Professor McGonagall.

Sie saß am Küchentisch ihrer Eltern.

Ihre Mutter bereitete Tee zu.

Ihr Vater las die Zeitung.

Es war eine gewöhnliche Szene.

Und gerade deshalb kostbar.

Sehr geehrte Professor McGonagall,

ich möchte Ihnen mitteilen, dass die Behandlung meiner Eltern gute Fortschritte macht. Beide erinnern sich inzwischen an wichtige Teile ihres früheren Lebens. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber ich bin zuversichtlich.

Sie hielt inne.

Dann schrieb sie weiter.

Meine Eltern haben entschieden, vorerst in Australien zu bleiben. Ich respektiere diesen Wunsch und werde sie weiterhin unterstützen.

Ich möchte außerdem nach Hogwarts zurückkehren, um meine Ausbildung abzuschließen, sobald die Schule wieder öffnet. Bitte lassen Sie mich wissen, welche Möglichkeiten es dafür gibt.

Hermine lächelte schwach.

Sie hatte Hogwarts immer geliebt.

Nicht nur wegen der Magie.

Sondern weil es der erste Ort gewesen war, an dem ihre Neugier keine seltsame Eigenschaft gewesen war.

Wo Bücher Türen öffnen konnten.

Wo sie Harry und Ron kennengelernt hatte.

Wo sie gelernt hatte, dass Wissen allein nicht genügte, wenn man nicht auch den Mut hatte, danach zu handeln.

Sie setzte die Feder erneut an.

Ich hoffe, dass es Professor Snape den Umständen entsprechend besser geht. Bitte richten Sie ihm aus, dass ich meine Kritik an Kapitel sieben weiterhin aufrechterhalte.

Hermine hielt inne.

Dann fügte sie hinzu:

Und dass ich hoffe, er findet die Kraft, seine Genesung nicht als weiteren Wettbewerb zu betrachten, den er unbedingt gewinnen muss.

Sie las den Satz.

Lächelte.

Und beschloss, ihn stehen zu lassen.

Professor McGonagall würde vermutlich wissen, was damit gemeint war.

Als sie den Brief versiegelte, trat ihre Mutter hinter sie.

„Schreibst du deinen Freunden?“

„Meiner früheren Schulleiterin.“

Ihre Mutter blickte auf den Umschlag.

„Hogwarts.“

Hermine nickte.

„Ja.“

Ihre Mutter lächelte.

„Ich erinnere mich daran, dass du immer von dieser Schule geschwärmt hast.“

Hermine sah sie an.

„Wirklich?“

„Nicht an jedes Gespräch. Aber an deine Begeisterung.“

Sie legte eine Hand auf Hermines Schulter.

„Du solltest zurückgehen.“

Hermine schluckte.

„Bist du sicher?“

Ihre Mutter nickte.

„Du hast dein Leben dort. Und wir haben unseres hier.“

Sie hielt inne.

„Das bedeutet nicht, dass wir keine Familie mehr sein können.“

Hermine begann zu lächeln.

Ein vorsichtiges, unsicheres Lächeln.

Aber ein echtes.

„Nein“, sagte sie leise. „Das bedeutet es nicht.“

Draußen schien die Sonne.

Und zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges hatte Hermine das Gefühl, dass ihre Zukunft nicht ausschließlich aus Dingen bestand, die sie wiedergutmachen musste.

Vielleicht durfte sie auch wieder etwas wollen.

Etwas lernen.

Etwas beginnen.

Vielleicht war das der Unterschied zwischen Überleben und Leben.