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Kapitel 2 – Ein Leben wider Willen

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Kapitel 2 – Ein Leben wider Willen

3.–6. Mai 1998 | Hogwarts, Schottland

SEVERUS SNAPE

Severus Snape hatte einen Fehler begangen.

Einen gewaltigen, unverzeihlichen Fehler.

Er war aufgewacht.

Und das Schlimmste daran war, dass dieser Zustand offenbar von Dauer sein sollte.

Ein gleichmäßiges, leises Ticken drang an seine Ohren. Irgendwo klirrte Glas, Schritte näherten sich, und der unverwechselbare Geruch von Heiltränken erfüllte die Luft.

Er kannte diesen Geruch. Er verabscheute ihn. Diptam. Silberdistel. Blutwurz. Ein Hauch Mondsteinessenz.

Er versuchte, den Kopf zur Seite zu drehen. Sofort schoss ein derart heftiger Schmerz durch seinen Hals, dass ihm schwarz vor Augen wurde.

„Nicht bewegen!“

Poppy Pomfrey erschien über ihm wie eine ausgesprochen schlecht gelaunte Erscheinung aus einem medizinischen Albtraum.

„Ich habe Ihnen ausdrücklich gesagt, dass Sie Ihren Kopf nicht bewegen dürfen.“

Er hätte ihr gerne erklärt, dass er sich an keinerlei derartige Unterhaltung erinnern konnte. Leider war sein Hals anderer Meinung.

„Und versuchen Sie gar nicht erst, etwas zu sagen. Ihre Stimmbänder sind schwer geschädigt. Wenn Sie sie weiter belasten, riskieren Sie bleibende Schäden.“

Welch tragischer Verlust für die Menschheit.

„Sparen Sie sich diesen Blick, Severus. Ich bin seit dreißig Jahren Heilerin.“

Er schloss demonstrativ die Augen.

Poppy untersuchte ihn mit einem kühlen Diagnosezauber. „Ihr Kreislauf ist etwas stabiler. Das bedeutet allerdings nicht, dass Sie außer Gefahr sind. Das Gift hat erhebliche Schäden verursacht. Ihre Blutwerte sind besorgniserregend, die Wunden am Hals heilen nur langsam, und Ihr rechter Arm reagiert kaum auf motorische Reize.“

Severus wurde still. Er versuchte, die Finger der rechten Hand zu bewegen. Nichts. Ein zweiter Versuch brachte nur ein schwaches Zucken.

„Es ist zu früh, um von dauerhaften Schäden zu sprechen“, sagte Poppy leiser. „Wir müssen zunächst das restliche Gift neutralisieren.“

Er wandte den Blick ab.

„Geben Sie Ihrem Körper Zeit.“

Zeit. Sein ganzes Leben hatte aus Warten bestanden: auf Befehle, auf den nächsten Krieg, auf den Tag, an dem seine Schuld beglichen wäre. Jetzt sollte er warten, bis sein eigener Körper wieder funktionierte?

Er blickte zur Tür.

„Sie wollen wissen, was draußen geschehen ist?“ Poppys Gesicht veränderte sich. „Der Krieg ist vorbei, Severus. Voldemort ist tot. Harry Potter hat ihn besiegt.“

Es war vollbracht. Albus' Plan hatte funktioniert. Der Junge hatte überlebt. Der Dunkle Lord war gefallen.

Und Severus lag lebendig in einem Krankenbett, ohne die geringste Ahnung, was er mit dieser Tatsache anfangen sollte.

HERMINE GRANGER

Hermine hatte seit zwei Tagen nicht richtig geschlafen. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie Gesichter: Fred, Remus, Tonks, Colin Creevey. Und Severus Snape, blutüberströmt auf dem Boden des Bootshauses.

Sie saß auf einem provisorischen Bett in einem unbeschädigten Klassenzimmer. Neben ihr erwachte Ginny.

„Du solltest etwas essen.“

„Ich habe keinen Hunger.“

„Das sagst du seit gestern.“

„Dann bin ich wenigstens konsequent.“

Ginny lächelte kurz. „Harry hat erzählt, dass du Snape gerettet hast. Das war mutig.“

„Es war nicht mutig.“ Hermine betrachtete ihre sauberen Hände, auf denen sie noch immer Blut zu sehen glaubte. „Wir hätten früher zurückgehen müssen. Vielleicht hätte ich dann mehr tun können.“

„Hermine, du hast ihn gerettet. Du kannst nicht jede Entscheidung im Nachhinein noch einmal treffen.“

„Ich möchte nach ihm sehen.“

„Natürlich möchtest du das.“

„Findest du es seltsam?“

Ginny überlegte. „Ein bisschen. Aber du hast gesehen, wie jemand beinahe gestorben wäre. Du hast alles getan, um ihn zu retten. Natürlich möchtest du wissen, ob es funktioniert hat.“

Hermine stand auf. An der Tür hielt Ginny sie noch einmal zurück.

„Vergiss nicht, dass du auch jemanden brauchst, der auf dich aufpasst.“

Hermine nickte. Ein Versprechen gab sie nicht.

SEVERUS SNAPE

Severus hatte beschlossen, dass Poppy Pomfrey eine sadistische Ader besaß. Anders ließ sich nicht erklären, weshalb sie ihm alle drei Stunden einen Trank verabreichte, der schmeckte, als hätte jemand verfaulte Alraunen in Essig eingelegt.

Er konnte nicht einmal protestieren.

Sein linker Arm funktionierte einigermaßen. Der rechte lag nutzlos neben ihm. Jeder Versuch, ihn zu bewegen, endete in Schmerzen und Poppys scharfen Ermahnungen.

Als er endlich allein war, dachte er an das Ministerium. Ein ehemaliger Todesser. Dumbledores Mörder. Der Schulleiter, unter dessen Verantwortung Schüler gefoltert worden waren. Bald würde jemand Fragen stellen. Vielleicht würde man ihn direkt nach Askaban bringen.

Er hatte nie damit gerechnet, nach dem Krieg noch am Leben zu sein. Keine Verteidigung vorbereitet. Keinen Plan. Keine Zukunft.

„Professor Snape?“

Natürlich. Granger.

„Darf ich hereinkommen?“

Er schloss die Augen.

Der Vorhang raschelte. „Ich nehme Ihr Schweigen jetzt einmal nicht als ausdrückliches Verbot.“

Sie trug einen sauberen Pullover; ihr Haar war zu einem unordentlichen Zopf gebunden. Sie sah erschöpft aus.

„Madam Pomfrey sagte, Sie seien heute Morgen aufgewacht. Sie hat auch gesagt, dass Sie noch nicht sprechen dürfen. Und dass Sie vermutlich sehr schlecht gelaunt sind.“

Hermine lächelte schwach. „Ich habe ihr gesagt, dass ich daran gewöhnt bin.“

Unverschämtes Mädchen.

Sie setzte sich. „Ich wollte nur nachsehen, wie es Ihnen geht.“

Severus blickte demonstrativ zur Tür.

„Sie möchten, dass ich gehe?“

Er blickte noch einmal zur Tür. Sie stand auf, hielt aber inne.

„Ich wollte Ihnen noch etwas sagen. Harry hat Ihre Erinnerungen gesehen. Er hat mir und Ron davon erzählt.“

Severus erstarrte. Er hatte Potter die Erinnerungen gegeben, weil der Junge sie brauchte, nicht damit seine Vergangenheit zum Gesprächsthema wurde.

„Er hat niemand anderem alles erzählt. Und ich glaube, er möchte mit Professor McGonagall sprechen.“

Severus schloss die Augen. Jetzt würden die Erklärungen beginnen, die Rechtfertigungen, die Blicke voller Mitleid.

„Ich weiß, dass Sie vermutlich nicht darüber sprechen möchten“, sagte Hermine. „Und ich werde Sie auch nicht danach fragen. Nicht heute jedenfalls.“

Da ist sie wieder.

„Aber Harry kennt die Wahrheit. Und er hat nicht vor, Sie einfach dem Ministerium zu überlassen.“

Potter. Ausgerechnet Potter.

„Sie müssen heute nichts entscheiden. Sie müssen niemandem etwas erklären. Und Sie müssen auch nicht dankbar sein.“

Severus sah sie an.

„Aber Sie sollten aufhören, so zu tun, als wäre Ihr Überleben ein persönlicher Affront. Das ist nämlich ausgesprochen anstrengend.“

Für einen Moment war er sprachlos, was angesichts seiner Verletzungen zwar wenig bemerkenswert war, ihn aber dennoch ärgerte.

„Ich komme morgen wieder“, erklärte sie. „Sie können mir dann immer noch mitteilen, wie unerwünscht mein Besuch war.“

Als sie gegangen war, starrte Severus lange auf den Vorhang.

Sie müssen auch nicht dankbar sein.

Er wusste nicht, warum dieser Satz ihn beschäftigte. Vielleicht, weil Dankbarkeit tatsächlich das Letzte war, was er empfand. Vielleicht, weil sie das verstanden hatte.

Er verwarf den Gedanken.

Unsinn.

HERMINE GRANGER

Am folgenden Morgen fand Hermine Harry im ehemaligen Büro von Professor McGonagall. Vor ihm lagen Pergamente und eine kleine, silberne Phiole. Die Erinnerungen waren inzwischen zurück im Gefäß, doch Harry sah aus, als wäre er noch immer in ihnen gefangen.

„Du hast nicht geschlafen“, stellte sie fest.

„Du auch nicht.“

Er bot ihr einen Stuhl an. Auf dem Schreibtisch lag eine Liste mit Namen der Gefallenen. Harry legte eine Hand darüber, als könnte er die Namen dadurch schützen.

„Minerva hat gesagt, dass das Ministerium bald Ermittler schickt“, sagte er. „Sie wollen wissen, wer während des letzten Jahres was getan hat.“

Hermine nickte. „Natürlich wollen sie das.“

„Sie werden Snape festnehmen.“

„Vielleicht. Aber sie werden auch Beweise prüfen müssen.“

Harry lachte bitter. „Du klingst, als würdest du dem Ministerium vertrauen.“

„Nein. Ich vertraue darauf, dass wir es nicht ohne Widerspruch gewähren lassen.“

Harry blickte auf die Phiole. „Er hat Dumbledore getötet, weil Dumbledore ihn darum gebeten hatte. Und er hat uns geholfen. Aber die Sache mit der Prophezeiung … die ist auch wahr.“

„Ja“, sagte Hermine.

Harry sah überrascht auf.

„Wir müssen nicht so tun, als hätte er nie etwas Falsches getan, um anzuerkennen, dass er auch das Richtige getan hat.“

Harry nickte langsam. „Er wird sich nicht verteidigen wollen.“

„Dann muss er erst einmal gesund genug werden, um überhaupt eine Entscheidung treffen zu können.“

„Er hat Glück, dass du so stur bist.“

Hermine dachte an Snapes verächtlichen Blick. „Ich bin nicht sicher, ob er das genauso sieht.“

SEVERUS SNAPE

Der Versuch begann mit einem Wasserglas.

Poppy hatte es auf dem Nachttisch abgestellt. Severus konnte es sehen, konnte die Entfernung einschätzen und wusste, dass seine Hand die Strecke früher ohne jede Mühe zurückgelegt hätte.

Er wollte sich selbst beweisen, dass sie es noch immer konnte.

Mit dem linken Arm stützte er sich ab. Ein Schwindel erfasste ihn. Er wartete, bis die Welt wieder stillstand, und zwang seine rechte Hand zum Glas.

Die Finger zuckten.

Mehr nicht.

Severus versuchte es erneut. Sein Atem ging schneller. Eine dünne Schweißschicht trat auf seine Stirn.

Als er sich weiter vorbeugte, rutschte die Decke von der Schulter. Die Wunde an seinem Hals spannte schmerzhaft. Das Bett schien sich plötzlich unter ihm zu neigen.

Das Glas fiel.

Es zerbrach auf dem Boden.

„Professor?“

Granger.

Er hatte sie nicht kommen hören.

Sie stand im Eingang, den Blick zuerst auf die Scherben, dann auf seine verkrampfte Haltung gerichtet.

„Nicht bewegen“, sagte sie und trat näher.

Severus wollte sie fortschicken. Stattdessen kam nur ein schmerzhaftes Keuchen.

Hermine zog den Zauberstab, ließ die Scherben verschwinden und drückte den Rufkristall an seinem Bett. Dann blieb sie stehen, statt ihn ungefragt anzufassen.

„Soll ich Ihnen helfen, sich zurückzulegen?“

Er sah sie finster an.

„Ich fasse Sie nicht an, wenn Sie es nicht möchten.“

Er hatte nicht erwartet, dass sie das sagte.

Die Anstrengung wurde unerträglich. Schließlich nickte er einmal.

Hermine stützte ihn vorsichtig an der unverletzten Seite. Selbst diese geringe Bewegung ließ ihn vor Schmerz die Augen schließen. Als Poppy hereinkam, lag er wieder auf dem Kissen, bleich und wütend.

„Was haben Sie getan?“ fragte sie.

Hermine antwortete nicht sofort. Sie sah zu Severus.

„Das Glas ist heruntergefallen“, sagte sie schließlich. „Ich habe Sie gerade erst gefunden.“

Poppy untersuchte die Wunden und schimpfte über unnötige Belastung. Severus hörte kaum zu.

Granger hatte ihn nicht verraten.

Er wusste nicht, was ihn daran mehr ärgerte: dass sie seine Schwäche gesehen hatte oder dass sie sie vor Poppy nicht ausbreitete.

HERMINE GRANGER

Später saß Hermine mit einem Buch auf dem Stuhl neben seinem Bett. Es war kein Buch über Schlangengifte, sondern eine Geschichte der magischen Heilkunst. Sie hatte es aus der Bibliothek geholt, weil sie nach den vergangenen Tagen dringend etwas brauchte, das sich lesen ließ, ohne dass sie dabei an das Bootshaus denken musste.

„Sie müssen mich nicht ansehen, als hätte ich vor, hier einzuziehen“, sagte sie, ohne aufzublicken.

Severus reagierte mit einem besonders missbilligenden Blick.

„Ich bleibe nur, bis Madam Pomfrey zurückkommt.“

Eine Pause.

„Und dann gehe ich essen. Ja, tatsächlich. Ich höre Ihre unausgesprochene Kritik schon.“

Zu ihrer Überraschung hob sich seine linke Augenbraue.

Es war eine winzige Bewegung. Aber sie war so vertraut, dass Hermine beinahe lachen musste.

„Da sind Sie ja“, murmelte sie.

Der Ausdruck in seinen Augen wurde sofort kälter.

Sie senkte den Blick. „Entschuldigung. Das war unpassend.“

Lange sagte sie nichts. Dann klappte sie das Buch zu.

„Wissen Sie, ich bin nicht hier, weil ich erwarte, dass Sie plötzlich nett zu mir sind.“

Severus sah sie an.

„Ich bin hier, weil Sie noch krank sind. Und weil ich mir Sorgen mache. Das ist alles.“

Sie stand auf, rückte den Stuhl an seinen Platz und nahm das Buch unter den Arm.

„Gute Nacht, Professor.“

Diesmal hielt er sie nicht zurück.

Aber als sie den Vorhang bereits erreicht hatte, hörte sie hinter sich ein raues, kaum wahrnehmbares Geräusch.

Sie drehte sich um.

Severus' Lippen hatten sich bewegt. Er schien selbst überrascht, dass ein Laut herausgekommen war.

„Was?“ fragte sie leise.

Er schloss die Augen und schüttelte fast unmerklich den Kopf.

Hermine wartete nicht auf eine Wiederholung.

„Schon gut“, sagte sie. „Sie müssen nichts sagen.“

Sie ging.

SEVERUS SNAPE

Die Nacht brachte keinen Schlaf.

Severus lag wach und hörte, wie Regen gegen die Fenster schlug. Im Schloss wurden die Schäden des Krieges beseitigt, und selbst durch die Wände spürte er gelegentlich das ferne Zittern eines Reparaturzaubers.

Er hatte versucht, ein Wort zu sagen.

Ein vollkommen überflüssiges Wort.

Danke.

Es war kaum hörbar gewesen. Und Granger hatte es nicht verstanden.

Gut so.

Er schuldete ihr keine Erklärung. Noch nicht. Vielleicht niemals.

Doch als er an das zerbrochene Glas dachte, erinnerte er sich an ihre Frage: Soll ich Ihnen helfen?

Nicht an ein Kommando. Nicht an Mitleid. An eine Frage.

Er hatte sein Leben lang gelernt, Hilfe als Preis, Schwäche oder Verpflichtung zu betrachten. Granger hatte ihm für einen kurzen Moment die Möglichkeit gegeben, selbst zu entscheiden.

Das machte sie nicht weniger unerträglich.

Es machte die Sache nur komplizierter.

Auf dem Nachttisch lag ein frisches Glas Wasser, diesmal auf seiner linken Seite. Daneben ein kleiner Zettel in einer ordentlichen, unverkennbaren Handschrift:

„Damit Sie morgen nicht wieder mit dem Mobiliar kämpfen müssen. H. G.“

Severus starrte den Zettel an.

Dann wandte er sich zum Fenster.

Seine Mundwinkel bewegten sich kaum merklich.

Nicht zu einem Lächeln. Ganz sicher nicht.

Es war lediglich ein Muskelzucken.

Und vorerst musste das als Erklärung genügen.