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Kapitel 3 – Die Narben der Überlebenden

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Kapitel 3 – Die Narben der Überlebenden

7.–12. Mai 1998 | Hogwarts, Schottland

SEVERUS SNAPE

Es gab verschiedene Arten der Demütigung.

Severus Snape war mit den meisten davon vertraut. Er hatte jahrelang vor Voldemort gekniet, Beleidigungen ertragen und gelernt, Schmerz, Angst und Schwäche zu verbergen. Doch nichts hatte ihn darauf vorbereitet, eines Morgens nicht einmal einen Knopf schließen zu können.

Er saß auf der Bettkante. Seine linke Hand hielt das schwarze Hemd, der rechte Arm hing schwer an seiner Seite. Er konzentrierte sich, versuchte die Finger zu bewegen. Ein Zucken. Mehr nicht.

Er zog den Stoff über die Schulter. Ein scharfer Schmerz fuhr durch seinen Hals. Die Welt kippte, seine linke Hand verfehlte die Bettkante, und im nächsten Augenblick lag Severus Snape auf dem Steinboden.

Halb angezogen. Atemlos. Unfähig, allein aufzustehen.

Er starrte auf die Steinplatten.

Großartig. Den Dunklen Lord überlebt, nur um von einem Hemd besiegt zu werden.

HERMINE GRANGER

Hermine hatte sich vorgenommen, heute nicht in den Krankenflügel zu gehen. Ginny hatte ihr erklärt, dass sie nicht alle Probleme der Welt persönlich lösen müsse. Hermine hatte sogar gefrühstückt und einige Aufgaben beim Wiederaufbau erledigt.

Nun stand sie trotzdem vor der Tür des Krankenflügels.

Nur fünf Minuten, versprach sie sich.

Als sie den abgetrennten Bereich erreichte, hörte sie ein Poltern und ein ersticktes Keuchen.

„Professor Snape?“

Sie schob den Vorhang beiseite. Er lag auf dem Boden, das Hemd halb über einer Schulter, das Gesicht kalkweiß.

„Oh, Merlin!“

Sie kniete neben ihm. „Was ist passiert?“

„Raus“, krächzte er.

„Sie sind gestürzt. Ich hole Madam Pomfrey.“

Seine linke Hand packte ihr Handgelenk. In seinen Augen lag nicht nur Wut. Es war Panik.

„Nicht.“

Hermine verstand. Er hatte versucht, sich selbst anzuziehen.

„Ich werde Ihnen nicht helfen, wenn Sie das nicht möchten“, sagte sie. „Aber Sie können nicht hier liegen bleiben. Sie können mich anschreien, sobald Sie wieder im Bett sind.“

„Granger … Sie … sind … unerträglich.“

„Das haben Sie mir schon häufiger gesagt. Darf ich Madam Pomfrey rufen?“

Er schloss die Augen und nickte schließlich kaum merklich.

SEVERUS SNAPE

Poppy war außer sich. Sie untersuchte die Wunden und erklärte ihm erneut, dass er ohne Unterstützung nicht aufstehen dürfe.

„Das Gift ist weitgehend neutralisiert“, sagte sie schließlich. „Aber es hat Schäden hinterlassen. Ihre Halsmuskulatur und die Stimmbänder sind schwer verletzt. Ich kann nicht versprechen, dass Ihre Stimme jemals wieder genauso klingen wird.“

Severus starrte sie an.

„Und die Nervenschäden in Ihrem rechten Arm sind noch nicht vollständig einzuschätzen. Ein Teil der Reaktionen kehrt zurück. Das ist gut. Aber wir wissen nicht, wie vollständig die Regeneration sein wird.“

„Zauberstab?“, flüsterte er mühsam.

Poppy zögerte. „Das können wir noch nicht beurteilen.“

Severus blickte auf die reglose Hand. Sein Zauberstab. Seine Fähigkeit, Tränke zu brauen. Seine Arbeit. Alles, was ihm geblieben war.

„Es wird Monate dauern“, sagte Poppy. „Vielleicht länger.“

Er schloss die Augen. Sein Leben hatte aus Warten bestanden: auf Befehle, auf Krieg, auf den Tod. Und jetzt sollte er warten, bis sein eigener Körper wieder gehorchte.

Als Poppy gegangen war, versuchte er erneut, den Zeigefinger zu bewegen. Ein winziges Zucken. Zum ersten Mal seit seinem Erwachen spürte er etwas, das Wut nicht überdecken konnte: Angst.

HERMINE GRANGER

Im Innenhof saß Hermine über Büchern zu magischen Neurotoxinen und regenerativen Heiltränken, als Harry sich neben sie setzte.

„Du weißt, dass du das nicht tun musst?“

„Ich informiere mich nur.“

Harry sah auf die Titel. „Über Snape.“

„Ja.“

Er schwieg. „Ich habe mit McGonagall gesprochen. Über das letzte Schuljahr. Die Carrows haben Schüler gefoltert, und Snape hat es zugelassen. Aber Neville sagt, er habe ihn und die anderen damals zu Hagrid geschickt, statt sie den Carrows auszuliefern.“

„Vielleicht müssen wir akzeptieren, dass er beides war“, sagte Hermine. „Ein Mann, der schreckliche Entscheidungen getroffen hat. Und einer, der später sein Leben riskierte, um andere zu retten.“

Harry blickte auf den Boden. „Ich will nicht, dass das Ministerium ihn einfach nach Askaban bringt.“

„Dann dürfen wir das nicht ohne Widerspruch geschehen lassen. Aber wir helfen ihm nicht, wenn wir seine Vergangenheit leugnen.“

Nach einer Weile fragte sie: „Glaubst du, er wollte sterben?“

Harry antwortete erst spät. „Ich glaube, er hatte nie vor, den Krieg zu überleben.“

Hermine dachte an den Mann im Krankenflügel, an die Art, wie er sie fortschickte, sobald sie seine Hilflosigkeit sah. Die Rettung im Bootshaus war nur der Anfang gewesen.

MINERVA MCGONAGALL

Minerva las den Brief des Ministeriums zum vierten Mal. Es war ein Ersuchen um Auskunft über Severus Tobias Snapes Aufenthaltsort und Gesundheitszustand, verbunden mit Hinweisen auf schwere Vorwürfe: frühere Todessertätigkeit, Unterstützung des Regimes und die Tötung Albus Dumbledores.

Kingsley Shacklebolt erschien im Kamin.

„Ich habe versucht, den Brief aufzuhalten“, sagte er.

„Offensichtlich ohne Erfolg.“

Kingsley setzte sich. „Wir müssen die Verbrechen des Krieges aufarbeiten. Es gibt verschwundene Akten und verängstigte Zeugen.“

„Dann tut das“, erwiderte Minerva. „Aber nicht, indem ihr einen Mann, der kaum atmen kann, aus dem Krankenbett zerrt.“

Sie erklärte ihm, wie schwer Severus verletzt war. Kingsley fragte schließlich, ob sie glaube, dass er tatsächlich für den Orden gearbeitet habe.

„Harry Potter sagt es. Und ich glaube, Albus hat Dinge von Severus verlangt, die kein Mensch hätte verlangen dürfen.“

Sie hielt inne. „Das entschuldigt nicht jede Entscheidung, die Severus selbst getroffen hat.“

Kingsley nickte. „Sobald er medizinisch dazu in der Lage ist, wird man ihn befragen.“

„Nicht vorher.“

„Nicht vorher.“

Minerva blickte zum Porträt Albus Dumbledores. „Ich werde dafür sorgen, dass er einen fairen Prozess bekommt.“

SEVERUS SNAPE

Der Spiegel war ein Fehler.

Poppy hatte ihn vor sein Bett gestellt, damit er die Wunden sehen konnte. Severus betrachtete das eingefallene Gesicht, die Schatten unter den Augen und die unregelmäßige, dunkelrote Narbe am Hals. Daneben glänzte frisch verheiltes Gewebe, durchzogen von silbrigen Heillinien.

Er hob die linke Hand und berührte die Narbe. Schmerz schoss durch seinen Hals.

Ein angemessenes Ende für einen Todesser, dachte er.

Dann schlug er mit der linken Hand gegen den Rahmen. Das Glas zersprang.

Poppy kam herein, sah die Scherben und reparierte den Spiegel wortlos, bevor sie ihn verschwinden ließ.

„Ich hätte Sie vorher fragen sollen“, sagte sie.

Severus blickte fort.

„Die Narben werden heller. Manche verschwinden vielleicht. Aber ich kann nicht versprechen, dass alle verschwinden.“

Er schwieg.

„Sie bedeuten, dass Sie überlebt haben.“

Sein Blick wurde eisig.

„Ob Ihnen das gefällt oder nicht“, fügte Poppy hinzu und ging.

Severus blieb mit der Frage zurück, ob er jemals wieder der Mann werden konnte, der er gewesen war.

HERMINE GRANGER

„Sie sind nicht seine Heilerin“, sagte Poppy.

Hermine saß in ihrem Büro, die Hände um eine Liste möglicher Fachbücher geklammert.

„Ich weiß.“

„Und Sie sind nicht für sein Überleben verantwortlich. Sie haben ihm eine Chance gegeben. Was daraus wird, hängt nicht allein von Ihnen ab.“

„Ich möchte nur helfen.“

„Das weiß ich.“

Hermine fragte, ob eine Probe von Naginis Gift bei der Suche nach einem geeigneten Regenerationstrank helfen könnte. Poppy erkannte sofort, dass sie bereits plante, die Überreste der Schlange untersuchen zu lassen.

„Nein, Miss Granger. Sie haben einen Krieg überlebt. Sie müssen sich nicht selbst in Gefahr bringen, um jedes Problem zu lösen.“

Hermine senkte den Blick. „Darf ich ihn trotzdem besuchen?“

„Solange er es erlaubt.“

An der Tür drehte Hermine sich noch einmal um. „Darf ich Ihnen wenigstens die Bücher bringen?“

Poppy seufzte. „Legen Sie sie morgen auf meinen Schreibtisch.“

SEVERUS SNAPE

Am Abend kam Minerva McGonagall.

„Du siehst furchtbar aus“, sagte sie.

Severus hob die linke Augenbraue.

„Ja, ich weiß. Du würdest dasselbe über mich sagen.“

Dann zeigte sie ihm den Brief des Ministeriums.

„Es ist noch keine Vorladung. Aber es wird eine geben.“

Severus schloss die Augen. Natürlich.

„Harry hat mir von deinen Erinnerungen erzählt. Nicht alles. Aber ich weiß, warum du Albus getötet hast.“

Er starrte sie an.

„Ich habe dich gehasst“, sagte Minerva leise. „Als ich dich fliehen sah, dachte ich, du hättest uns alle verraten.“

Sie holte Atem. „Und jetzt weiß ich, dass Albus dich darum gebeten hat. Ich bin wütend auf ihn. Und auf dich. Weil ihr beide entschieden habt, dass niemand sonst die Wahrheit erfahren durfte.“

Severus wollte erklären, dass es notwendig gewesen war. Aber seine Stimme ließ ihn im Stich.

„Du musst dich heute nicht rechtfertigen“, sagte Minerva. „Doch ich werde nicht zulassen, dass man dich ohne ordentliches Verfahren verurteilt.“

Er sah sie an, unfähig zu begreifen, weshalb ausgerechnet die Menschen, die er verletzt hatte, ihm nun beistehen wollten.

„Und bevor du sämtliche Schuld der Welt auf deine Schultern lädst: Albus hat das schon oft genug getan.“

Als sie ging, drohte sie ihm noch, Poppy beim Fesseln ans Bett zu helfen, sollte er wieder allein aufstehen.

Severus funkelte sie an.

„Es ist schön, diesen Blick wiederzusehen“, sagte Minerva.

HERMINE GRANGER

Am 12. Mai fand Hermine ihn mit einem Buch auf dem Schoß.

„Sie lesen!“

Severus hob eine Augenbraue.

„Entschuldigung. Das klang dumm.“

Das Buch war eine Abhandlung über fortgeschrittene alchemistische Transformationsprozesse.

„Das habe ich auch gelesen“, sagte Hermine. „Allerdings halte ich die Ausführungen auf Seite zweihundertachtundvierzig zur Stabilisierung flüchtiger Essenzen für fragwürdig.“

Severus griff nach Pergament und schrieb mit der linken Hand ein Wort: Temperatur.

„Genau!“, rief Hermine. „Die Temperatur wird nicht ausreichend berücksichtigt!“

Er schrieb: Auch Reinheit.

Sie begann begeistert über Mondsteinpulver zu sprechen, hielt dann inne und entschuldigte sich dafür, zu viel zu reden.

Severus schrieb: Eine bemerkenswert beständige Eigenschaft.

Hermine lachte. „Sie haben sich wirklich überhaupt nicht verändert.“

Sein Blick wurde dunkel. Sie sah zu seinem rechten Arm und verstand.

„Ich meinte nicht … Ich meinte, dass Sie noch immer Sie selbst sind. Auch wenn gerade vieles anders ist.“

Sie brachte ihm ein altes Buch über seltene Gegengifte und wollte gehen. Doch er schrieb noch etwas auf sein Pergament: Sie haben Seite 248 falsch verstanden.

„Wie bitte?“

Er deutete auf den nächsten Absatz. Sie las und stellte fest, dass er recht hatte.

„Das ist kleinlich.“

Er schrieb: Offensichtlich.

Hermine lachte erneut. „Es war schön, wieder einmal mit Ihnen über etwas anderes als Ihre Verletzungen zu sprechen.“

SEVERUS SNAPE

Später lag Severus wach. Die Hand schmerzte, der Hals brannte, und der Gedanke an das Ministerium ließ ihn nicht los.

Auf der ersten Seite des Buches entdeckte er einen Zettel in Hermines Handschrift:

„Falls Sie sich langweilen sollten: Kapitel sieben ist besonders interessant. Ich bin allerdings sicher, dass Sie mindestens zwölf Fehler darin finden werden. Vielleicht können wir bei meinem nächsten Besuch darüber diskutieren.“

Bei meinem nächsten Besuch.

Sie formulierte es nicht als Frage. Natürlich nicht.

Severus betrachtete den Zettel lange. Zum ersten Mal seit seinem Erwachen dachte er nicht ausschließlich darüber nach, was er verloren hatte.

Er dachte an ein Buch. An eine fachliche Diskussion. An eine junge Hexe, die sich von seiner schlechten Laune nicht vertreiben ließ.

Nicht mehr. Nicht weniger.

Er legte den Zettel sorgfältig zwischen die Seiten und löschte das Licht.

Morgen würde sein Körper noch immer schmerzen. Das Ministerium würde weiterhin Fragen stellen. Die Vergangenheit würde nicht verschwinden.

Aber auf seinem Nachttisch lag ein Buch, das er noch nicht zu Ende gelesen hatte.

Ein lächerlich kleiner Grund, sich auf den nächsten Tag einzulassen.

Und doch war es einer.