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Kapitel 4 – Was niemand sehen soll

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Kapitel 4 – Was niemand sehen soll

13.–17. Mai 1998 | Hogwarts, Schottland

SEVERUS SNAPE

Das erste Problem war die Feder.

Sie lag vor Severus auf einem Stück Pergament, harmlos und lächerlich leicht. Poppy Pomfrey hatte sie mit einer Miene auf den Tisch gelegt, als überreiche sie ihm ein besonders großzügiges Geschenk.

„Nur drei Buchstaben“, hatte sie gesagt. „Mit der rechten Hand.“

Severus betrachtete die Feder. Dann Poppy. Dann wieder die Feder.

Drei Buchstaben. Er hatte mit elf Jahren bereits komplexere Zauberformeln beherrscht. Mit sechzehn hatte er eigene Flüche entwickelt, mit zwanzig Tränke verändert, an denen erfahrene Meister gescheitert waren. Nun sollte er froh sein, wenn er seinen eigenen Namen beginnen konnte.

Er streckte die rechte Hand aus.

Die Finger gehorchten nur teilweise. Sein Daumen zuckte; der Zeigefinger schloss sich mit quälender Verzögerung. Als er die Feder endlich zwischen beiden hielt, bebte seine Hand so stark, dass die Spitze gegen das Pergament schlug.

Ein schwarzer Klecks entstand.

„Das ist ein Anfang“, sagte Poppy.

Severus blickte sie an.

Sie seufzte. „Ich weiß, was Sie davon halten.“

Er versuchte es erneut. Ein Strich, schief und ungleichmäßig. Dann ein zweiter, der mitten auf dem Pergament endete, weil sein Handgelenk nachgab.

Der Schmerz kroch von den Fingerspitzen bis zur Schulter. Er biss die Zähne zusammen.

„Genug für heute.“

Severus schüttelte den Kopf.

„Severus.“

Er griff fester zu. Die Feder zerbrach.

Das trockene Knacken war erstaunlich laut.

Tinte spritzte auf die Decke. Poppy nahm ihm die beiden Hälften ab, ohne ein Wort zu sagen. Gerade dieses Schweigen war schlimmer als jeder Tadel.

Severus starrte auf den schwarzen Fleck.

Er hatte Menschen mit einem einzigen Blick zum Verstummen gebracht. Jetzt konnte er nicht einmal eine Feder halten.

„Wir versuchen es morgen wieder“, sagte Poppy.

Er wandte das Gesicht zum Fenster.

Als sie gegangen war, betrachtete er seine rechte Hand, bis seine Augen schmerzten. Er versuchte, die Finger zu einer Faust zu schließen. Es gelang ihm nicht.

Er ließ den Arm unter der Decke verschwinden.

Dort musste wenigstens niemand ihn ansehen.

HERMINE GRANGER

Die Große Halle war wieder geöffnet, aber Hermine fand sie unerträglich.

Die Haustische standen an ihren gewohnten Plätzen. Über ihnen schwebten Kerzen. Die verzauberte Decke zeigte einen blassen Frühlingshimmel, als sei nichts geschehen. Doch zwischen den Schülern und Lehrern klafften Lücken, die niemand füllen konnte.

Fred würde nie wieder am Gryffindortisch sitzen und einen unangebrachten Scherz machen. Remus und Tonks würden nie wieder gemeinsam durch die Türen kommen. Und überall gab es Menschen, die einen Platz freihielten, obwohl sie wussten, dass niemand zurückkehren würde.

Ron schob ihr eine Schüssel Kartoffeln hin.

„Du hast wieder nichts gegessen.“

„Ich habe heute Morgen gefrühstückt.“

„Ein Stück Brot zählt nicht.“

„Es waren zwei.“

Er sah sie an. Hermine gab nach und nahm sich etwas.

Harry saß ihnen gegenüber. Er hatte seit Tagen diesen stillen, abwesenden Ausdruck. Manchmal wirkte es, als warte er darauf, dass jemand ihm noch eine Aufgabe gab, damit er nicht überlegen musste, was er ohne Krieg anfangen sollte.

„Kingsley hat mit mir gesprochen“, sagte er schließlich.

Hermine legte die Gabel ab.

„Wegen Snape?“

Harry nickte. „Noch keine offizielle Vernehmung. Sie sammeln erst einmal Aussagen. Aber er möchte meine Erinnerungen sehen.“

„Welche Erinnerungen?“

„Die, die Snape mir gegeben hat. Und meine eigenen vom Astronomieturm.“

Ron rieb sich die Stirn. „Das wird ein verdammtes Durcheinander.“

„Es wird ein Verfahren“, erwiderte Hermine. „Und das sollte es auch werden.“

Harry sah sie an. „Du meinst, er soll angeklagt werden?“

„Ich meine, dass die Vorwürfe untersucht werden müssen. Es gibt Menschen, die während seiner Zeit als Schulleiter gelitten haben. Sie haben ein Recht darauf, gehört zu werden.“

Ron nickte langsam. „Neville zum Beispiel.“

„Ja. Und die anderen.“ Hermine holte Luft. „Aber Professor Snape hat ebenso das Recht, dass man die Beweise für seine Arbeit gegen Voldemort berücksichtigt.“

Harry schob seinen Teller von sich. „Er wird uns hassen, wenn wir für ihn aussagen.“

„Er hasst uns bereits“, sagte Ron.

„Ron.“

„Was? Es stimmt doch.“

Hermine musste trotz allem kurz lächeln. Dann wurde sie wieder ernst.

„Harry, ich glaube, wir sollten ihn nicht behandeln, als wäre er ein Geheimnis, das wir vor der Welt verstecken müssen. Er ist ein Mensch. Und er hat ein Recht darauf, selbst zu entscheiden, wie er sich verteidigt.“

„Falls er das überhaupt will“, sagte Harry.

Hermine dachte an das Buch auf Snapes Nachttisch, an die kleinen Notizen in seiner zittrigen linken Handschrift.

„Dann müssen wir ihm wenigstens die Möglichkeit geben.“

Ron griff nach ihrer Hand. „Und du? Was machst du, wenn das hier vorbei ist?“

Die Frage traf sie unerwartet.

Ihre Eltern.

Australien.

Ein Haus, in dem zwei Menschen lebten, die sich nicht mehr daran erinnerten, eine Tochter zu haben.

Hermine entzog Ron nicht die Hand. Aber sie sah auf ihren Teller.

„Ich weiß es noch nicht“, sagte sie.

Es war die erste ehrliche Antwort, die sie seit Tagen gegeben hatte.

SEVERUS SNAPE

Harry Potter erschien am Nachmittag des 14. Mai.

Severus wusste zunächst nicht, ob er tatsächlich wach war oder ob ein besonders bösartiger Fiebertraum beschlossen hatte, ihn heimzusuchen.

Der Junge stand am Fußende seines Bettes. Die Brille saß schief. Seine Augen wirkten älter, als sie es mit siebzehn Jahren sollten.

„Professor.“

Severus hob eine Augenbraue.

Potter räusperte sich. „Madam Pomfrey hat gesagt, ich darf zehn Minuten bleiben.“

*Zehn Minuten zu viel*, dachte Severus.

Potter setzte sich nicht. Er blieb stehen und sah auf seine Hände.

„Ich wollte Ihnen sagen, dass ich Ihre Erinnerungen gesehen habe.“

Severus' Brust wurde eng.

„Das wissen Sie wahrscheinlich schon.“

Severus nickte kaum merklich.

„Ich habe sie gebraucht. Sonst hätte ich nicht gewusst, was ich tun muss.“

*Dann waren sie wenigstens nicht umsonst.*

Potter trat einen Schritt näher.

„Ich weiß jetzt, warum Dumbledore gestorben ist.“

Severus sah zum Fenster.

„Und ich weiß von meiner Mutter.“

Die Stille veränderte sich.

Severus hielt den Atem an, bis der Schmerz in seiner Kehle ihn zwang, wieder Luft zu holen.

„Ich werde niemandem von Ihren privaten Erinnerungen erzählen“, sagte Potter. „Nicht von den Dingen, die nichts mit dem Krieg zu tun haben.“

Severus blickte zu ihm zurück.

Potter hielt seinem Blick stand.

„Aber ich werde aussagen. Dass Sie Dumbledore auf seinen Wunsch hin getötet haben. Dass Sie mir geholfen haben. Dass Sie versucht haben, die Schüler zu schützen.“

Severus griff nach dem Pergament auf seinem Nachttisch. Mit der linken Hand schrieb er langsam, wobei seine Buchstaben hässlich und eckig gerieten.

*Sie wissen nicht alles.*

Potter las die Worte.

„Nein“, sagte er. „Das weiß ich nicht.“

Eine ehrliche Antwort. Severus hatte nicht damit gerechnet.

„Ich weiß, dass Sie früher Todesser waren. Und ich weiß, dass Menschen wegen der Prophezeiung gestorben sind.“

Severus' Finger verkrampften sich um die Feder.

„Ich kann Ihnen das nicht vergeben“, sagte Potter leise. „Nicht einfach so.“

Severus senkte den Blick.

*Gut.*

„Aber ich kann auch nicht so tun, als hätten Sie nichts für uns getan.“

Severus schrieb ein weiteres Wort.

*Warum?*

Potter sah es lange an.

„Weil es wahr ist.“

Er rückte seine Brille zurecht. „Und weil ich nicht möchte, dass noch jemand wegen einer Lüge stirbt.“

Severus legte die Feder weg.

Für einen Augenblick sah er in Potters Gesicht nicht James. Nicht Lily. Nur einen erschöpften jungen Mann, der mehr verloren hatte, als irgendjemand in seinem Alter verlieren sollte.

„Ich werde nicht behaupten, dass Sie ein guter Mensch waren“, sagte Potter. „Das müssen die Leute selbst beurteilen. Aber ich werde sagen, was ich weiß.“

Severus schloss die Augen.

Als er sie wieder öffnete, stand Potter bereits an der Tür.

„Gute Besserung, Professor.“

Severus hätte ihn gerne mit einem spitzen Kommentar verabschiedet.

Stattdessen nickte er.

Potter ging.

Erst als die Schritte verklungen waren, bemerkte Severus, dass seine linke Hand zitterte.

HERMINE GRANGER

Am nächsten Morgen fand Hermine einen Brief von ihrer Mutter.

Nicht wirklich, natürlich.

Es war ein alter Brief, gefaltet zwischen den Seiten eines Schulbuchs. Sie hatte ihn vor zwei Jahren bekommen, als ihre Mutter ihr zum Geburtstag ein Paket mit selbst gebackenen Keksen geschickt hatte.

*Wir freuen uns schon, wenn du in den Ferien wieder bei uns bist. Pass gut auf dich auf, Liebling.*

Hermine las den Satz dreimal.

Dann verschwammen die Buchstaben.

Sie setzte sich auf den Boden ihres provisorischen Schlafzimmers, den Brief in der Hand.

In Australien lebten zwei Menschen namens Wendell und Monica Wilkins. Sie hatten einen Beruf, Freunde, Erinnerungen an Reisen und eine Geschichte, in der Hermine Granger nicht vorkam.

Sie hatte ihnen diese Geschichte gegeben.

Um sie zu schützen.

Und seitdem war sie jeden Morgen mit der Angst aufgewacht, dass sie nicht mehr rückgängig zu machen sein könnte.

Ein Klopfen ertönte.

„Hermine?“

Ginny.

„Komm rein.“

Ginny öffnete die Tür. Sie sah den Brief und setzte sich wortlos neben Hermine.

„Ich muss sie zurückholen“, sagte Hermine.

„Deine Eltern?“

Sie nickte.

„Dann tun wir das.“

„Es ist nicht so einfach.“

„Das habe ich auch nicht behauptet.“

Hermine wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. „Ich weiß nicht einmal, ob der Zauber so funktioniert, wie ich gehofft habe. Ich habe ihn unter furchtbarer Angst gesprochen. Was, wenn ich etwas beschädigt habe?“

Ginny wartete, bis sie zu Ende gesprochen hatte.

„Dann findest du jemanden, der sich mit Gedächtniszaubern auskennt. Du musst nicht alles allein schaffen.“

Hermine lachte kurz und freudlos.

„Das sagen in letzter Zeit erstaunlich viele Leute zu mir.“

„Vielleicht, weil du erstaunlich schlecht darin bist, zuzuhören.“

Hermine legte den Kopf an Ginnys Schulter.

Eine Weile saßen sie schweigend da.

Dann sagte Hermine: „Ich werde nach Australien reisen. Sobald ich weiß, wie ich es sicher angehen kann.“

„Gut.“

„Und ich werde meine Ausbildung abschließen.“

„Auch gut.“

„Und ich möchte herausfinden, wie ich verhindern kann, dass das Ministerium wieder zu dem wird, was es war.“

Ginny drehte den Kopf. „Hermine, du hast gerade drei Lebensaufgaben aufgezählt.“

„Ich weiß.“

„Vielleicht fangen wir mit einer an.“

Hermine faltete den Brief vorsichtig zusammen.

„Mit meinen Eltern“, sagte sie.

Zum ersten Mal seit der Schlacht klang ihre Zukunft wie etwas, das ihr selbst gehörte.

SEVERUS SNAPE

Poppy brachte am 16. Mai einen Therapeuten aus St. Mungo mit.

Der Mann hieß Heiler Fenwick, trug eine hellgrüne Robe und lächelte viel zu häufig.

Severus verabscheute ihn innerhalb von vier Sekunden.

„Wir beginnen mit einer einfachen Übung“, erklärte Fenwick und stellte eine Schale mit sechs Holzringen auf den Tisch. „Sie nehmen einen Ring auf und legen ihn auf den Stab.“

Severus sah auf die Ringe.

Dann auf den Heiler.

*Ich bin kein Kleinkind.*

Fenwick schien diesen Gedanken gewohnt zu sein. „Die Übung misst Ihre Feinmotorik. Sie ist nicht als Beleidigung gedacht.“

Severus griff nach dem ersten Ring.

Er fiel ihm aus den Fingern.

Beim zweiten Versuch gelang es ihm, ihn anzuheben. Die Hand begann zu zittern. Der Ring fiel auf den Tisch.

„Sehr gut“, sagte Fenwick.

Severus hob den Blick.

„Die Greiffunktion ist vorhanden. Das ist mehr, als wir letzte Woche hätten erwarten dürfen.“

Severus starrte auf den Ring. Die Wut in ihm suchte ein Ziel, fand aber nur den eigenen Körper.

„Noch einmal?“, fragte Fenwick.

Severus nickte.

Beim vierten Versuch erreichte der Ring den Stab.

Er glitt darüber.

Ein leises Klacken.

Nichts weiter.

Fenwick lächelte nicht. Er sagte nur: „Das war Ihre eigene Bewegung.“

Severus blickte auf seine Hand.

Seine eigene Bewegung.

Ein winziger Erfolg, den er niemandem zeigen wollte.

Nach der Übung ließ Fenwick ihn ruhen. Severus war so erschöpft, dass er kaum die Augen offen halten konnte.

„Sie werden Rückschläge erleben“, sagte der Heiler beim Gehen. „Es wird Tage geben, an denen Sie weniger schaffen als am Vortag. Das bedeutet nicht, dass Sie versagt haben.“

Severus wandte den Blick ab.

Er glaubte ihm nicht.

Noch nicht.

HERMINE GRANGER

Hermine kam am späten Nachmittag mit einem Buch unter dem Arm.

Sie fand Severus im Sessel neben seinem Bett. Es war das erste Mal, dass sie ihn außerhalb der Matratze sah. Seine Schultern wirkten unter dem schwarzen Hemd schmal, sein Gesicht war blass, und sein rechter Arm ruhte auf einem Kissen.

Er hob den Kopf, als sie eintrat.

„Guten Tag, Professor.“

Ein knappes Nicken.

Hermine stellte das Buch auf den Tisch. „Ich habe die Abhandlung über Gegengifte zurückgebracht. Und bevor Sie fragen: Ja, ich habe die Anmerkungen gelesen.“

Severus deutete auf das Pergament vor sich.

*Alle?*

„Bis auf die in Altgriechisch.“

Sein Blick wurde beinahe zufrieden.

„Ich habe nie behauptet, Altgriechisch fließend zu lesen“, sagte Hermine empört.

Er schrieb ein Wort.

*Bedauerlich.*

„Sie sind wirklich nicht zu ertragen.“

Sie setzte sich und bemerkte die Holzringe auf dem Tisch. Einer lag abseits, dicht neben seiner rechten Hand.

„Sind das Übungen von St. Mungo?“

Severus' Gesicht verschloss sich.

Hermine bereute die Frage sofort.

„Entschuldigung. Das geht mich nichts an.“

Sie schlug ihr Buch auf.

Eine Weile lasen sie schweigend.

Dann hörte Hermine ein leises Geräusch.

Der Ring war vom Tisch gerutscht.

Sie beugte sich vor, um ihn aufzuheben, doch Severus' linke Hand hob sich abwehrend.

Hermine hielt inne.

Er betrachtete den Ring auf dem Boden.

Dann versuchte er, sich im Sessel vorzubeugen.

Seine Bewegung war unsicher. Sein Atem wurde schneller.

„Professor, warten Sie.“

Er sah sie scharf an.

Sie ließ die Hände sinken.

„Ich werde ihn nicht aufheben“, sagte sie ruhig. „Aber ich werde auch nicht zulassen, dass Sie aus dem Sessel fallen.“

Severus erstarrte.

Eine lange Sekunde verging.

Dann ließ er sich zurücksinken und schloss die Augen.

Hermine nahm ihren Zauberstab. „Darf ich den Ring auf den Tisch schweben lassen? Nicht in Ihre Hand. Nur auf den Tisch.“

Severus öffnete die Augen.

Schließlich nickte er.

Sie führte den Zauber aus. Der Ring landete neben den anderen.

„Danke“, sagte sie leise, obwohl sie nicht recht wusste, wofür.

Severus griff nach seinem Pergament.

*Sie müssen nicht jeden meiner Fehler beobachten.*

Hermine las den Satz. Dann legte sie das Buch beiseite.

„Ich habe keinen Fehler gesehen.“

Er sah sie ungläubig an.

„Ich habe gesehen, dass Ihnen etwas schwerfällt.“

Severus schrieb nicht weiter.

„Das ist nicht dasselbe.“

Sein Blick wanderte zu seiner rechten Hand.

Hermine sprach erst wieder, als er sie ansah.

„Wenn Sie möchten, dass ich gehe, gehe ich. Und wenn Sie möchten, dass ich hier sitze und über Mondsteinpulver streite, kann ich das auch.“

Severus betrachtete sie lange.

Dann schob er ihr das Buch zu und tippte mit dem linken Zeigefinger auf eine Stelle.

Seite zweihundertachtundachtzig.

Hermine beugte sich vor.

„Sie haben schon wieder einen Fehler gefunden?“

Er hob eine Augenbraue.

„Natürlich haben Sie das.“

Sie las den Absatz.

Und während sie las, ließ Severus den rechten Arm auf dem Kissen liegen, ohne ihn unter der Decke zu verstecken.

SEVERUS SNAPE

Am Abend stand ein Brief auf seinem Nachttisch.

Nicht von Hermine Granger.

Nicht von Minerva.

Das Pergament trug das Siegel des Zaubereiministeriums.

Severus betrachtete es lange, bevor er den Umschlag öffnete.

*Mitteilung über die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens.*

Die Worte waren nüchtern. Darunter folgten die Vorwürfe: seine frühere Zugehörigkeit zu den Todessern, seine Tätigkeit unter Voldemorts Herrschaft, seine Rolle in Hogwarts, der Tod Albus Dumbledores.

Es war noch keine Anklageschrift. Eine erste förmliche Befragung werde nach ärztlicher Freigabe erfolgen. Bis dahin seien Unterlagen und Aussagen zu sichern.

Severus las den Brief ein zweites Mal.

Er hätte Erleichterung empfinden können. Endlich eine bekannte Ordnung: Vorwurf, Beweis, Urteil, Strafe.

Doch sein Blick fiel auf die letzte Zeile.

*Sie haben das Recht, eine Person Ihres Vertrauens oder einen Rechtsbeistand hinzuzuziehen.*

Eine Person seines Vertrauens.

Er dachte an Albus, dessen Porträt nun im Schulleiterbüro hing. An Minerva, die ihm helfen wollte und ihn zugleich mit Recht hasste. An Potter, der die Wahrheit sagen würde, ohne ihm Vergebung zu versprechen.

Dann dachte er an Miss Granger, die ihm vor wenigen Stunden angeboten hatte, entweder zu gehen oder über Mondsteinpulver zu streiten.

Er schob den Gedanken fort.

Das Ministerium konnte warten.

Heute hatte er einen Holzring auf einen Stab gesetzt. Eine erbärmliche Leistung, die ihn mehr Kraft gekostet hatte als mancher Fluch.

Aber er hatte sie selbst vollbracht.

Severus nahm die Feder in die linke Hand und zog ein leeres Blatt heran. Er schrieb langsam eine einzige Zeile.

*Ich werde eine Aussage machen, sobald ich dazu in der Lage bin.*

Er betrachtete die Worte.

Es war keine Bitte um Freispruch. Kein Geständnis. Noch nicht einmal eine Verteidigung.

Nur die erste Entscheidung über sein eigenes Leben seit dem Bootshaus.

Er legte die Feder ab.

Draußen schlug die Turmuhr zehn.

Severus faltete den Brief des Ministeriums zusammen, legte ihn in die Schublade und schloss sie.

Morgen würde er wieder die Holzringe versuchen.

Und vielleicht würde er einen zweiten schaffen.