Kapitel 5 – Die ersten Fragen
Kapitel 5 – Die ersten Fragen
18.–24. Mai 1998 | Hogwarts, Schottland
SEVERUS SNAPE
Der zweite Holzring fiel zu Boden.
Severus starrte ihm hinterher. Er hatte den ersten geschafft. Nicht elegant, nicht mühelos, aber ohne Hilfe. Der Ring war über den schmalen Stab geglitten, und für einen flüchtigen Moment hatte Severus das Gefühl gehabt, wieder Herr über seine rechte Hand zu sein.
Dann hatte er nach dem zweiten gegriffen. Seine Finger hatten sich verkrampft. Ein stechender Schmerz war durch das Handgelenk gefahren, und der Ring war ihm entglitten.
Jetzt lag er unter dem Tisch.
Heiler Fenwick wartete. Das war beinahe das Schlimmste an diesem Mann. Er wartete, ohne zu drängen, ohne zu tadeln, ohne auch nur den Anschein von Enttäuschung zu zeigen.
Severus hätte einen ungeduldigen Heiler bevorzugt. Einen, den er verachten konnte.
„Versuchen Sie es mit einer Pause“, schlug Fenwick vor.
Severus schüttelte den Kopf.
„Ihre Muskeln sind erschöpft.“
Er griff nach dem dritten Ring.
„Professor Snape.“
Severus sah auf.
„Wir trainieren Ihre Hand, nicht Ihren Willen.“
Mein Wille ist das Einzige, was noch zuverlässig funktioniert.
Er schloss die Finger um den Ring. Diesmal gelang es ihm, ihn anzuheben. Ein Zentimeter. Zwei. Dann begann seine Hand zu zittern.
Severus biss die Zähne zusammen. Der Ring fiel. Mit einem erstickten Laut schlug er die linke Faust auf den Tisch.
Fenwick zuckte nicht einmal. „Das genügt für heute.“
Severus wollte protestieren, doch als er Luft holte, zog sich die verletzte Muskulatur seines Halses schmerzhaft zusammen. Er presste die Lippen aufeinander.
Fenwick sammelte die Ringe ein.
„Die Fortschritte sind messbar“, sagte er. „Vor einer Woche konnten Sie keinen einzigen greifen. Heute haben Sie einen vollständig aufgesetzt.“
Severus betrachtete seine Hand. Die Finger zitterten noch immer.
„Sie messen Ihren Zustand an dem Mann, der Sie vor dem Angriff waren“, fuhr Fenwick fort. „Ich messe ihn an dem Mann, der vor sieben Tagen nicht einmal die Hand öffnen konnte.“
Severus hob langsam den Blick.
Der Heiler erwiderte ihn ruhig. „Wir haben unterschiedliche Ausgangspunkte.“
Und offenbar unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein erträgliches Leben ausmacht.
Fenwick stellte die Schale beiseite. „Morgen versuchen wir es wieder.“
Severus wandte sich zum Fenster. Draußen bewegten sich die Zweige der Bäume im Wind. Er hätte alles dafür gegeben, einfach aufstehen und hinausgehen zu können.
Stattdessen saß er in einem Sessel und lernte, Holzringe auf einen Stab zu setzen.
Eine würdelose Beschäftigung.
Und dennoch blickte er noch einmal zu dem einen Ring, der an seinem Platz geblieben war.
Er war klein. Unbedeutend. Aber er war dort.
Severus hasste, wie sehr ihn das beschäftigte.
HERMINE GRANGER
„Du hast drei verschiedene Reisepläne geschrieben.“
Ron stand hinter Hermine und betrachtete die Pergamente auf dem Tisch.
„Vier“, korrigierte sie, ohne aufzusehen.
„Natürlich.“
Sie hatte die vergangenen Stunden damit verbracht, sämtliche Informationen zusammenzutragen, die sie über Gedächtnisveränderungen finden konnte.
Ein Stapel Bücher lag links von ihr. Ein zweiter rechts. Dazwischen befanden sich Notizen, Karten von Australien, Namen möglicher Heiler und eine Liste mit Fragen, auf die sie noch keine Antworten hatte.
Ron zog einen Stuhl heran.
„Hermine.“
„Hm?“
„Wann hast du zuletzt geschlafen?“
„Heute Nacht.“
„Wie lange?“
Sie schwieg. Ron seufzte. „Das dachte ich mir.“
Hermine legte ihre Feder ab. „Ich muss vorbereitet sein.“
„Das bist du.“
„Nein, bin ich nicht. Ich weiß nicht, ob meine Eltern noch dort wohnen, wo ich sie hingeschickt habe. Ich weiß nicht, wie stabil die veränderten Erinnerungen sind. Und ich weiß nicht, ob ich sie einfach rückgängig machen kann, ohne ihnen zu schaden.“
Ihre Stimme wurde lauter. „Ich habe ihnen ihr ganzes Leben genommen, Ron.“
Er wurde still.
Hermine senkte den Blick. „Ich habe ihnen mich genommen.“
Ron legte seine Hand auf ihre. „Du wolltest sie schützen.“
„Das macht es nicht ungeschehen.“
Er schwieg einen Moment. „Nein“, sagte er schließlich. „Aber es bedeutet, dass du damals eine Entscheidung treffen musstest, für die es keine gute Lösung gab.“
Hermine schluckte. „Und wenn sie mir nicht verzeihen?“
Ron sah sie an. Sie hatte diese Frage noch niemandem gestellt. Nicht Harry. Nicht Ginny. Nicht einmal sich selbst, zumindest nicht laut.
„Dann wird es wehtun“, sagte Ron.
Hermine schloss die Augen.
Er drückte ihre Hand. „Aber du solltest trotzdem zu ihnen gehen.“
Sie nickte langsam. Eine Weile saßen sie schweigend da.
Dann deutete Ron auf die Pergamente. „Also. Was ist der Plan?“
Hermine atmete tief durch. „Zuerst möchte ich mit einem Spezialisten für Gedächtnismagie sprechen. Danach reise ich nach Australien. Ich muss herausfinden, wo meine Eltern sind, bevor ich irgendetwas an ihren Erinnerungen verändere.“
„Gut.“
„Und ich möchte vorher Professor McGonagall fragen, ob sie mir eine Empfehlung geben kann.“
Ron nickte. „Noch besser.“
Er sah auf den Tisch. „Und was ist mit Snape?“
Hermine blickte auf. „Was soll mit ihm sein?“
„Du besuchst ihn fast jeden Tag.“
„Nicht jeden.“
Ron hob eine Augenbraue. „Hermine.“
Sie seufzte. „Ich weiß.“
„Du kannst nicht gleichzeitig deine Eltern zurückholen, Hogwarts wieder aufbauen und Snape gesund pflegen.“
„Ich pflege ihn nicht gesund.“
„Du weißt, was ich meine.“
Hermine sah auf ihre Notizen. „Er braucht mich nicht.“
Ron schwieg.
„Nicht wirklich“, fügte sie hinzu. „Er hat Madam Pomfrey. Und Heiler. Und Professor McGonagall.“
„Dann ist ja gut.“
Sie nickte. Doch seltsamerweise fühlte sich diese Erkenntnis nicht so beruhigend an, wie sie sollte.
SEVERUS SNAPE
Der Brief kam kurz nach Mittag. Nicht durch eine Eule. Nicht durch den Kamin. Sondern in den Händen eines Mannes, den Severus seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Er war groß, breitschultrig und trug eine dunkelblaue Robe mit dem Abzeichen der Abteilung für Magische Strafverfolgung.
Severus erkannte ihn sofort.
Edgar Voss. Ehemaliger Auror. Jetzt offenbar Ermittler des neuen Ministeriums. Ein Mann, der die unangenehme Angewohnheit besaß, Fragen zu stellen, deren Antworten er bereits kannte.
„Professor Snape.“
Voss blieb vor dem Bett stehen. Severus betrachtete ihn ausdruckslos.
„Mein Name ist Edgar Voss.“
Ich bin nicht hirngeschädigt.
„Ich bin im Auftrag des Zaubereiministeriums hier.“
Severus hob langsam die linke Augenbraue. Voss räusperte sich.
„Man hat mir mitgeteilt, dass Sie derzeit nicht längere Zeit sprechen können.“
Severus deutete auf das Pergament neben seinem Bett.
Voss nickte. „Gut. Dann werde ich mich kurzfassen.“
Ein Versprechen, das Beamte selten einhalten.
Der Ermittler nahm Platz. Severus hatte ihm keinen Stuhl angeboten.
„Zunächst möchte ich betonen, dass dies keine offizielle Vernehmung ist.“
Severus betrachtete ihn.
„Ihre medizinische Situation lässt das derzeit nicht zu.“
Welch rührende Rücksichtnahme.
„Ich bin lediglich hier, um Ihnen einige Informationen zu übermitteln.“
Voss legte einen Umschlag auf den Tisch. Severus erkannte das Siegel. Er hatte bereits einen ähnlichen Brief erhalten.
„Gegen Sie wird ermittelt, Professor Snape.“
Severus reagierte nicht.
„Ihre frühere Mitgliedschaft bei den Todessern ist dokumentiert. Ebenso Ihre Tätigkeit als Schulleiter von Hogwarts während der Besetzung durch Voldemorts Anhänger.“
Voss hielt inne. „Hinzu kommt der Tod von Albus Dumbledore.“
Severus' Finger verkrampften sich auf der Decke.
Der Ermittler bemerkte es. „Mehrere Zeugen haben angegeben, dass Sie den Todesfluch ausgesprochen haben.“
Severus sah ihn an. Dann griff er nach der Feder.
Mit der linken Hand schrieb er langsam: Das ist korrekt.
Voss las die Worte. Sein Gesicht blieb unbewegt.
„Sie bestätigen also, dass Sie Albus Dumbledore getötet haben?“
Severus schrieb ein zweites Mal: Ja.
Voss atmete langsam aus.
„Professor Snape, ich muss Sie darauf hinweisen, dass jede freiwillige Aussage dokumentiert werden kann.“
Severus sah ihn kalt an. Dann dokumentieren Sie.
Er schrieb die Worte auf. Voss las sie. Eine Weile sagte niemand etwas.
Dann legte der Ermittler sein Notizbuch beiseite.
„Harry Potter hat bereits eine vorläufige Aussage gemacht.“
Severus erstarrte.
„Er behauptet, dass Sie im Auftrag Dumbledores gehandelt haben.“
Severus wandte den Blick ab.
„Und dass Sie während des Krieges für den Orden des Phönix gearbeitet haben.“
Stille.
„Stimmt das?“
Severus schloss die Augen. Er dachte an Albus. An den Astronomieturm. An die Nacht, in der er seinen Zauberstab erhoben hatte. An den Blick des alten Mannes.
Severus … bitte.
Er öffnete die Augen wieder. Nahm die Feder. Schrieb ein einziges Wort: Ja.
Voss betrachtete ihn lange. „Dann werden wir Beweise benötigen.“
Severus ließ die Feder sinken. Natürlich würden sie das. Er hatte nicht erwartet, dass Potters Wort genügen würde. Und er wollte es auch nicht.
„Es gibt außerdem Aussagen ehemaliger Schüler“, fuhr Voss fort. „Über Misshandlungen während des vergangenen Schuljahres. Über Folterstrafen. Über die Carrows.“
Severus' Gesicht wurde vollkommen still.
„Wir werden untersuchen müssen, welche Verantwortung Sie als Schulleiter getragen haben.“
Er nickte.
Voss schien überrascht. „Sie widersprechen nicht?“
Severus schrieb: Nein.
Der Ermittler betrachtete das Pergament.
„Professor Snape …“
Severus hob den Blick.
„Sie verstehen, dass Ihnen im schlimmsten Fall eine langjährige Haftstrafe droht?“
Er sah ihn an. Dann schrieb er langsam: Ja.
Voss schwieg. Etwas an dieser Antwort schien ihn zu beunruhigen.
Schließlich stand er auf.
„Die offizielle Vernehmung wird erst stattfinden, wenn Ihre Heiler Sie für belastbar erklären. Bis dahin rate ich Ihnen dringend, sich einen Rechtsbeistand zu suchen.“
Severus wandte den Blick zum Fenster.
„Und noch etwas.“
Er sah zurück.
Voss betrachtete ihn ernst. „Ich bin nicht hier, um Sie vorzuverurteilen.“
Severus hob eine Augenbraue.
„Aber ich bin auch nicht hier, um Sie zu entlasten.“
Ausgezeichnet.
„Ich bin hier, um herauszufinden, was geschehen ist.“
Severus hielt seinem Blick stand. Zum ersten Mal empfand er gegenüber dem Mann einen Anflug von Respekt.
Voss nahm seinen Hut. „Gute Genesung, Professor.“
Dann ging er.
Severus blieb allein zurück. Auf seinem Nachttisch lag der Umschlag. Daneben das Pergament mit seinen Antworten.
Ja. Ja. Nein. Ja.
Er betrachtete die Worte. So wenige. Und doch schienen sie schwerer zu wiegen als alles, was er seit seinem Erwachen gesagt hatte.
HERMINE GRANGER
Als Hermine am Abend den Krankenflügel betrat, bemerkte sie sofort, dass etwas geschehen war. Madam Pomfrey stand vor Severus' abgetrenntem Bereich und stritt mit Minerva McGonagall.
„Er hätte gar nicht erst vorgelassen werden dürfen“, sagte Poppy.
„Kingsley hat ausdrücklich zugesichert, dass es keine Vernehmung geben würde“, erwiderte Minerva.
„Dann erklären Sie mir bitte, weshalb mein Patient jetzt seit einer Stunde jede Behandlung verweigert!“
Hermine blieb stehen. „Was ist passiert?“
Beide Frauen drehten sich um.
Minerva sah müde aus. „Ein Ermittler des Ministeriums war hier.“
Hermine spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Heute schon?“
„Es war angeblich nur die Zustellung von Unterlagen“, sagte Poppy scharf. „Aber offenbar hat der Mann auch Fragen gestellt.“
Hermine blickte zum Vorhang. „Darf ich zu ihm?“
Poppy zögerte. „Nur kurz. Und sprechen Sie bitte nicht über das Ministerium, wenn er es nicht selbst anspricht.“
Hermine nickte.
Severus saß am Fenster. Vor ihm lag ein ungeöffnetes Buch. Er blickte nicht auf, als sie eintrat.
„Guten Abend, Professor.“
Keine Reaktion.
Hermine setzte sich nicht. „Ich habe gehört, dass Sie Besuch hatten.“
Seine Augen wanderten zu ihr. Der Blick war so kalt, dass sie beinahe einen Schritt zurücktrat.
„Ich werde nicht danach fragen“, sagte sie. „Nicht, wenn Sie es nicht möchten.“
Er sah wieder zum Fenster.
Hermine betrachtete das Buch. „Ich wollte Ihnen eigentlich eine Frage zu Kapitel sieben stellen. Aber das kann warten.“
Sie machte einen Schritt zur Tür.
Ein Kratzen hielt sie auf.
Severus hatte die Feder genommen. Mit seiner linken Hand schrieb er langsam auf ein Blatt Pergament. Dann schob er es über den Tisch.
Warum sind Sie hier?
Hermine las die Frage. „Weil ich mit Ihnen über das Buch sprechen wollte.“
Er schrieb erneut.
Warum wirklich?
Sie sah ihn an. Es wäre einfach gewesen, von Pflicht zu sprechen. Von Dankbarkeit. Von Mitleid. Doch keines dieser Worte traf zu.
„Weil ich gern mit Ihnen diskutiere“, sagte sie schließlich. „Nicht immer. Meistens machen Sie mich wahnsinnig. Aber ich lerne etwas dabei.“
Severus' Augen verengten sich.
„Und weil ich wissen wollte, ob es Ihnen heute besser geht als gestern.“
Er sah auf seinen rechten Arm.
Hermine folgte seinem Blick. „Sie müssen mir darauf keine Antwort geben.“
Er schrieb ein einzelnes Wort.
Nein.
Sie setzte sich langsam. „Dann tut es mir leid.“
Severus schob das Pergament weg.
„Wissen Sie“, sagte Hermine nach einer Weile, „ich glaube, Sie haben heute jedes Recht, wütend zu sein.“
Er blickte auf.
„Aber ich werde nicht behaupten, dass das Ministerium keine Fragen stellen darf.“
Seine Miene verhärtete sich.
„Die Schüler, die unter den Carrows gelitten haben, verdienen Antworten. Und Sie verdienen die Gelegenheit, Ihre eigenen zu geben.“
Severus starrte sie an. Dann schrieb er so heftig, dass die Federspitze kratzte.
Sie wissen nichts davon.
Hermine las die Worte. „Nein. Nicht alles.“
Er schrieb weiter.
Sie waren nicht dort.
„Doch“, sagte sie leise. „Nicht während des vergangenen Schuljahres. Aber ich war in diesem Krieg. Ich weiß, was Angst mit Menschen macht. Ich weiß nur nicht, was Sie getan oder nicht getan haben.“
Severus wandte den Blick ab.
„Ich werde Ihnen nicht erzählen, dass alles gut wird“, sagte sie. „Das weiß ich nicht.“
Eine lange Stille entstand.
Dann deutete sie auf das Buch. „Aber ich kann Ihnen sagen, dass der Autor auf Seite einhundertdreiundsechzig eine ausgesprochen zweifelhafte Schlussfolgerung zieht.“
Severus sah sie langsam wieder an.
Sie hob das Buch. „Und falls Sie heute lieber streiten als nachdenken möchten, wäre das ein geeignetes Thema.“
Ein kaum wahrnehmbares Zucken ging durch seinen Mundwinkel.
Er griff nach der Feder.
Welche Schlussfolgerung?
Hermine lächelte nicht. Sie öffnete das Buch und begann zu erklären.
MINERVA MCGONAGALL
Später am selben Abend saß Minerva in ihrem Büro und schrieb einen Brief an Kingsley Shacklebolt.
Sie wählte jedes Wort sorgfältig. Sie wollte keine Sonderbehandlung für Severus verlangen. Sie wollte auch nicht, dass seine früheren Entscheidungen unter einem Mantel aus Heldengeschichten verschwanden.
Aber ein Mann, dessen Stimme kaum funktionierte und dessen rechte Hand gelähmt war, durfte nicht durch die Ungeduld einer Behörde zu unüberlegten Aussagen gedrängt werden.
Minerva setzte die Feder ab.
Auf dem Tisch lag außerdem ein Bericht von Neville Longbottom. Er beschrieb die Strafen unter den Carrows, die Angst in den Korridoren und den Widerstand der Schüler. Minerva hatte beim Lesen mehrfach innehalten müssen.
Es war möglich, dass Severus manches Schlimmere verhindert hatte. Es war ebenso wahr, dass unter seiner Schulleitung Schreckliches geschehen war.
Beides musste untersucht werden.
Sie versiegelte ihren Brief und sah zum Porträt über dem Schreibtisch.
„Du hättest uns einiges ersparen können, Albus“, sagte sie.
Das Porträt antwortete nicht.
Minerva war sich nicht sicher, ob sie eine Antwort gewollt hätte.
HERMINE GRANGER
Am 22. Mai erhielt Hermine endlich eine Nachricht von einer Heilerin, die sich auf Gedächtnisveränderungen spezialisiert hatte. Ein Gespräch in London war für die folgende Woche möglich.
Sie las die Zusage zweimal und spürte gleichzeitig Erleichterung und Furcht.
Es wurde konkret. Ihre Reise nach Australien war nicht länger nur eine Liste auf Pergament. Bald würde sie tatsächlich aufbrechen.
Sie erzählte Harry und Ron davon. Harry umarmte sie, Ron fragte sofort, ob er mitkommen solle. Hermine war dankbar, doch sie bat beide, zunächst in England zu bleiben. Sie musste erst wissen, welche Hilfe sie brauchte.
Am Nachmittag ging sie zum Krankenflügel, um einige Bücher zurückzubringen.
Severus saß am Tisch. Ein Holzring steckte auf dem Stab. Neben ihm lag ein zweiter, der offenbar ebenfalls seinen Weg dorthin gefunden hatte.
„Zwei?“, fragte Hermine, bevor sie sich zurückhalten konnte.
Severus sah sie finster an.
„Entschuldigung. Ich wollte nicht—“
Er hob die linke Hand und deutete auf einen dritten Ring.
Hermine hielt den Atem an.
Severus schloss die rechten Finger darum. Die Bewegung war mühsam. Der Ring hob sich, zitterte und näherte sich dem Stab. Einen Augenblick lang schien er zu fallen.
Dann glitt er hinab.
Drei.
Hermine sagte nichts.
Severus atmete aus und ließ den Arm sinken. Schweiß stand auf seiner Stirn.
Er blickte sie an, als fordere er sie heraus, etwas Unpassendes zu sagen.
„Das war Ihre eigene Bewegung“, sagte sie schließlich.
Sein Ausdruck veränderte sich. Nur für einen Moment.
„Ja“, krächzte er.
Das Wort war rau und schmerzhaft, aber deutlich.
Hermine lächelte. „Dann lasse ich Sie jetzt ausruhen.“
Sie legte die Bücher ab. An der Tür hielt sie inne.
„Ich werde bald für eine Weile wegfahren, Professor.“
Severus blickte auf.
„Nach Australien. Meine Eltern sind dort. Ich muss etwas in Ordnung bringen.“
Er betrachtete sie lange. Dann griff er nach der Feder.
Eine schwierige Angelegenheit?
Hermine schluckte. „Ja.“
Severus schrieb langsam weiter.
Dann verschwenden Sie keine Zeit.
Sie las die Worte. Ihre Augen wurden feucht, doch sie zwang sich zu einem ruhigen Atemzug.
„Das werde ich nicht.“
Sie ging.
SEVERUS SNAPE
Severus blieb vor den drei Holzringen sitzen, bis das Licht draußen verblasste.
Miss Granger würde nach Australien reisen. Sie hatte Eltern, ein Leben außerhalb von Hogwarts und Angelegenheiten, die weit wichtiger waren als seine Genesung.
So sollte es sein.
Er empfand Erleichterung darüber. Natürlich tat er das.
Niemand würde ihn mehr ungefragt über fehlerhafte alchemistische Theorien belehren. Niemand würde mit einer Tasche voller Bücher erscheinen und so tun, als wäre sein Schweigen eine Einladung zur Diskussion.
Ein ausgezeichnetes Ergebnis.
Er betrachtete den dritten Ring.
Dann das Pergament mit der Nachricht des Ministeriums.
Die Ermittlungen würden weitergehen. Eines Tages würde er seine Aussage machen müssen, mit oder ohne funktionierende Stimme. Und er würde die Wahrheit nicht dadurch verändern können, dass er sie verschwieg.
Zum ersten Mal fragte er sich, ob es zwischen Freispruch und Verdammung noch etwas anderes geben konnte.
Verantwortung vielleicht.
Er wusste es nicht.
Severus nahm die Feder in die linke Hand und schrieb einen Satz, den er niemandem zeigen wollte:
Ich werde antworten.
Dann faltete er das Pergament zusammen.
Am nächsten Morgen würde er versuchen, vier Holzringe auf den Stab zu setzen.
Es war keine Zukunft, die er sich ausgesucht hatte.
Aber es war eine Aufgabe.
Und für diesen Abend genügte das.