Kapitel 6 – Tausende Meilen entfernt
Kapitel 6 – Tausende Meilen entfernt
25. Mai – 4. Juni 1998 | London, Hogwarts und Australien
HERMINE GRANGER
Der Koffer stand offen auf ihrem Bett. Hermine betrachtete seinen Inhalt zum fünften Mal innerhalb einer Stunde: Kleidung, Bücher, Dokumente, Heiltränke, eine Karte von Australien und die Anschrift der Gedächtnisheilerin, die sie vor zwei Tagen aufgesucht hatte. Zwischen den Sachen lag ein Foto ihrer Eltern. Ihr Vater hielt eine Tasse Tee, ihre Mutter lachte, und Hermine stand zwischen ihnen.
„Du hast deinen Koffer noch immer nicht geschlossen“, bemerkte Ron vom Türrahmen aus.
„Ich überprüfe nur, ob ich alles habe.“
„Das hast du vor zwanzig Minuten auch gesagt.“
„Und vor zwanzig Minuten hatte ich meine magische Lesebrille vergessen.“
Ron setzte sich neben sie. „Du könntest mich mitnehmen.“
„Ich weiß nicht, was mich dort erwartet“, antwortete Hermine. „Vielleicht erinnern sie sich nicht an mich. Vielleicht kann ich den Zauber nicht vollständig lösen. Vielleicht habe ich ihnen ihr ganzes Leben genommen.“
Ron griff nach ihrer Hand. „Du wolltest sie schützen.“
„Das macht es nicht ungeschehen.“
„Nein. Aber damals gab es keine gute Lösung.“
Hermine betrachtete das Foto. „Und wenn sie mir nicht verzeihen?“
Ron schwieg kurz. „Dann wird es wehtun. Aber du solltest trotzdem hingehen.“
Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Seit dem Ende des Krieges war vieles anders geworden. Während der Flucht hatten sie immer nur den nächsten Morgen erreichen müssen. Jetzt gab es unzählige Morgen, und keiner wusste, wie er sie füllen sollte.
„Schreibst du mir?“, fragte Ron.
„Natürlich.“
„Jeden Tag?“
„Ron.“
„Na gut. Jeden zweiten.“
Sie musste lächeln. Er küsste ihre Stirn. „Hol sie zurück.“
„Ich werde alles versuchen.“ Mehr konnte sie nicht versprechen.
SEVERUS SNAPE
„Nein“, krächzte Severus.
Poppy Pomfrey hob kaum den Blick. „Doch.“
Er zeigte auf den Gehstock neben dem Bett. Ein schlichtes dunkles Exemplar mit silbernem Griff. Er betrachtete ihn, als habe sie ihm eine giftige Kröte überreicht.
„Unnötig“, presste er hervor.
„Entweder der Stock oder ein Heiler an Ihrer Seite“, erwiderte Poppy. „Sie können auch im Bett bleiben. Aber ich dachte, Sie wollten den Krankenflügel verlassen.“
Severus griff nach dem Stock, lediglich um die Diskussion zu beenden. Als er aufstand, kippte die Welt. Für einen Augenblick war er wieder im Bootshaus, Blut in der Kehle, der Boden auf dem Weg zu ihm.
„Atmen“, sagte Poppy.
Er hasste dieses Wort. Dennoch holte er Luft, bis der Schwindel nachließ. Dann machte er einen Schritt. Noch einen. Beim vierten begann sein rechter Arm zu zittern, beim fünften wurde ihm schwarz vor Augen. Beim siebten knickte sein Knie ein. Poppy fing ihn mit einem Zauber ab.
Wieder im Sessel, betrachtete er die Tür. Er hatte sie nicht erreicht.
„Sieben Schritte“, sagte Poppy nur. „Gestern waren es fünf.“
Er schloss die Augen. Er wollte sich nicht darüber freuen, dass sein Körper eine Strecke bewältigt hatte, die früher nicht einmal einen Gedanken wert gewesen war. Trotzdem blieb die Zahl in seinem Kopf.
HERMINE GRANGER
London roch nach Regen. In einer ruhigen Seitenstraße suchte Hermine das Büro von Dr. Eleanor Whitcombe auf, einer Spezialistin für Gedächtnismagie.
Die ältere Hexe hörte zu, während Hermine von ihren Eltern, den neuen Namen Wendell und Monica Wilkins und den überlagerten Erinnerungen erzählte.
„Sie haben keinen einfachen Vergessenszauber angewendet“, stellte Whitcombe fest. „Sie haben eine zusammenhängende Ersatzidentität geschaffen.“
„Kann ich ihn rückgängig machen?“
„Möglicherweise.“
Hermine fühlte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Nur möglicherweise?“
„Wenn die ursprünglichen Erinnerungsstrukturen erhalten sind, haben wir eine Chance. Aber die neue Lebensgeschichte besteht seit fast einem Jahr. Auch diese Erlebnisse sind für Ihre Eltern inzwischen wirklich.“
Hermine starrte auf ihre Hände. Sie hatte eine klare Formel erhofft, eine Lösung, die sie fehlerfrei ausführen konnte. Stattdessen erhielt sie Unsicherheit.
„Arbeiten Sie nicht allein an ihren Erinnerungen“, sagte Whitcombe. „Ich habe eine Kollegin in Melbourne kontaktiert. Dr. Catherine Bellamy kann Sie unterstützen.“ Sie reichte Hermine einen Brief.
„Danke.“
„Und rechnen Sie damit, dass Ihre Eltern Zeit brauchen. Selbst wenn die Erinnerungen zurückkehren.“
Hermine nickte. Mit dem Kopf verstand sie es. Mit dem Herzen noch nicht.
SEVERUS SNAPE
Minerva brachte drei dicke Mappen in den Krankenflügel. „Vorläufige Ermittlungsunterlagen“, erklärte sie. „Noch keine Anklageschrift. Und ich habe Kingsley gesagt, dass du einen Rechtsbeistand brauchst.“
Severus schlug die erste Mappe auf. Mögliche Anklagepunkte: frühere Todessermitgliedschaft, Unterstützung Voldemorts, die Tötung Dumbledores, mögliche Mitverantwortung für Misshandlungen von Schülern während seiner Amtszeit.
Dann folgten Zeugenaussagen. Eine war von Neville Longbottom. Er schilderte die Strafen unter den Carrows und die Angst, in der die Schüler gelebt hatten.
Ein Satz hielt Severus fest: „Professor Snape war Schulleiter. Ich weiß nicht, wie viel er verhindern konnte. Aber er war verantwortlich für die Schule, während das geschah.“
Verantwortlich. Ja. Das war er gewesen. Selbst wenn er versucht hatte, Schlimmeres zu verhindern. Selbst wenn offene Gegenwehr seine Tarnung zerstört hätte. Er war Schulleiter gewesen, und Schüler hatten gelitten.
Er schrieb mit der linken Hand: „Die Aussagen sind zutreffend.“
Minerva las. „Dass die Schüler gelitten haben, ja. Das heißt nicht, dass du jede Tat gebilligt oder angeordnet hast.“
„Ich war verantwortlich“, schrieb er.
„Das warst du. Aber unter einem Regime, das dich jederzeit hätte töten können. Das ist keine Entschuldigung, aber ein Umstand, den das Gericht berücksichtigen muss.“
Sie legte ihm einen Namen hin: Miriam Ashcombe, eine erfahrene Verteidigerin.
„Unnötig“, schrieb Severus.
Minerva nahm die Feder und schrieb darunter: „Doch.“
Er funkelte sie an.
„Sie kommt am Freitag. Du kannst sie danach immer noch fortschicken.“
Als sie gegangen war, betrachtete Severus die Akten. Er wusste, dass er Schuld trug. Zum ersten Mal fragte er sich, ob er überhaupt verstanden hatte, wofür.
HERMINE GRANGER
Am Morgen des 29. Mai verabschiedete sich Hermine von Hogwarts. Harry umarmte sie und versprach, zu schreiben. Ron hielt sie länger fest. „Du kommst zurück?“
„Ja. Aber ich weiß noch nicht, wann.“
Er küsste sie. Es war ein vertrauter, zärtlicher Kuss. Trotzdem wusste Hermine, dass sie nach dem Krieg erst herausfinden mussten, wer sie außerhalb von Angst und Flucht waren.
„McGonagall hat erzählt, dass das Ministerium gegen Snape ermittelt“, sagte Harry.
„Ich weiß.“
„Ich werde aussagen. Und übrigens: Er hat mich gefragt, ob du schon abgereist bist.“
Hermine sah überrascht auf. „Professor Snape?“
„Er hat es aufgeschrieben. Ich habe ihm gesagt, dass du morgen fliegst. Mehr hat er nicht gesagt.“
Hermine nickte. Mehr hatte sie auch nicht erwartet.
SEVERUS SNAPE
Miss Granger war fort. Der Krankenflügel war dadurch keineswegs ruhiger. Poppy schimpfte, Fenwick brachte Holzringe, Minerva brachte Zeitungen. Dennoch fehlte etwas: das Rascheln ihrer Bücher, ihre empörten Einwände gegen fehlerhafte Theorien, ihre hartnäckigen Fragen.
Auf seinem Nachttisch lag noch das Buch über Gegengifte. Er hatte es zweimal gelesen und auf einem Pergament die Irrtümer der Autorin notiert, um sie Miss Granger bei ihrem nächsten Besuch vorzuhalten. Nun steckte das Blatt ungenutzt zwischen den Seiten.
Sie war eine ehemalige Schülerin mit wichtigeren Aufgaben. Und er hatte Besseres zu tun, als darüber nachzudenken, ob sie gut angekommen war.
Er griff nach einem Holzring. Der erste gelang. Der zweite auch. Beim vierten versagten die Finger. Er hob ihn erneut auf.
HERMINE GRANGER
Melbourne empfing sie mit kaltem Regen. Die Menschen auf den Straßen wussten nichts von Hogwarts, Voldemort oder der Schlacht. Zum ersten Mal seit Monaten war sie einfach eine junge Frau in einer fremden Stadt. Statt Erleichterung fühlte sie Einsamkeit.
Dr. Catherine Bellamy prüfte die Unterlagen. „Sie haben die Erinnerungen Ihrer Eltern überlagert, nicht vollständig gelöscht. Das ist gut. Aber wir müssen auch ihre Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr achten.“
„Ich möchte nicht, dass sie noch mehr verlieren.“
„Dann müssen wir ihnen die Möglichkeit geben, selbst mitzuentscheiden.“
Hermine schluckte. Sie hatte ihnen die Entscheidung damals genommen, um sie zu schützen. Sie durfte es nicht erneut tun.
Bellamy reichte ihr eine Adresse. „Wir finden sie zuerst. Dann sprechen wir mit ihnen.“
Hermine betrachtete die Karte. Ihre Eltern waren nur wenige Straßen entfernt.
SEVERUS SNAPE
Miriam Ashcombe war eine unangenehme Frau, beschloss Severus. Sie sah ihn weder als Monster noch als Helden an, sondern schlicht als Mandanten.
„Sie haben mehrfach erklärt, schuldig zu sein“, sagte sie. „Wessen genau?“
Todessermitgliedschaft? Er nickte. Die Prophezeiung? Er nickte. Dumbledores Tod? Wieder ein Nicken.
„Und wenn Dumbledore Sie ausdrücklich darum gebeten hat, ihn zu töten, weil er bereits im Sterben lag und ein größeres Ziel verfolgt wurde?“
Severus schrieb: „Er ist tot.“
„Ja. Aber das verändert die rechtliche Bewertung. Ihre Schuldgefühle sind kein Ersatz für eine Beweisaufnahme.“
Er funkelte sie an.
„Ich werde Sie nicht trösten und Ihnen keinen Freispruch versprechen. Aber ein Gericht muss unterscheiden zwischen dem, was Sie taten, was Sie verhindern konnten und was außerhalb Ihrer Kontrolle lag.“
Nach langem Schweigen schrieb Severus: „Was benötigen Sie?“
„Ihre vollständige Aussage. Nicht nur die Teile, die Sie belasten.“
Severus schloss die Augen. Es würde eine lange Woche werden.
HERMINE GRANGER
Das Haus hatte einen blauen Gartenzaun. Hinter ihm wuchsen Rosen. Auf der Fensterbank stand ein kleiner Keramikelefant, den ihre Mutter vor Jahren gekauft hatte.
Hermine stand auf der anderen Straßenseite und konnte sich nicht bewegen.
Die Haustür ging auf. Ihre Mutter trat hinaus, ein wenig älter, mit einer hellen Jacke und einem Korb in der Hand. Sie holte Briefe aus dem Kasten und blickte die Straße entlang.
Ihr Blick glitt über Hermine.
Ohne Erkennen.
Ohne Zögern.
Hermine spürte, wie etwas in ihr zerbrach. Sie hatte gewusst, dass es so sein würde. Doch nichts hatte sie auf den Augenblick vorbereitet, in dem ihre Mutter sie ansah wie irgendeine Fremde.
Als die Haustür wieder zufiel, liefen ihr Tränen über das Gesicht.
Dr. Bellamy trat neben sie. „Wir müssen heute nicht klingeln.“
„Sie hat mich angesehen“, flüsterte Hermine. „Und sie wusste nicht, wer ich bin.“
Bellamy wartete. Dann sagte sie: „Wir können ihnen helfen, ihre Geschichte wiederzufinden. Aber wir dürfen nichts erzwingen.“
Hermine blickte lange auf die Tür. „Morgen.“
„Morgen.“
Sie hatte ihre Eltern gefunden. Noch nie waren sie ihr so weit entfernt gewesen.
SEVERUS SNAPE
Am 4. Juni erreichte Severus zum ersten Mal allein die Tür des Krankenflügels. Poppy stand einige Schritte hinter ihm und schwieg.
Der Stock klopfte auf den Boden. Jeder Schritt schmerzte. Aber sein Kreislauf blieb stabil. Als er die Tür erreichte, legte er die linke Hand auf den Rahmen.
Dahinter lag ein leerer Korridor. Sonnenlicht fiel durch die Fenster. Ein ganz gewöhnlicher Gang in Hogwarts, den er betrachtete, als hätte er ihn nie zuvor gesehen.
„Möchten Sie hinaus?“, fragte Poppy.
Er nickte. Ein Schritt über die Schwelle. Der Stock berührte den Stein des Korridors.
Draußen lagen der See und die Berge. Die Welt war weitergegangen, ohne Albus, ohne Voldemort, ohne den Krieg, der sein Leben bestimmt hatte.
Severus wusste noch immer nicht, was er mit dieser Welt anfangen sollte. Aber zum ersten Mal hatte er sie wieder betreten.
Vielleicht war das ein Anfang.