Kapitel 7 – Fremde Erinnerungen
Kapitel 7 – Fremde Erinnerungen
5.–12. Juni 1998 | Melbourne, Australien und Hogwarts, Schottland
HERMINE GRANGER
Hermine hatte sich vorgestellt, dass sie mutig sein würde. Nicht so, wie Harry mutig gewesen war, als er sich Voldemort gestellt hatte. Nur mutig genug, um zwölf Schritte über einen Gartenweg zu gehen und an einer Tür zu klingeln.
Neben ihr wartete Dr. Catherine Bellamy. Die Heilerin hatte ihr versprochen, nichts ohne die Zustimmung ihrer Eltern zu unternehmen.
»Und wenn sie mich nicht sehen wollen?«, fragte Hermine.
»Dann gehen wir. Sie haben ein Recht, um ein Gespräch zu bitten, aber nicht, eines zu erzwingen.«
Hermine hatte ihren Eltern bereits einmal die Entscheidung genommen. Sie wollte nicht mit einer zweiten Grenzüberschreitung beginnen.
Sie klingelte. Die Tür öffnete sich, und ihre Mutter stand vor ihr.
»Guten Morgen. Kann ich Ihnen helfen?«
Es war ihre Stimme, ihre vertraute Stimme. Aber das Lächeln war das einer Frau, die einer Fremden die Tür öffnete.
Bellamy stellte sie vor. Im Hintergrund erschien Hermines Vater. »Monica? Wer ist denn da?«
Die Namen, die Hermine ihnen gegeben hatte, klangen wie eine Anklage.
»Geht es Ihnen gut, Liebes?«, fragte ihre Mutter, als Hermine die Tränen nicht länger zurückhalten konnte.
Hermine schüttelte den Kopf. »Nicht besonders.«
Ihr Vater trat beiseite. »Dann kommen Sie erst einmal herein.«
Das Wohnzimmer roch nach Kaffee. Auf dem Kaminsims standen Fotos aus Australien. Ihre Eltern hatten weitergelebt, gelacht und Erinnerungen gesammelt, die nicht die ihren waren. Hermine wusste nicht, ob sie darüber froh sein durfte.
»Kennen wir uns?«, fragte ihr Vater.
»Ja«, antwortete Hermine. »Sehr gut sogar.«
Sie legte ein Foto aus ihrem alten Garten auf den Tisch. Darauf standen ihre Eltern und zwischen ihnen ein jüngeres Mädchen.
»Wer ist das?«, fragte ihre Mutter.
»Ich.«
Ihr Vater sah sie skeptisch an. »Wir haben nie in England gelebt.«
»Doch. Aber Sie erinnern sich nicht daran.«
Bellamy erklärte vorsichtig, was Gedächtnismagie bewirken konnte. Als sie das Wort Magie aussprach, stand Hermines Vater auf.
»Das reicht.«
»Dad—«
Er erstarrte. »Wie haben Sie mich genannt?«
Hermine presste die Hand auf den Mund. Sie erzählte von England, Hogwarts, dem Krieg, der Gefahr und dem Zauber, den sie selbst gesprochen hatte. Sie verschwieg nicht, dass sie ihnen die Entscheidung genommen hatte.
»Sie behaupten, unsere Tochter zu sein?«, fragte er schließlich.
»Ja.«
»Und Sie haben entschieden, dass wir sie vergessen sollen? Ohne uns zu fragen?«
»Ja«, flüsterte Hermine.
Ihre Mutter weinte. »Ich verstehe das nicht.«
Hermine wollte sie umarmen, blieb aber stehen. »Ich weiß.«
»Wir brauchen Zeit«, sagte ihr Vater.
Bellamy nickte. »Und Sie können unabhängige Hilfe erhalten. Sie müssen uns nicht einfach glauben.«
Hermine ging zur Tür. Ihre Mutter hielt das Foto in der Hand.
»Hermine? Darf ich das behalten?«
Hermine nickte, obwohl sie kaum noch sprechen konnte.
Draußen weinte sie an Bellamys Schulter. Das Foto war geblieben. Ihre Mutter hatte ihren Namen ausgesprochen. Für heute musste das genügen.
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SEVERUS SNAPE
Heiler Fenwick ließ Severus wieder und wieder denselben Gang entlanggehen. Der Gehstock klopfte auf die Steinplatten. Seine Beine zitterten, und der rechte Arm schmerzte bei jedem Schritt.
»Achten Sie auf die Schulter«, sagte Fenwick.
Severus korrigierte seine Haltung. Er hatte gelernt, den Stock nicht mehr offen zu verachten. Notwendig blieb er trotzdem.
Zwei Ravenclaw-Schüler kamen aus einem Seitenkorridor. Als sie ihn erblickten, verstummten sie. Der Junge sah auf den Gehstock, das Mädchen auf die Narbe an seinem Hals.
»Professor Snape«, sagte der Junge stockend.
Severus neigte den Kopf und bedeutete ihnen weiterzugehen. Sie beeilten sich. Das Mädchen hatte ihn angesehen, als könne er jeden Augenblick den Zauberstab gegen sie erheben.
Er kannte diesen Blick. Früher hatte er ihn für nützlich gehalten. Jetzt fragte er sich, ob er je wieder etwas anderes in den Gesichtern seiner Schüler sehen würde.
»Möchten Sie zurück?«, fragte Fenwick.
Severus schüttelte den Kopf und ging weiter.
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HERMINE GRANGER
Zwei Tage vergingen bis zum nächsten Gespräch. Hermine verbrachte sie im Hotel, ohne ein einziges Buch zu öffnen. Stattdessen betrachtete sie Fotos: ihre Mutter bei ihrer Einschulung, ihren Vater an Weihnachten, sich selbst mit einem viel zu großen Fahrrad.
Ihre Eltern baten um ein weiteres Treffen. Sie wollten Fragen stellen.
»Wie hieß unsere Zahnarztpraxis?«, fragte ihr Vater.
Hermine antwortete.
»Wer wohnte neben uns in England?«
Auch darauf wusste sie die Antwort.
»Was haben wir Ihnen zum elften Geburtstag geschenkt?«
»Bücher. Und ein Fahrradschloss. Dad war überzeugt, ich würde mein Fahrrad vergessen, weil ich zu viel lese.«
Ein kurzes Lächeln ging über sein Gesicht. »Das klingt nach mir.«
Ihre Mutter nahm das Gartenfoto. »Waren wir glücklich?«
»Ja. Nicht immer. Wir haben auch gestritten. Ich war ziemlich anstrengend.«
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte ihre Mutter, und für einen Moment klang sie wie früher.
Dann fragte sie: »Hatten wir damals eine Wahl?«
Hermine wollte von Voldemort und den Todessern erzählen. Aber die Frage verlangte keine Erklärung des Krieges.
»Ich habe Ihnen keine gelassen.«
»Warum?«
»Weil ich Angst hatte, Sie würden mich aufhalten. Und weil ich nicht ertragen hätte, wenn Ihnen etwas zugestoßen wäre.«
»Das war nicht fair.«
»Nein.«
Ihre Eltern wollten eine unabhängige Untersuchung. Sie wollten selbst entscheiden, ob sie die ursprünglichen Erinnerungen zurückholen ließen. Hermine sagte zu. Sie wusste, dass sie kein Recht hatte, sie erneut zu drängen.
Als ihre Mutter unsicher ein Stück näher rückte, blieb Hermine sitzen. Zwischen ihnen lag ein schmerzlicher Abstand. Sie versuchte nicht, ihn gewaltsam zu überwinden.
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SEVERUS SNAPE
Miriam Ashcombe war eine Anwältin, die keine einfachen Fragen stellte.
»Die Carrows haben Schüler misshandelt. Sie haben davon gewusst?«
Severus schrieb mit der linken Hand: Ja.
»Haben Sie versucht, es zu verhindern?«
Er dachte an Straflisten, an die Carrows, an die Nächte in seinem Büro und an die ständige Gefahr, von Voldemort enttarnt zu werden.
Wo es möglich war, schrieb er.
»Was bedeutet das konkret?«
Er nannte veränderte Strafen, Warnungen an Familien, die Behandlung verletzter Schüler und Entscheidungen, mit denen er Jugendliche aus der Reichweite der Carrows gebracht hatte.
»Können Sie das belegen?«
Teilweise.
»Dann benötigen wir Namen und Daten.«
Severus schrieb: Es gab Schüler, denen ich nicht helfen konnte.
»Ja«, sagte Ashcombe. »Aber wir müssen unterscheiden zwischen dem, was Sie getan haben, und dem, was Sie nicht verhindern konnten.«
Er blickte auf das Pergament. Für ihn hatten sich diese Dinge seit Monaten nicht mehr voneinander trennen lassen.
Ashcombe schlug die Akte Neville Longbottom auf. »Sie haben Longbottom, Lovegood und Weasley nach dem Versuch, das Schwert zu stehlen, zu Hagrid geschickt. Warum?«
Weil Hagrid ihnen nichts antun würde.
»Obwohl die Carrows härtere Strafen verlangt hatten?«
Ja.
»Das gehört zu Ihrer Verteidigung.«
Severus schrieb: Drei Schüler entschuldigen nicht, was den anderen geschehen ist.
»Nein«, antwortete Ashcombe. »Aber sie gehören zur Wahrheit. Sie müssen nicht alles auslassen, was zu Ihren Gunsten spricht.«
Sie schob ihm ein leeres Pergament hin. Severus nahm die Feder. Es wurde ein langer Nachmittag.
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HERMINE GRANGER
In Dr. Bellamys Praxis wartete Hermine auf die Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchung. Ihre Eltern waren im Nebenraum. Sie hatte darum gebeten, nicht anwesend zu sein.
Als Bellamy zurückkam, sprang sie auf.
»Die ursprünglichen Erinnerungsstrukturen sind noch vorhanden«, sagte die Heilerin. »Wir können nicht garantieren, dass alles vollständig zurückkehrt. Aber die Voraussetzungen sind ermutigend.«
Hermine hielt die Hand vor den Mund.
»Ihre Eltern möchten sich die Möglichkeiten eines schrittweisen Verfahrens erklären lassen. Die neuen Erinnerungen und Erfahrungen werden dabei nicht einfach ausgelöscht.«
»Das ist gut«, flüsterte Hermine.
»Und sie möchten Sie morgen wiedersehen. Bringen Sie ein Fotoalbum aus Ihrer Kindheit mit.«
Hermine weinte, diesmal vor Erleichterung. Sie hatte ein solches Album. Sie hatte es heimlich vor der Flucht eingepackt.
Zum ersten Mal seit Wochen fühlte sich ihre Aufgabe nicht mehr unmöglich an.
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SEVERUS SNAPE
Der Albtraum begann mit einem Zischen. Severus stand wieder im Bootshaus. Seine Beine gehorchten nicht, sein Zauberstab war fort, und aus der Dunkelheit glitt Nagini.
Er erwachte keuchend. Sein Hals brannte. Die Luft schien nicht in seine Lungen gelangen zu wollen.
Poppy war sofort da. »Severus. Sehen Sie mich an. Sie sind in Hogwarts. Es ist vorbei.«
Er schüttelte den Kopf. Sein Körper glaubte ihr nicht.
»Ihre Atemwege sind frei. Folgen Sie meinem Atemrhythmus.«
Er hasste die Hilflosigkeit. Erst nach mehreren Minuten wurde sein Atem ruhiger.
»Ein Albtraum?«, fragte sie.
Er nickte.
»Ich könnte Ihnen einen Schlaftrank geben.«
Er schüttelte den Kopf.
»Dann bleibe ich ein wenig hier.«
Sie nahm ein Buch und setzte sich neben ihn, ohne Fragen zu stellen. Severus wandte das Gesicht ab. Er war dankbar, und auch das ärgerte ihn.
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SEVERUS SNAPE
Am 12. Juni erhielt Severus einen weiteren Brief seiner Anwältin. Das Ministerium verlangte Unterlagen über seine frühere Zugehörigkeit zu den Todessern und die Weitergabe der Prophezeiung.
Er las die Liste zweimal. Er hatte gewusst, dass auch Lily Potters Tod wieder vor ihm liegen würde, schwarz auf weiß, als Gegenstand einer Beweisaufnahme.
Auf dem Nachttisch lag das Buch über Gegengifte. Zwischen den Seiten steckte Miss Grangers Notiz: Vielleicht können wir bei meinem nächsten Besuch darüber diskutieren.
Severus dachte kurz an Australien. An eine junge Frau, die ihrer Familie gegenübertreten musste, ohne zu wissen, ob sie ihr vergeben würde. Er wusste nicht, wie es ihr ging. Es ging ihn nichts an.
Er legte das Buch weg und zog leeres Pergament heran. Dann schrieb er die Ereignisse des vergangenen Schuljahres auf. Namen, Daten, Entscheidungen. Was er getan hatte. Was er verhindert hatte. Was er nicht verhindert hatte. Was andere getan hatten.
Vier Seiten füllte er, bevor Mitternacht schlug.
Keine Rechtfertigung. Noch keine Verteidigung. Aber ein Anfang.
Er legte beide Hände auf den Tisch. Die rechte zitterte. Die linke hielt sie ruhig.
Zum ersten Mal ließ er sie dort liegen, ohne eine davon zu verstecken.