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Kapitel 8 – Was bleibt, wenn man sich erinnert

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Kapitel 8 – Was bleibt, wenn man sich erinnert

13.–20. Juni 1998 | Melbourne, Australien und Hogwarts, Schottland

Hermine Granger

Es war ein merkwürdiges Gefühl, der eigenen Mutter gegenüberzusitzen und darauf zu warten, dass sie sich an einen erinnerte.

Hermine hatte in ihrem Leben schon viele Prüfungen abgelegt. Sie hatte stundenlang über Büchern gebrütet, Zauberformeln wiederholt, bis sie sie im Schlaf aufsagen konnte, und sich mit einer beinahe krankhaften Gründlichkeit auf jede erdenkliche Frage vorbereitet.

Doch auf diese Prüfung gab es keine Vorbereitung.

Sie saß in einem hellen Behandlungszimmer in Melbourne, die Hände fest ineinander verschränkt, während ihre Mutter auf einem Sessel gegenüber Platz genommen hatte.

Ihr Vater saß neben ihr.

Dr. Catherine Bellamy stand am Fenster und überprüfte die Schutzzauber des Raumes.

„Bevor wir beginnen“, sagte die Heilerin, „möchte ich noch einmal betonen, dass Sie beide jederzeit abbrechen können.“

Hermines Mutter nickte.

Ihr Vater betrachtete skeptisch die silbernen Linien, die sich über den Boden zogen.

„Und das soll wirklich helfen?“

„Die Schutzzauber verhindern, dass während der Untersuchung unkontrollierte Erinnerungsfragmente aufbrechen“, erklärte Bellamy. „Wir werden zunächst nur prüfen, welche ursprünglichen Erinnerungen erreichbar sind.“

„Und danach?“

„Danach entscheiden wir gemeinsam über den nächsten Schritt.“

Hermine war dankbar für dieses Wort.

Gemeinsam.

Es war etwas, das sie ihren Eltern vor einem Jahr nicht zugestanden hatte.

Ihre Mutter drehte sich zu ihr.

„Sie sehen furchtbar nervös aus.“

Hermine versuchte zu lächeln.

„Das bin ich auch.“

„Sie müssen keine Angst haben.“

Hermine hätte beinahe gelacht.

Ihre Mutter wusste nicht, wie oft sie diesen Satz früher zu ihr gesagt hatte.

Vor ihrer ersten Fahrt nach Hogwarts.

Vor einer schwierigen Prüfung.

Als Hermine mit neun Jahren vom Fahrrad gefallen war und sich geweigert hatte, wieder aufzusteigen.

Sie senkte den Blick.

„Ich weiß.“

Bellamy trat näher.

„Mrs Wilkins, wenn Sie bereit sind, würde ich beginnen.“

Ihre Mutter nickte.

Die Heilerin hob den Zauberstab.

Ein sanftes, silbernes Licht breitete sich im Raum aus.

Hermine hielt den Atem an.

Bellamy sprach leise eine Reihe komplizierter Zauberformeln. Die silbernen Linien auf dem Boden begannen zu schimmern.

Hermines Mutter schloss die Augen.

Zunächst geschah nichts.

Dann runzelte sie die Stirn.

„Seltsam.“

Bellamy senkte den Zauberstab ein wenig.

„Was nehmen Sie wahr?“

„Einen Garten.“

Hermine erstarrte.

„Können Sie ihn beschreiben?“

„Er ist klein. Es gibt einen Apfelbaum. Und …“

Ihre Mutter schwieg.

Hermine spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

Der Apfelbaum.

Ihr alter Garten.

„Da ist ein Kind“, flüsterte ihre Mutter.

Hermine presste die Hände zusammen.

„Ein kleines Mädchen. Vielleicht vier oder fünf Jahre alt.“

Bellamy blieb ruhig.

„Was tut das Mädchen?“

Ein schwaches Lächeln erschien auf dem Gesicht ihrer Mutter.

„Sie sitzt im Gras. Sie hat ein Buch.“

Hermine schloss die Augen.

Natürlich hatte sie ein Buch.

„Sie kann noch gar nicht richtig lesen“, murmelte ihre Mutter. „Aber sie tut so, als könnte sie es.“

Eine Träne lief Hermine über die Wange.

Ihre Mutter öffnete plötzlich die Augen.

Das silberne Licht erlosch.

Sie sah verwirrt aus.

„Was war das?“

Bellamy setzte sich.

„Eine Erinnerung.“

„Aber …“

Ihre Mutter blickte zu Hermine.

Lange.

Sehr lange.

„War das …“

Hermine konnte kaum sprechen.

„Ja.“

Ihre Mutter schluckte.

„Waren Sie das?“

Hermine nickte.

„Ja, Mom.“

Das Wort war herausgerutscht.

Sie bemerkte es erst, als ihre Mutter zusammenzuckte.

Hermine senkte sofort den Blick.

„Entschuldigung.“

Ihre Mutter antwortete nicht.

Stattdessen sah sie auf ihre eigenen Hände.

Dann sagte sie leise:

„Ich erinnere mich an den Apfelbaum.“

Hermine begann zu weinen.

Nicht laut.

Nicht verzweifelt.

Nur ein paar Tränen, die sie nicht zurückhalten konnte.

Es war nicht viel.

Ein Baum.

Ein Garten.

Ein kleines Mädchen mit einem Buch.

Aber zum ersten Mal seit fast einem Jahr gehörte ein Stück ihrer gemeinsamen Vergangenheit wieder ihnen beiden.

---

Severus Snape

„Sie haben einen Bericht zurückgehalten.“

Miriam Ashcombe sprach den Satz ohne jede Einleitung aus.

Severus hob langsam den Blick.

Sie saß ihm gegenüber, eine Mappe auf den Knien.

Der Krankenflügel war beinahe leer. Poppy hatte ihm erlaubt, die Besprechung in einem kleinen angrenzenden Zimmer abzuhalten, solange sie nicht länger als eine Stunde dauerte.

Severus war fest entschlossen, diese Zeitspanne zu überschreiten.

Ashcombe schien ebenso entschlossen, ihn daran zu hindern.

„Ich habe die Unterlagen der Schulverwaltung überprüft“, fuhr sie fort. „Dabei ist mir aufgefallen, dass mehrere Disziplinarberichte aus dem vergangenen Schuljahr fehlen.“

Severus schwieg.

„Nicht zufällig. Sie wurden gezielt aus dem offiziellen Register entfernt.“

Er griff nach der Feder.

Beweise?

Ashcombe schob ihm ein Pergament hin.

Darauf standen mehrere Namen.

Schüler.

Strafen.

Daten.

Severus erkannte die Einträge sofort.

Sein Gesicht wurde ausdruckslos.

„Diese Schüler wurden von den Carrows bestraft“, sagte Ashcombe. „Aber in den offiziellen Unterlagen sind die Vorfälle nicht mehr aufgeführt.“

Severus schrieb:

Ich habe sie entfernt.

Ashcombe nickte.

„Das dachte ich mir.“

Er sah sie an.

Sie verschränkte die Arme.

„Warum?“

Severus blickte auf die Namen.

Er erinnerte sich an eine Nacht im November.

An einen Jungen aus Hufflepuff, der sich geweigert hatte, einen Mitschüler mit dem Cruciatus-Fluch zu bestrafen.

Amycus Carrow hatte ihn daraufhin selbst gefoltert.

Severus hatte den Jungen später in den Krankenflügel bringen lassen.

Der Bericht war in der offiziellen Akte gelandet.

Mit dem Vermerk:

Wiederholter Ungehorsam. Weitere Disziplinarmaßnahmen empfohlen.

Severus hatte den Eintrag entfernt.

Weil er wusste, was geschehen würde, wenn Voldemorts Leute bei einer späteren Überprüfung erneut auf den Namen stießen.

Er schrieb langsam:

Um weitere Strafen zu verhindern.

Ashcombe las die Antwort.

„Sie haben also die Unterlagen manipuliert, um Schüler vor erneuten Übergriffen zu schützen?“

Severus nickte.

„Und weshalb haben Sie mir das nicht gesagt?“

Er sah sie an.

Dann schrieb er:

Weil die erste Strafe trotzdem stattgefunden hat.

Ashcombe betrachtete ihn lange.

„Professor Snape.“

Er wandte den Blick ab.

„Ich beginne zu verstehen, weshalb Professor McGonagall Sie als den schwierigsten Mandanten bezeichnet hat, den ich jemals vertreten werde.“

Severus hob eine Augenbraue.

Ashcombe lächelte nicht.

„Sie scheinen ernsthaft zu glauben, dass jede Handlung, mit der Sie jemanden geschützt haben, bedeutungslos wird, sobald Sie nicht alle retten konnten.“

Er schrieb:

Die Verletzungen bleiben.

„Ja.“

Ihre Antwort kam sofort.

„Das tun sie.“

Severus sah auf.

„Aber auch die Menschen, die durch Ihre Entscheidungen möglicherweise vor weiteren Verletzungen bewahrt wurden, bleiben.“

Er schwieg.

Ashcombe schlug eine neue Seite auf.

„Ich möchte mit Madam Pomfrey sprechen.“

Severus' Blick wurde scharf.

„Sie war während des gesamten Schuljahres hier. Sie könnte bestätigen, welche Schüler verletzt wurden und welche Maßnahmen Sie ergriffen haben.“

Severus schüttelte den Kopf.

Ashcombe seufzte.

„Weshalb nicht?“

Er schrieb:

Sie wusste nicht alles.

„Dann kann sie nur über das aussagen, was sie wusste.“

Severus presste die Lippen zusammen.

„Ich werde niemandem Worte in den Mund legen“, sagte Ashcombe. „Aber ich werde auch nicht zulassen, dass Sie relevante Beweise verschweigen, nur weil Sie glauben, keine Verteidigung verdient zu haben.“

Severus betrachtete die Akten.

Eine lange Stille entstand.

Schließlich schrieb er:

Sie können mit ihr sprechen.

Ashcombe nickte.

„Gut.“

Sie machte sich eine Notiz.

Dann blickte sie wieder auf.

„Und morgen sprechen wir über die Prophezeiung.“

Severus erstarrte.

Die Feder lag plötzlich schwer in seiner Hand.

Ashcombe bemerkte es.

Ihre Stimme wurde ruhiger.

„Ich weiß, dass dieses Thema schwierig ist.“

Severus starrte sie an.

Schwierig.

Ein lächerlich kleines Wort.

Für den Tod einer Frau.

Für den Tod ihrer Familie.

Für den Augenblick, in dem sein Leben endgültig in zwei Hälften zerbrochen war.

Er legte die Feder ab.

Ashcombe schloss ihre Mappe.

„Für heute reicht es.“

Severus widersprach nicht.

---

Hermine Granger

Am Abend saß Hermine allein in ihrem Hotelzimmer.

Vor ihr lag ein Brief an Harry und Ron.

Sie hatte ihn bereits dreimal begonnen.

Jedes Mal war sie an derselben Stelle stecken geblieben.

Mom hat sich erinnert.

Es klang so endgültig.

So vollständig.

Dabei war es nur ein winziger Ausschnitt gewesen.

Ein Garten.

Ein Apfelbaum.

Ein Kind mit einem Buch.

Ihre Mutter hatte sich danach erschöpft gefühlt und kaum noch sprechen wollen.

Ihr Vater hatte während der gesamten Behandlung schweigend dagesessen.

Er hatte seine Frau angesehen, als versuche er zu verstehen, ob er gerade etwas Wunderbares oder etwas Beängstigendes miterlebt hatte.

Vielleicht war es beides.

Hermine griff erneut zur Feder.

Lieber Harry, lieber Ron,

heute haben wir mit der Wiederherstellung begonnen. Es ist noch ein sehr langer Weg, aber Mom hat sich an unseren alten Garten erinnert. An den Apfelbaum. Und an mich als kleines Mädchen.

Sie hielt inne.

Dann schrieb sie weiter.

Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen darf, solange sie noch so verwirrt ist. Aber ich tue es trotzdem.

Ein Tropfen fiel auf das Pergament.

Hermine wischte sich über die Wange.

Sie hatte nicht bemerkt, dass sie weinte.

Dad ist vorsichtig. Ich glaube, er hat Angst davor, was noch zurückkommen könnte. Und ich kann es ihm nicht verdenken.

Sie legte die Feder ab.

Draußen rauschte der Verkehr.

Irgendwo lachte jemand.

Die Welt war voller gewöhnlicher Geräusche.

Hermine hatte vergessen, wie beruhigend das sein konnte.

Sie nahm die Feder wieder auf.

Bitte macht euch keine Sorgen. Ich bin in guten Händen. Und ich werde erst zurückkommen, wenn ich weiß, dass meine Eltern die Hilfe bekommen, die sie brauchen.

Sie unterschrieb.

Dann faltete sie den Brief.

Doch bevor sie ihn versiegelte, fügte sie einen letzten Satz hinzu.

Harry, falls du Professor Snape siehst, sag ihm bitte, dass ich die Abhandlung über Gegengifte inzwischen vollständig gelesen habe. Und dass ich bei Kapitel sieben weiterhin anderer Meinung bin.

Hermine betrachtete die Worte.

Dann schüttelte sie lächelnd den Kopf.

Es war vollkommen unnötig.

Vermutlich würde Severus Snape darüber nur die Augen verdrehen.

Aber vielleicht würde es ihn für einen Augenblick von den Dingen ablenken, die ihn beschäftigten.

Sie versiegelte den Brief.

Und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Australien schlief sie ein, ohne zuvor stundenlang an die Decke zu starren.

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Severus Snape

Der Brief aus Australien erreichte Hogwarts drei Tage später.

Severus bekam ihn nicht zu sehen.

Harry Potter erschien lediglich im Krankenflügel, setzte sich ungefragt auf den Stuhl neben seinem Bett und erklärte:

„Hermine hat geschrieben.“

Severus hob den Blick von seiner Lektüre.

Potter schien die Geste als Aufforderung zum Weiterreden zu verstehen.

Ein bedauerliches Missverständnis.

„Ihre Mutter erinnert sich an erste Dinge aus ihrem früheren Leben. Es geht wohl langsam voran.“

Severus betrachtete den Jungen.

Dann griff er nach seinem Pergament.

Weshalb erzählen Sie mir das?

Potter las die Frage.

„Weil sie etwas für Sie ausrichten lässt.“

Severus erstarrte.

„Sie hat die Abhandlung über Gegengifte gelesen.“

Potter zog ein gefaltetes Blatt hervor.

„Und sie sagt, dass Sie bei Kapitel sieben unrecht haben.“

Severus starrte ihn an.

Dann streckte er die linke Hand aus.

Potter gab ihm den Zettel.

Darauf stand in Hermines ordentlicher Handschrift:

Professor Snape,

falls Harry diese Nachricht tatsächlich überbringt, möchte ich darauf hinweisen, dass die Temperaturabhängigkeit der Reaktion zwar im Anhang berücksichtigt wird, die eigentliche Schlussfolgerung in Kapitel sieben dadurch aber keineswegs überzeugender wird.

Ich bleibe bei meiner Auffassung.

H. Granger

Severus las die Nachricht zweimal.

Dann griff er nach seiner Feder.

Potter wartete.

Severus schrieb langsam:

Miss Granger hat offenbar auch auf der anderen Seite der Welt noch Schwierigkeiten mit dem Textverständnis.

Potter grinste.

„Soll ich ihr das schreiben?“

Severus schob ihm das Pergament zu.

Selbstverständlich.

Potter nahm es.

Dann wurde er ernst.

„Ich wollte Ihnen außerdem etwas sagen.“

Severus' Miene verfinsterte sich.

Das war selten ein gutes Zeichen.

„Mrs Ashcombe hat mit mir gesprochen. Wegen Ihrer Verteidigung.“

Severus schloss die Augen.

„Sie wollte wissen, ob ich bereit wäre, meine Erinnerungen zur Verfügung zu stellen.“

Er öffnete sie wieder.

Potter sah ihn an.

„Ich habe zugestimmt.“

Severus griff nach der Feder.

Sie hätten warten sollen.

Potter las die Worte.

„Worauf?“

Severus schrieb:

Bis man Sie offiziell darum bittet.

„Warum?“

Weil Severus es nicht ertrug, dass Lily Potters Sohn erneut in Angelegenheiten hineingezogen wurde, die mit seinem Tod hätten enden sollen.

Weil er es nicht ertrug, dass die Erinnerungen an Lily vor einem Gericht betrachtet werden könnten.

Weil er nicht wusste, was schlimmer war: verurteilt zu werden oder die Wahrheit über sich selbst aus dem Mund des Jungen zu hören, dessen Leben er einst beinahe zerstört hatte.

Er schrieb nichts davon.

Potter wartete einen Moment.

Dann sagte er:

„Sie wissen, dass ich nicht vorhabe, Sie zu einem Helden zu erklären.“

Severus sah auf.

„Ich werde erzählen, was ich weiß. Auch das mit der Prophezeiung.“

Ein kaum sichtbares Nicken.

„Aber ich werde nicht zulassen, dass man behauptet, Sie hätten Dumbledore aus eigenem Antrieb ermordet.“

Severus' Blick wurde hart.

Potter hielt ihm stand.

„Sie haben ihn getötet. Das bestreite ich nicht. Aber er hat Sie darum gebeten. Das gehört dazu.“

Severus wandte den Kopf zum Fenster.

Lange sagte keiner von beiden etwas.

Schließlich erhob sich Potter.

„Ich soll Ihnen übrigens noch etwas von Hermine sagen.“

Severus schloss müde die Augen.

Natürlich.

„Sie hofft, dass Sie mit Ihren Übungen Fortschritte machen.“

Severus öffnete die Augen wieder.

Sein Blick war vernichtend.

Potter lächelte.

„Ich habe ihr nicht erzählt, dass Sie jetzt einen Gehstock haben.“

Severus griff nach der Feder.

Potter.

„Ja?“

Gehen Sie.

Harry lachte leise.

„Gute Besserung, Professor.“

Als die Tür hinter ihm zufiel, blieb Severus lange sitzen.

Dann betrachtete er Hermines Nachricht.

Kapitel sieben.

Natürlich hatte sie nicht nachgegeben.

Er griff nach dem Buch.

Schlug es auf.

Las die betreffende Passage erneut.

Und stellte mit wachsendem Missfallen fest, dass Miss Granger möglicherweise einen Punkt hatte.

Eine vollkommen unerträgliche Entwicklung.

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Hermine Granger

Der zweite Erinnerungsversuch war schwieriger als der erste.

Diesmal erinnerte sich Hermines Vater.

Nicht an einen Garten.

Nicht an einen Geburtstag.

Sondern an einen Streit.

„Sie wollten nicht nach Hogwarts zurück“, sagte er plötzlich.

Hermine erstarrte.

Dr. Bellamy hielt ihren Zauberstab ruhig.

„Können Sie sich an den Zusammenhang erinnern?“

Ihr Vater runzelte die Stirn.

„Sie hatten Angst. Irgendetwas war passiert.“

Hermine wusste sofort, welche Erinnerung zurückkehrte.

Der Sommer nach ihrem fünften Schuljahr.

Das Ministerium hatte Voldemorts Rückkehr endlich eingestanden. Harry hatte seinen Paten verloren. Und Hermine war mit der Erkenntnis nach Hause gekommen, dass die Welt, die sie liebte, gefährlicher war, als ihre Eltern jemals geahnt hatten.

„Sie haben gesagt, es sei dort nicht mehr sicher“, murmelte ihr Vater.

Hermine nickte.

„Ja.“

Er öffnete die Augen.

„Ich habe Ihnen gesagt, dass Sie nicht zurückgehen müssen.“

Sie schluckte.

„Ja.“

„Und Sie haben gesagt …“

Er hielt inne.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Sie haben gesagt, dass Ihre Freunde dort sind.“

Hermine begann zu zittern.

„Ja, Dad.“

Ihr Vater sah sie an.

Zum ersten Mal lag in seinem Blick etwas anderes als höfliche Fremdheit.

Erkenntnis.

Noch unvollständig.

Aber da.

„Ich erinnere mich an Ihre Stimme.“

Hermine presste die Hand auf den Mund.

Er schüttelte langsam den Kopf.

„Nicht an alles. Nicht einmal an Ihr Gesicht damals. Aber ich weiß, dass wir gestritten haben.“

Eine Träne lief über seine Wange.

„Und ich weiß, dass ich Angst um Sie hatte.“

Hermine konnte nicht länger still sitzen.

Sie stand auf.

Doch bevor sie einen Schritt machen konnte, hob Bellamy behutsam die Hand.

„Miss Granger.“

Hermine blieb stehen.

Ihr Vater betrachtete sie.

Lange.

Dann sagte er:

„Sie können sich wieder setzen.“

Sie gehorchte.

Er sah auf seine Hände.

„Ich glaube Ihnen jetzt.“

Hermine erstarrte.

„Was?“

„Nicht, weil ich alles verstehe. Und nicht, weil ich mich vollständig erinnere.“

Er hob den Blick.

„Aber ich glaube Ihnen, dass Sie unsere Tochter sind.“

Hermine begann zu weinen.

Ihr Vater sah sie an.

Dann fügte er leise hinzu:

„Das bedeutet nicht, dass ich Ihnen bereits verziehen habe.“

Sie nickte hastig.

„Das weiß ich.“

„Ich bin wütend.“

„Das dürfen Sie sein.“

„Ich bin sehr wütend.“

Hermine schluckte.

„Ich weiß.“

Er rieb sich über die Augen.

„Aber ich glaube Ihnen.“

Hermine senkte den Kopf.

Sie hatte geglaubt, nach diesen Worten würde sie sich endlich erleichtert fühlen.

Stattdessen empfand sie etwas viel Komplizierteres.

Freude.

Schuld.

Hoffnung.

Und die schmerzhafte Erkenntnis, dass Liebe nicht bedeutete, vor den Konsequenzen der eigenen Entscheidungen verschont zu bleiben.

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Severus Snape

Am 18. Juni durfte Severus zum ersten Mal wieder seinen Zauberstab halten.

Poppy hatte darauf bestanden, dass Fenwick anwesend war.

Severus hatte darauf bestanden, dass niemand sonst davon erfuhr.

Beide Seiten hatten sich widerwillig geeinigt.

Sein Zauberstab lag auf dem Tisch.

Schwarzes Holz.

Vertraut.

Unzählige Male hatte er ihn in der Hand gehalten, ohne darüber nachzudenken.

Jetzt betrachtete er ihn, als gehöre er einem anderen Mann.

„Sie müssen nichts beweisen“, sagte Fenwick.

Severus schenkte ihm einen Blick, der unter normalen Umständen eine Entschuldigung erzwungen hätte.

Der Heiler schwieg.

Severus streckte die rechte Hand aus.

Seine Finger schlossen sich langsam um das Holz.

Ein vertrautes Gefühl.

Für einen Augenblick wurde ihm beinahe schwindlig.

Er hob den Zauberstab.

Die Spitze zitterte.

Poppy stand neben dem Tisch.

„Nur ein sehr einfacher Zauber.“

Severus richtete den Stab auf eine Feder.

Wingardium Leviosa.

Er sprach die Formel nicht aus.

Noch immer schmerzte längeres Sprechen.

Stattdessen konzentrierte er sich auf die Bewegung.

Die Feder zuckte.

Dann blieb sie liegen.

Severus' Kiefer spannte sich an.

Er versuchte es erneut.

Ein winziger Funke sprang aus der Zauberstabspitze.

Die Feder bewegte sich nicht.

Severus' Hand begann zu zittern.

„Genug“, sagte Poppy.

Er ignorierte sie.

Noch einmal.

Die Feder hob sich einen Fingerbreit.

Severus hielt den Atem an.

Dann brach seine Konzentration.

Die Feder fiel zurück.

Sein Zauberstab glitt ihm aus den Fingern.

Fenwick fing ihn auf, bevor er den Boden berührte.

Severus starrte auf seine leere Hand.

Ein schrecklicher Gedanke drängte sich in seinen Kopf.

Was, wenn das alles ist, was mir bleibt?

Er hatte sein Leben lang gezaubert.

Es war keine Fähigkeit gewesen, über die er nachgedacht hatte.

Sie war ein Teil seiner selbst.

Wie Atmen.

Wie Denken.

Wie die Fähigkeit, aus einem gewöhnlichen Kessel etwas Außergewöhnliches entstehen zu lassen.

Und jetzt war selbst das unsicher geworden.

Poppy legte ihm vorsichtig den Zauberstab auf den Tisch.

„Severus.“

Er blickte nicht auf.

„Die Feder hat sich bewegt.“

Er schloss die Augen.

„Das ist mehr, als wir vor zwei Wochen hätten erwarten können.“

Severus schwieg.

Fenwick trat einen Schritt zurück.

„Sie haben den Zauber ausgelöst. Die Verbindung ist vorhanden.“

Severus betrachtete seinen Zauberstab.

Die Verbindung war vorhanden.

Aber schwach.

Unzuverlässig.

Wie so vieles an ihm.

Poppy setzte sich.

„Ich weiß, dass Sie Angst haben.“

Severus hob langsam den Kopf.

Sein Blick war gefährlich.

Sie hielt ihm stand.

„Sie dürfen Angst haben.“

Er wandte sich ab.

„Sie müssen nur nicht so tun, als wäre sie nicht da.“

Eine lange Stille entstand.

Dann streckte Severus die linke Hand aus.

Er nahm seinen Zauberstab.

Nicht mit der rechten.

Mit der linken.

Er richtete ihn auf die Feder.

Ein kleiner, sauberer Schwenk.

Die Feder hob sich.

Schwebte.

Und blieb in der Luft.

Severus betrachtete sie.

Poppy sagte nichts.

Fenwick ebenfalls nicht.

Nach einigen Sekunden ließ Severus die Feder wieder sinken.

Seine linke Hand funktionierte.

Seine Magie war noch da.

Nicht alles war verloren.

Aber als er den Zauberstab auf den Tisch legte, wusste er, dass er sich mit einem Gedanken auseinandersetzen musste, den er bisher verweigert hatte:

Vielleicht würde er nicht genauso zurückkehren, wie er gewesen war.

Vielleicht würde er lernen müssen, anders zu leben.

Er hasste diese Möglichkeit.

Doch zum ersten Mal erschien sie ihm nicht vollkommen unerträglich.

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Hermine Granger

Am 20. Juni saßen Hermine und ihre Mutter im Garten.

Der australische Winter war mild genug, dass sie mit einer Decke über den Knien draußen sitzen konnten. Auf dem Tisch stand Tee.

Ihre Mutter betrachtete ein Fotoalbum.

Auf der ersten Seite war Hermine als Baby zu sehen.

„Sie hatten sehr viele Haare“, sagte sie.

Hermine lächelte.

„Das hat sich nicht besonders verändert.“

Ihre Mutter strich über das Foto.

„Nein.“

Eine Weile blätterte sie schweigend weiter.

Dann hielt sie inne.

Auf dem nächsten Bild stand Hermine mit elf Jahren vor dem Hogwarts-Express.

Sie trug eine viel zu große Schulrobe und hielt ihren Koffer fest umklammert.

„Das ist der Tag, an dem Sie fortgegangen sind?“

Hermine nickte.

„Zum ersten Mal nach Hogwarts.“

Ihre Mutter betrachtete das Bild.

„Sie sehen so glücklich aus.“

„Das war ich.“

„Und wir?“

Hermine schluckte.

„Sie waren stolz. Und traurig. Dad hat versucht, nicht zu weinen.“

Ihre Mutter lächelte schwach.

„Das klingt nach ihm.“

Sie betrachtete das Foto noch einen Moment.

Dann schloss sie das Album.

„Hermine.“

Hermine hob den Kopf.

Ihre Mutter hatte ihren Namen inzwischen häufiger ausgesprochen.

Aber noch immer fühlte sich jedes Mal wie ein Geschenk an.

„Ich muss Sie etwas fragen.“

„Natürlich.“

Ihre Mutter sah sie ernst an.

„Wenn Sie damals gewusst hätten, was dieser Zauber mit uns machen würde … hätten Sie ihn trotzdem gesprochen?“

Hermine erstarrte.

Sie hatte sich diese Frage selbst unzählige Male gestellt.

Doch aus dem Mund ihrer Mutter klang sie anders.

Schwerer.

Wichtiger.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie schließlich.

Ihre Mutter betrachtete sie.

Hermine holte tief Luft.

„Damals hatte ich solche Angst. Nicht um mich. Um Sie beide. Ich wusste, was Voldemort mit Familien seiner Gegner gemacht hat.“

Sie sah auf ihre Hände.

„Ich dachte, wenn Sie mich vergessen, könnte niemand Sie wegen mir finden.“

„Und deshalb haben Sie entschieden, dass wir lieber ohne Sie leben sollten.“

Hermine nickte.

„Ja.“

Ihre Mutter schwieg lange.

Dann sagte sie:

„Ich verstehe, dass Sie Angst hatten.“

Hermine blickte auf.

„Aber ich weiß nicht, ob ich Ihnen verzeihen kann, dass Sie uns nicht einmal gefragt haben.“

Die Worte trafen sie.

Sie hatte damit gerechnet.

Trotzdem schmerzten sie.

„Das müssen Sie jetzt nicht“, sagte sie leise.

Ihre Mutter sah sie an.

„Vielleicht dauert es lange.“

„Dann warte ich.“

„Und vielleicht wird es nie wieder genauso sein wie früher.“

Hermine spürte Tränen aufsteigen.

Sie zwang sich, nicht wegzusehen.

„Dann müssen wir herausfinden, wie es jetzt sein kann.“

Ihre Mutter betrachtete sie lange.

Schließlich nickte sie.

Ein kleines, unsicheres Nicken.

Dann schlug sie das Fotoalbum wieder auf.

„Erzählen Sie mir von diesem Tag.“

Hermine sah auf das Bild vom Hogwarts-Express.

Sie lächelte unter Tränen.

Und begann zu erzählen.

Von einem Bahnsteig, den gewöhnliche Menschen nicht sehen konnten.

Von einem roten Zug.

Von einem Jungen mit einer runden Brille.

Von einem anderen Jungen mit roten Haaren.

Und von einem Mädchen, das damals geglaubt hatte, mit genügend Büchern auf alles vorbereitet zu sein.

Ihre Mutter hörte zu.

Sie erinnerte sich noch nicht an den Tag.

Aber sie wollte davon hören.

Und das war mehr, als Hermine vor zwei Wochen zu hoffen gewagt hatte.

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Severus Snape

Der Abend war ungewöhnlich still.

Severus saß an einem kleinen Schreibtisch im Krankenflügel. Poppy hatte ihm erlaubt, einige Stunden außerhalb seines Bettes zu verbringen, solange er seine Kräfte nicht überschätzte.

Vor ihm lag ein Brief von Miriam Ashcombe.

Die Anwältin hatte angekündigt, dass die ersten formellen Zeugengespräche bald beginnen würden. Außerdem bat sie um seine Zustimmung, bestimmte Erinnerungen aus seinem vergangenen Schuljahr vorläufig zu sichern.

Severus hatte lange darüber nachgedacht.

Nicht über die Erinnerungen selbst.

Sondern darüber, was es bedeuten würde, sie anderen Menschen zu zeigen.

Er hatte jahrelang Geheimnisse bewahrt.

Geheimnisse, die über Leben und Tod entschieden hatten.

Manche hatte er aus Notwendigkeit verborgen.

Andere aus Scham.

Und wieder andere, weil er nicht ertragen konnte, dass jemand sie sah.

Nun verlangte die Welt plötzlich Offenheit.

Wahrheit.

Erklärungen.

Severus griff nach seiner Feder.

Mit der linken Hand schrieb er eine kurze Antwort.

Mrs Ashcombe,

ich stimme der Sicherung jener Erinnerungen zu, die für die Untersuchung meiner Amtszeit in Hogwarts relevant sind. Die Auswahl erfolgt in meiner Anwesenheit. Private Erinnerungen sind davon ausgenommen.

Er hielt inne.

Dann fügte er hinzu:

Ich werde keine Aussagen zu meinen Gunsten erfinden. Ich werde aber auch keine Tatsachen mehr verschweigen, nur weil sie zu meinen Gunsten sprechen könnten.

Severus betrachtete den Satz.

Er klang beinahe wie etwas, das Miriam Ashcombe selbst hätte schreiben können.

Eine beunruhigende Entwicklung.

Er unterschrieb.

Dann legte er die Feder ab.

Seine rechte Hand ruhte auf dem Tisch.

Er versuchte, die Finger zu bewegen.

Langsam schlossen sie sich.

Nicht vollständig.

Aber ein wenig.

Severus betrachtete sie.

Er dachte an die Feder, die er an diesem Nachmittag hatte schweben lassen.

An den Gehstock.

An die Narbe.

An die vielen Dinge, die er noch nicht konnte.

Dann blickte er auf die Bücher neben seinem Bett.

Zwischen ihnen lag die Abhandlung über seltene Gegengifte.

Er nahm sie zur Hand.

Schlug Kapitel sieben auf.

Und begann, mit seiner linken Hand eine ausführliche Widerlegung von Miss Grangers Argumentation zu verfassen.

Er würde sie nicht nach Australien schicken.

Das wäre absurd.

Aber wenn sie irgendwann nach Hogwarts zurückkehrte, sollte sie wenigstens erfahren, weshalb sie sich irrte.

Severus schrieb die erste Zeile.

Dann die zweite.

Nach einer Weile hielt er inne.

Er betrachtete seine Notizen.

Und bemerkte, dass er sich auf etwas vorbereitete, das noch in der Zukunft lag.

Nicht auf eine Vernehmung.

Nicht auf ein Urteil.

Nicht auf eine Strafe.

Auf eine Diskussion über ein Buch.

Es war eine lächerlich unbedeutende Aussicht.

Und doch ließ er die Seiten ordentlich zusammen, statt sie fortzuwerfen.

Draußen versank die Sonne hinter den Bergen.

Severus Snape saß an seinem Schreibtisch und schrieb weiter.

Nicht, weil er die Vergangenheit vergessen hatte.

Sondern weil es vielleicht möglich war, sich an sie zu erinnern, ohne für immer in ihr gefangen zu bleiben.