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Kapitel 9 – Die Wahrheit hat viele Stimmen

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Kapitel 9 – Die Wahrheit hat viele Stimmen

21.–29. Juni 1998 | Hogwarts und Melbourne

SEVERUS SNAPE

Der erste Zeuge wollte nicht in seiner Gegenwart aussagen.

Severus erfuhr es durch einen Satz, den Miriam Ashcombe so beiläufig aussprach, als teile sie ihm mit, dass es am Nachmittag regnen würde.

»Der junge Mann hat darum gebeten, zunächst allein mit den Ermittlern zu sprechen.«

Severus saß am kleinen Tisch des Krankenflügels. Sein rechter Arm lag auf einem Kissen, die linke Hand hielt eine Feder. Vor ihm standen eine Tasse inzwischen kalter Tee und die Liste der angekündigten Befragungen.

Er betrachtete den Namen.

Daniel Mercer. Hufflepuff. Sechstes Schuljahr.

Er erinnerte sich an den Jungen. Nicht an sein Gesicht, jedenfalls nicht zuerst, sondern an den Bericht über ihn. Ein misslungener Versuch, einem jüngeren Schüler zu helfen. Amycus Carrow hatte daraus eine öffentliche Lektion gemacht.

Severus hatte den Bericht später aus dem offiziellen Register entfernt.

Die Verletzungen hatte er nicht entfernen können.

»Das ist sein gutes Recht«, sagte Ashcombe.

Severus nickte.

»Sie wirken nicht überrascht.«

Er schrieb mit der linken Hand: »Warum sollte er mich sehen wollen?«

Ashcombe las den Satz. Ihre Augen verweilten einen Augenblick länger darauf, als ihm lieb war.

»Es geht bei einer Zeugenaussage nicht darum, ob der Zeuge Sie mag.«

Severus hob eine Augenbraue.

»Und bevor Sie mir mit einem besonders verächtlichen Blick antworten: Auch Ihre Abneigung gegen mich hat bislang keine einzige Verfahrensregel verändert.«

Severus senkte den Blick wieder auf die Liste.

Es waren zwölf Namen.

Zwölf Menschen, die in diesem Schloss Dinge erlebt hatten, für die es keine angemessenen Worte gab. Einige hatten ihn um Hilfe gebeten. Andere hatten ihn gemieden. Manche hatten geglaubt, er sei ebenso gefährlich wie die Carrows.

Die Wahrheit war, dass er ihnen Gründe dafür gegeben hatte.

»Sie werden heute nicht befragt«, sagte Ashcombe. »Wir sichern zunächst die Aussagen der Schüler. Danach erhalten wir Gelegenheit, auf Widersprüche zu reagieren.«

Severus schrieb: »Ich will sie lesen.«

»Sobald sie freigegeben sind.«

»Alle.«

»Alle, die für die Vorwürfe relevant sind.«

Er unterstrich das Wort »alle« so fest, dass die Feder das Pergament beinahe durchstieß.

Ashcombe seufzte. »Professor Snape, ich kann nicht verhindern, dass Sie sich die schmerzhaftesten Stellen zuerst ansehen. Aber ich kann verhindern, dass Sie unvollständige Berichte für ein vollständiges Urteil halten.«

Severus legte die Feder ab.

Jenseits des Fensters schien die Sonne auf die Türme von Hogwarts. Schüler und Helfer gingen über die Ländereien, trugen Bretter, Steine und Kisten. Die Schule wurde wieder aufgebaut.

Er fragte sich, ob die Menschen darin je wieder lernen würden, sich sicher zu fühlen.

Und ob seine Abwesenheit dazu beitragen würde.

HERMINE GRANGER

Ihre Mutter erinnerte sich an den Geruch von Zitronenkuchen.

Nicht an ein Gesicht. Nicht an einen Namen. Nicht einmal an ein bestimmtes Zimmer.

Nur an den Geruch von Zitronenkuchen und an das Gefühl, dass ein Kind neben ihr stand und ungeduldig fragte, wann der Teig endlich fertig sei.

Hermine hätte niemals gedacht, dass ein Kuchen sie zum Weinen bringen könnte.

Sie saßen in Dr. Bellamys Praxis. Die Untersuchung war kurz gewesen, nicht einmal zwanzig Minuten. Danach hatte ihre Mutter darauf bestanden, die Erinnerung aufzuschreiben, solange sie noch deutlich war.

»Du hast immer den Löffel ablecken wollen«, sagte sie plötzlich.

Hermine blickte auf.

Ihre Mutter erstarrte ebenso wie sie.

Es war nicht die Erinnerung selbst.

Es war das Wort.

Du.

Seit ihrer ersten Begegnung hatte ihre Mutter sie gesiezt. Höflich, vorsichtig, wie eine junge Frau, die ihr eine Geschichte erzählte, an die sie nicht glauben konnte.

Nun hatte sie gesprochen, ohne nachzudenken.

»Entschuldigung«, sagte ihre Mutter sofort. »Ich weiß nicht, warum ich—«

»Bitte entschuldige dich nicht.«

Hermine hatte den Satz kaum hörbar ausgesprochen.

Ihre Mutter betrachtete sie lange.

Dann legte sie den Stift beiseite.

»Ich kann mich noch nicht an dich erinnern, wie ich sollte.«

»Ich weiß.«

»Aber manchmal ist da etwas. Ein Gefühl, das schneller ist als die Erinnerung.«

Hermine nickte, obwohl ihr die Kehle eng wurde.

Ihr Vater saß am Fenster und hatte bisher geschwiegen. Er hatte in den letzten Tagen einige Erinnerungsfragmente zurückgewonnen: eine Fahrt im Regen, die alte Zahnarztpraxis, einen Streit mit seiner Tochter über die Sicherheit von Hogwarts. Die Rückkehr machte ihn nicht sanfter. Manchmal schien sie ihn noch wütender zu machen.

»Wir haben gestern über die Praxis gesprochen«, sagte er nun.

Hermine wandte sich ihm zu.

»In England«, fügte er hinzu. »Ich erinnere mich an den Empfangstresen. An unsere Angestellte. Und daran, dass ich dachte, wir hätten dort ein gutes Leben.«

»Das hatten wir.«

»Dann frage ich mich, weshalb es so leicht verschwinden konnte.«

Hermine senkte den Blick.

»Es war nicht leicht«, sagte sie.

Ihr Vater lachte kurz, ohne Freude.

»Für dich vielleicht nicht.«

Sie zuckte zusammen.

Er sah es und schloss die Augen.

»Ich will dich nicht verletzen.«

»Du darfst wütend sein.«

»Das sagen alle.« Er fuhr sich über die Stirn. »Aber was soll ich mit dieser Wut anfangen? Ich kann sie nicht einfach gegen jemanden richten, der offenbar meine Tochter ist und uns retten wollte.«

»Du musst sie nicht loswerden, damit ich mich besser fühle.«

Ihre Mutter blickte zwischen ihnen hin und her.

»Vielleicht«, sagte sie leise, »müssen wir aufhören, heute schon entscheiden zu wollen, was wir irgendwann fühlen werden.«

Hermine atmete langsam aus.

Dr. Bellamy, die sich bisher bewusst zurückgehalten hatte, nickte.

»Das wäre ein guter Anfang.«

Nach dem Termin gingen sie gemeinsam in ein kleines Café. Sie sprachen über das Wetter, über einen Park in der Nähe und über einen besonders störrischen Wasserkocher im Haus ihrer Eltern.

Kein Wort über Voldemort.

Kein Wort über Zaubersprüche.

Als Hermine später allein zum Hotel zurückkehrte, begriff sie, dass diese gewöhnliche Stunde vielleicht ebenso wichtig gewesen war wie jede wiedergefundene Erinnerung.

Sie hatten nicht versucht, ihre Vergangenheit zurückzuholen.

Sie hatten zum ersten Mal etwas Neues miteinander erlebt.

MINERVA MCGONAGALL

Neville Longbottom saß sehr gerade auf seinem Stuhl.

Minerva kannte diese Haltung. Er hatte sie als Erstklässler eingenommen, wenn er befürchtete, gleich eine Frage falsch zu beantworten.

Doch der junge Mann vor ihr war nicht mehr derselbe.

Er hatte Narben an den Händen, einen festen Blick und die Ruhe eines Menschen, der gelernt hatte, Angst zu haben und trotzdem nicht zurückzuweichen.

Edgar Voss saß ihm gegenüber. Eine Protokollführerin schrieb mit einer selbsttätigen Feder mit.

Minerva war als Vertreterin der Schule anwesend, nicht als Fürsprecherin irgendeiner Partei.

»Mr Longbottom«, begann Voss, »wir möchten, dass Sie uns Ihre Erfahrungen aus dem vergangenen Schuljahr schildern. Nehmen Sie sich Zeit.«

Neville nickte.

Er berichtete von den Carrows. Von Unterrichtsstunden, in denen Kinder gezwungen wurden, Flüche gegeneinander anzuwenden. Von Bestrafungen, die nichts mehr mit Erziehung zu tun hatten. Von der Angst, nachts auf dem Korridor erwischt zu werden.

Minerva hielt die Hände so fest ineinander verschränkt, dass ihre Knöchel schmerzten.

»Welche Rolle spielte Professor Snape?«, fragte Voss schließlich.

Neville schwieg lange.

»Er war Schulleiter.«

»Haben Sie gesehen, wie er selbst Schüler folterte?«

»Nein.«

»Hat er die Carrows öffentlich aufgehalten?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

Voss notierte etwas.

»Sie haben gemeinsam mit zwei Mitschülerinnen versucht, das Schwert von Gryffindor zu entwenden. Welche Strafe wurde verhängt?«

»Wir mussten zu Hagrid in den Verbotenen Wald.«

»War das üblich?«

Neville schüttelte den Kopf.

»Nein. Wir hatten etwas viel Schlimmeres erwartet.«

»Glauben Sie, Snape wollte Sie schützen?«

Neville sah auf seine Hände.

»Heute? Vielleicht.«

»Und damals?«

»Damals dachte ich, er hätte uns einfach Glück gehabt lassen.«

Minerva schloss kurz die Augen.

»Ich kann nicht sagen, was er gedacht hat«, fuhr Neville fort. »Ich weiß nur, dass Hagrid uns nichts getan hat. Und dass andere Schüler trotzdem verletzt wurden.«

Voss nickte.

»Gibt es noch etwas, das Sie ergänzen möchten?«

Neville blickte zum Fenster.

»Ja.«

Er holte tief Luft.

»Ich will nicht, dass man so tut, als wäre das letzte Jahr weniger schlimm gewesen, nur weil Professor Snape vielleicht auf unserer Seite stand.«

Minerva hob den Kopf.

»Aber ich will auch nicht behaupten, er hätte etwas getan, das ich nie gesehen habe.«

Voss legte seine Feder ab.

»Das ist eine wichtige Unterscheidung, Mr Longbottom.«

Neville nickte.

Als er später aufstand, wirkte er erschöpft. Minerva begleitete ihn zur Tür.

»Sie haben das gut gemacht, Neville.«

Er sah sie an.

»Ich weiß nicht, ob ich fair war.«

»Sie haben gesagt, was Sie wissen.«

»Und was ich nicht weiß.«

»Gerade das.«

Neville blickte den Korridor entlang.

»Ich möchte nicht noch einmal in diese Schule kommen und Angst haben müssen.«

Minerva spürte einen Stich im Herzen.

»Das möchte ich auch nicht.«

SEVERUS SNAPE

Die Aussage erreichte ihn am folgenden Morgen.

Severus las sie zweimal.

Beim dritten Mal blieb er an Nevilles letzten Worten hängen.

»Ich möchte nicht noch einmal in diese Schule kommen und Angst haben müssen.«

Es war ein einfacher Satz.

Er enthielt keine Anschuldigung gegen ihn. Keine Forderung nach Bestrafung. Keine dramatische Beschreibung.

Gerade deshalb ließ er sich nicht abschütteln.

Miriam Ashcombe wartete, bis er das Pergament beiseitelegte.

»Was denken Sie?«

Er schrieb: »Longbottom hat wahrheitsgemäß ausgesagt.«

»Ja.«

»Er hat nicht alles gewusst.«

»Nein.«

Severus sah sie an.

»Und Sie ebenfalls nicht«, ergänzte sie.

Er verengte die Augen.

»Sie wissen nicht, wie er jeden Tag erlebt hat. Sie kennen Ihre eigenen Entscheidungen. Nicht die Folgen, die er in jedem Augenblick gespürt hat.«

Severus blickte wieder auf die Aussage.

Ashcombe zog eine zweite Mappe hervor.

»Ein anderer Zeuge berichtet, Sie hätten einen Strafbericht gegen ihn gelöscht. Er wusste bis gestern nichts davon. Als er davon erfuhr, sagte er, es ändere nichts daran, dass er gefoltert worden sei.«

Severus schrieb sofort: »Er hat recht.«

»Ja«, sagte Ashcombe erneut. »Und trotzdem müssen wir die Löschung dokumentieren.«

Er ließ die Feder sinken.

»Das Gericht soll nicht entscheiden, ob Sie ein guter Mensch waren. Es soll prüfen, welche Handlungen Ihnen strafrechtlich zuzurechnen sind.«

Severus lehnte sich zurück.

Seine rechte Hand begann vor Erschöpfung zu zittern. Er legte sie unter den Tisch, bevor Ashcombe es bemerkte.

Sie bemerkte es trotzdem.

»Wir beenden die Besprechung.«

Er schüttelte den Kopf.

»Ihre Hand braucht eine Pause.«

Er griff nach der Feder.

Ashcombe nahm ihm das Tintenfass weg.

Severus starrte sie an.

»Sie können mich später dafür hassen. Im Augenblick ist Ihre Fähigkeit, in einigen Wochen eine vollständige Aussage abzugeben, wichtiger als Ihr Bedürfnis, heute noch drei Seiten zu schreiben.«

Er war versucht, ihr den nächstbesten Fluch entgegenzuschleudern.

Stattdessen blieb er sitzen.

Ashcombe stand auf.

»Morgen sprechen wir über den Orden des Phönix. Ich habe um Einsicht in bestimmte Einsatzberichte gebeten.«

Severus hob den Blick.

»Keine Sorge. Ich habe nicht vor, jedes Geheimnis ungeprüft offenzulegen. Aber jemand muss wissen, welche Belege überhaupt existieren.«

Als sie gegangen war, blieb Severus allein mit den Aussagen zurück.

Er las Nevilles letzten Satz noch einmal.

Dann nahm er ein leeres Blatt und schrieb, langsam und mit schmerzender linker Hand:

»Welche Schüler wurden nach den Winterferien auf Anordnung der Carrows aus dem Unterricht entfernt? Vollständige Liste beschaffen.«

Nicht für seine Verteidigung.

Jedenfalls nicht nur.

Er wollte wissen, wer noch immer auf eine Antwort wartete.

HERMINE GRANGER

Der Brief von Harry kam an einem Dienstag.

Hermine saß im Hotel am Fenster und las ihn, während draußen Regen gegen die Scheibe schlug.

Harry berichtete von den Reparaturen in Hogwarts, von Rons Bemühungen, im Fuchsbau nicht von Molly mit Essen überschüttet zu werden, und von Ginnys Entschluss, das kommende Schuljahr abzuschließen.

Dann wurde der Ton ernster.

»Die ersten Befragungen haben begonnen«, schrieb Harry. »Neville hat ausgesagt. Er war danach ziemlich mitgenommen. McGonagall sagt, dass das Ministerium sorgfältig vorgeht, aber alle sind nervös. Ich werde bald ebenfalls offiziell befragt.«

Hermine las den Absatz noch einmal.

Sie dachte an Neville, an seine Verletzungen und an die Nächte, in denen sie sich gefragt hatte, was in Hogwarts geschah, während sie mit Harry und Ron unterwegs gewesen war.

Ein Teil von ihr wollte sofort zurück.

Nicht, weil sie glaubte, alles lösen zu können.

Sondern weil sie es schwer ertrug, wenn Menschen, die sie liebte, etwas Schwieriges durchstehen mussten, ohne dass sie an ihrer Seite war.

Sie legte den Brief ab.

Dann nahm sie ihre eigene Liste zur Hand.

Morgen sollte eine weitere Gedächtnissitzung stattfinden. Übermorgen ein Gespräch mit ihren Eltern, in dem sie über die Möglichkeit einer schrittweisen Rückkehr nach England sprechen wollten.

Hermine strich mit dem Finger über die Termine.

Sie war hier richtig.

Sie musste nicht an jedem Ort gleichzeitig sein.

Das war eine Erkenntnis, die ihr erstaunlich schwerfiel.

Sie zog ein neues Pergament hervor.

»Lieber Harry«, begann sie.

Sie schrieb, dass sie stolz auf Neville sei. Dass Harry bei seiner Aussage bei der Wahrheit bleiben solle, auch wenn sie kompliziert war. Und dass es ihrer Mutter inzwischen manchmal gelinge, sie zu duzen, ohne darüber nachzudenken.

Bei Ron hielt sie länger inne.

Sie vermisste ihn. Sie vermisste sein Lachen und die Art, wie er selbst in den schlimmsten Augenblicken einen unmöglichen Kommentar fand.

Aber sie vermisste nicht die Erwartung, dass nach dem Krieg alles sofort einfach sein müsse.

Sie wusste nicht, ob Ron diese Erwartung tatsächlich hatte oder ob sie selbst sie in seinen Blick hineinlas.

Schließlich schrieb sie ihm einen eigenen Brief.

Nicht über den Krieg.

Über den Zitronenkuchen ihrer Mutter, über ein Café in Melbourne und über einen Vogel, der ihr beim Frühstück beinahe das Gebäck gestohlen hatte.

Es fühlte sich gut an, etwas zu erzählen, das nicht gerettet, bekämpft oder wiedergutgemacht werden musste.

HARRY POTTER

Harry hatte nicht erwartet, dass die Wahrheit so viele Vorbereitungen erforderte.

Er saß mit Kingsley Shacklebolt und Edgar Voss in einem kleinen Besprechungszimmer des Ministeriums. Auf dem Tisch stand ein Denkarium, daneben mehrere versiegelte Glasfläschchen.

»Sie müssen nicht alle Erinnerungen heute freigeben«, sagte Kingsley.

Harry sah auf die Fläschchen.

Er wusste, was darin lag.

Dumbledores Bitte auf dem Astronomieturm. Snapes Gespräche mit ihm. Die Erinnerungen an Lily. Die letzten Worte eines sterbenden Mannes.

»Ich will nicht, dass alle alles sehen«, sagte Harry.

Voss nickte.

»Das müssen sie auch nicht. Wir können die rechtlich relevanten Abschnitte sichten und den Zugang zu privaten Teilen beschränken lassen. Darüber entscheidet später gegebenenfalls das Gericht.«

Harry betrachtete ihn misstrauisch.

»Und wer entscheidet, was privat ist?«

»Zunächst Sie und Ihre rechtliche Beratung. Bei Streitigkeiten ein unabhängiger Richter.«

Harry schwieg.

Kingsley lehnte sich vor.

»Harry, ich weiß, wie viel dir diese Erinnerungen bedeuten. Aber ich kann keine faire Untersuchung versprechen und gleichzeitig verlangen, dass die Ermittler nur das sehen, was ihnen angenehm ist.«

»Das verlange ich nicht.«

»Ich weiß.«

Harry fuhr sich durch die Haare.

»Snape hat furchtbare Dinge getan. Ich habe ihn jahrelang gehasst. Und dann habe ich erfahren, dass er Dumbledore geholfen hat, während wir alle dachten, er wäre ein Verräter.«

Voss hörte zu.

»Ich weiß nur nicht, wie man das alles in eine Aussage packt, ohne dass eine Hälfte die andere verschluckt.«

Kingsley antwortete erst nach einer Weile.

»Indem du nicht versuchst, ein Urteil zu schreiben. Du bist Zeuge, Harry. Nicht Richter.«

Harry sah auf das Denkarium.

Das klang einfacher, als es war.

Schließlich nahm er das erste Fläschchen.

»Dann beginnen wir mit dem Astronomieturm.«

SEVERUS SNAPE

Der Brief erreichte ihn am 27. Juni.

Er trug das Siegel des Ministeriums und war in einer Schrift verfasst, die so makellos war, dass Severus sie augenblicklich verabscheute.

Die medizinische Vorprüfung hatte ergeben, dass eine kurze, schriftlich unterstützte Vernehmung in der folgenden Woche möglich sein könnte. Voraussetzung war die Zustimmung der behandelnden Heiler.

Severus las den Brief, dann noch einmal.

Poppy stand am Fußende seines Bettes.

»Ich werde keine mehrstündige Befragung zulassen.«

Er hob den Blick.

»Und auch keine, bei der Sie sich zwingen, trotz Schmerzen zu sprechen.«

Er nahm die Feder.

»Ich kann schreiben.«

»Nicht unbegrenzt.«

»Ich kann Pausen machen.«

Poppy betrachtete ihn mit offenem Misstrauen.

Severus fügte hinzu: »Unter Aufsicht.«

Sie las die Worte.

»Sie lernen tatsächlich dazu.«

Er verdrehte die Augen.

»Ich werde Bedingungen formulieren. Maximal neunzig Minuten, Unterbrechungen nach Bedarf, Ihre Anwältin anwesend. Und sobald Ihre Stimme oder Ihr Kreislauf Probleme machen, ist Schluss.«

Severus nickte.

Es war keine Kapitulation.

Es war ein Anfang.

Später ging er mit dem Stock bis zum Fenster am Ende des Korridors. Dort blieb er stehen und blickte auf den See.

Die rechte Hand konnte inzwischen einen leichten Gegenstand halten. An guten Tagen gelang ihm mit dem Zauberstab ein einfacher Zauber. An schlechten Tagen ließ er ihn fallen.

Er hatte begonnen, die schlechten Tage nicht mehr als Beweis für das Ende aller Fortschritte zu betrachten.

Zumindest versuchte er es.

Severus zog aus der Tasche seiner Robe ein gefaltetes Blatt.

Die Widerlegung von Miss Grangers Argumenten zu Kapitel sieben.

Sechs Seiten waren es inzwischen.

Er hatte sie nicht abgeschickt.

Vermutlich würde er es auch nicht tun.

Er steckte das Pergament wieder ein.

Dann sah er hinaus.

Der See war ruhig.

Nichts daran erinnerte an die Nacht der Schlacht.

Severus wusste, dass er in wenigen Tagen Fragen beantworten musste, vor denen er sich jahrelang verborgen hatte.

Er wusste auch, dass seine Antworten niemanden ungeschehen machen würden.

Aber vielleicht konnten sie verhindern, dass die Geschichte dieses Krieges auf eine einzige bequeme Lüge zusammenschrumpfte.

HERMINE GRANGER

Ihre Mutter erinnerte sich an ihren elften Geburtstag.

Nicht an den ganzen Tag.

Nur an den Augenblick, in dem ein Brief mit einem ungewöhnlichen Siegel auf dem Küchentisch gelegen hatte.

»Ich dachte, es sei ein Scherz«, sagte sie und lachte leise.

Hermine saß neben ihr auf dem Sofa.

Ihr Vater stand am Fenster und betrachtete die beiden.

»Du hast gefragt, ob es eine besondere Schule für besonders kluge Kinder sei«, sagte Hermine.

Ihre Mutter runzelte die Stirn.

»Habe ich das?«

»Ja. Und Dad hat gesagt, dass eine Schule, die Eulen als Postboten beschäftigt, vermutlich nicht ganz gewöhnlich sein kann.«

Ihr Vater drehte sich um.

»Das klingt nach mir.«

Alle drei lächelten.

Dann wurde ihre Mutter still.

»Ich erinnere mich daran, dass ich stolz war.«

Hermine sah sie an.

»Und ich erinnere mich, dass ich Angst hatte, dich weggehen zu lassen.«

Das Wort war wieder da.

Dich.

Diesmal korrigierte ihre Mutter sich nicht.

Hermine wagte kaum zu atmen.

Ihre Mutter legte die Hand auf das Fotoalbum.

»Ich kann dir noch nicht sagen, dass alles wieder gut ist.«

»Das musst du nicht.«

»Ich weiß auch nicht, ob wir nach England zurückgehen wollen. Hier haben wir uns etwas aufgebaut. Es fühlt sich nicht erfunden an.«

Hermine nickte.

»Weil es nicht erfunden ist. Die Erinnerungen an die Zeit davor wurden verändert. Aber alles, was ihr hier erlebt habt, ist wirklich passiert.«

Ihr Vater setzte sich zu ihnen.

»Dann sollten wir vielleicht nicht darüber sprechen, welches Leben das richtige ist«, sagte er.

Hermine sah ihn an.

»Sondern darüber, wie wir mit beiden weiterleben können.«

Ihre Mutter nahm vorsichtig Hermines Hand.

Nicht mit der Selbstverständlichkeit von früher.

Zögernd.

Als frage sie um Erlaubnis.

Hermine drehte ihre Handfläche nach oben und erwiderte den Griff.

Eine Weile saßen sie so da.

Niemand sprach von Vergebung.

Niemand verlangte eine Entscheidung.

Draußen begann es zu regnen.

Hermine hörte zu und dachte daran, wie oft sie geglaubt hatte, eine gute Lösung müsse endgültig sein.

Vielleicht war das ein Irrtum.

Vielleicht bestand die beste Lösung manchmal darin, einander Zeit zu lassen.

Am Abend schrieb sie Harry einen kurzen Brief.

»Es geht voran«, stand darin. »Langsam. Anders, als ich es mir vorgestellt habe. Aber es geht voran.«

Sie hielt inne und fügte hinzu:

»Ich glaube, wir müssen nach dem Krieg alle lernen, dass Heilung nicht dasselbe ist wie das Zurückdrehen der Zeit.«

Dann versiegelte sie den Brief.

In Hogwarts bereitete sich Severus Snape auf die ersten offiziellen Fragen vor.

In Melbourne saß Hermine Granger am Fenster und sah dem Regen zu.

Tausende Meilen trennten sie.

Beide versuchten auf ihre Weise, mit einer Vergangenheit zu leben, die sich nicht mehr ändern ließ.

Und beide begannen erst langsam zu begreifen, dass eine Zukunft nicht dadurch entstand, dass man diese Vergangenheit verschwieg.

Sondern dadurch, dass man lernte, sie wahrheitsgemäß anzusehen.