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Getrennte Wege

Weißer Adler — www.fanfiktion.de · All chapters

Getrennte Wege

Der Tag der Hochzeit brach an und ich begann mich bereits zu fragen, wie lange ich noch die Kraft aufbringen würde, so zu tun, als wäre dies alles ganz in meinem Sinne. Doch was blieb mir schon anderes übrig? Noch stand ich mehr oder weniger unter Mustafas Beobachtung. Selbst wenn er nicht anwesend war, hatte ich das Gefühl, dass er mich beobachtete und das jagte mir regelmäßig eiskalte Schauer den Rücken hinunter.

Die paar Tage, bis er endlich abreisen würde, erschienen mir, wie eine Ewigkeit. Wenn er erst einmal fort war, konnte ich diese Schauspielerei zumindest bis zu einem gewissen Grad lassen. Doch bis dahin musste ich durchhalten.

Mein Durchhaltevermögen wurde an diesem Tag mehr als übermäßig strapaziert. Die Zeremonie und das Fest danach waren begleitet von einer ständigen Übelkeit, die ich nur mit Mühe als Nervosität tarnen konnte. Gleichzeitig fühlte ich mich seltsam. Als würde ich das alles völlig unbeteiligt nur von a+ußen betrachten.

Trotzdem steckte ich mittendrin und zurück konnte ich nicht mehr. Hatte ich das überhaupt je gekonnt? Eher nein... Denn, egal, wie ich es betrachtete, ich liebte Altaїr und wenn dies der Preis dafür sein sollte, dass er sein Leben unbehelligt weiterleben konnte, dann war es eben so.

Als die offiziellen Festlichkeiten endlich vorüber waren, war ich nur zum Teil erleichtert. Denn der wohl schlimmste Verrat an Altaїr stand mir noch bevor. Die Hochzeitsnacht.

Mir wäre es tausend Mal lieber gewesen, mich davor zu drücken. Doch würde ich meine Pflichten als Ehemann nicht erfüllen, würde Salima reden. Wie alle Frauen. In kürzester Zeit wären die wildesten Gerüchte im Dorf unterwegs. Ich hatte ja schon am eigenen Leib erlebt, wie schnell und aktiv der Dorfklatsch war. Nebensächlich wäre es für mich, wenn die anderen an meiner Männlichkeit zweifeln würden, doch Altaїr wusste sehr wohl, dass es da nichts zu zweifeln gab und dies wäre ein Grund für ihn, meine Entscheidung in Frage zu stellen.

Zumindest, wenn er überhaupt noch einen Gedanken an mich verschwendete. Doch das Risiko, dass er es tat, war mir zu hoch. Dazu kam, dass sicher auch Mustafa früher oder später davon erfuhr und ich traute ihm durchaus zu, dass er seine Drohung dann noch wahr machen würde. Also musste ich noch ein wenig länger so tun als ob.

Das Wissen, dass dies nach wie vor nur dazu diente, Altaїr zu schützen, half wenig. Zu deutlich war mir ebenso bewusst, dass ich ihn mit voller Absicht belog und betrog. Damit zog ich so viel von dem, was unsere Liebe ausgemacht hatte, in den Schmutz. Ich kam mir vor, wie ein Schwerverbrecher, der kurz davor war, die schlimmste Schandtat seines Lebens zu begehen.

Und Salima war die, die mich dazu zwang.

Letztendlich stand ich meiner Ehefrau in der Schlafkammer gegenüber, die bis vor kurzem noch Mustafa gehört hatte. Wie schon so oft an diesem Tag überkam mich das dringende Bedürfnis fortzulaufen. Einfach nur umdrehen, flüchten und nie wieder daran denken müssen. Doch dies stand nicht zur Wahl und so überwand ich mich und machte den einen Schritt, der mich noch von Salima trennte. Ein wenig unbeholfen entfernte ich den Schleier, der ihr Gesicht noch immer verhüllte.

Sie schielte nicht und als sie mich schüchtern anlächelte, bekam ich auch noch die Bestätigung, dass ihre Zähne weder schief noch angefault waren. Eigentlich war sie sogar richtig hübsch anzusehen, doch irgendwie weckte diese Tatsache nur noch mehr Widerwillen in mir.

Wenn sie wenigstens wahrlich hässlich gewesen wäre, dann hätte ich ... Ach was, selbst dann hätte ich keine Möglichkeit gehabt, dies alles zu beenden. Ich sollte glücklich sein, dass sie es nicht war. Sollte ... Doch was ich sollte und was ich tatsächlich war, war weit voneinander entfernt.

Mit leicht zitternden Händen begann Salima, ihre Kleider abzustreifen. Ihre Wangen färbten sich deutlich rot und mit jedem Stück Stoff, der fiel, wurde sie spürbar nervöser. Kein Wunder, so wie ich sie dabei beobachtete. Gleichzeitig war es wie ein Wiedererleben mit Rollentausch. Früher war ich derjenige gewesen, der rot geworden war, wenn Altaїr mich so ungeniert betrachtet hatte. Doch dies war für mich nicht einfach, warum sollte ich es ihr also leicht machen?

Als sie schließlich völlig entblößt und mit hochroten Wangen vor mir stand, wurde mein Zorn auf ihren Vater noch gewaltiger. Dieses Mädchen hatte einen Ehemann verdient, der mit ihrem wirklich attraktiven Körper etwas anzufangen wusste. Nicht mich, der nur ständig den Vergleich mit Altaїr zog. Warum hatte er mich nicht einfach in Frieden lassen können?

Mit einer harschen Geste wies ich zum Bett. Während sie an mir vorbei darauf zu ging, legte ich meine eigene Kleidung ab. Sie errötete noch mehr und wagte es nicht mehr, mich wirklich anzusehen. Stattdessen saß sie da und starrte auf eine entfernte Zimmerecke.

In diesem Augenblick hatte ich noch keine Ahnung, wie ich meinen Körper dazu bringen sollte, soweit zu kooperieren, dass ich beim Akt nicht völlig versagen würde. Salima sprach mich körperlich überhaupt nicht an. Sie war zwar wirklich attraktiv und früher hätte ich sie sicher nicht von mir gewiesen, aber hier und heute war das eine ganz andere Sache. Sie war eben nicht Altaїr und er war es nun einmal, den ich liebte und begehrte. Und ich betrog ihn. Mit einer Frau, die ich nicht einmal haben wollte.

Ich setzte mich neben Salima und streckte eine Hand nach ihr aus. In Gedanken bat ich Altaїr um Verzeihung für das, was ich nun tun würde. Ihre Haut war warm und weich, als ich sie berührte. Viel weicher, als ich es von Altaїr gewohnt war. Natürlich. Es wäre seltsam gewesen, wäre es anders. Ein paar Muttermale waren auf ihrem Körper verteilt. Kleine, dunkle Punkte, keine hellen Linien, die von Mut und Überlebenswillen zeugten.

Wieder dieser Vergleich mit Altaїr. Unwillkürlich presste ich meine Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Warum konnte ich ihn nicht einfach aus meinem Gedächtnis streichen? Es würde so vieles einfacher machen. Doch gerade in dieser Situation schien dies unmöglich zu sein. Zu oft hatte ich mit Altaїr leidenschaftliche und zärtliche Stunden verlebt, um dies jetzt ignorieren zu können.

Doch ich musste oder ich würde mit Sicherheit über kurz oder lang wahnsinnig werden. Altaїr war fort und unsere Liebesbeziehung vorbei. Ich musste mich damit abfinden! Doch das war leichter gesagt, als getan.

Ich ergriff die Hand von Salima und legte sie auf meine Brust. Eine stumme Aufforderung, dass sie mich ebenfalls berühren sollte. Nun erst sah sie wieder auf. Dorthin, wo ihre Hand nun lag. Erschrocken wollte sie sie zurückziehen, doch ich hielt sie unnachgiebig fest. “Stell dich nicht so an”, raunzte ich ungehalten. Selbst ohne hinzusehen, wusste ich, was sie abgeschreckt hatte. Die Wunde, die mir der Templer vor Wochen zugefügt hatte, war zwar verheilt, doch die verbliebene Narbe hatte noch immer eine ansehnliche rote Farbe.

Altaїr hatte es nie gestört. Dieser Kampf und diese Verletzung hatte uns einander in einer Weise gleich gestellt, die zuvor nicht möglich gewesen war. Er hatte Recht gehabt. Eine Frau könnte niemals begreifen, was es bedeutete für das heilige Land zu kämpfen und notfalls dafür zu sterben.

Meine Frau schluckte erschrocken, als ich sie so anblaffte, doch dann atmete sie tief durch und nahm all ihren Mut zusammen. Vorsichtig legte sie die Fingerspitzen auf die rote Linie, die sich schräg über meine Brust zog. Unsicher sah sie mir ins Gesicht und fragte leise: “Tut das weh?” Ich schüttelte leicht den Kopf und ließ letztendlich ihre Hand wieder los. Sie zog sich nicht wieder zurück. Scheu und vorsichtig erkundete sie meinen Oberkörper.

Mir war inzwischen die Lust auf irgendwelche Schauspielereien und Eskapaden dieser Art endgültig vergangen. Altaїr war für mich verloren und ich war dazu gezwungen, dieses widerliche Spiel mit zu machen. Auch wenn ich noch immer am liebsten fortlaufen wollte, blieb mir nur die Flucht nach vorn. Durchbeißen. Genau, wie damals, als ich mit meinem eigenen Training begonnen hatte, um mir meine Zukunft als Assassine zu bewahren. Hier hing ebenfalls meine Zukunft und vor allem auch die von Altaїr daran.

Ich wollte das hier einfach nur noch hinter mich bringen. Je schneller, desto besser. Salimas sanfte Berührungen taugten wenig dazu, meine Lust zu wecken, also legte ich selbst Hand an mich. Mit geschlossenen Augen versuchte ich mir vorzustellen, dass es Altaїr war, der mich berührte. Es half. Zumindest soweit, dass ich mich an den Akt selbst wagen konnte.

Salima keuchte erschrocken auf, als ich mich ihr wieder zuwandte und sie zurück auf das Bett drückte. Reglos, beinahe wie eine Puppe, lag sie da und schien auf das Unvermeidliche zu warten, als ich mich über sie beugte. Leidenschaftslos drang ich in sie ein. Da war ein leichter Widerstand, den ich jedoch einfach durchbrach. Sie schrie leise auf und verkrampfte sich augenblicklich. Dann begann sie sich gegen mich zu wehren. Mit beiden Händen schlug sie auf mich ein, doch sie hatte zu wenig Kraft, als dass ich mich damit stören konnte.

Tatsächlich fühlte ich mich, als würde ich mir selbst von außen bei dem Akt zusehen. Meine Bewegungen blieben kalt und mechanisch. Nur die leichte Atemlosigkeit, als ich ihr befahl still zu halten, zeugte von der körperlichen Anstrengung.

Einzig eine Art Erleichterung überkam mich, als ich mich letztendlich in sie verströmte. Kein Vergleich zu den atemberaubenden Höhen, die ich so scheinbar mühelos mit Altaїr erreichen konnte. Mit dem Wissen, dass ich meine Pflicht erfüllt hatte, wälzte ich mich von Salima herunter. Schweigend starrte ich an die dunkle Zimmerdecke und versuchte mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass es nun wohl immer so sein würde.

Meine Frau, nun auch im wahrsten Sinne, weinte leise neben mir. Noch nicht einmal in diesem Moment konnte ich ein Quentchen Mitleid für sie aufbringen. Lediglich die Abneigung gegen sie und das, was sie darstellte, wuchs. Immerhin war sie daran schuld, dass ich Altaїr betrogen hatte.

Als ich ihr Schluchzen nicht mehr ertragen konnte, stand ich auf, warf mir etwas über und ging hinunter in die Werkstatt. Ich saß eine ganze Weile auf einem Schemel und hing meinen Gedanken nach.

Einerseits tat ich Salima Unrecht, wenn ich sie für meine Situation verantwortlich machte. Das wusste ich. Sie hatte sich dies wohl ebenso wenig ausgesucht, wie ich. Doch andererseits war sie jetzt die Grenze, die mich für immer von Altaїr trennen sollte und dafür hasste ich sie.

Die ersten Tage nach der Hochzeit drückte ich mich mit der Ausrede “Arbeit” vor engerem Kontakt mit meiner Frau. Meistens machte ich noch ausgiebige Spaziergänge, bevor ich mich schlafen legte. Sehr ausgiebige Spaziergänge. Es war selten, dass ich vor Mitternacht wieder das Haus betrat. Um diese Zeit schlief Salima glücklicherweise bereits tief und fest und sie schien es auch nicht darauf anzulegen, die Hochzeitsnacht zu wiederholen.

Eigentlich war es gar nicht so unbequem eine Frau im Haus zu haben. Das ersparte mir meinen Teil des Putzens und des Kochens. Bisher hatte ich mir diese Arbeit immer mit Mustafa geteilt. Und Salima konnte eindeutig besser kochen als wir beide zusammen. Trotzdem änderte sich nicht im Geringsten, was ich für sie empfand und ich wollte es auch nicht ändern.

Die ersten Wochen lebten wir in dieser Form mehr aneinander vorbei als miteinander. Was mir nicht unrecht war. So konnte ich die Tatsache, dass ich eigentlich verheiratet war, mehr oder weniger ignorieren. Da Mustafa inzwischen abgereist war, spielte ich sogar hin und wieder mit dem Gedanken, Altaїr alles zu erzählen. Doch mehr als eine Spielerei war es nicht. Viel zu sehr fürchtete ich mich vor seiner Reaktion. Er hasste mich sicherlich so schon und ich könnte das Wissen nicht ertragen, dass auch noch Verachtung dazu kommen würde. So schwieg ich und rettete mich über jeden einzelnen Tag, indem ich mir immer wieder sagte, dass dieses Leben doch eigentlich halb so schlimm war.

Zumindest eine Weile funktionierte es. Dann fing Salima an, sich zu verändern. Was sie dazu bewegt hatte, weiß ich nicht. Vielleicht hatten ihr die anderen Frauen erzählt, dass es eigentlich nicht üblich war, wenn außerhalb der Hochzeitsnacht nichts passierte. Vielleicht war sie auch allein darauf gekommen. Wer wusste schon, was in den Köpfen der Frauen vor sich ging?

Es fing damit an, dass sie mich, ganz harmlos, tagsüber in meiner Werkstatt besuchte. Zuerst war ich verwundert, dann nervte es. Ich verbot ihr, die Werkstatt zu betreten. Daraufhin änderte sich ihr Verhalten während der kurzen Zeiten, die wir tatsächlich zusammen waren. Immer wieder berührte sie mich zufällig. Wobei mir durchaus klar war, dass es nicht zufällig war. Schließlich ging sie zu weit. Eines Nachts kehrte ich von meinem üblichen Spaziergang heim und sie erwartete mich, nur mit einer dünnen Decke verhüllt, auf dem Bett sitzend.

Für einen Moment konnte ich sie nur sprachlos anstarren. Dann machte ich auf dem Absatz kehrt und ging, geradezu geschockt von dieser Situation, in meine Werkstatt. Ich kehrte nicht ins Schlafzimmer zurück, sondern machte mir auf der Bank ein nicht mal halbwegs bequemes Lager zum Schlafen.

Noch weiter schien Salima es nicht treiben zu wollen. Eine Weile lang hielten ihre Bemühungen auch noch an, doch dann schien sie zu meiner Erleichterung allmählich aufzugeben. Trotzdem behielt ich meinen Schlafplatz in der Werkstatt bei. Nicht, dass sie es sich doch noch anders überlegte.

Nur langsam verstrich die Zeit dieser Tage und Wochen. Das Dorfleben schien ebenso an mir vorbei zu gehen, wie das in der Festung. Arbeit und Klatsch versuchten die Tage zu füllen, die mir ohne Altaїr doch nur leer vorkamen. Ab und an sah ich ihn auf dem Weg in die Festung an meinem Haus vorbeigehen, doch er würdigte mich keines Blickes. Ich konnte es ihm nicht verübeln, auch wenn es sich jedes Mal wie ein Dolchstoß in mein Herz anfühlte. Zwischen uns stand das Geschehene, wie eine unsichtbare Mauer und nicht einmal die Zeit konnte sie kleiner machen.

Eines Nachmittags sah ich Altaїr den Weg hinauf kommen. Ich legte beiseite, was ich in der Hand hielt und ging hinein. Irgendwie wollte ich gerade heute seine Verachtung nicht ertragen. Plötzlich riss der Schmied die Tür zu der Werkstatt auf. Er sah gehetzt aus und schien, seiner Leibesfülle zum Trotz, gerannt zu sein.

“Templer!”, keuchte er. “Die Templer stehen vor Masyaf!”

tbc ...