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Verrat

Weißer Adler — www.fanfiktion.de · All chapters

Verrat

Einen Moment lang starrte ich Hassan erschrocken an. Wie kam es, dass Templer hier waren? Das hatten sie doch bisher auch nicht gewagt! Masyaf galt doch als uneinnehmbar! Alle, die es bisher versucht hatten, hatten mit ihrem Leben dafür bezahlt und so würde es auch dieses mal sein. Oder?

“Du musst dich beeilen”, drängte mich der Schmied. “Ich hatte geglaubt, du wärst schon längst in der Festung in Sicherheit, aber als ich dich dort nicht fand, habe ich kehrt gemacht, um dich zu holen! Es bleibt nicht mehr viel Zeit, bis sie hier herauf kommen!”

Dass Hassan nur wegen mir den sicheren Schutz der Festung verlassen hatte, bewegte mich. Mit einem Mal war mir klar, dass ich nicht so einsam war, wie ich mich seit der Erpressung fühlte. Ich hatte noch immer Freunde unter den Dorfbewohnern. Sogar solche, die sich in Gefahr begaben, um mich zu warnen. Ein diffuses Gefühl der Wärme durchströmte mich bei dieser Erkenntnis. Es konnte die Leere und die Einsamkeit zwar nicht ganz durchdringen und schon gar nicht vertreiben, aber es war da.

Doch jetzt war nicht die Zeit, sich über derartige Dinge Gedanken zu machen. Ich rannte in die Küche, wo meine Frau gerade schadhafte Kleidung flickte. Erschrocken starrte sie mich an, als ich so herein stürmte, Hassan dicht auf den Fersen. “Lass alles stehn und liegen und lauf zur Festung hinauf!”, befahl ich ihr knapp.

Noch während ich sprach, nahm ich ihr das Hemd aus der Hand und zog sie an den Schultern hoch. Von diesem plötzlichen Überfall anscheinend völlig überrumpelt, schien sie erst gar nicht zu begreifen, was ich gesagt hatte. Ich schob sie mehr zur Tür, als dass sie von alleine ging. Doch dann schien es ihr zu dämmern. Augenblicklich begann sie zu rennen. Gut so, dann konnte ich mich darauf konzentrieren, selbst so schnell wie möglich den Weg hinauf zu kommen und musste mich nicht gleichzeitig um sie kümmern. Hassan blieb hinter mir. Wohl um sicher zu gehen, dass auch ich unbeschadet die Festung erreichte.

Salima riss die Tür nach draußen auf und rannte hinaus. Für einen Moment verschwand sie aus meinem Blickfeld. Plötzlich hörte ich sie entsetzt schreien und eine fremde Stimme sagte etwas unverständliches. Dann hatte auch ich die Tür erreicht und konnte erkennen, was geschehen war. Nur ein paar Schritte entfernt stand einer der Templer und hielt meine Frau am Arm fest. Sie wehrte sich und schrie, doch ausrichten konnte sie damit nichts. Mit wenigen Schritten war ich bei ihr und dem Mann, der sich bereits mit einem widerlichen Grinsen über die Lippen leckte.

So sehr ich Salima auch hasste, ich war dennoch irgendwo für ihr Wohlergehen verantwortlich. Und ich würde niemanden in einer solchen Situation zurücklassen. Auch sie nicht. Dass ich mich dabei mit leeren Händen einem bewaffneten Gegner entgegenstellte, war unerheblich. Es wäre eine Schande, wenn ich mich nur deshalb feige verdrücken und Salima ihrem Schicksal überlassen würde. Immerhin hatte ich auch gelernt, mich ohne Waffen zur Wehr zu setzen. Außerdem war ich nicht allein, selbst wenn ich nicht wusste, ob Hassan mir helfen würde.

Kaum war der Templer in meiner Reichweite, rammte ich ihm meinen Ellbogen vor das ungeschützte Kinn. Er hatte mich kommen sehen, doch anscheinend nicht mit einem derartigen Angriff gerechnet. Verdutzt taumelte er zurück und ließ Salima dabei los, die nicht weniger erstaunt schien. “Lauf!”, raunzte ich sie an und stellte mich demonstrativ zwischen sie und den Angreifer.

Dieser hatte sich wieder gefangen und zog sein Schwert. Jetzt wurde es gefährlich! Ich hoffte inständig, dass mich mein Bein nicht ausgerechnet jetzt im Stich lassen würde. Zornig über den plötzlichen Angriff und dass ihm seine Beute entwischt war, kam der Templer mit erhobener Waffe auf mich zu. Ich wich zurück und entging dem ersten Hieb, der zweite streifte mich am Arm, den ich instinktiv schützend erhoben hatte. Zu einem weiteren Schlag kam der Templer nicht mehr. Hassan hatte die Gelegenheit genutzt, dass der Angreifer sich auf mich konzentrierte und war unbemerkt hinter ihn gelangt. Mit einem Schlag seiner kräftigen Faust schlug er den Mann nieder, der ohne einen weiteren Laut von sich zu geben zu Boden sank.

Erleichtert holte ich Luft und drückte die Hand auf den Schnitt an meinem Unterarm. Die Wunde war nicht tief, blutete aber heftig. Doch darum würde ich mich kümmern, wenn wir in der Festung waren. Von weiter unten im Dorf klangen Geräusche des Kampfes zu uns herauf. Es war keine Zeit mehr zu verlieren. Ich wandte mich um und rannte, nein, humpelte los.

Es war noch nie leicht gewesen mit diesem verfluchten Bein zu rennen, aber all die Wochen, in denen ich nun schon nicht mehr trainiert hatte, hatten meine Beweglichkeit erneut eingeschränkt. Ich kam nicht halb so schnell voran, wie ich es gern gehabt hätte oder es nötig gewesen wäre. Schon nach ein paar Schritten hatte mich Hassan eingeholt. Entschlossen legte er sich meinen gesunden Arm um seine breiten Schultern, so dass ich mich auf ihn stützen konnte. Dann beschleunigte er seine Schritte. Er trug mich mehr, als dass ich selbst lief, aber wir kamen wesentlich schneller voran, als ich es noch alleine vermochte.

Wie ich es hasste, ein Krüppel zu sein! Nicht einmal anständig flüchten konnte ich ohne Hilfe! Trotzdem blieb mir in diesem Fall nichts anderes übrig, als mich auf Hassan zu stützen, denn ohne ihn würde ich niemals rechtzeitig in die Festung gelangen. Und ich war bei Weitem noch nicht bereit zu sterben.

Auf dem Weg hinauf kamen uns Wachen und Assassinen entgegen. Wohl um uns und anderen Flüchtenden mehr Zeit zu verschaffen. Plötzlich war Altaїr da. Er kam kurz nach den anderen den Weg herab. Unsere Blicke trafen sich. Für einen winzigen Moment schien die arrogante Entschlossenheit in seinem Gesicht zu wanken. Doch dieser Augenblick war so schnell vorbei, als ob er nie existiert hätte und Altaїr setzte seinen Weg fort, ohne in seinen Schritten innegehalten zu haben.

Hatte ich denn etwas anderes erwartet? Eigentlich nicht. Trotzdem wusste ich plötzlich, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich ertrug es einfach nicht mehr, wie er so kalt und unnahbar an mir vorüber ging. Aber das war es nicht allein. Ich hatte Altaїr mehr verletzt, als es wohl ein anderer vollbringen konnte. Er, der sonst nur wenig von seinen Gefühlen preis gab, hatte mir seine Liebe gestanden und ich hatte ihn kurz darauf von mir gestoßen und alles, was unsere Liebe ausgemacht hatte, mit Füßen getreten. Ich musste Altaїr sagen, was passiert war. Zumindest so viel Ehrlichkeit war ich ihm schuldig und wenn er mich danach noch mehr verachtete, dann sollte es so sein. Doch er sollte wenigstens wissen, dass alles, was ich in jener Nacht vor meiner Hochzeit gesagt hatte, gelogen war und dass es mir in diesem Moment als einzig möglicher Ausweg erschienen war. Sobald diese Sache mit den Templern vorbei wäre, würde ich ihn aufsuchen und mit ihm reden. Dazu war ich nun fest entschlossen und ich würde mich nicht mehr davon abhalten lassen.

Auch wenn es nicht mehr weit war, schien es eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis die Festung vor mir und Hassan auftauchte. Wir durchquerten das steinerne Tor mit dem noch hochgezogenen Fallgitter. Auf der anderen Seite konnte ich Salima erkennen, die nervös hin und her lief, immer mit einem Blick auf den Durchgang. Als sie mich sah, rannte sie auf mich zu, ungeachtet dessen, dass sie einen anderen Mann dabei anrempelte.

“Du bist verletzt”, stellte sie erschrocken fest, als sie meinen blutenden Arm sah. Ich wollte abwinken, doch Salima war schon wieder davon geeilt. Das war mir nur recht, denn ich hatte gerade jetzt keine Nerven mich mit einem hysterischen Weibsbild auseinander zu setzen. Und wenn sie den Hakim holte, war es sicher auch nicht verkehrt, selbst wenn der Schnitt auch ohne größere Versorgung heilen würde.

Hassan half mir noch die wenigen Meter bis wir den Hof erreichten. Dort ließ er mich los. “Ich danke dir”, murmelte ich und meinte damit nicht nur, dass er mir geholfen hatte, die Festung zu erreichen, sondern vor allem, dass er wegen mir noch einmal ins Dorf gelaufen war.

Er nickte. “Kommst du zurecht? Ich würde gern meine Familie suchen.”

Ich tat mein Bestes, um ein zuversichtliches Lächeln zustande zu kriegen. Kaum zu glauben, wie anstrengend der Weg in die Festung gewesen war, doch ich riss mich noch ein bisschen zusammen. “Natürlich. Geh nur zu deiner Familie, sie werden dich brauchen.”

Er klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter, was beinahe ausreichte, um mich in die Knie gehen zu lassen und verschwand dann in der Menge der versammelten Flüchtlinge.

Ich sah ihm nach und fragte mich, ob ich mich irgendwann an den Gedanken gewöhnen würde, dass ich jetzt auch eine Familie hatte. Vielleicht noch nicht wie Hassan, der mit seiner Frau einen Sohn und zwei hübsche Töchter hatte, aber so weit entfernt war ich davon auch nicht. Vor allem würde früher oder später Gerede aufkommen, wenn Salima nicht irgendwann schwanger werden würde.

Ich ließ mich an der Wand entlang zu Boden sinken. Mein Arm blutete noch immer, doch es ließ schon nach. Eigentlich sollte ich mich wohl lieber damit beschäftigen, als mit der Überlegung, ob ich diese Karikatur einer Hochzeitsnacht noch einmal wiederholen könnte. Genervt von meinen eigenen, verworrenen Gedankengängen fuhr ich mir seufzend mit der Hand über das Gesicht. Ich war es leid so zu tun als ob, ich wollte, dass alles wieder so war, bevor sich Mustafa eingemischt hatte. Doch es war wohl wahrscheinlicher, dass sich die Welt auf den Kopf stellte, bevor dies geschah.

Plötzlich war Salima wieder da und sie hatte tatsächlich den Hakim mitgebracht. Mit geübten Handgriffen desinfizierte er die Wunde und verband den Arm, während meine Frau daneben stand und nervös ihre Hände knetete. Kaum war der Mann fertig, da erhob er sich wieder und verschwand in der Menge. Heute gab es sicher noch viel für ihn zu tun. Diese verfluchten Templer! Was hatten sie hier auch zu suchen?

Vorsichtig, als ob sie jeden Augenblick damit rechnete, dass ich sie anschnauzte, setzte sich meine Frau neben mich. Noch zögerlicher umfasste sie meinen unverletzten Arm mit beiden Händen und lehnte ihre Stirn an meine Schulter. Ich verspannte mich ein wenig, doch ich rutschte nicht von ihr fort oder versuchte sie anderweitig los zu werden, auch wenn ich diese Nähe von ihr noch so sehr verabscheute. Widersinnigerweise tat es gut, jetzt nicht allein zu sein. Selbst wenn es ein Mensch war, den ich eigentlich hasste.

Das Geräusch des Fallgitters, das herunter gelassen wurde, ließ uns gleichzeitig zusammenzucken. Das dumpfe Geräusch, als das schwere Tor sich schloss, kam mir mehr wie ein Todesurteil vor, als ein Beweis, dass wir hier sicher waren. Salima drückte sich noch etwas näher an mich, doch ich ignorierte diese Tatsache, denn ich hatte Altaїr wieder entdeckt. Mit zwei anderen Assassinen kletterte er die Leiter hinauf, die zu einem der äußeren Türme führte. Er war heil wieder zurückgekehrt. Ich schickte ein Stoßgebet zu Allah, in dem ich ihm dankte und bat, dass er ihn auch weiterhin so gut beschützen möge. Denn dort oben war Altaїr keineswegs sicher.

Ich kannte die grundlegenden Verteidigungsstrategien der Assassinen. Jeder Novize lernte sie. Ein entscheidender Punkt war es, dem Angreifer klar zu machen, dass hier niemand den Tod fürchtete. Als beispiellose Darstellung dieser Todesverachtung stürzten sich ein paar ausgewählte Meister von diesem Turm. Es nannte sich der “Sprung des Glaubens”, doch im Gegensatz zu dem, was den Belagerern weis gemacht wurde, starb niemand. Die Männer landeten unbemerkt in Heu und gelangten durch einen Zugang wieder in die Festung. Trotzdem und bei aller Faszination, die ich für diese Fertigkeit verspürte, blieb immer ein Risiko dabei. Hoffentlich blieb Altaїr unverletzt.

Al Mualim erschien und stieg zu den Zinnen hinauf. Gebannt folgten die anwesenden Dorfbewohner seinen Schritten. Kurz darauf konnten wir alle den Meister der Assassinen sprechen hören. Deutlich klang dessen Stimme von den Zinnen zu uns herunter, auch wenn er nicht zu uns sprach, sondern zu den Belagerern vor der Burg. Gebannt lauschten wir alle den Worten des Meisters, die uns deutlich machten, dass er keinesfalls daran dachte zu kapitulieren.

Als er den Männern auf dem Turm den Befehl zu springen gab, erschauderte ich unwillkürlich und ballte die Hände zu Fäusten. Für einige, atemlose Augenblicke herrschte eine so tiefe Stille, dass ich beinahe glaubte, die Zeit wäre angehalten. Ich war so gebannt von diesem Moment, dass ich erst nicht bemerkte, wie Salima sacht über meine geballte Faust streichelte.

Dann erhob Al Mualim wieder seine Stimme und der Bann war gebrochen. Ich entzog meiner Frau die Hand und atmete tief durch, in der Hoffnung, dass ich mich ein wenig entspannen konnte. Hoffentlich war Altaїr nichts geschehen ...

Die Debatte zwischen dem Meister und den Angreifern ging weiter. Doch irgendetwas daran war seltsam. Es schien mir nicht so, als würde Al Mualim etwas mit seinen Worten erreichen wollen. Es war eher, als wollte er die Männer dort draußen lediglich hin halten. Es ging hin und her, kleine Sticheleien und Drohungen, die von außen wohl auch zurückgegeben wurden.

Ein plötzliches, anhaltendes Krachen ließ mich aufspringen. Und nicht nur mich. Alle Anwesenden starrten erschrocken auf das geschlossene Tor hinter dem der Lärm stattfand. Unter das Krachen mischten sich grauenhafte Schreie von Männern und Pferden. Der Meister hingegen stand auf den Zinnen und lachte. Es war ein Lachen, das mir einen eiskalten Schauer den Rücken hinunter schickte. Grausam, gehässig und siegessicher.

Mir wurde klar, dass Al Mualim das geplant hatte. Deshalb hatte er die Männer hingehalten. Er hatte darauf gewartet, dass eine Falle ausgelöst wurde, die die Angreifer töten oder zur Flucht treiben würde. Und nun lachte er ...

Es war nicht so, dass ich Mitleid mit den Templern hätte, dazu hasste ich sie zu sehr, oder dass mir die Hinterhältigkeit dieses Angriffes nicht gefiel. Ein Assassine arbeitete schließlich auch nicht anders. Nein, es war die offene, verachtende Kaltblütigkeit, die den Meister über den grausamen Tod dieser Männer lachen ließ. Templer, Ungläubige oder Muslime. Das machte doch keinen Unterschied. Toten sollte ein gewisser Respekt gezollt werden. Egal, was sie in ihrem Leben gewesen waren oder getan hatten. Es gehörte sich einfach so. Selbst von Altaїr, der immer so arrogant auftrat, wusste ich, dass er es so hielt.

Der Meister hatte aufgehört zu lachen und wandte sich den Wartenden im Hof der Festung zu. “Öffnet das Tor, geht hinaus und tötet alle Templer, die noch übrig sind!”, befahl er den Wachen und Assassinen. Ohne zu zögern folgten sie dem Befehl. Dann wandte sich Al Mualim an die Dorfbewohner. “Geht zurück in eure Häuser. Was die Templer auch zerstört haben mögen, wir werden alles wieder aufbauen. Kein Ungläubiger wird Allahs Kinder je in die Knie zwingen! Allah steht uns bei und wird nicht zulassen, dass wir in diesem Krieg untergehen!”

Schweigen antwortete auf diese Ansprache, doch der Meister schien nichts anderes erwartet zu haben. Es hatte an diesem Tag viele Tote gegeben und das nicht nur unter den Templern. Dennoch schien trotz der Trauer auch Hoffnung und Zuversicht unter den Menschen zu herrschen. Auch wenn mir Al Mualim in diesem Augenblick so unsympathisch war wie noch nie, musste ich ihm zumindest in diesem Punkt recht geben. Wir würden nicht untergehen. Wir würden unsere Heimat immer einmal mehr aufbauen, als die Ungläubigen sie zerstören könnten.

So schienen es auch die anderen zu sehen. Nach und nach machten sich alle auf den Weg. Manche mehr, manche weniger eilig. Ich wartete, bis auch der Letzte das Tor durchschritten hatte. Erst dann ging ich ebenfalls los. So langsam wie ich war, hätte ich nur diejenigen behindert, die es eilig hatten, zu ihren Häusern zu gelangen. Eigentlich wollte ich gar nicht wissen, welchen Schaden die Templer an meinem Haus angerichtet hatten. Vielleicht hatte ich Glück gehabt, weil es so nah an der Festung lag. Das eigentliche Ziel vor Augen hatte hoffentlich dafür gesorgt, dass sie sich nicht damit aufgehalten hatten, etwas anzuzünden.

Salima hielt sich noch immer an meinem Arm fest, als wir selbst das Tor durchquerten. Der Anblick, der sich uns davor bot, war grauenhaft. Dicke, meterlange Baumstämme lagen mit den teils zur Unkenntlichkeit zermalmten Leichen der Templer durcheinander. Lediglich ein paar der Stämme und einige Leichen waren zur Seite geräumt worden, um einen Weg für die Menschen zu bahnen. Als ich das sah, drehte es mir beinahe den Magen um. Die Falle war effektiv gewesen, keine Frage. Sowohl in ihrer Zerstörungskraft, als auch in ihrer abschreckenden Wirkung.

Salima drückte ihr Gesicht wimmernd in den Stoff meiner Tunika. Ich ließ es zu und führte sie durch dieses Schlachtfeld. Wenn sie hier in Ohnmacht fiel, wäre ich mehr oder weniger gezwungen sie zu tragen und ich hatte nicht vor, dies zu tun. Deshalb entzog ich mich ihrem Griff erst, als wir diesen Ort hinter uns gelassen hatten. Den Rest des Weges konnte sie alleine gehen.

Von dem unteren Teil Masyafs stiegen schwarze und helle Rauchschwaden bis weit in den wolkenlosen Himmel empor. Dort standen anscheinend einige Häuser in Flammen, doch es wurde auch schon gelöscht. Mein Haus stand dagegen völlig unversehrt da. Ich hatte Glück gehabt. Auch der Templer, den Hassan niedergeschlagen hatte, war verschwunden. Möglicherweise war er aufgewacht und war seinen Kameraden gefolgt. Wenigstens lag keine Leiche vor meiner Tür.

Ich ging hinein und ließ mich erschöpft auf einen Schemel sinken. Was für ein grauenhafter Tag. Mit halb geschlossenen Augen saß ich zusammengesunken da und versuchte die Bilder der Toten aus meinem Kopf zu verscheuchen. Salima folgte mir hinein, blieb jedoch unschlüssig bei der Türschwelle stehen. Für eine Weile herrschte Schweigen. Dann fing sie plötzlich an zu sprechen. Ich zuckte regelrecht erschrocken zusammen, so unerwartet kam dies für mich.

“Ich danke dir, dass du mich beschützt hast”, sagte sie und kam auf mich zu. Noch bevor sie mich mit ihrer ausgestreckten Hand berühren konnte, war ich aufgesprungen und in meine Werkstatt gehumpelt. Mit einem beachtlichen Geräusch schloss sich die Tür hinter mir. Salima sollte bloß nicht glauben, dass sich nun irgendetwas ändern würde. Ich hatte sie beschützt, weil ich mir schäbig vorgekommen wäre, hätte ich es nicht getan und nicht, weil sie mir irgendetwas bedeutete.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, mir zu überlegen, was ich Altaїr sagen wollte. Oder besser, wie ich es ihm sagen wollte. Ich hatte nur diese eine Gelegenheit, aber ich war immer noch fest entschlossen, mit ihm zu reden. Hoffentlich ließ er mich überhaupt zu Wort kommen ...

Der nächste Tag begann für mich mit nervöser Aufregung. Die Nacht über hatte ich kaum geschlafen. Ständig hatte ich neu formuliert, was ich zu sagen hatte und nie erschien es mir gut genug. Trotzdem musste ich heute mit Altaїr reden. Wer wusste schon, ob ich jemals erneut die Gelegenheit dazu bekommen würde. Er stürzte sich doch nahezu ständig in Gefahr, jedes Mal, wenn Al Mualim ihn aussandte, und ich wollte nicht die vielleicht letzte Gelegenheit verpassen, ihm alles zu erzählen.

Als ich das Haus verließ, drang aufgeregter Lärm vom Dorfplatz bis zu mir hinauf. Neugierig geworden, was wohl geschehen war, ging ich hinunter. Es herrschte regelrechter Aufruhr. Ich verstand kaum ein Wort von dem, was geredet wurde, so durcheinander sprachen alle. Selbst Hassan konnte ich hier entdecken, obwohl er sonst reichlich wenig auf den Dorfklatsch gab.

Schnurstracks ging ich auf ihn zu und sprach ihn an: “Was ist denn geschehen, dass alle so aufgeregt sind?", fragte ich.

Hassan fuhr herum und ich konnte ihm ansehen, dass er selbst kaum glauben konnte, was geschehen war. “Es geht um Altaїr, Karim!”, platzte er heraus. “Er soll dafür verantwortlich gewesen sein, dass die Templer angegriffen haben! Der Meister hat ihn des Verrats bezichtigt und ihn persönlich hingerichtet!”

tbc ...