Fragen und Antworten
Fragen und Antworten
Die Tage flossen zäh wie Honig vorüber und meine Gedanken ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Eines Nachmittags wurde mein Blick von einer kleinen Gestalt angezogen, die so schnell wie möglich die Straße zur Festung hinauf rannte. Einer der jungen Novizen. Vielleicht zwölf Jahre alt.
Keine fünf Minuten später kamen ein halbes Dutzend Assassinen denselben Weg wieder hinunter. Nicht weniger eilig als der Junge.
Sofort war meine Arbeit vergessen. Was ich in der Hand hielt, ließ ich fallen und wollte schon hinterher laufen, als mich Mustafa am Arm festhielt.
“Untersteh dich!” grollte er zornig. “Du bist seit Wochen unaufmerksam und schlampig bei der Sache. Was lässt dich glauben, du könntest jetzt auch noch einfach gehen?”
Für einen Augenblick war ich versucht, seine Hand einfach abzuschütteln. Alles in mir schrie danach, zum Tor zu laufen. Ich musste wissen, was geschehen war. Vielleicht war Altaїr endlich zurückgekehrt. Gerade noch rechtzeitig meldete sich das kleine bisschen Vernunft, das die letzten Wochen so oft geschwiegen hatte.
Ich schuldete Mustafa, als sein Lehrling, zumindest so viel Respekt, dass ich seiner Anweisung gehorchte. Also biss ich die Zähne zusammen, murmelte ein “Ja, Meister” und hob mein Werkzeug wieder auf. Doch konzentrierter bei der Arbeit war ich bei weitem nicht. Meine ganze Aufmerksamkeit war nun auf die Straße gerichtet.
Es schien unendlich lang zu dauern, bis etwas geschah. Die sechs Assassinen kamen den Weg hinauf und bildeten eine Art Eskorte. In ihrer Mitte saß eine zusammengesunkene, leblose Gestalt auf einem Rappen.
Altaїr.
Ihn würde ich immer wieder erkennen. Mir wurde eiskalt, trotz der Spätsommerhitze.
Auf Altaїrs weißer Robe zeichneten sich überdeutlich dunkelrote Flecken ab und keine Regung ließ darauf schließen, dass er noch bei Bewusstsein war. Zwei der Assassinen stützten ihn sogar, damit er nicht aus dem Sattel fiel.
Zum zweiten Mal an diesem Nachmittag verspürte ich den dringenden Impuls, alles fallen zu lassen. Doch ich war unfähig, mich zu bewegen. Erst als Männer aus meinem Blickfeld verschwunden waren, merkte ich, dass ich sogar die Luft angehalten hatte. Zitternd atmete ich durch. Auch meine Hände, die sich um mein Werkzeug gekrampft hatten, entspannten sich langsam wieder.
Das abfällige Schnauben von Mustafa holte mich endgültig in die Wirklichkeit zurück. “Endlich ist er mal jemandem begegnet, dem er nicht gewachsen war …” murmelte er leise, mehr zu sich selbst, doch ich hörte es trotzdem.
Für einen Moment dachte ich, meine Ohren hätten mir einen Streich gespielt, dann spürte ich, wie mir vor Zorn das Blut aus dem Gesicht wich. Wie konnte er nur so etwas sagen? Nur unter Aufbietung meiner gesamten Willenskraft konnte ich mich davon abhalten, meinem Lehrmeister an die Kehle zu springen. Noch nie hatte er sich anmerken lassen, dass er Altaїr derart hasste.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich wieder weit genug unter Kontrolle hatte, um meine Arbeit fortzusetzen. Doch meine Gedanken waren bei Altaїr.
Was war nur geschehen?
Schon am Abend machten die wildesten Gerüchte ihre Runde. Und kein einziges davon war positiv. Meistens war von grausamsten Verletzungen die Rede und eines besagte sogar, dass Altaїr schon den letzten Atemzug getan hatte, bevor er die Festung erreicht hatte.
Ich wollte nichts davon hören. Jede neue Version von dem, was geschehen sein mochte, jagte mir eiskalte Schauer über den Rücken hinunter und ließ immer schrecklichere Horrorvisionen vor meinem inneren Auge entstehen.
Trotzdem schien es mir unmöglich, das Gerede zu ignorieren. Es war wie eine Sucht. Kaum fiel sein Name, konnte ich nicht mehr weghören. Egal, wie grauenhaft es sein mochte, was erzählt wurde, ich hörte jedes Wort. Nicht einmal das Bewusstsein, dass keiner etwas wusste — und noch nicht einmal wissen konnte — änderte etwas daran.
Reine Vernunft hielt mich davon ab, zur Festung zu gehen. Was hätte ich auch tun können, außer im Weg zu stehen? Altaїr die Hand halten? Lächerlich! Wer weiß, ob er mich überhaupt sehen wollte. Immer vorausgesetzt, dass ich überhaupt bis zu ihm vordringen konnte. Was mehr als fraglich war. Immerhin war ich kein Novize mehr und hatte daher keinen freien Zutritt mehr zur Festung.
Also blieb ich bei dem, was ich auch die letzten Wochen getan hatte. Nach der Arbeit verschwand ich auf dem Trainingsplatz und absolvierte so lange meine Übungen, bis ich so müde war, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Eine bisher sehr effektive Methode, um alles zu verdrängen, die auch jetzt nicht versagte.
Auch die nächsten Tage wartete ich umsonst auf ein klares Wort aus der Festung. Doch alles was ich hörte, waren die Gerüchte aus dem Dorf. Das Gefühl, aus der Bruderschaft ausgeschlossen zu sein, war stärker denn je. Ebenso wie die Sorge um Altaїr.
Ich versuchte mich damit zu beruhigen, dass eine Bestattung nicht unbemerkt geschehen würde und Altaїr demnach noch leben musste. Zugegeben, es war nicht wirklich beruhigend ... Doch zumindest hatte die Eifersucht beschlossen, mich vorerst nicht weiter zu quälen.
Ich verbrachte die Nächte weiterhin auf dem Übungsplatz. Dass Tage und Wochen vergingen merkte ich eigentlich nur, weil der Mond zu — und wieder abnahm und mir mal mehr, mal weniger Licht spendete.
Es war inzwischen beinahe Neumond und der Platz gerade hell genug, dass ich nicht über meine eigenen Füße stolperte. Ich hatte meine Übungen bereits zwei Mal absolviert. Trotzdem war ich noch nicht müde genug und so begann ich ein drittes Mal von vorn.
Eine Bewegung am Rand ließ mich innehalten.
Ich wollte meinen Augen kaum trauen, als Altaїr langsam auf mich zu kam. In der ersten Sekunde zweifelte ich noch, dass er es war, denn er trug nur eine einfache Hose und eine Tunika, anstatt seine übliche Kluft mit Kapuze, Robe und dem breiten Waffengurt. Nicht einmal Stiefel hatte er an. Aber er war es!
Meine Gedanken und Gefühle schlugen Purzelbäume, sodass ich kaum ausmachen konnte, was ich überhaupt dachte und fühlte.
Zuerst Erleichterung und Freude, eng mit Sorge verbunden. Altaїr lebte! Das Wichtigste überhaupt. Doch ging es ihm schon wieder gut?
Dann Glück und Hoffnung. Er war hier. Er war zu mir gekommen. Hatte er einfach vergessen können, was geschehen war, bevor er fortging?
Nun kam die Unsicherheit dazu. War dies jetzt gut oder schlecht für mich? Würden wir noch gemeinsam trainieren können? Oder würde dieser Kuss dennoch immer zwischen uns stehen? Gefangen in diesem Gefühlschaos konnte ich nur reglos da stehen, während er immer näher kam.
Er humpelte leicht. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als ich das sah. Hoffentlich war es nur vorübergehend. Doch dies war nicht das einzige Zeichen, dass er noch unter seinen Verletzungen litt und es tat mir weh, ihn so zu sehen.
Sein Gesicht konnte ich noch nicht eindeutig erkennen, aber an seiner rechten Schläfe zeichnete sich schwarz und beängstigend ein heftiger Riss ab. Je näher Altaїr kam, desto deutlicher wurden die Zeichen seiner Verletzungen. Auf seinem Jochbein hob sich, bereits grüngelb verfärbt, ein übler Bluterguss von seiner hellen Haut ab und unter der Tunika konnte ich einen Verband erkennen, der seine Brust umspannte.
Dann stand er vor mir und meinem Gefühlschaos fügte sich eine weitere Komponente hinzu: Das nahezu unwiderstehliche Verlangen, ihn zu berühren und mich zu vergewissern, dass er wirklich echt und nicht nur eine Wunschvorstellung meinerseits war.
Doch ich schaffte es, nicht nachzugeben. Auch wenn ich meine Hände so hart zu Fäusten ballte, dass sich meine Fingernägel schmerzhaft in die Handflächen gruben.
Endlich fand ich meine Stimme wieder.
“Wie geht es Euch?”, platzte ich heraus. Im gleichen Moment kam mir dies wie die dümmste Frage der Welt vor. Auch wenn es das war, was mich jetzt am meisten interessierte.
Altaїr zog eine Grimasse. “Den Umständen entsprechend …” antwortete er.
Ohne dass ich es verhindern konnte, schlüpfte bereits die nächste Frage über meine Lippen: “Was ist denn geschehen?”
Ich sah, wie seine Mundwinkel kurz amüsiert zuckten. Waren meine Fragen so lächerlich?
“Es gab ein paar Schwierigkeiten. Doch darüber braucht Ihr Euch keine Gedanken mehr zu machen”, erklärte er kurz und fügte hinzu: “Und bevor Ihr fragt, das war nicht der Grund weshalb ich so lange fort war.”
Prompt wurde ich rot, was in der nächtlichen Dunkelheit hoffentlich nicht so auffiel, denn dies wäre tatsächlich die Frage gewesen, die mir schon auf der Zunge lag.
War ich so leicht zu durchschauen? Eigentlich ging mich dies alles auch gar nichts an. Doch es schien nicht so, als würde er es übel nehmen, also nahm ich meinen Mut zusammen und fragte die nächste Frage, die er sicherlich auch schon erwartete. “Weshalb wart Ihr denn so lange fort?”
Ich hatte erwartet, wieder dieses unterdrückte Lachen in seinem Gesicht zu sehen, doch stattdessen blieb Altaїr ernst. Was mich sehr irritierte. Ihm gelang es anscheinend mühelos undurchschaubar zu sein. Auch wenn ich ihn noch so gut zu kennen glaubte. Das würde sich wohl auch nie ändern.
Seine Antwort war so undurchschaubar wie er. “Ich musste mir über einige Dinge klar werden …”, meinte er und bevor ich mir überhaupt darüber klar werden konnte, was ich sagen wollte oder was seine Antwort bedeuten könnte, stellte er selbst eine Frage: “Was wollt Ihr, Karim?”
Ich schluckte und fuhr mir nervös über das Gesicht. Diese Frage traf mich unvorbereitet. Dennoch musste ich kaum über die Antwort nachdenken. Aber was ich wirklich wollte, würde ich nie bekommen. Nämlich ihn. Ich wollte an seiner Seite sein und ich wollte der sein, an den er dachte, wenn er fort war.
Allein dieser Gedanke war unrecht und so beantwortete ich die Frage mit dem, was ich vor ihm wollte. “Ich will ein Assassine werden!” Beinahe erstaunt merkte ich, wie fest meine Stimme doch klang. “Ich will dem Credo folgen und dem Heilige Land Frieden bringen.”
Altaїr kam einen Schritt auf mich zu. “Ist es das, was Ihr wirklich wollt?”, hakte er nach. Ich nickte nur. Er schaffte es schon wieder, mich mit seiner bloßen Nähe aus der Fassung zu bringen. Und er war so nah. So nah …
Mit einem unergründlichen Ausdruck im Gesicht sah er mich an. Dann hob er langsam seine rechte Hand.
“Was ist damit?”, fragte er und strich unerwartet sanft über meine Wange.
Diese Berührung traf mich wie ein Blitz. Unfähig seinem Blick auszuweichen, war ich hin und her gerissen zwischen dem, was ich tun sollte und dem, was ich tun wollte.
Ich sollte dieser Berührung ausweichen und dem Ganzen ein Ende machen, bevor es zu spät war. Doch andererseits …
“Nicht”, protestierte ich halbherzig, brachte jedoch nicht die Kraft auf, zurückzuweichen.
“Warum nicht?”
Seine Frage war rein rhetorisch. Und ich denke, das wusste er ebenso wie ich. Dennoch sagte ich, mit ganz und gar nicht mehr fester Stimme: “Weil es falsch ist …”
Ein kurzes, abfälliges Lachen antwortete darauf. “Niemand hat das Recht, Euch vorzuschreiben, wen Ihr zu lieben habt.” Seine Stimme war rau und er sah mich mit einem Blick an, der mir den Atem raubte und mein Herz schneller schlagen ließ.
“Niemand …” Seine Hand wanderte in meinen Nacken … In mir wurde die Stimme lauter, die schrie, dass dies alles falsch war.
“Ich werde mir jedenfalls keine Vorschriften machen lassen.” Er kam noch ein Stück näher, bis er so nah vor mir stand, dass ich seinen Atem auf meinem Gesicht spürte. Noch immer bannte er mich mit seinem Blick und ich glaubte in seinen Augen versinken zu müssen. Altaїrs Stimme war nur ein Flüstern, als er weitersprach. Doch er hätte nicht sicherer klingen können. “Es ist mir egal, ob wir es vor der Welt verbergen müssen, ich will Euch, Karim. Und ich werde Euch mit niemandem teilen.”
tbc …