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Die Definition von Paradies

Weißer Adler — www.fanfiktion.de · All chapters

Die Definition von Paradies

Altaїrs Worte hallten in meinem Kopf wider.

Nein! Nicht jetzt! Ich hatte mich doch schon beinahe damit abgefunden, dass sich dieser Wunsch nie erfüllte. Was auch gut so war, denn — so weh es auch tat  — es war nun einmal falsch. Gesellschaftlich und moralisch!

Und jetzt kam er und wischte sämtliche Entschlossenheit meinerseits mit seinen Worten und seiner Berührung hinfort! Es wäre so leicht, einfach der Versuchung nachzugeben und es mit einem Kuss zu besiegeln. Doch was würde dann geschehen? Ich wusste es nicht. Nicht wirklich.

Was ein Problem war, denn ich glaubte zu wissen, was geschehen würde, wenn ich nicht nachgab. Und das war ein Leben ohne Altaїr. Eine trostlose Vorstellung. Vor allem jetzt, da er nicht mehr unerreichbar war.

Wenn ich mich für ihn entschied ... Wir würden es immer geheim halten müssen und ich wagte kaum, es mir auszumalen, was passieren würde, wenn jemand es herausfand. Doch er wäre da. Er würde zu mir gehören, wie ich zu ihm. Von meinen heimlichen Fantasien, die ich ganz tief in mir zu vergraben suchte, mal ganz abgesehen. Aber war es das Risiko wert?

Ja!, antwortete eine penetrante Stimme in meinem Kopf. Doch dann kam mir ein furchtbarer Gedanke. Was, wenn er nur mit mir spielte? Es war eine Möglichkeit für ihn, mich ohne Gesichtsverlust loszuwerden. Er wusste ebenso gut wie ich, dass wir damit gegen alle Regeln verstoßen würden. Dieser Gedanke gab mir die nötige Kraft, um mich loszureißen.

Noch während ich ein paar Schritte zurückwich, erinnerte mich wieder dieselbe, penetrante Stimme, dass Altaїr niemals Spielchen spielte. Gradlinig und aufrecht, ohne Heuchelei, ging er durch sein Leben.

Trotz der Dunkelheit, die uns umgab, konnte ich seine plötzlich zusammengezogenen Augenbrauen erkennen. Und was ich jetzt sagen würde, würde ihm noch weniger passen, als mein Rückzug. Mein Herz drohte schon bei dem Gedanken daran zu zerreißen und doch sprach ich aus, was mir die Vernunft vorschrieb. “Es wäre falsch! Egal, wie Ihr es dreht und wendet, eine derartige Beziehung zwischen zwei Männern darf es nicht geben!”

Ich sah sehr wohl, wie sein Gesicht immer finsterer wurde, doch ich war noch nicht fertig. Nichts mehr konnte mich davon abhalten zu sagen, was ich sagen musste. “Ihr solltet Euch eine Frau suchen und eine Familie gründen, wie es sich gehört. Genauso wie ich …”

Der letzte Satz kam nur noch leise über meine Lippen. Auch wenn es das Normalste der Welt war. Die Vorstellung, selbst eine Familie zu gründen, erschien mir in diesem Augenblick einfach zu absurd.

“Eine Frau …” Er lachte. Kurz und abfällig, ohne jegliche Spur von Humor. “Eine Frau kann nie verstehen, was es heißt, dem Credo zu folgen. Eine Frau wird nie wissen, was es bedeutet dafür zu kämpfen. Ihr schon …”

Er kam näher, doch ich wich gleichermaßen zurück. Ich konnte und wollte ihn jetzt nicht in meine Nähe lassen. Wenn es nach mir ginge, würde ich ihn sogar einfach stehen lassen und gehen. Doch dann würde ich an ihm vorbei müssen, was im Moment mehr war, als ich fertig bringen würde.

Ich zuckte zusammen, als ich plötzlich ein Hindernis in meinem Rücken spürte. Die Felswand hielt meine Flucht letztendlich auf und gab Altaїr die Gelegenheit, die Distanz zwischen uns in Sekunden zu überbrücken.

Riesengroß, wie mir schien, stand er vor mir. Er stützte seine Arme rechts und links von mir ab und unterband damit jede weitere Flucht meinerseits. Ich fühlte mich in die Enge getrieben. Sehr sogar.

Altaїr sah nicht mehr ganz so finster drein wie zuvor, aber immer noch fest entschlossen. Seine Stimme war spröde, als er wieder anfing zu sprechen. “Ob falsch oder nicht, wer soll das beurteilen?”, fragte er. Ohne mir Zeit zum Antworten zu geben, sprach er weiter. “Mord ist auch falsch. Es spielt keine Rolle, wie nobel der Grund erscheinen mag. Ein Mord ist und bleibt ein Mord. Und jetzt sagt mir, was wiegt wohl schwerer. Ein Mord oder zwei Menschen, die sich lieben?”

Ich schluckte hart. So hatte ich das nie gesehen. Doch das machte es auch nicht richtig. Ich suchte nach einem Argument, das seine Aussage entkräften konnte. Grübelnd kaute ich auf meiner Unterlippe herum, was ich jedoch schnell unterließ, als ich seinen Blick wahrnahm. Er sah aus, als könnte er sich nur mit Mühe davon abhalten, mich an sich zu reißen und der Spur meiner Zähne mit seiner Zunge zu folgen.

Diese Vorstellung ließ mich ganz und gar nicht kalt, doch ich stand in diesem Augenblick zu sehr unter Spannung, um es zu verdrängen.

“Der Mord eines Assassinen dient einer größeren Sache”, antwortete ich schließlich heiser und wandte den Blick ab. Ich fühlte mich außerstande, ihm weiter ins Gesicht zu sehen. “Wir ... würden nur uns selbst dienen.”

“Und was ist daran so schlimm?”, fragte er kühl. “Wir opfern dieser größeren Sache unser Leben, wenn es nötig ist. In einem lautlosen und unsichtbaren Krieg, den wir unser Leben lang kämpfen. Warum sollten wir uns alles versagen, was wir uns wünschen?”

Er beugte sich noch näher zu mir und zwang mich ihn anzusehen. Panik überrollte mich. Instinktiv schlug ich zu.

Selbstverteidigung auf engstem Raum ist mit das Erste, was ein Assassinennovize lernt. Auch im Training mit Altaїr hatte ich dies so oft geübt, dass die Bewegungsabläufe keine Sache des Denkens mehr waren. Mein Ellbogen schoss nach vorn. Und traf.

Ich realisierte erst was geschehen war, als Altaїr aufstöhnte. Er schlang seine Arme um sich und sackte unaufhaltsam zusammen. Verdammt, was hatte ich nur getan?!?

Ich wusste doch, dass er verletzt war! Dieser Schlag gegen den Solarplexus hätte sogar einen gesunden Mann außer Gefecht gesetzt! Erschrocken versuchte ich seinen Sturz aufzuhalten, was jedoch nur mäßig gelang.

Schließlich saßen wir beide auf dem sandigen Boden. Irgendwie hatte ich es geschafft, hinter ihn zu gelangen, sodass er nun, halb liegend, an mir lehnte. Ich hielt ihn vorsichtig fest. Beinahe so, als wäre er aus Glas und könnte jederzeit zerbrechen. Allein die Tatsache, dass er relativ ruhig atmete, verhinderte eine weitere Panik bei mir. Aber was nun?

Was wäre, wenn er nicht mehr aufwachte? Wenn ich ihn so getroffen hatte, dass ich den Hakim holen müsste? Wie sollte ich dann diese Situation erklären? Ich konnte sie nicht erklären. So einfach war es.

Ich sah von oben in Altaїrs Gesicht und alles, was ich für ihn empfand, stürmte auf mich ein. Warum war ich nur so dumm? Warum hatte ich nicht einfach mit einem Ja antworten können? Er war doch alles, was ich wollte. Wenn ich seinen Worten glaubte, war es auch in seinem Sinn und was tat ich? Ich stieß ihn von mir fort und verletzte ihn! Ich war so dumm! So dumm!!! Vielleicht hatte ich nun endgültig alles zerstört …

Dabei hatte er durchaus Recht mit dem, was er gesagt hatte. Wenn ich doch einfach alle meine Zweifel und Bedenken zur Seite schieben könnte …

“Verzeiht mir”, flüsterte ich und hauchte ihm vorsichtig einen Kuss auf den Scheitel.

Er regte sich leicht und öffnete die Augen. Seine rechte Hand legte sich auf meine. “Gut zu wissen, dass mein Training nicht umsonst war. Aber das nächste Mal wäre eine Warnung angebracht.” Er sprach leise und klang sehr mitgenommen, doch in seiner Stimme klang Ironie. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

Ich wollte aufstehen, doch ich hatte mich kaum bewegt, als er mich aufhielt.

“Nicht …”, ächzte er und krallte sich in meine Hand. “Nicht bewegen. Das tut weh …”

Also blieb ich stocksteif sitzen und wagte kaum zu atmen.

Stille breitete sich aus, doch sie war nicht unangenehm. Eher ... abwartend ... Ein paar Grillen zirpten in der Ferne. Die schmale Sichel des Mondes verschwand langsam hinter den Bergen und ließ nur das Licht der Sterne übrig. Allmählich schien sich Altaїr wieder zu entspannen. Und gleichermaßen wurde auch ich ruhiger. Anscheinend hatte ich ihn nicht verletzt. Allah sei Dank!

Schließlich brach Altaїr diese seltsame Stille.

“Ich glaube nicht daran, dass mich nach dem Tod das Paradies erwartet”, gestand er und seine Finger umschlossen sanft meine Hand. “Und selbst wenn, ohne Euch wäre es grau und leer. Aber solange ich lebe … Seid mein Paradies, Karim.”

Eine Bitte von ihm! Altaїr bat nie um etwas. Er forderte. Normalerweise. Aber jetzt bat er mich um etwas. ‘Sein Paradies …’ Mir wurde ganz warm vor Glück. Wie hatte ich nur auf meine Zweifel hören können? Diese einfache Bitte von ihm ließ in mir jeglichen Widerstand, der noch vorhanden war, verschwinden.

Ich erwiderte den sanften Druck seiner Finger. Mir fehlten die Worte, um etwas zu sagen, doch es schien, als wären Worte auch nicht mehr nötig. Wir blieben noch eine ganze Weile in stillem Einverständnis sitzen und genossen die friedliche Stimmung. Es schien beinahe so, als wären wir die einzigen Menschen auf dieser Welt.

Doch allmählich forderte auch der Tag seinen Tribut. Unaufhaltsam schlich sich die Müdigkeit in meine Glieder und ich konnte ein Gähnen nicht mehr unterdrücken. Altaїr lachte leise und stand auf. Auch rappelte ich mich hoch.

Es fühlte sich seltsam an, wie wir uns so gegenüberstanden. Äußerlich hatte sich nichts geändert und doch war nichts wie zuvor.

Altaїr hob fragend eine Augenbraue und seine Mundwinkel zuckten amüsiert nach oben. “Darf ich Euch jetzt küssen? Oder schlagt Ihr mich wieder?”

Ich sparte mir vorerst eine verbale Antwort. Stattdessen nahm ich sein Gesicht sanft in beide Hände und näherte mich seinem Mund. Ich hauchte einen leichten Kuss auf seine Lippen, bevor ich neckisch mit meiner Zunge darüber fuhr. Das Glücksgefühl, das mich durchströmte, schenkte mir eine Kühnheit, von der ich nicht gedacht hatte, dass ich sie besaß.

Er wollte mich an sich ziehen, doch ich hielt ihn auf Abstand.

“Ihr dürft mehr, als mich nur zu küssen”, stellte ich schmunzelnd fest und ließ zu, dass er mich ein Stückchen näher ziehen konnte, hielt ihn jedoch von benanntem Kuss ab.

Er knurrte auf. Unbeeindruckt flirtete ich weiter. “Und ich hoffe, Ihr werdet von diesem Recht auch Gebrauch machen …” Ich warf ihm einen Blick zu, der ihn nach Luft schnappen ließ.

Endlich ließ ich seine Umarmung zu. Er riss mich so stark an sich, dass er seinen Griff mit einem schmerzerfüllten Zischen wieder lockern musste. “Ihr könnt von Glück reden, dass ich mich für das, was mir gerade im Kopf herumgeht, noch nicht ausreichend erholt fühle”, knurrte er rau und forderte den angekündigten Kuss ein.

Ich spürte, wie mir diese Vorstellung das Blut in die Wangen und noch ganz woanders hin trieb. Der verlangende Kuss, mit dem er meinen Mund eroberte, tat das Übrige, um mich aufstöhnen zu lassen. Er war ganz anders als der kurze, prüfende Kuss vor knapp drei Monaten. Wesentlich leidenschaftlicher. Tiefer. Und vor allem zärtlicher.

Altaїr ließ seine Hand meinen Rücken hinunter wandern und krallte sich leicht in meine Kehrseite. Damit zog er mich noch näher an sich und nun konnte ich auch die harte, unmissverständliche Reaktion seinerseits auf meine Flirterei spüren, die sich an meine Hüfte presste.

Ich glaube, wenn er nicht noch unter seinen Verletzungen gelitten hätte, wäre er tatsächlich schon in dieser Nacht über mich hergefallen. Ich hätte es ihm nicht verdenken können ... Wenn ich daran zurückdenke, muss ich unwillkürlich grinsen.

Auch meine Hände blieben nicht an Ort und Stelle. Endlich durfte ich ihn offen und ungestraft berühren. Ich musste mich nicht mehr vor ihm verstellen. Ich konnte ihn ansehen, ohne befürchten zu müssen, dass er mir meine Gefühle ansah. Jetzt durfte er es sehen!

Altaїr hatte mich gebeten sein Paradies zu sein. Ob er auch nur ansatzweise ahnte, dass er mir in eben diesem Augenblick mein Paradies schenkte? In diesem Augenblick hätte die ganze Welt in Flammen aufgehen können. Es hätte mich nicht gestört.

Als ich am nächsten Morgen erwachte und wieder nüchtern denken konnte, schlug ich erst einmal die Hände vors Gesicht. Wie hatte ich mich nur derart schamlos verhalten können? Es war zwar nicht so, als wäre ich allein daran schuld und es würde auch keiner erfahren, was des Nachts geschehen war, aber ich fragte mich, wie ich Altaїr jemals wieder geradewegs in die Augen sehen konnte.

Dieses Problem erledigte sich praktisch von selbst, als er mich auch in dieser Nacht auf dem Übungsplatz aufsuchte. Innerhalb weniger Augenblicke hatte ich die Schamgefühle beim Erwachen vergessen und genoss die Küsse und kleinen Zärtlichkeiten, die wir austauschten.

Damit begann die bisher glücklichste Zeit in meinem Leben. Ungeachtet aller Schwierigkeiten, die auf uns warteten ...

tbc ...