Nahkampf
Nahkampf
Die Zeit von Altaїrs Genesung war die Einzige, in der ich im Kampf eine Chance gegen ihn hatte. Und ich kann nicht leugnen, dass dies meinem Selbstbewusstsein mehr als gut tat. Altaїr schien es weniger recht. Es kratzte wohl an seinem Ego, dass er sogar mir im Kampf unterliegen konnte. Doch gleichzeitig gab er mir zu verstehen, dass er es mir übel nehmen würde, wenn ich aus Rücksicht auf ihn, weniger als mein Bestes geben würde.
Bei einer der ersten gemeinsamen Trainingsstunden nach seiner Rückkehr maßen wir uns im Faustkampf. Es war schon eine Herausforderung an sich, Altaїr wirklich zu treffen, selbst in seinem derzeitigen Zustand. Doch noch schwieriger war es für mich, gleichzeitig zu verhindern, dass ich eine seiner Verletzungen traf.
Er mochte noch so sehr darauf beharren, dass er "so gut wie gesund" war, doch ich wusste sehr wohl, dass dies noch eine ganze Weile dauern würde. Die gebrochenen Rippen waren nach Aussage des Hakim wieder verheilt, doch Altaїr reagierte dort noch sehr empfindlich auf Berührungen. Von Treffern im Nahkampf mal gar nicht zu reden...
Doch davon ließ er sich leider nicht überzeugen und so kam, was kommen musste. Ich traf ihn auf dem linken Rippenbogen. Keuchend und hustend ging Altaїr in die Knie. Sofort war ich bei ihm. “Altaїr?”
Er schüttelte abweisend den Kopf und stemmte sich wieder hoch. Ich holte Luft, um etwas zu sagen, doch urplötzlich hebelte er mich von den Füßen. Der Aufprall presste mir die Luft aus den Lungen und bevor ich wusste, was geschehen war, hielt mich Altaїr mit dem Fuß auf meiner Kehle in Schach.
Er war verärgert und übte genug Druck aus, dass ich Probleme hatte zu atmen. Grollend, wenngleich etwas kurzatmig, fragte er. “Warum habt Ihr die Gelegenheit nicht genutzt? Es war doch die perfekte Chance, mich zu Fall zu bringen.” Es war offensichtlich, dass er die Auswirkungen meines Schlages noch spürte, doch er schien es demonstrativ zu ignorieren.
Ich umklammerte seinen Knöchel, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, doch es war vergebens. Genauso gut hätte ich versuchen können, ganz Masyaf zu stemmen. Also gab ich mich geschlagen und versuchte zu antworten. Was nicht unbedingt einfach ist, wenn man kaum Luft kriegt. Das schien auch Altaїr zu merken, denn er reduzierte das Gewicht, das auf meiner Kehle lastete. Wenn auch nur so weit, dass ich ihm antworten konnte. “Ich fürchtete, Euch verletzt zu haben”, krächzte ich.
Er schnaubte abfällig. “Unwichtig. Und selbst wenn... Hier, auf diesem Platz, bin ich Euer Feind. Jegliches Mitleid wäre absolut unangebracht. In einem echten Kampf wärt Ihr jetzt tot!” Wie zur Bestätigung seiner Worte verlagerte er sein Gewicht wieder etwas.
Jetzt war ich wütend. Ich hatte schon die Faust geballt und wollte, in Ermangelung eines besseren Zieles, auf seinen Stiefel einprügeln, als Altaїr sich zurückzog und mir Gelegenheit gab aufzustehen. Noch während ich mich aufrappelte, ging ich auf ihn los.
Damit traf ich ihn völlig unvorbereitet. Innerhalb weniger Sekunden hatte ich ihn zu Boden geworfen und fest im Griff. Ich war kräftig genug, um ihn an den Handgelenken festhalten zu können. Den Rest erledigte ich mit meinem Gewicht, indem ich halb auf ihm kniete. Ich wusste, dass es nicht angenehm sein konnte, doch ich war so zornig, dass es mir eine gewisse Genugtuung bereitete, ihm weh zu tun. Selbst wenn er sich nicht die Blöße gab, es durch einen Laut zu äußern.
“Verdammt nochmal!”, fluchte ich ungehemmt. Hätte ich die Möglichkeit gehabt, hätte ich ihn sicher durchgeschüttelt. “Ihr wart schwer verletzt und seid noch immer nicht ganz auf der Höhe und da soll ich mir keine Sorgen machen, wenn Ihr zusammenbrecht?!? Verdammt, Altaїr, Ihr seid nicht unsterblich!”
Ungeachtet dessen, dass er zum Nichtstun verdammt war, schnauzte er zurück. “Und wenn ich plötzlich tot umfallen würde, Ihr konzentriert Euch gefälligst auf Euer Ziel! Wenn ich mich dem Training noch nicht gewachsen fühlen würde, wäre ich nicht hier. Und jetzt lasst mich los, sonst …” Er vollendete den Satz nicht. Entweder weil ihm die Worte fehlten oder er keine haltlosen Drohungen aussprechen wollte. Denn noch konnte er nichts gegen meinen Übergriff unternehmen.
“Sonst was...?” fragte ich kühl nach. Altaїr und seine verdammte Arroganz! In solchen Momenten wollte ich sie am Liebsten aus ihm heraus prügeln. Vielleicht sollte ich diese Gelegenheit dazu nutzen. So oft würde ich ihm sicher nicht überlegen sein.
Doch ohne seine Arroganz wäre er nicht der Altaїr, den ich zu lieben gelernt hatte. Gerade diese Arroganz war ein Teil von ihm, der mich ansprach und mich herausforderte. Gleichzeitig wusste ich auch, dass ich wohl der einzige Mensch sein würde, der jemals hinter diese zur Schau gestellte Arroganz blicken könnte. Als mir das bewusst wurde, verschwand mein Zorn so schnell, wie er aufgeflammt war. Ich verlagerte mein Gewicht ein wenig, so dass es nicht mehr völlig auf ihm lastete. Er wollte etwas erwidern, wahrscheinlich die angekündigte Drohung, doch ich kam ihm zuvor. “Altaїr…”, sprach ich ihn sanft an.
Dieser so plötzliche Wandel in meiner Stimme verblüffte ihn ausreichend, dass es ihm die Sprache verschlug. Ich löste eine Hand mit der ich ihn festhielt. Sacht legte ich sie auf die Stelle an der ich ihn getroffen hatte und wo ich unter dem Stoff den allmählich verblassenden Bluterguss seiner Verletzung wusste. Er packte mich blitzschnell am Handgelenk und seine Gesichtsmuskeln verspannten sich beinahe unmerklich. Wohl in Erwartung des Schmerzes, den er in den letzten Wochen zu gut kennen gelernt hatte. Doch meine Berührung war so leicht, dass er es kaum spüren konnte und war erst recht nicht darauf ausgelegt, ihm zu schaden. Als Altaїr das registrierte entspannte er sich wieder. Zumindest ein wenig. Meinen Arm hielt er noch immer fest umklammert. Teils noch zornig, teils skeptisch sah er zu mir hoch.
“Es ist mir gleich, ob Ihr den Widersacher persönlich spielt. Ihr seid es nicht. Schon gar nicht für mich”, stellte ich ruhig meine Sicht der Dinge dar. Vorsorglich sah ich mich kurz um, ob wir tatsächlich allein waren. Niemand war zu sehen, dennoch senkte ich meine Stimme ein Stück, bevor ich fortfuhr. “Falls Ihr es nicht bemerkt habt. Ich liebe Euch. Ich könnte Euch nicht schaden, selbst wenn mein Leben davon abhinge …
Ihr seid bei Weitem noch nicht so gesund, wie Ihr alle glauben lassen wollt. Die Anderen könnt Ihr vielleicht täuschen, aber mich nicht. Glaubt Ihr ernsthaft, ich würde nicht bemerken, wenn Ihr bei einer unbedachten Bewegung zusammenzuckt? Oder wie Ihr bestimmten Berührungen ausweicht, wenn wir zusammen sind?”
Er schluckte hart und sein Blick wurde undurchdringlich. Ich ließ ihm keine Zeit, etwas zu antworten. Noch war ich nicht fertig. In mir stieg langsam wieder Wut nach oben und ich war drauf und dran mich in Rage zu reden. Aber das war nicht, was ich beabsichtigte, also zügelte ich meinen Zorn und sprach ruhig weiter.
“Ich mag Euch normalerweise im Kampf unterlegen sein. Das wird sich wohl auch nie ändern, da mache ich mir keine Illusionen. Doch ich bin weder dumm noch leichtsinnig und kann meine Fähigkeiten sehr wohl einschätzen. Wenn wir so weitermachen wie bisher, werde ich Euch früher oder später verletzen. Und das werde ich nicht riskieren. Ihr werdet noch gebraucht …”
Ich konnte sehen, wie es in ihm arbeitete. Da mochte er seine Mimik noch so gut unter Kontrolle halten, manches konnte er vor mir nicht mehr verbergen. Es gab noch viel, was ich sagen wollte, doch dies war nicht die richtige Zeit dafür. Ich zog mich zurück und ließ ihn aufstehen.
Dieses Mal war ich auf einen möglichen Angriff vorbereitet, doch es war unnötig. Altaїr machte keine Anstalten, das Training nach seinem Geschmack einfach fortzusetzen. Er sah mich nur mir diesem ausdruckslosen Gesicht an, das er immer aufsetzte, wenn niemand sehen sollte, was er wirklich fühlte. Dann wandte er sich um und ging.
Ich hielt ihn nicht auf. Ich hatte ihm genug an den Kopf geworfen. Und es war das erste Mal gewesen, dass ich tatsächlich wortwörtlich gesagt habe, dass ich ihn liebte.
In dieser Nacht wartete ich vergeblich in der Höhle auf Altaїr. Eigentlich hatte ich gehofft, dass wir unsere Konversation weniger aggressiv fortsetzen könnten. Und selbst wenn nicht, hätten wir zumindest etwas Zeit miteinander verbringen können. Doch ich sah ihn erst am nächsten Abend auf dem Übungsplatz wieder. Und dieses Mal war er nicht allein.
Neben ihm stand einer der Novizen. Kein Kind mehr, sondern ein Jugendlicher von vielleicht sechzehn Jahren, aber noch immer ein Novize. Die Art wie er zu Altaїr aufsah, passte mir ganz und gar nicht. Sie erinnerte mich zu sehr daran, dass ich Altaїr vor nicht allzu langer Zeit ähnlich angesehen hatte. Außerdem empfand ich den Jungen eindeutig als Eindringling. Das Training mit Altaїr war etwas, das nur mir gehören sollte. Unsere gemeinsame Zeit war so schon begrenzt und ich war nicht bereit auch nur eine Sekunde davon herzugeben.
Im Endeffekt war ich zwar noch ein gutes Stück von Eifersucht entfernt, aber bereits näher dran, als mir lieb war. Dabei hatte ich geglaubt dieses Gefühl hinter mir gelassen zu haben. Doch es war nicht nur das. Wenn Altaїr schon allein die Entscheidung getroffen hatte, dass jemand anderes mit mir trainieren sollte, dann sollte es zumindest eine Herausforderung für mich sein und kein halbes Kind, das mir nicht gewachsen war. Entsprechend gereizt überwand ich die letzten Meter.
Ohne Umschweife stellte Altaїr klar, dass Saif vorerst mein Trainingspartner sein würde. Ganz wie ich vermutet hatte. Der Novize maß mich mit einem abschätzenden, beinahe abwertenden, Blick. Das genügte, um meine Gereiztheit in brodelnde Wut zu wandeln. Äußerlich versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen und bemühte mich um einen gleichgültigen Gesichtsausdruck. Ich bin sicher, Altaїr sah meinen Zorn dennoch. Er ließ sich davon aber nicht beeindrucken und begann mit dem Training.
Ich nahm mir im Zweikampf etwas Zeit, um meinen Gegner einzuschätzen und blockte nur. Dann übernahm ich die Initiative. In meinem Zorn hielt ich mich nicht zurück und schlug mit voller Kraft zu, obgleich ich wusste, dass Saif nicht weiter im Training sein konnte, als ich vor meinem Unfall. Er hatte kaum eine Chance gegen mich. Egal ob im Faustkampf oder den Übungswaffen, er musste eine Niederlage nach der Anderen einstecken. Lediglich im Wettlauf konnte er einen Sieg erringen.
Erst da wurde mir bewusst, wie stark ich durch Altaїrs Training geworden war. Als mein Zorn ein Stück verraucht war, tat es mir fast leid, dass ich einen Novizen, der eigentlich nichts dafür konnte, derartig niedergemacht hatte. Mein Trotz hinderte mich allerdings daran, mich dafür zu entschuldigen.
Kaum erklärte Altaїr das Training für beendet, wandte ich ihm den Rücken zu und ging. Ich nahm es auch nicht auf mich, wieder umsonst auf ihn zu warten. Auch wenn ich diese Unstimmigkeiten zwischen uns lieber sofort aus der Welt schaffen wollte, konnte und wollte ich nicht klein beigeben.
Er sollte mich fragen, bevor er einfach etwas entschied, was mich oder uns beide anging. Hätte er mich gefragt, hätte ich eindeutig klargestellt, dass ich unsere gemeinsame Zeit nicht mit jemand anderem teilen wollte. Ich hatte zuvor allein trainiert und würde es wieder tun, wenn er fort war. Doch solange er hier war, gehörte diese Zeit nur uns beiden.
In dieser Nacht wälzte ich mich schlaflos in meinem Bett hin und her. Die Situation nagte an meinen Nerven. Auch wenn ich ahnte, dass diese Hoffnung unsinnig war, wünschte ich mir, dass ich Altaїr am nächsten Tag wieder wie gewohnt gegenüber treten könnte.
Tatsächlich herrschte die nächsten Tage eine sehr frostige Stimmung zwischen uns beiden. Beinahe jeden Abend schleppte Altaїr einen anderen Novizen an. Das Einzige, was ich ihm zugute halten konnte, war dass meine Gegner jedes Mal weiter ausgebildet waren. Fast so, als wollte er austesten, wie weit ich im Standard war.
Offensichtlich hatte Saif berichtet, dass der Krüppel doch noch gelernt hatte zu kämpfen und auch meine anderen Gegner schienen kaum mit ihrer Meinung hinter dem Berg zu halten. Jeden Tag versammelten sich mehr der Novizen am Rande des Platzes, um zuzusehen. An Auswahl meiner Gegner würde es Altaїr kaum mangeln. Mehr als einmal hörte ich sie lachen, wenn mir ein Fehler unterlief.
Ich fühlte mich wie ein Tier in der Arena, das zur Belustigung des Pöbels um sein Leben kämpft. Vor allem, da ich irgendwann die Grenze meines Könnens erreicht hatte. Jeden Abend musste ich mehr einstecken, als ich in der Lage war auszuteilen. Und Altaїr machte keine Anstalten, diese Farce zu beenden. So konnte es nicht weitergehen.
Anders als die letzten Abende ging ich nicht, als Altaїr das Training für beendet erklärte. Ich stellte ihn zur Rede. Nur zu gern hätte ich die herumstehenden Novizen fortgeschickt, doch ich ahnte, dass ein derartiger Versuch lediglich zu deren Belustigung beigetragen hätte. Und das war ganz und gar nicht in meinem Sinn. Also ignorierte ich sie, als ich mich mit verschränkten Armen vor Altaїr postierte und festlegte. “Wir müssen reden …”
tbc ...