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Gespräche

Weißer Adler — www.fanfiktion.de · All chapters

Gespräche

Ausdruckslos sah Altaїr mich an und dieses Mal konnte ich nur raten, was in ihm vorging. Für einen Augenblick fürchtete ich sogar, er würde meine Forderung ignorieren. Damit wäre unsere Beziehung gescheitert. So sehr ich ihn liebte, dies hätte ich ihm nicht verzeihen können. Doch dann nickte er kurz. “Das müssen wir. In der Tat.”

Er sah zu den Novizen, die das alles natürlich mitbekommen hatten und nun gespannt warteten was passieren würde. Doch stattdessen wurden sie von Altaїr angeraunzt. “Was steht ihr hier noch herum? Verschwindet! Hier gibt es nichts mehr zu sehen!” Die Art, wie er dies sagte, ließ mich aufmerken. Waren ihm die Zuschauer ebenso lästig gewesen wie mir? Warum hatte er sie nicht früher fortgeschickt? Immerhin besaß er ausreichend Autorität dafür.

Sie gehorchten eiligst. Innerhalb kürzester Zeit waren wir endlich allein. Zum Glück! Ich hatte mir genau zurechtgelegt, was ich sagen wollte, weshalb es mir sehr gelegen kam, dass wir unter uns waren. Da musste ich mich wenigstens nicht für andere hinter vorgeschobenen Gründen verstecken, sondern konnte frei sagen, was mir nicht passte. Ich war fest entschlossen meinen Standpunkt klar zu machen. Es schien mir, als hätte ich den gesamten Zorn der letzten Tage gesammelt und wartete nur auf eine Gelegenheit ihn frei zu lassen.

Doch nicht nur ich hatte etwas zu sagen. Noch bevor ich den Mund aufmachen konnte, offenbarte Altaїr: “Ich muss wieder fort.”

Dieser eine Satz zog mir förmlich den Boden unter den Füßen weg. Sprachlos stand ich da und hatte meine Wut völlig vergessen.

“Al Mualim hat heute morgen nach mir geschickt. Ich habe noch zwei Tage, um mich vorzubereiten.” Völlig ruhig und gelassen sah Altaїr mich an. Ich hingegen war alles andere als ruhig. Das konnte doch nicht wahr sein! Gerade er musste sich doch der Gefahr bewusst sein, der er sich aussetzte, wenn er noch nicht ganz bereit war. Wie konnte er da so ruhig bleiben? Und wie könnte ich ausgerechnet jetzt meiner Wut freien Lauf lassen, wo dies doch unser letztes Gespräch sein könnte?

“NEIN!”

Altaїr zuckte mit keiner Wimper, als ich mir mit diesem Aufschrei Luft machte. “Ihr wisst, dass ich mich dem Befehl des Meisters beugen muss.”

Es fehlte nicht viel, dass ich wie ein Kind mit dem Fuß aufgestampft oder mit geballter Faust zugeschlagen hätte, doch es gelang mir beide Impulse zu unterdrücken. Wenigstens war mein, über die letzten Tage wohl gehegter, Zorn wieder da. Ich konnte diese Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen. Wenn ich mich jetzt davon beeindrucken ließ, dass Altaїr so bald wieder fort musste, dann würde ich es immer wie einen Stein mit mir herumtragen.

Ich machte mir keine Mühe mehr irgendetwas zu verbergen. Gerade heraus fuhr ich ihn an. “Auch wenn Euch das ganz und gar nicht passt, aber der Befehl von Al Mualim ist mir im Moment reichlichst egal! So leicht kommt Ihr mir nicht davon! Es reicht!

Wie gern Ihr es auch glauben wollt, aber hier geht es nicht nur um Euch. Auch ich habe ein Anrecht auf Entscheidungen und Ihr behandelt mich wie ein unmündiges Kind! Ist es Euch denn nie in den Sinn gekommen mal danach zu fragen, was ich will?

Der Unsinn der letzten Tage ist weit genug gegangen, Altaїr. Und wenn Ihr es nicht beendet, werde ich es tun. Ich habe genug davon, für ein paar gelangweilte Novizen den Narren zu spielen! Denn mehr bin ich für sie nicht. Nur eine Witzfigur!” Die letzten Worte hatte ich beinahe geschrien und dabei frustriert die Arme in die Luft geworfen.

Altaїr blieb ruhig. “Ein Assassine muss sich allen Situationen anpassen können.” Nun war er es, der die Arme verschränkte. Allerdings aus einem ganz anderen Grund als ich. Seine so demonstrativ zur Schau gestellte Arroganz machte mich halb wahnsinnig vor Zorn.

“Schön, ich habe mich angepasst!”, blaffte ich. “Aber jetzt reicht es! Ihr sagtet, vor gar nicht allzu langer Zeit, dass Ihr mich mit niemandem teilen wollt. Nun, mir geht es nicht anders. Auch ich habe nicht vor, Euch mit irgendjemandem zu teilen. Schon gar nicht in der kurzen Zeit, in der Ihr hier seid.”

Er hob eine Augenbraue. “Ihr seid eifersüchtig.” Es klang nur zum Teil wie eine Feststellung, der andere Teil war Genugtuung.

Einen Moment lang starrte ich ihn verdattert an. Dann drang mir ins Bewusstsein, wie recht er damit hatte. Ich wandte meinen Blick ab und verschränkte wieder die Arme vor der Brust. “Ihr gebt mir ja auch allen Grund dazu …”, schnappte ich.

Altaїr kam näher. “Ich wusste ja gar nicht, dass Ihr so eifersüchtig seid …” Ich schnaubte nur. Wenn er sich jetzt auch noch darüber lustig machen wollte, wäre meine Geduld am Ende und meine Selbstbeherrschung ebenso. Doch er beugte sich zu mir und flüsterte: “Ich kann Euch heute Nacht ja beweisen, dass es keinen Grund zur Eifersucht gibt …” Der entsprechende Unterton war nicht zu überhören.

Schockiert riss ich die Augen auf. Erst jetzt wurde mir plötzlich klar, wie es für einen zufälligen Beobachter aussehen musste, wenn wir so nah beieinander standen. Erschrocken stieß ich Altaїr von mir fort. “Seid Ihr des Wahnsinns?!?”, ächzte ich. “Was ist, wenn uns jemand so sieht?”

Er unterdrückte ein Lachen. Dasselbe Lachen färbte auch seine nächsten Worte. “Ich würde nicht zulassen, dass uns dabei jemand zusieht …”

“Altaїr!!!” keuchte ich, inzwischen fassungslos. Ich merkte, wie ich aufgrund seiner Worte rot wurde. Wie konnte er in dieser Situation, in diesem Augenblick, auch noch derartige Witze machen? Dass sein Humor manchmal gewisse Grenzen überschritt, war mir nicht gänzlich unbekannt, aber das ging mir in diesem Moment etwas zu weit.

Doch damit hatte er auch erreicht, dass ich keine Chance mehr hatte, meine anfängliche Wut wieder aufzubauen. Ich wusste auch nicht mehr was ich sagen sollte. Oder wollte. Er hatte mich völlig aus dem Konzept gebracht.

Mein logischer Verstand, oder zumindest das, was im Moment noch davon übrig war, sagte mir, dass ich noch zornig auf ihn sein sollte. Aber so wie Altaїr mich jetzt ansah, sprach er eine ganz andere Seite in mir an und der war es völlig egal, was Vernunft, Logik oder gar der Stolz mir diktierten.

Es war der gleiche Blick wie in der Nacht vor ein paar Wochen, als er, noch immer verletzt, zu mir auf den Übungsplatz kam und mir sagte, dass er mich begehrt. Eine Mischung aus Entschlossenheit und Verlangen. Und genau wie damals fiel es mir unglaublich schwer, dem zu widerstehen. Altaїr machte es mir noch ein wenig schwerer, als er sagte: “Wenn Ihr Euch für die nächsten zwei Tage bei Mustafa rar machen würdet, könnten wir diese Zeit gemeinsam verbringen. An einem Ort, an dem uns garantiert niemand stört.”

Das war eine sehr verlockende Aussicht. Wenn ich die Wahl zwischen stupider Arbeit und ungestörter Zweisamkeit mit Altaїr hatte, musste ich nicht lange überlegen, was ich vorzog. Doch es gab Wichtigeres als mein Vergnügen. “Ich denke, Ihr sollt Euch vorbereiten?”, warf ich ein.

Altaїr zuckte nur mit den Schultern. “Ich bin so bereit, wie nur irgend möglich. Wenn es sein müsste, könnte ich sofort losreiten. Aber …” Er grinste wieder. “... dann müsste ich zwei Tage auf mein Ziel warten. Und ich kann mir Besseres vorstellen, als herumzusitzen.”

Verdammt! Warum musste er mich nur ansehen, damit ich all meine Vorsätze vergaß? Trotzdem war ich noch nicht bereit, so einfach nachzugeben. “Unter einer Bedingung.”

Skeptisch zog er die Augenbrauen nach oben. “Die da wäre?”

“Keine Trainingsstunden wie die letzten Tage mehr. Wenn Ihr hier seid, will ich Euch für mich haben. Und in Zukunft fragt Ihr mich, bevor Ihr mich so zur Schau stellt.”

Er schenkte mir ein wundervolles Lächeln. “Ihr habt mein Wort. Treffen wir uns heute Nacht?”

Jetzt konnte auch ich mir ein Lächeln nicht mehr verkneifen.

Eine warme Hand, die zärtlich über meinen Bauch streichelt, holt mich allmählich aus dem Reich der Träume. Leise seufzend schlage ich die Augen auf. Ich habe gar nicht bemerkt, dass ich eingeschlafen bin. Um uns herum ist es noch dunkel, nur ein Schimmer von Licht reicht vom Höhleneingang zu uns. Draußen plätschert steter Regen auf die Felsen.

Ich sehe gerade genug, um Altaїr zu erkennen. Er hat den Kopf aufgestützt und zeichnet mit der anderen Hand wahllos Linien auf meinen Bauch. Anscheinend beobachtet er mich schon eine ganze Weile so. Aber er scheint mit den Gedanken ganz und gar nicht bei mir zu sein.

“Guten Morgen”, wünsche ich ihm lächelnd. Er erwidert den Gruß, doch sein Lächeln verschwindet zu schnell. Irgendetwas beschäftigt ihn. Das würde ich sogar sehen, wenn ich ihn nicht so gut kennen würde. Ich richte mich ein Stück auf und sehe ihm forschend ins Gesicht. “Was ist los?”

Ein fragendes “Mmmh?” ist die einzige Reaktion, die er zeigt, dann verfällt er wieder ins Grübeln. Wenn ich seine Aufmerksamkeit erlangen will, muss ich wohl deutlicher werden. Kurzentschlossen umfasse ich sein Gesicht und küsse ihn. Ein Hauch des Feuers der letzten Nacht schwingt noch mit. Bevor Altaїr reagieren kann, habe ich ihn zurück in die Kissen gedrückt und liege halb auf ihm. Sein Protest erstickt in meinem Kuss und ich gebe nicht eher Ruhe, bis er ihn letztendlich erwidert.

Ich richte mich wieder auf, die Arme auf seiner Brust abgestützt. Fragend sehe ich ihn an. “Seid Ihr jetzt wieder hier bei mir?”

Ein kurzes Lächeln fliegt über sein Gesicht. Er nickt. “Ich habe nachgedacht”, meint er.

Bevor er wieder ins Grübeln verfällt, frage ich nach. “Über was?”

Er überlegt kurz. “Habe ich Euch von den Männern erzählt, die ich zuletzt töten sollte?” Ich schüttle den Kopf. Altaїr hat bisher nur selten etwas von seinen Aufträgen erzählt. Warum weiß ich nicht, aber ich respektiere seine Entscheidung. Doch jetzt scheint es ihm wichtig zu sein, sein Wissen mit mir zu teilen.

“Der Erste war Tamir, ein kleiner Waffenschieber in Damaskus, der Zweite ein angeblicher Arzt der Franken in Akkon. Ich glaube, nur Allah weiß, was er wirklich war. Und dann ein Sklavenhändler in Jerusalem.” Grübelnd runzelt Altaїr die Stirn. “Wie dies weiterhelfen soll das Heilige Land zu befreien weiß ich nicht ... Nur mein letztes Ziel, ein reicher Adliger in Damaskus, macht etwas Sinn. Er hat Gelder veruntreut und damit auf der einen Seite sein eigenes Ego befriedigt. Auf der anderen Seite hat er Männer vergiftet, die Salah ad-Din mit Geldern unterstützt haben. Doch ich bezweifle, dass Al Mualim dies vorhergesehen hat. Es war zu unerwartet.”

Ich streiche mir durch den Bart und fange bereits an, ebenfalls zu grübeln. Er hat irgendwie recht. Wirklichen Sinn macht es nicht. Altaїrs Stimme unterbricht meine Gedankengänge. “Aber alle haben seltsame Dinge erzählt bevor sie starben. Tamir sprach von Brüdern. Davon, dass er nur ein kleiner Teil einer größeren Sache sei. Ebenso wie der Sklavenhändler in Jerusalem. Er meinte sogar, dass nicht nur der Meister Pläne für das heilige Land hat, sondern auch er und diese Bruderschaft. Dann dieser Arzt in Akkon. Er hat nur Andeutungen gemacht, doch auch er sprach von anderen. Abul Nuqoud sprach sogar von einer neuen Welt. Doch wie hängt dies alles zusammen? Von außen betrachtet, dürften diese Männer rein gar nichts miteinander zu tun haben.”

“Vielleicht haben sie dich belogen?”, werfe ich ein. Wobei dies mir selbst unrealistisch vorkommt. Wie sollte es möglich sein, dass vier derart unterschiedliche Männer im Tod ähnliche Dinge erzählen? Bei Zweien hätte ich es noch für Zufall gehalten, aber alle?

Genau das scheint auch Altaїr zu denken. “Unwahrscheinlich.” Er seufzt tief und bedeckt sein Gesicht mit den Händen. Seine Stimme klingt nur gedämpft darunter hervor. Sein Frust ist dennoch gut zu hören. “Ich komme mir vor, als stünde ich vor einem Rätsel und besitze nicht einmal die Hälfte der nötigen Hinweise.”

Wenn ich ihm nur helfen könnte, doch ich bin ebenso ahnungslos. Der Einzige, der mehr wissen könnte wäre Al Mualim. “Was sagt Al Mualim zu all dem?”, frage ich Altaїr, doch der schüttelt den Kopf.

Er nimmt die Hände wieder vom Gesicht und sieht mich deprimiert an. “Der Meister spricht genauso in Rätseln. Er meint, ich wüsste es, wenn ich nicht mehr danach fragen müsste.”

Ich verziehe das Gesicht. Mir fällt nichts mehr ein, mit dem ich Altaїr helfen könnte. Er seufzt noch einmal. “Mal sehen, was ich in Akkon herausfinden kann.”

“So weit weg …”, murmle ich vor mich hin. Dann frage ich deutlich: “Wann müsst Ihr wieder fort?”

Damit zaubere ich ein leichtes Lächeln auf Altaїrs Gesicht. “Erst morgen früh.” Das bedeutet zumindest einen Tag Ruhe. Und eine weitere Nacht, die wir gemeinsam verbringen können. Jetzt lächle ich ebenfalls. Hoffentlich ist Al Mualim bald so zufrieden mit Altaїr, dass er ihn nicht mehr Woche für Woche durch das ganze Land jagt.

Allmählich wird es draußen heller. Noch immer regnet es heftig und die Dämmerung ist nicht mehr fern. Schade eigentlich. Ich würde nur zu gern noch hier mit Altaїr liegen bleiben. “Es wird Zeit”, spricht er dumpf aus, was ich denke. Gemeinsam stehen wir auf, kleiden uns wieder an und verstauen die Decken.

Plötzlich umarmt mich Altaїr von hinten und drückt mich ganz nah an sich. “Sehen wir uns heute Abend wieder?”, flüstert er in mein Ohr.

Ich nicke. “Aber sicher.” Als ob ich darauf verzichten würde. Aber er fragt inzwischen immer nach. Selbst wenn er weiß, wie meine Antwort lautet.

Er küsst mich noch einmal und verlässt dann die Höhle. Mit einem Seufzen sehe ich ihm hinterher und wünschte mir, dass der Tag schon vorbei wäre. Dann mache ich mich ebenfalls auf den Rückweg.

Ich hatte Mustafa kein Wort davon gesagt, dass ich zur Mittagsstunde mit Altaїr fortreiten würde. Er hielt meinen Traum ein Assassine zu werden, für unsinnig und würde mich sicher nicht dabei unterstützen. Und ich hatte nicht vergessen, wie sehr er Altaїr verabscheute. Darauf, was ich in meiner freien Zeit tat, hatte er glücklicherweise keinen Einfluss, aber mir war klar, dass ich mich auf eine saftige Strafe gefasst machen konnte, wenn ich mitten am Tag einfach verschwand. Doch das war es mir wert.

Ich nutzte eine günstige Gelegenheit die Werkstatt unbemerkt zu verlassen und lief hinunter zum Tor. Altaїr wartete bereits mit zwei gesattelten Pferden und wir beeilten uns fortzureiten, bevor Mustafa mein Verschwinden bemerken würde.

Wir ritten mehrere Stunden über Schleichwege und Trampelpfade immer weiter ins Gebirge. Manchmal konnte ich nicht einmal einen Weg erkennen, doch Altaїr schien genau zu wissen, wo er hin wollte. Letztendlich tauchte vor uns die Ruine eines Aussichtsturmes auf.

Als ich abstieg, merkte ich, dass ich viel zu lange nicht mehr auf einem Pferd gesessen hatte. Ich hatte ganz weiche Knie und mein Allerwertester teilte mir eindeutig mit, dass er einen kürzeren Weg bevorzugt hätte. Auf einen heftigen Muskelkater am nächsten Tag konnte ich mich wohl auch schon gefasst machen.

Gemeinsam stiegen wir die Treppe im Inneren des Turmes nach oben. Es war mir ein Rätsel, wie die Treppe noch intakt geblieben war, während gut die Hälfte des restlichen Bauwerkes fehlte. Oben angekommen konnten wir weit über die Ebene blicken, die am Fuß des Berges begann. Dunkle Wolken hatten sich dort in der Ferne zusammengebraut und die Gewalt der Natur entlud sich in einem mächtigen Gewitter. Der Donner drang nur als leises Grollen an unsere Ohren. Es war unglaublich befreiend hier oben zu stehen. Kein Vergleich zu der kleinen, kalten Höhle. Allein die Aussicht war den weiten Weg und den sicheren Muskelkater wert.

Einträchtig wickelten wir uns in eine Decke und beobachteten das Naturschauspiel. Anfangs noch schweigend, dann sprachen wir die ersten Worte. Ein Satz ergab den Nächsten und schließlich redeten wir über so vieles, was wir nie ausgesprochen hatten. Wir redeten lange miteinander. So lange, wie noch nie zuvor.

Altaїr erzählte mir, dass ihm die letzten Tage in Masyaf zu lang geworden waren. Er brannte förmlich darauf, wieder den Nervenkitzel eines Auftrages zu fühlen und freute sich, dass er wieder eingesetzt wurde. Das erklärte auch den übermütigen Humor, den er gestern Abend gezeigt hatte. Ich erzählte ihm, wie eifersüchtig ich gewesen war, als ich noch zwischen den Vermutungen schwankte, dass er bei einer Frau oder verletzt war. Und wir liebten uns. Langsam, zärtlich, leidenschaftlich und wild. Diese Stunden gehörten uns allein und das kosteten wir in vollen Zügen aus.

Der nächste Morgen kam viel zu früh. Übernächtigt räumten wir unsere Sachen zusammen und verwischten sämtliche Spuren, die auf unsere Anwesenheit hindeuteten. Wie ich vermutet hatte, machte mir ein heftiger Muskelkater zu schaffen. Von ganz anderen Beschwerden gar nicht zu reden. Das nächste Mal wollte ich dafür sorgen, dass wir uns wieder an einem Ort trafen, den man ohne Pferd erreichen konnte. So schlecht war unsere kleine Höhle ja doch nicht. Aber ich quälte mich in den Sattel und gab mir Mühe, mir nichts anmerken zu lassen.

In gemütlichem Tempo ritten wir zurück. Ich vermute, Altaїr hat nur wegen mir einen so gemächlichen Schritt angeschlagen, aber sicher weiß ich es nicht. Ich habe ihn nie danach gefragt. Bald hatten wir die Straße nach Masyaf erreicht und allmählich machte ich mir Gedanken darüber, was sich Mustafa wohl für eine Strafe für mich ausgedacht hatte.

Doch dies sollte bald mein kleinstes Problem sein. Hinter einer Biegung hatten sich ein halbes Dutzend Männer am Straßenrand zur Rast niedergelassen. Bedrohlich leuchtete das rote Tatzenkreuz auf ihren weißen Wappenröcken. Templer! Sie redeten miteinander während sie aßen, doch ihre Gespräche erstarben sofort, als sie uns bemerkten.

“Bleibt ruhig und verhaltet Euch unauffällig”, zischte Altaїr mir zu, doch diese Anweisung war unnötig. Ich hatte nicht vor, irgendwie aufzufallen. So ruhig wie möglich lenkte ich mein Pferd weiter den Weg entlang. Ich vermied es, die Männer anzusehen und spielte den unbedarften Reisenden.

“Das sind Assassinen!”, rief plötzlich einer der Templer. Ich weiß bis heute nicht, was uns verraten hat, aber keine zwei Augenblicke später waren die Männer aufgesprungen und hatten uns mit gezückten Schwertern umzingelt. Die Pferde wurden unruhig und tänzelten seitwärts. Altaїr fluchte. Ich hatte alle Hände voll zu tun, mein Pferd unter Kontrolle zu halten. Trotzdem versuchte ich das Schwert zu ziehen, das getarnt am Sattel angebracht war. Gerade als ich es erreicht hatte, bäumte sich mein Pferd auf und ich verlor das Gleichgewicht.

Unaufhaltsam raste der Erdboden auf mich zu. Ob es Glück oder Geschick war, dass ich mir bei dem Sturz weder das Genick brach, noch das Schwert fallen ließ, weiß ich nicht, aber ich dankte Allah dafür. Während ich mich aufrappelte schickte ich noch ein Stoßgebet zu ihm, dass er uns helfen möge diese Situation unbeschadet zu überstehen, dann schlugen die Templer bereits auf mich ein. Es war mein Glück, dass sie vor dem durchgehenden Pferd zurückweichen mussten, sonst hätte ich nicht einmal die Gelegenheit gehabt aufzustehen. Doch wie sollte ich mich gegen eine solche Übermacht behaupten können?

Altaїr war außer Reichweite. Ich konnte erkennen, wie er einen der Templer erschlug, doch ich war außer Stande ihm gegen die Anderen zu Hilfe zu kommen. Genauso wie er mir nicht helfen konnte. Ich blockte die heftigen Schwerthiebe oder wich ihnen aus, doch ich selbst hatte keine Gelegenheit zum Schlag auszuholen.

Mit einem Trick gelang es mir die Deckung eines Mannes zu durchbrechen und zögerte keine Sekunde sein Leben mit einem gezielten Schlag zu beenden. Doch die anderen Beiden schien dies nur weiter anzustacheln. Mit kräftigen Schlägen trieben sie mich immer weiter zurück.

Ich stolperte. Ein wohlbekannter stechender Schmerz raste durch mein linkes Knie, als ich versuchte mein Gleichgewicht wiederzufinden. Nein! Nicht ausgerechnet jetzt! Doch ein weiterer Sturz war unvermeidlich.

Ich landete auf dem Rücken. Der eine Templer trat mir die Waffe aus der Hand. Nun standen sie mit Hass in den bärtigen Gesichtern über mir und die Spitzen ihrer Schwerter zielten auf meine ungeschützte Kehle.

tbc ...